Langzeitdoku Kalle Kosmonaut: Harte Jugend in Hellersdorf

Film Die Langzeitdokumentation „Kalle Kosmonaut“ begleitet einen Berliner Jungen in Hellersdorf durch die Jahre einer schwierigen Kindheit und Jugend
Ausgabe 04/2023
Der Film zeigt, wie wenig die Konflikte deklassierter junger Männer mit ihrem Migrationsstatus zu tun haben
Der Film zeigt, wie wenig die Konflikte deklassierter junger Männer mit ihrem Migrationsstatus zu tun haben

Credit: Guenther Kurth/mindjazz pictures

Auf seinem roten Sweatshirt steht in Schwarz irgendwas mit „Fuck“, der junge Mann sagt: „Ich habe Angst, wie es mit mir weitergeht.“ Leise Rückfrage aus dem Off: „Wie stellst du es dir vor?“ „Nicht gut.“ Ein tiefer Zug an der Kippe. Pascal steht auf einer sommerlich-blühenden Wiese vor einem mit Sonnenblumen bemalten Plattenbau in Hellersdorf im Osten Berlins. Der 16-Jährige erzählt, wie er vor Kurzem einen Mann aus nichtigem Grund mit einem Messer angegriffen hat, als er sich mit Kumpels an der Haltestelle traf. Er sei unter Drogeneinfluss gewesen und bereue seine Tat, sagt er. Später wird er zu zwei Jahren und sieben Monaten Jugendstrafe verurteilt und kommt mit über 15.000 Euro Schulden aus dem Gefängnis heraus.

Die FilmemacherInnen Tine Kugler und Günther Kurth hatten den Kalle Kosmonaut genannten Jungen (Kosmonaut nach der den Bezirk prägenden Allee der Kosmonauten) 2011 beim Dreh für die 37°-Dokumentation Pascal – allein zu Hause kennengelernt. Weil ihnen seine überlegte Art bei der Filmarbeit imponierte, entschied man gemeinsam, länger miteinander zu drehen. Zehn Jahre später – Pascal war 20 – entstand aus dem gesammelten Material dieser Film, der bei der Uraufführung auf der vergangenen Berlinale von manchen als dokumentarische Version von Richard Linklaters Boyhood gefeiert wurde.

Das stimmt in Bezug auf das Langzeit-Konzept, das sich dort wie hier den Überraschungen echten Lebens stellt. Doch im Gegensatz zum trotz narrativer Auslassungen weich ausstaffierten Plot des Spielfilms ist die dokumentarische Arbeit notgedrungen elliptisch, schon weil die FilmemacherInnen sich nur sporadisch mit der Kamera in das Leben ihres Helden schalten können. Das ist auch ein Reiz dieses zwischen den einzelnen Episoden viele Fragen offen lassenden Films – eine verbindende Interpretation versuchen die starken Animationen des iranisch-deutschen Künstlers Alireza Darvish, die Kalles Seelenleben beleuchten.

Der ist von klein auf viel auf sich allein gestellt, weil die Mutter im Baumarkt in Schicht arbeitet und ihn nur mit autoritativ-liebevollen Zettelanweisungen durch den Tag steuern kann. Mittags erklärt Kalle bei der Speisenausgabe eines kirchlichen Kinder-Hilfsvereins „Ich möchte bitte sehr viel“. Dort spielt er auch Fußball. Mit 13 trägt Kalle ein schwarzes Basecap und spricht von sich als „Kerl“, der anders sei und etwas erreichen wolle im Leben.

Auf dem Spielplatz mit Freunden werden Hip-Hop-Schritte und erste Knutschereien geübt. Nach ersten Delikten machen sich PolizistInnen vom örtlichen Revier im Dienstwagen Gedanken über den eigentlich „guten Jungen“. Weitere (allesamt wohlmeinende) AkteurInnen sind der neue Freund der Mutter. Eine Oma, die den Alkohol überwand. Und Opa, der während der Wende den Job als Schlosser, die regelmäßigen Urlaube (seit der neuen „Freiheit“ habe er Berlin nicht mehr verlassen, erzählt er) und die Perspektive verlor. Und dann ist da das permanent massiv in der Luft liegende Nikotin, das bei sonstiger Abstinenz den Stoffwechsel aller Beteiligten zu befeuern scheint.

Eingebetteter Medieninhalt

Dass Schule in keiner Sekunde vorkommt, macht den Vorstadtkosmos von Kalle Kosmonaut auch zum Gegenentwurf zu Herr Lehmann und seine Klasse. Doch beide dokumentarischen Modelle können gut miteinander koexistieren. Im Kontext aktueller Debatten jedenfalls zeigt der anteilnehmende, aber nicht wertende Film auch, wie wenig die Konflikte deklassierter junger Männer mit ihrem Migrationsstatus zu tun haben. Unangenehm süßlich schmeckt nur die als Koda angehängte Reihe musikunterlegter Szenen von Kalle mit kleinem Sohn, die den Eindruck nahelegen, hier sollte am Ende eines erfreulich realistischen Films das Vatersein als Problemlösung suggeriert werden.

Kalle Kosmonaut Tine Kugler, Günther Kurth Deutschland 2022, 99 Min.

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