BAAL

Premierenkritik Ersan Mondtag scheitert am Berliner Ensemble trotz starker Hauptdarstellerin bei dem Versuch Brechts wüsten Erstling gegen den Gender-Strich zu bürsten
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Dem Stück fehle Weisheit, urteilte Bertolt Brecht 1954 über den von ihm 1918 begonnenen Baal, und er warnte auch davor. Das ist durchaus etwas kokett vom altersweisen Dichter, rückschauend auf seinen dramatischen Erstling. Zumindest ließ ihn der Stoff bis kurz vor seinem Tod nicht mehr los. Vier Fassungen gibt es von der Lebens- und Sterbensgeschichte des unersättlichen Dichterkloßes Baal, der Frauen benutzt und wegwirft, gegen die bürgerliche Gesellschaft aufbegehrt und nach heutigen Maßstäben wohl unter die Rubrik misogyner Macho fallen dürfte. Es ist mittlerweile zum Theatersport geworden, Texte klassischer Dramen auf derlei Potenzial hin abzuklopfen und dagegen anzuschreiben bzw. zu inszenieren. Politisch korrekt ist dieser Baal keineswegs, eine expressive Kunstfigur, in der sich Brecht selbst gesehen haben mag, aber auch ein Zerrspiegel der bürgerlichen Gesellschaft jener Zeit, „ein asozialer Mensch in einer asozialen Gesellschaft“. Auch das wäre immer noch aktuell.

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„Das Vieh, der fette Kloß, das Untier“ und seine Rolle in der Gesellschaft. All das ist auch im Programmheft der Inszenierung von Ersan Mondtag für das Berliner Ensemble zu lesen. Wie um sich dessen zu versichern. Nur genau wogegen eigentlich? Jener Baal ist eigentlich ein Mensch und Künstler ohne jede Absicherung. Das zumindest dachte man bisher auch von Ersan Mondtag. Ex-Volksbühnenintendant Frank Castorf (mittlerweile auch Regisseur am BE) hatte seinen Baal ohne Absicherung bei den Erben als Ausgeburt der kolonialistischen westlichen Welt in den Vietnamkrieg gestellt und ihn mit dem Film Apokalypse Now, der Adaption des Joseph-Conrad-Romans Im Herz der Finsternis von Francis Ford Coppola kurzgeschlossen. Zuwenig Brecht, zu viel Fremdtext, urteilten Brecht-Erben und Suhrkamp Verlag. Die Inszenierung durfte nicht weiter gezeigt werden.

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Gleiches wird Ersan Mondtag sicher nicht passieren. Im Gegenteil, so viel originaler Brechttext war lange nicht. Mondtag mixt sich Baal aus allen vier Fassungen zusammen. Zu welchem Zweck, ist nicht ganz klar. Auffallen dürfte das kaum jemandem, der die Texte nicht genauestens kennt. Der viele Text ist hier aber auch der frühe Tod dieser doch eher am expressionistischen Bild interessierten Inszenierung. Regisseur Mondtag hat ein vierteiliges Drehbühnenbild entworfen, das eine Stadt mit hohen schmalen Häusern, Laternen und Mond, eine mit „BAAR“ betitelte Kneipe, die auch als Salon und Varieté-Theater dient, einen stilisierten Wald mit Säulenhütte und „Gottesauge“ sowie eine überdimensionale Zwitter-Gliederpuppe mit Teufelshörnchen zeigt.

Auf der Bühnenrampe liegt ein Zebra. Eine aktuelle Berliner Werbekampagne verspricht: „Besser gestreift statt kleinkariert.“ Kleinkariert, gestreift oder in Fat-Suits gezwängt ist auch das übrige Brechtpersonal. Karikaturen der bürgerlichen Welt, die sich dem Skandal-Künstler zwischen Ekel und Faszination an den Hals wirft, oder ihn kaufen will. Nur Baal, dessen Mutter, Freund Eckart und Jünger Johannes sind ungeschminkt, aber dafür cross-gender besetzt. Hauptdarstellerin Stefanie Reinsperger als Frauen verbrauchender und Schnaps vertilgender Wüterich dominiert den Abend nach Belieben. Judith Engel greint als Mutter und bleibt auch als Johannes, der dem Künstler ergeben seine Freundin Johanna zuführt, recht blass. Kate Strong ist als Eckart geradezu unterbeschäftigt. Dass hier auch missbrauchte Frauen von jungen Schauspielern gegeben werden, während der Wüstling selbst von einer Frau dargestellt wird, bringt aber nicht zwingend einen Mehrwert.

Zu Beginn wird die Reinsperger in einer Art Kinder-Ringelspiel zum Choral vom großen Baal in die Mitte eines Kreises des in geschlechtsneutralen Nacktkörperanzügen steckenden Ensembles geworfen. Das ließe sich verschiedentlich interpretieren. Zum Klang einer Spieluhr ausgezählt oder angeklagt. Später tritt dem Satan Baal die geistliche Ordenswelt zum Choral Nun ruhen die Wälder von Paul Gerhardt entgegen. Mondtag lässt den Baal auch mehr als düstere Moritat mit Gesangseinlagen der von Eva Jantschitsch vertonten Brecht-Gedichte des Stücks spielen. Reinsperger motzt wienerisch und gibt das trotzige große Kind, das auch mal weinend in den Mutterschoß zurück will. Ansonsten wird viel Brecht-Text gestemmt. Der klassische Theaterabend ist aber bekannter Maßen die Sache von Ersan Mondtag nicht. Und so wirken hier auch visueller Gestaltungswillen und Deklamation wie aus dem vergangenen Peymann‘schen Theatermuseum. Mondtags Eklektizismus und der Pathos des frühen Brechts gehen dabei eine unheilvolle Allianz ein.

Kurz vor der Pause äfft das nach der Varieté-Szene zunächst stumm verharrende Ensemble das Hüsteln und Kichern des Publikums nach. Auch Stefanie Reinsperger geht gelegentlich kurz in die Interaktion mit dem Publikum. Alles nur Theaterzauber, will das heißen. Sie reißt der Puppe das Genital aus und dreht es durch den Fleischwolf. Kunstwillen und Knetmasse. Das Ergebnis kommt aber kaum in eine Form. Nach der Pause kreiselt das Bühnenbild zum sich im Todeswahn verlierenden Baal. Längst verloren hat da auch die Inszenierung. Nach zähen drei Stunden ein klarer Punktsieg für den toten Dichter im Heimspiel am BE.

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Zuerst erschienen am 08.09.2019 auf Kultura-Extra.

BAAL
von Bertolt Brecht
Regie/Bühne/Kostüme: Ersan Mondtag
Musik: Eva Jantschitsch
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Kostümassistentin und Kostümmalerin: Annika Lu Hermann
Besetzung:
Kate Strong als Eckart
Anna Mattes als Emilie Mech, Der Klavierspieler
Stefanie Reinsperger als Baal
Judith Engel als Johannes, Mutter
Veit Schubert als Mech, Hauswirtin, Gendarm 1
C. P. Zichner als Pschierer, Lupu, Watzmann
Peter Luppa als Dr. Piller, Doktor
Owen Peter Read als Kellnerin Luise, Der Geistliche
Emma Lotta Wegner als Johanna
Torben Appel als Amtsbote, Die jüngere Schwester, Gendarm 2
Yanina Cerón als Kellnerin Marie, Sophie
Jonas Grundner-Culemann als Die ältere Schwester, Ein junges Weib, Soubrette
Johannes Meier als John, Claude
Die Premiere war am 06.09.2019 im Berliner Ensemble, Großes Haus
Termine: 20., 21.09. / 12., 13.10.2019

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

14:10 08.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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