Glaube und Heimat

Premierenkritik Michael Thalheimer inszeniert am Berliner Ensemble Schönherrs melodramatisches Schollendrama mit Hang zu emotionalem Pathosfuror
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Glaube und Heimat von Karl Schönherr (1867-1943) heißt im Untertitel Die Tragödie eines Volkes. Volk, Heimat, Glaube sind nicht unbedingt die Schlagworte der Zeit, obwohl von völkisch Identitären und der AfD immer wieder gern im Munde geführt. Aber auch links schlägt das Herz für Schönherrs 1910 geschriebene, dann von den Nazis missbrauchte und fürderhin verschriene „Schollendichtung“. So plädierte jüngst der Dramaturg und publizistische Kopf von Sarah Wagenknechts „Aufstehen“-Bewegung Bernd Stegemann in einer FAZ-Reihe Vergessener Stücke für die Melodramatik bei Schönherr und das Mitleiden im Theater als vergessene bürgerliche Tugend.

Da wundert man sich schon. Aber immerhin führt Stegemann in seiner Empfehlung neben Lessing auch Brecht ins Feld. Anteilnahme am Leiden anderer wie der von den österreichischen Katholiken aus Tirol vertriebenen protestantischen Bauernfamilie Rott ja, aber bitte dialektisch. „In einer falschen Welt ist die Träne im Theater kein Ausweis des Seelenadels, sondern die zweifelhafte Sublimation, um die Härte des Alltags besser bewältigen zu können. An die Stelle der Rührung tritt darum spätestens im zwanzigsten Jahrhundert das ungläubige Staunen und die Frage, wessen Interessen hier eigentlich verhandelt werden. Das Drama nimmt damit eine Entwicklung von einer Wirkungsdramaturgie zu einer analytischen und dann dialektischen Dramaturgie.“ Da hat der Marxist den liberal gesinnten Bildungsbürger am Schlafittchen. Der Mitfühler soll nach Brecht und Stegemann zum Mitdenker werden. Und warum nicht mit einem ollen Volksstück über Vertreibung aus religiösen Gründen.

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Wir sind an Brechts alter Wirkungsstätte, dem Berliner Ensemble. Also beste Voraussetzungen, möchte man meinen. Der Regisseur heißt Michael Thalheimer, ein Garant für machtvolle Überwältigungsdramaturgie, bei der es zumeist blutig brüllt und düster wummert. Bert Wredes Sound gibt auch hier den Ton an. Er tat es schon, als 2001 Martin Kušej am Wiener Burgtheater Schönherrs Stück wieder ausgrub, in den Dauerregenmatsch stellte und damit prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Am BE nun ist es fast erwartungsgemäß ebenfalls recht düster. Ein quaderförmiger, mit Metallplatten verkleideter Monolith ragt in den Bühnenhimmel. Davor spielen sich die nur sparsam durch seitliches Schlaglicht beleuchteten Szenen von Schönherrs Dreiakter ab. Der Autor hat den letzten erzwungenen Walkout der Tiroler Protestanten von 1837, der ihm Inspiration für das Stück war, in die Zeit der Gegenreformation gegen Ende des 17. Jahrhunderts verlegt. Das kommt noch wesentlich archaischer daher und hat mit den Verdikten des erzkatholischen Kaisers Ferdinand II. zur Austreibung der ketzerischen Falschgläubigen wesentlich mehr dramatisches Potential. Ein finsteres Stück aus abgelegenen Zillertaler Bergschluchten. Genauso wird es von Thalheimer auch inszeniert.

Schon das Eingangsbild gibt die Richtung vor. Der wassersüchtige Alt-Rott, hier eindrucksvoll dargestellt von Josefin Platt, steht die Hände erhoben wie Jesus am Kreuz, wenn ihm der Bader unter Schmerzenslauten (Veit Schubert) in die Seite sticht. Der nächste verzweifelte Schmerzensmann ist Rott-Sohn Peter (Jonathan Kempf), der wegen seines protestantischen Glaubens bereits aus dem Land gejagt, nun dem Wahnsinn nahe wieder im Vaterhaus unterkriechen will. Doch Vater und Bruder Christoph (Andreas Döhler), die ihren Glauben bisher verheimlicht haben, halten sich weiterhin bedeckt. Und auch die katholische Rottin (Stefanie Reinsperger), Christophs Frau, wettert über die offen protestantischen Nachbarn Sandperger (Martin Rentzsch) und Unteregger (Gerrit Jansen).

Erst als Sandpergers Frau (Kathrin Wehlisch) vom sadistischen Reiter des Kaisers (Ingo Hülsmann), der fanatisch alle Ketzer verfolgt, erstochen wird, weil sie ihre Bibel nicht hergeben will, bekennt sich Rott empört zu seinem Glauben. Eine Frage des Gewissens, das ihm nun schlägt und das er vor Heimat und Besitzt stellt. Andreas Döhler windet sich immer wieder verzweifelt in den durch Bert Wredes brachialen Elektosound untermalten Zwischenbildern, in denen sich Bühne und Quader unablässich drehen. Thalheimer lässt sein Ensemble mal expressiv körperlich agieren, mal stoisch den Text brüllen. Ein ans Tirolerische angelegter Kunstdialekt. Gerhart Hauptmann hat ähnlich in seinen Webern verfahren. Da ist Schönherr Hauptmann auch sehr nahe. Dessen schlesisches Stück hat Thalheimer bereits am Deutschen Theater aufgeführt und allen Naturalismus ausgetrieben.

So auch hier. Was bleibt, ist ein gewaltiges Pathosfuror, das seine Wirkung durchaus nicht verfehlt. Besonders im Spatz, dem minderjährigen Sohn des Rott, dem Laura Balzer glaubhaft Unbeugsamkeit und Drang zur Freiheit verleiht. Was Empathie und Dialektik betrifft, entscheidet sich Thalheimer klar für Mitgefühl. Etwas, was dem die Höfe der vertriebenen Protestanten für seine eigenen Kinder sammelnden Englbauer (Tilo Nest) fehlt - wie im Dritten Reich den Deutschen, die jüdisches Eigentum in Besitz nahmen. Mit etwas Fähigkeit zum Abstrahieren lässt sich auch ohne expliziten Verweis mühelos die gedankliche Brücke bis in die Gegenwart schlagen. Und auch Lessing wirkt hier noch ein, wenn im Schlussbild Rott angesichts des eigenen Leids dem Feind die Hand zur Versöhnung reicht. Man kann das platt finden, oder nicht und Nächstenliebe, oder einfach nur Humanismus nennen.

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Zuerst erscheinen am 08.12.2019 auf Kultura-Extra.

Glaube und Heimat (Berliner Ensemble, 05.12.2019)
von Karl Schönherr
Regie: Michael Thalheimer
Bühne/Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Besetzung:
Andreas Döhler als Christoph Rott
Stefanie Reinsperger als Rottin, seine Frau
Josefin Platt als Alt-Rott, sein Vater
Laura Balzer als Der Spatz, sein Sohn
Jonathan Kempf als Peter Rott, sein Bruder
Martin Rentzsch als Sandperger zu Leithen
Kathrin Wehlisch als Sandpergerin
Tilo Nest als Englbauer von der Au
Barbara Schnitzler als Die Mutter der Rottin
Gerrit Jansen als Unteregger, Schwager der Rottin
Ingo Hülsmann als Ein Reiter des Kaisers
Veit Schubert als Bader, Schreiber
Die Premiere war am 05.12.2019 im Berliner Ensemble
Termine: 13., 20.12. // 18., 24., 31.01.2020

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

15:07 08.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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