Pop-Kultur 2015

Pop-Kultur Konzerte, Performances, Diskussionen und Lesungen - Das neue Festival im Berliner Berghain gibt sich interdisziplinär
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Ob nun Popkomm oder Music Week, Berlin hat einiges versucht, um das angeschlagene Image der deutschen Musikbranche aufzupolieren. 2014 war endgültig Schluss damit. Nun hat sich unter dem Schirm des senatseigenen Musicboard Berlin ein neues Festival gegründet, das sich weit weg von den großen Major-Labels und Branchenkonzernen wieder ganz auf den eigentlichen Künstler fokussieren will. Weniger Messe und Branchentreff, sondern mehr Ausblick auf die innovative, vielfältige deutsche Kunstproduktion, aufgepeppt mit Acts rund um die internationale Musikszene. „It began in Berlin!“ haben sich die Macher der Pop-Kultur selbstbewusst als Motto auf die Fahne geschrieben. Und passend dazu auch den richtigen Veranstaltungsort gefunden. Der Techno-Club Berghain, einst Quelle der alternativen Musik-Szene Berlins, gehört allerdings mittlerweile selbst zur globalen Pop-Kultur und ist in jedem Berlin-Reiseführer zu finden. Nun kommen nicht nur die nächtlichen Partygänger und Technojünger auf ihre Kosten. Fast ohne Schlange stehen und den strengen Blick des legendären Türstehers Sven Marquardt hat endlich auch ein breiteres Publikum Zugang zum Berliner Szene-Tempel Nummer 1.

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2015/08/Pop-Kultur-Berghain2.jpgPop-Kultur 2015 im Berghain - Foto (c) St. Bock



Zudem gibt sich das neue Pop-Kultur-Festival auch noch ganz interdisziplinär. So gab es neben den Konzerten auch Performances, Diskussionen und Lesungen. Am Mittwochabend startete das Festival dann auch mit einem ganz bunten Hund der deutschen Musikszene. Andreas Dorau, das Multitalent der 1980er und 90er Jahre präsentierte seine im Mai erschienenen Memoiren unter dem Titel Immer Ärger mit der Unsterblichkeit. Unsterblich ist mit Sicherheit sein, wenn auch einziger, großer Hit Fred vom Jupiter, dessen Entstehungsgeschichte Dorau das Anfangskapitel seines Buches widmet. Beim Schreiben unterstützt hat ihn Musikerkollege und Romanautor Sven Regener, der auf dem Podium der Schlackehalle im Berghain den Lesepart übernahm.

Andreas Dorau versicherte, etwas zu tun, was er wesentlich besser könne. Der Komponist, Videofilmer, ein anerkanntes Genie unter den genialen Dilettanten, bediente über sein Laptop einen Videobeamer, mit dem er Fotos sowie Ausschnitte aus selbstgedrehten Musikvideos, Studentenfilmen und sogar einer kleinen Video-Oper zwischen Brecht-Eisler, Dada und Bauhaus an die Leinwand hinter sich warf. Beide Künstler erwiesen sich ganz als nordische Jungs. Regener als launig performender Vorleser und Dorau in verschmitzt-ironischer Zurückhaltung. Fröhliches Understatement als Markenzeichen. Das kann man auch den fast durchweg als witzige Anekdoten daherkommenden Kapiteln aus Doraus Künstlerleben entnehmen. Es schwingt in ihnen natürlich auch immer ein wenig der Größenwahn eines Künstlers mit. Aber auch die Lust am Tüfteln, der Spaß am Machen. Mit Beharrlichkeit ging Dorau seinen Weg, der ihn auf die Spitze der Neuen Deutschen Welle spülte und auch wieder in die Niederungen der elektronischen Independent-Popszene.

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Sven Regener und Andreas Dorau - Foto (c) Charlotte Goltermann

Und so ist das Buch letztendlich auch schöner Rückblick auf die Welt der bundesdeutschen Popmusik bis zu ironischen Seitenhieben auf das heutige Business. Andreas Dorau brachte es zumindest noch in Frankreich mit Girls in Love zu einem Top-10-Hit. Eine Kostprobe war zur Erheiterung des Publikums in einem Ausschnitt aus einer französischen TV-Show zu sehen. Recht uneitel gab sich Andreas Dorau hier in der Lesung mit Sven Regener. Und selbst wenn dem Buch kein Erfolg beschieden sein sollte, dann könnte zumindest die Lese-Tour zum Kult werden, oder zumindest eine Plattenpressung davon (mit eingelegter DVD) - ein Metier in dem sich Musiker Dorau auch bestens auskennt.

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Während ein paar weibliche Teenager draußen noch verzweifelt nach Karten für den Auftritt von Schnipo Schranke suchten (das Konzert der angesagten Hamburger Newcomerinnen war als erstes ausverkauft), begann der zweite Pop-Kultur-Festivaltag in der Garderobe im Berghain mit einer interessanten Talkrunde. Maler Norbert Bisky und Tom Fritz, Leiter der Forschungsgruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig unterhielten sich angeregt über die euphorisierende Wirkung von Musik. Es ist bekannt, dass Norbert Bisky sich beim Malen durch Musik inspirieren lässt, wobei er, wie er meinte, den Prozess ein Bewegen mit den Farben auf der Leinwand nennt. Der Rhythmus der Musik übersetzt sich dabei in Farben und Formen. So hat Bisky, der z.B. Crossoversachen mit Tanz ganz toll findet, bereits eine Bühneninstallation für ein Ballett in der Halle am Berghain geschaffen. Und eine Art Tanzteppich aus vergessen Hosen von Partygängern in die Halle am Berghain gehängt.

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Norbert Bisky beim Pop-Kultur-Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki



Die wissenschaftliche Note brachte aber Dr. Fritz in die Talkrunde. Er hat Fitnessgeräte mit einer eingebauten Musiksoftware entwickelt, bei denen die euphorisierende Wirkung von Musik und Bewegung aufs Gehirn genutzt wird. Er nennt die Methode, bei der bestimmte Regionen im Hirn stimuliert werden, „Jymming“. Er hat sich dafür durch Beobachtungen bei Schimpansen inspirieren lassen. Die Funktionsweise wurde dann auch sofort von den Anwesenden auf einer Art Stepper und zwei weiteren Mucki-Geräten ausprobiert. Man kann sich schon bildlich die fitness- und lifestylbegeisterte Gesellschaft beim Trainieren und Technokomponieren vorstellen. Ob das die Pop-Kultur-Zukunft ist, wird sich zeigen. Natürlich können die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch bei der Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer helfen.

Wie diese Parallelen zwischen den Disziplinen auch ohne die demonstrierten Fitnessgeräte funktionieren, zeigte sich dann bei den folgenden Konzerten des Abends. So geschehen in der Halle am Berghain, wo bereits am Vortag die Musikbord-Stipendiaten Pantha Du Prince mit Parabolspiegeln am Kopf an drei Turntables stehend eine Kostprobe ihres melodiösen Neo-Romantik-Techno gaben und - genau wie Elektro-Dance-Pionier Matthew Herbert am Donnerstag - die Massen euphorisierten. Die Halle strahlt Power aus, bestätigte auch Soul- und Hip-Hop-Legende Neneh Cherry bei ihrem kraftvollen Auftritt im Anschluss. Neben aktuellen Songs gab sie auch einige ihrer Klassiker wie Woman oder Manchild im neu arrangierten Gewand zum Besten. Die Sängerin, die 1988 ihren ersten großen Hit mit Buffalo Stance landete, bewies trotzt dem etwas zu fettem Technobeat ihrer Begleitband RocketNumberNine, dass ihre Stimme auch eine 17 Meter hohe Industrie-Halle immer noch problemlos füllen kann. Letztmalig 2014 zur Ausstellung 10 Jahre Berghain geöffnet, könnte sich das imposante Anhängsel des originären Clubs durchaus zu einem ernstzunehmenden Veranstaltungsort mausern.

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Neneh Cherry - Foto (c) Pop-Kultur


Aber auch die anderen Locations des Pop-Kultur-Festivals waren gut besucht. Pop-Musik erklang auf allen Dancefloors des Veranstaltungsgeländes. Die Gitarrenfraktion hatte man allerdings in die verschwitzte Kantine am Berghain verbannt. Dort roch es dann auch mächtig nach Teen Spirit und anderen Substanzen. Nach den extrem krachigen Gitarren einer irischen Jungs-Band, die sich allerdings Girl Band​ nennt, und deren Sänger gut als Kurt-Cobain-Double durchgehen könnte, zeigten die drei Damen (plus einem Herrn am Schlagzeug) der spanischen Band Mourn, wo eigentlich die Gitarren hängen und das harte Rockmusik schon lange keine Männerdomäne mehr ist. Dass der melodiöse, deutschsprachige Art-Rock nicht tot ist, bewies die Post-Punk-Band Messer, die als Headliner der Gitarren-Session in der Kantine auftrat. Ihr herrlich psychedelisch wabernder Gitarren-Sounds bringt etwas frischen Wind in die Szene. Da schwingt auch ein wenig Dark und New Wave mit und über einem Joy-Divison-Vergleich dürfte die Band um den charismatischen Sänger Hendrik Otremba sicher nicht unglücklich sein.

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2015/08/Schnipo-Schranke-Foto-c-Roland-Owsnitzki.jpgSchnipo Schranke beim Pop-Kultur-Festival - Foto (C) Roland Owsnitzki


Dass es auch ohne Gitarren ganz gut geht, bewiesen dann ausgerechnet zwei weitere Musikerinnen aus Hamburg. Daniela Reis und Fritzi Ernst vom zurzeit mächtig gehypten Pop-Duo Schnipo Schranke brachten die kleine Kantine am Berghain fast zum Überkochen. Ihre schrägen, aber durchaus hittauglichen Pop-Balladen mit witzigen, expliziten Texten trugen sie am Keyboard unterstützt durch Schlagzeug und Blockflöte vor. Dass die beiden eine klassische Musikausbildung genossen haben, würde man da nicht unbedingt vermuten. Von diesem verkopften Ballast mussten sich Schnipo Schranke (Hamburger Ausdruck für Schnitzel und Pommes mit Majo-Ketchup) auch erst mal emanzipieren und machen nun anerkannter Maßen beste Unterhaltungsmusik, bei der sich angenehm die Nacken- und andere Haare hochstellen. Sie singen von Mädchenträumen, der Sehnsucht nach Liebe, dem Entjungfern und anderen Intimitäten als wäre es das Selbstverständlichste von Welt, was es ja vermutlich auch ist. Und da schmeckt dann eben beim Sex untenrum auch mal alles nur nach Pisse und die Tamponade im Abfluss nicht nach Limonade. In der nächsten Woche erscheint ihr mit vielen Vorschusslorbeeren bedachtes Album satt. Empfehlung der Band im breitesten Hamburgisch: „Kaufen, ne!“

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Zuerst erschienen in zwei Beiträgen am 28.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Pop-Kultur 2015: It began in Berlin!
26.-28. August im Berghain
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin-Friedrichshain

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

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Lesetipp:

Ärger mit der Unsterblichkeit
Von Andreas Dorau und Sven Regener
Verlag Galiani Berlin
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Infos: http://www.galiani.de...

15:38 29.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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