TANZ

Theater, Performance Die Wiener Choreografin Florentina Holzinger war mit ihrer zum Theatertreffen eingeladenen Produktion zu Gast in den Berliner Sophiensaelen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nichts für schwache Nerven und auch erst ab 16 Jahren freigegeben, der zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Produktion Tanz von Florentina Holzinger eilt ein gewisser Ruf voraus. Die junge Wiener Choreografin ist, seit der designierte Volksbühnenintendant René Pollesch bekannt gab, sie in sein Team zu holen, in der Theaterszene in aller Munde. Gerade feierte ihre neue Produktion in den Münchner Kammerspielen Premiere. Damit hat Holzinger auch die Weihen des etablierten Stadttheaters erhalten und wird sich wohl in Zukunft aussuchen können, gegen welche Bühnenwände sie ihre meist nackten weiblichen Performerinnen knallen lässt. So nun auch in den Berliner Sophiensaelen, eine der vielen Stationen der freien Szene, in denen Tanz nach der Premiere im Tanzquartier Wien Anfang Oktober 2019 im deutschsprachigen Raum gastiert.

Die Performances von Florentina Holzinger bestehen aus klassischem bis modernem Tanz, zirzensischen Attraktionen und Stunts, bei denen Seile, Karabinerhaken und sogar an die Decke gehängte Motorräder benutzt werden. „In einigen Szenen kommen selbstverletzende Handlungen zur Darstellung, die auf manche Zuschauer*innen eine verstörende Wirkung haben könnten.“ erklärt auch ein Schild vor den Sophiensaelen. Das erinnert ein wenig an Warnhinweise vor expliziten Kunstdarstellungen im Museum, die man zumeist hinter Tüchern versteckt. Bei Holzinger ist alles von Anfang zu sehen, auch wenn zunächst ganz züchtig an der Stange klassisches Ballett geübt wird. Beatrice Cordua, ehemalige mittlerweile 80-jährige Primaballerina aus John Neumeiers Hamburger Ballettkompanie, trainiert nackt vier der Performerinnen, darunter auch Florentina Holzinger selbst und erklärt in drei Lektionen, wie man die Schwerkraft überwindet und abheben kann.

Eingebetteter Medieninhalt

Die anderen im Team sitzen derweil gelangweilt auf dem Motorrad, waschen sich die Haare oder machen erste Flugversuche auf einem Staubsauger. Den „Sylphic Studies“ folgen im zweiten Akt ein Ritt auf den Motorrädern und Besen. Der jungen Frauen lassen sich dann an den Haaren hochziehen. Sie schweben und kreisen tatsächlich wie die Luftgeister aus dem romantischen Ballett La Sylphide aus dem Jahr 1832. Der schönen Kunst, der auf Haltung getrimmten Ballerinen wird hier der freie, selbstbestimmte und artistische Kunstflug bis an den Rand der gewollten Selbstverletzung entgegen gesetzt. Da knallen an Schnüren gezogene Performerinnen wie fremdbestimmte Puppen gegen eine Holzwand, oder wird mit Farbe geschossen und wild übereinander hergefallen.

Das erinnert nicht von ungefähr an den Wiener Aktionismus, deren Akteure von Hermann Nitsch über Günter Brus bis zu Valie Export sich Holzinger auch verpflichtet fühlt. Deren Lust an der Provokation, am Tabubruch gegen das herkömmliche, klinisch reine Körperbild teilen die Performerinnen und recken ihre nackten Hinterteile ins Publikum. Das ist natürlich an der Grenze eines voyeuristischen Blicks auf Frauenkörper. Die Livekamera ist dabei immer nah dran. Valie Exports Tapp- und Tastkino rein für das Auge. Ein bisschen Urin fließt auch, ansonsten gibt es noch ein paar Zaubertricks aus der Kiste und Ballettchoreografien mit Wolf und Hexen. Aus dem Schoß von Beatrice Cordua wird eine Ratte geboren. Schamanisches Ritual und ein bisschen Voodoo wechseln mit Splatterszenen und gepfähltem Wolf, bis einer der Performerinnen Karabinerösen unter die Haut gestochen werden, woran sie dann hochgezogen einen wilden Lufttanz vollführt.

Das gilt es für beide Seiten auszuhalten. Den Spaß sieht man zumindest den jungen Damen an. „Partytime“ heißt es einmal flott. Auch Holzinger selbst erklärt das Prinzip kurz in breit wienerischem Englisch. Dann sucht sie noch nach Baumpaten für den steirischen Wald, was die Performance etwas unterbricht. Die „Queens of Beauty“ in Kunstblut setzen noch an zu Brahms Waldesnacht, du wunderkühle, haben aber auch Ennio Morricones Lied vom Tod im Gepäck. „Komm süßer Tod.“ Mit ungebremster Aktion und Schauerromantik zur weiblichen Körperbefreiung. Damit ist Florentina Holzinger auch sicher noch nicht am Ende angekommen. Als nächstes wartet die Volksbühne.

----------

Zuerst erschienen am 11.03.2020 auf Kultura-Extra.

TANZ (Sophiensaele, 08.03.2020)
Eine sylphidische Träumerei in Stunts

Konzept, Performance, Choreografie: Florentina Holzinger
Performance von und mit: Renée Copraij, Beatrice Cordua, Evelyn Frantti, Lucifire, Annina Machaz, Netti Nüganen, Suzn Pasyon, Laura Stokes, Veronica Thompson und Lydia Darling
Videodesign, Livekamera: Josefin Arnell
Sounddesign, Livesound: Stefan Schneider
Lichtdesign, Technische Leitung: Anne Meeussen
Bühnendesign: Nikola Knezevic
Dramaturgie: Renée Copraij, Sara Ostertag
Premiere im Tanzquartier Wien: 3. Oktober 2019
Eine Koproduktion von Spirit und Tanzquartier Wien, Spring Festival (Utrecht), Theater Rotterdam, Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt), Arsenic (Lausanne), Münchner Kammerspiele, Take Me Somewhere Festival (Glasgow), Beursschouwburg (Brüssel), deSingel (Antwerpen), Sophiensaele (Berlin), Frascati Productions (Amsterdam) und Theater im Pumpenhaus (Münster) und asphalt Festival (Düsseldorf)

Weitere Infos siehe auch: https://floholzinger.wordpress.com/

00:15 12.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

Kommentare