TFF Rudolstadt 2014

Weltmusik Die 24. Ausgabe des Tanz und Folk Festivals brachte Samba, Magic Bass, Bands aus Tansania und jede Menge gut abgehangener Gitarrenmusik.
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http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/07/Heidecksburg.jpgDas war es mal wieder, das 24. TFF Rudolstadt ist Geschichte. Vier Tage voller Musik, Tanz und Sonne satt. Das brachte dem Festival trotzt großer Konkurrenz durch die Fußball-WM mit 87.300 fast 1800 Besucher mehr ein als im letzten Jahr. Und da wir schon bei den Zahlen sind, beim sommerlich heißen Wetter flossen immerhin 25.000 l Bier so manch durstige Kehle hinunter. Es ist sicher müßig, die Zahl der vertilgten Thüringer Rostbratwürste zu erwähnen, und so sei es dann auch genug mit der Statistik. Den nüchternen Zahlen und Fakten stand wiedermal jede Menge lebendiger, vielfältiger Musikkultur aus allen Teilen der Welt gegenüber.

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Das Water Is Right-Projekt im Heinepark

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/07/Winston-Mc-Anuff-e1405181022477.jpgWinston McAnuff

Bei schönstem Sonnenschein hatte das Fesival am Abend des 3. Juli begonnen. Rolf Stahlhofen (Söhne Mannheims) and Friends stimmten das bereits zahlreich erschienene Publikum mit ihrem Water Is Right-Projekt musikalisch bestens ein. Die Organisation setzt sich für die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser vor allem in Afrika ein. Eine an der Saale installierte Waterbox demonstrierte das System und lud zu einem sauber aufbereiteten Saale-Drink. Einen Ausflug zu Rootsreggaemit französischer Akkordeonmusik wagte Winston McAnuff & Fixi auf der Konzertbühne bevor es wieder auf der großen Parkbühne das volle Brett mit dem Orchester Turtle Island gab. Die Japaner mixten munter traditionelle Instrumente und Rhythmen ihrer Heimat mit westlichem Gitarrenpunk.

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Turtle Island

Vielfalt mit Länderschwerpunkt Tansania, Samba, Bands aus Lateinamerika u.a.m.

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/07/Kali-Mutsa14.jpgKali Mutsa

Aber besonders der afrikanische und lateinamerikanische Kontinent wussten mit dem Länderschwerpunkt Tansania sowie Bands aus Mexico, Chile und Brasilien zu überzeugen. Auf der Konzertbühne landete am Freitagabend ein UFO, dem vier crazy Gippsys aus Chile entstiegen. Die Band um die schillernde Sängerin Kali Mutsa (eine Barbarella auf Speed) mischt Elektronik mit lateinamerikanischen Rhythmen der Andenregion und europäischen Balkanbeats. Etwas störend dabei nur, dass mindestens die Hälfte des Sounds aus der Konserve kam und die große Ligtht und Videoshow etwas unterging. Auf jeden Fall war das tanzbar, wie auch der nächste Tansania-Act auf der großen Bühne im Heinepark. Am Samstag mixte das Mexican Institute of Sound unter DJ und Produzent Camilo Lara auf der Konzertbühne im Heinepark traditionelle kolumbianische Cumbia mit Dub- und modernen Elektrobeats aus Mexico-City.

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/07/Ufunuo-Muheme-Group2.jpgUfunuo Muheme Group

Bei den zahlreich erschienenen Bands aus dem ostafrikanischen Tansania fiel vor allem die rein weiblich besetzte Ufunuo Muheme Group mit ihrer von Djembés und Gesang begleiteten Tanzshow auf. Die traditionelle Trommel ist immer noch eines der bestimmenden Rhythmusinstrumente in der Musik Afrikas. Aber auch andere Klänge mischen sich zunehmend in den elektrisierenden Sound der Musikszene vor allem in und um die Großstadtmetropole Dar es Salaam. Von dort kommen Kazimoto, die ihren scheppernden Casio-Sound mit Schlagzeug, treibendem Bass und den Elektrosamples und-loops der beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkten. Absolut tanzbar ist auch der Baikoko, der sich in den 90er Jahren als Partysound in den Straßenbars von Dar es Salaam entwickelt hat. Davon konnte man sich noch einmal am Sonntagnachmittag akustisch und vor allem auch visuell bei den aufreizenden, fast artistischen Einlagen der Musiker und Tänzerinnen von Kaya Baikoko im Parküberzeugen.

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Kaya Baikoko

Passend zur Fußball-WM in Brasilien konnte zu Sambaklängen wieder kräftig das Tanzbein geschwungen werden. Brasilianischen Sambagruppen wie Samba de roda do Dona Nicinha oder Ailton Silva + Aja Brasil brachten nicht nur das Publikum im Tanzzelt zum Schwitzen. Zu später Stunde am Samstagabend verzauberte der türkische Künstler Mercan Dede mit seiner Band das Publikum vor der großen Bühne im Heinepark. Der in Kanada lebende DJ und Musiker ließ zu traditionell orientalischer Musik Tänzer auftreten, die sich u.a. zu meditativen Klängen im Gewand eines türkischen Derwischs drehten. Ein Zusammentreffen von moderner, körperbetonter Choreografie mit mystischen Sounds, Breakbeats und viel Kunstnebel.

Zweifellos einer der Höhepunkte des 24. TFF war aber mit Sicherheit das indische Tanztheater Mudiyetto aus Kerala, die vor nächtlicher Konzertbühne im Heinepark ein mythisches Ritual vollzogen. Zu unablässigem Bangra-Trommelfeuer kämpfte in traditioneller Kostümierung (u.a. ein weit ausladender Kopfputz und furchterregende Masken) zu Ehren von Kali der Dämon Darikan gegen die indische Gottheit des Todes, der Zerstörung, aber auch der Erneuerung. Ein Spektakel, das die Zuschauer ganze 2 ½ Stunden bannte.

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Mudiyetto

Englische und angloamerikanische Folkmusik zur Gitarre

Neben dem speziell vorgestellten Magic-Instrument des Jahres, dem Bass, eroberte sich die Gitarre nicht nur die Rock- sondern auch die Folkmusik zurück. Hierbei ist besonders der umjubelte Auftritt der englischen Band Fink am Freitag hervorzuheben. Dass englische Folkbands nicht nur fiddeln können, sondern auch ganz gut an der Gitarre sind, bewies die Band um Finian Paul Greenall aus Brigthon, eigentlich eine Hochburg des britischen Triphops. Ihr melancholischer, gut harmonisierender Gitarrenrock und Greealls Stimme erinnern entfernt an einen entschleunigten Bono Vox von U2 (allerdings ohne nervenden Bombasthall und Mitsinghymnen), nimmt seine Anleihen aber auch im amerikanischen Slowfolk des Süd- und Mittelwestens.

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Fink

Bereits um 18:00 Uhr spielte am Freitag die New Yorker Underground-Legende Arto Lindsay (u.a. Ex-Lounge-Lizards) mit brasilianischer Begleitung munter gegen die um sich greifende Fußballhysterie an, ließ sich aber gern die Zwischenergebnisse des Matchs Deutschland gegen Frankreich vom Publikum durchsagen. Seine Brasilianer mussten ja später am Abend auch noch gegen Kolumbien ran. Bis dahin vertrieb er den Fußballverweigerern vor der großen Bühne im Heinepark mit schrägen Gitarrenriffs, Feedback, Free- und Latin-Jazz hervorragend die Zeit bis zum nächsten Act.

Die Tradition alter Bluesbarden setzte am Freitag „Mr. Bojangles“ David Bromberg in Begleitung von Mark Cosgrove fort. Der Gitarrist aus Philadelphia hat bereits mit bekannten Größen wie Bob Dylan, Jerry Garcia oder Willi Nelson auf der Bühne gestanden. Er bot zur Freude der Fans einige Klassiker der Folk- und Bluesmusik auf Heidecksburg dar.

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Judith Holofernes

Am Samstag gab es das Bühnencomeback von Judith Holofernes, Frontfrau der Berliner Band Wir sind Helden. Nach einer kleinen Pause auf dem heimischen Sofa, die die Sängerin nicht nur zum Schreiben lustiger Tiergedichte genutzt hat, meldete sie sich am Samstagabend stimm- und soundgewaltig mit neuer Band nach dem Motto: „Platz da!“ auf der großen Bühne des Heineparks zurück. Wem das etwas zu poppig war, der konnte am Rande in der Stadt zum Beispiel beim Instrumentenbastler und witzigen Soundtüftler Silver Sepp fündig werden. Der Este musizierte auf einem aus einem Baumstamm gebauten Bass, trommelte auf einem alten Fahrradreifen und entlockte zusammengesteckten Abwasserrohren so manchen Klang, den er auch noch elektrisch verstärkt loopte.

Verleihung des RUTH-Weltmusikpreises und anderes auf der Heidecksurg

Bei RUTH-Verleihung am Samstagabend auf der Heidecksburg brachte TFF-Preisträger Rainald Grebe sein komödiantisches Talent unter Beweis und konnte, wie schon vor einiger Zeit in Rudolstadt, mal wieder Volkslieder singen. Außerdem waren die Nachwuchspreisträger Liloba aus Leipzig zu sehen. Die Band macht das, was man im weitesten Sinne als Fusionsound bezeichnen würde. Der Leipziger Elektroniker Rafael Klitzing an den Turntables sowie als gemischtes Gesangsduo die Belgierin Elsa Grégoire und der Kongolese Pierre Kalonji Tumba bringen die Stile des französischen Chansons und der afrikanischen Beats mit moderneren Clubsounds zusammen. Einen fast noch interessanteren Mix haben die Hauptpreisträger der RUTH AlpenKlezmer zu bieten. Auch wenn man nicht alles versteht, die traditionell jüdische Musik mit bayrischem Gesang darzubieten ist in jedem Fall preisverdächtig und in diesem besonderen auch noch umwerfend witzig.

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AlpenKlezmer

Preise gab es auch beim Creole – Global Music Contest (http://www.creole-weltmusik.de/de/home/), Deutschlands Wettbewerb für junge Weltmusikgruppen. Nach Vorentscheidungen in den einzelnen Bundesländern standen 13 Bands beim Finale, das auf der Bühne der Burgterrasse stattfand. Die vier Gewinner sind: Kapelsky & Marina (creole NRW), Pulsar Trio (creole Berlin/Brandenburg), Sedaa (creole Nord) und Volxtanz (creole Südwest).

Eine Dame, die bereits Folkmusikgeschichte geschrieben hat, stand am Sonntagnachmittag auf der großen Bühne der Heidecksburg. Die englische Sängerin June Tabor gab ihr einziges Konzert in diesem Jahr gemeinsam mit der Oysterband,den Altmeistern der Folkszene auf der britischen Insel um Sänger John Jones. Es wurden neben englischen Traditionels und eigenen Stücken auch Coverversionen bekannter Songs von Bob Dylan, Fleetwood Mac, Velvet Underground, Joy Division und PJ Harvey gespielt.

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June Tabor

Finale mit Russkaja aus Österreich im Heinepark

Zum Finale des Tanz und Folksfests am Sonntagabend auf der großen Bühne im Heinepark wurden dann wieder die Gitarren rausgeholt. Die aus Österreich stammenden Russkaja, was man stiltechnisch auch Rus Ska Ja! buchstabieren könnte, spielten ihr hartes Brett mit Bläsersektion und nacktem Oberkörper. Sänger Georgij Makazaria, einziger echter Russe im Team und wiedererstandener Ivan Rebroff der Speed-Metal-Polka animierte und formierte das Volk vor der Bühne zum großen Kollektiv. Es gab ein treibendes Ringelspiel, genannt Psychotraktor, immer wieder Wassergüsse fürs schwitzende Publikum und einige Lektionen in russischer Sprache. Da kann unsereins aus dem ehemaligen Osten noch ganz gut mithalten. Das es dann auch irgendwann zu Ende ging, wollte mal wieder keiner so richtig wahr haben. Und so mussten wie bereits in den letzten Jahren die Plastikmüllcontainer im Park bis weit in die Nacht als strapazierfähige Ersatzpercussions herhalten.

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Russkaja

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Ganz zum Schluss noch ein Ausblick ins Jubiläumsjahr. Das 25. TFF Rudolstadt findet vom 2. bis 5. Juli 2015 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Norwegen. Die Skandinavier haben bekanntlich eine sehr rege und innovative Folkszene. Passend dazu werden der traditionelle Volkstanz Halling und andere norwegische Tänze vorgestellt. Das Magic-Instrument 2015 ist die Cister (auch Zitter oder Laute), ein altes deutsches Saiteninstrument und Vorläufer der Gitarre. Also dann bis zum nächsten Jahr in Rudolstadt.

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alle Fotos (c) St. Bock

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und: http://www.kultura-extra.de

TFF Rudolstadt

Roots Folk Weltmusik Festival vom 3. - 6. Juli 2014

weitere Infos unter: www.tff-rudolstadt.de

18:14 12.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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