Superspreading im Hotspot Küche

Plage Unsere Kolumnistin hat mit einer Epidemie der eigenen Art zu kämpfen: In ihrer Wohnung vermehren sich die Fruchtfliegen in einem Tempo, das selbst das Coronavirus vor Neid erblassen lässt. Was tun?
„100.000 Fruchtfliegen? Alle in deiner Wohnung?“
„100.000 Fruchtfliegen? Alle in deiner Wohnung?“

Foto: imago/imagebroker/Siebmann

Ich koche was ganz Leckeres: Heiße Milch mit Zucker, die fülle ich in Teller, streue schwarzen Pfeffer drauf und – jetzt kommt’s – spritze ein bis zwei Tropfen Spülmittel rein. Herrlich. Das Mahl ist fertig. Kommt herbei, meine lieben kleinen Fruchtfliegen.

Ich bin in der vierten Woche des Abwehrkampfs. Freunde, Bekannte machen sich Sorgen um mich. Ich sei merkwürdig geworden, behaupten diese Plagenleugner. Dabei war letzte Woche die Fruchtfliegen-Eierleg-Inzidenz völlig außer Kontrolle geraten. „Wir haben – defensiv geschätzt – eine Inzidenz von über 10.000“, tönte ich, „also von 100.000 Fruchtfliegen vermehren sich 10.000! Stellt euch das mal vor! Natürlich gibt es regionale Unterschiede. Küche und Bad sind Hochrisikogebiete, sogenannte Hotspots.“

„100.000 Fruchtfliegen? Alle in deiner Wohnung?“, skeptizierten die Verharmloser. „Noch nicht, aber sehr, sehr bald“, entgegnete ich. „Ach, komm, das ist doch Panikmache!“ Schön wär’s. Anfangs waren es nur ungefähr zehn Fliegen. Kontaktnachverfolgung wäre da noch möglich gewesen. Aber: Was sollen schon zehn Fliegen? Zudem ist Winter. Das erledigt sich von selbst. Solche Sachen dachten wir. Weil wir den R-Wert, also den Reproduktionswert der Fliegen nicht kannten. Als sich eine der ersten zehn Fruchtfliegen erfolgreich vermehrt hatte (nach der besagten Inzidenz von 10.000), löste das ein Superspreading-Event sondergleichen aus. Denn sie legte rund 500 Eier. 500 geteilt durch 10 ergab den atemberaubenden R-Wert von 50!

Von diesem Zeitpunkt an ist an Kontaktnachverfolgungen nicht mehr zu denken. Stattdessen beginnen schlimme Tage und vor allem Nächte: Prügel schwenkend gehe ich durch die Wohnung wie der Erzschurke „Negan“ aus der Serie The Walking Dead. In der müssen sich die Leute ja ebenfalls mit einer sich exponentiell vermehrenden Widrigkeit rumschlagen – dem Zombievirus. Negan zieht mit einem blutigen, stacheldrahtumwickelten Baseballschläger namens Lucille durch die Gegend. Mein Mordgerät ist von ähnlicher Abmessung, aber aus moppartigen tiefroten Zotteln. Dass es für die Fruchtfliegen reicht, ist leicht zu erkennen: Unsere Zimmerdecken sind voller Blutspritzer, wahre Mordfelder. An den Wänden kleben Kadaver.

Vor noch vier Wochen hätte ich das für unmöglich gehalten. Zu Beginn versuchten wir es – unfassbar naiv – mit Apfelessig und Spülmittel, mit Zuckerwasser und Spülmittel, mit Milchkaffee und Spülmittel. Lächerlich. Es mag Fliegen geben, die auf so etwas reinfallen. Unsere nicht. Unsere haben Intellekt. Unsere sind aus einem Labor entkommene Mutanten. Das ist keine Verschwörungstheorie, denn Fruchtfliegen sind beliebte Modellorganismen für allerlei Experimente. Eines Nachts, nach Hunderten von Kills, google ich erschöpft nach Alternativen und erfahre: Viele Fruchtfliegenliebhaber sind ganz angetan von sogenannten Lebendfallen.

Lebendfallen!? Ein schrecklicher Verdacht treibt mich um. Was, wenn alle unsere Nachbarn diese Lebendfallen haben, oder soll ich sie Brutkästen nennen, und täglich ihre frisch geschlüpften Fliegen in unserem kleinen Innenhof freilassen? Vor dem sicheren Kältetod retten die sich dann in unsere weit geöffneten Fenster – zu Millionen, Milliarden, Billionen. Zitternd wache ich auf. Noch nicht wissend, dass ich heute endlich diese aufgeschnittene Zwiebel finde, die einmal die Fliegen vertreiben sollte, dann aber zu ihrer Heimstätte wurde. Die Nachbarn sind entlastet. Drei Tage später wären Kontaktnachverfolgungen wieder möglich. Aber, wie hat es unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier so schön gesagt: „Unser Krisengedächtnis ist ein Kurzzeitgedächtnis.“ Für die letzten paar Fliegen, denke ich, reicht doch locker eine Zuckermilchfalle.

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