Susanne Lang
25.02.2010 | 12:50 20

Mit Herz und Verstand

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Susanne Lang

Schade eigentlich, dass man das Wort schade nicht steigern kann. Dann wäre so mancher Kommentatorin in diesen Tagen sprachlich etwas geholfen, ihr Bedauern adäquat zum Ausdruck zu bringen. Ein Bedauern in höchst feministischer Sache, die per Definition ja eine ehrenwerte ist. Kurz: Margot Käßmann hat als Frauenspeerspitze der religiös-kirchlichen Macht versagt, da sie zurückgetreten ist, weil sie sich nach einer schwer alkoholisierten Autofahrt nicht mehr als glaubwürdige moralische Autorität sehen konnte.

Tja, das wäre dann einem Mann nicht passiert, schon richtig. Denn der hätte ja nicht auf sein Herz gehört wie Käßmann, sondern auf seinen "Kopf", der laut Alice Schwarzer für Entscheidungen dieser Art zuständig sein sollte. Wie Recht sie da doch hat, das wusste auch schon Heinrich von Kleist, der seine Protagonisten gerne folgendermaßen agieren ließ: Erst den Ladies durchs Herz schießen, dann sich selbst in den Kopf - dorthin, wo sich die Geschlechter relevanten Körperteile befinden.

Klischeebeladener könnte der vermeintlich feministische Diskurs im Fall Käßmann nicht laufen. Ist aber auch kein Wunder, schließlich handelt es sich um einen künstlichen. Einen wirklichen Forschritt wird diese Gesellschaft erst erreicht haben, wenn Frauen in (journalistischen) Führungspositionen (taz, Emma) nicht jedes Frausein vorrangig zum Thema machten und der Gleichberechtigung so am meisten schaden würden.

In Wirklichkeit ist eine Frau in einer exponierten und mit Macht verbundenen gesellschaftlichen Stellung doch nur dann ein zeitgemäßes Vorbild, wenn sie sich nicht an tradierten, aus dem Patriarchat stammenden Rollenbildern orientiert, sich also wie ein "Mann" verhält und - in diesem Fall - die einmal erreichte Macht aus keinem Grund der Welt freiwillig abgibt. Was leider immer noch passiert, wenn sie es heutzutage nicht tut, kann man derzeit überall nachlesen: Die Frau sei wiedermal Opfer. Und zwar der bösen Männer, in diesem Fall der Kirche.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (20)

M1xP1yne 25.02.2010 | 17:13

Schau an, es gibt doch auch beim Freitag noch Kompetenz in Fragen der Gleichberechtigung...
Vielen Dank Frau Lang, Sie haben Alice Schwarzer und Ines Pohl angemessen geantwortet. Schade nur, dass die Schwarzer für ihre kruden (und einer solch beeindruckenden und angenhmen Person wie Frau Käßmann wahrlich nicht angemessenen) Thesen so ein breites Forum wie SpOn bekommt.
Wobei, wenn dort ja auch der Broder mitreden kann...

Der einzige Grund für Käßmanns Rücktritt dürfte ihre persönliche Integrität sein...und das gegen sie gehetzt wird hat wohl eher mit Afghanistan zu tun.

MfG,

Max

P.S.
Stimme Streifzug zu:
Sympathisch. Metrosexuell würde ich allerdings verneinen...

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magnus-goeller 26.02.2010 | 00:44

Also gegen die Käßmann habe ich zunächst mal nichts, wenigstens dürfte sie es nicht nötig gehabt haben, dauernd an Ministranten herumzufummeln wie viele ihrer Kollegen von der katholischen Konkurrenz.

Auch ihre Haltung zu Afghanistan teile ich in dem Sinne, dass da nichts gut sei.

Ihre Fahrt unter Alhohol ist mir auch nicht so wichtig.

Ich kann mich aber durchaus noch erinnern, dass sie eine möglichst schon frühstkindliche staatliche (naja, mögen ja auch mal kirchliche Träger dabeisein) Ganztagsbetreuung vehement befürwortete.

Vielleicht hat Gott, der Herr, aufgrund dieser Aussagen dafür gesorgt, dass sie nicht nur kräftig trinken musste, sondern sich auch noch ans Steuer setzte und überdies dabei auch noch erwischt wurde.

Dann hat der seine Sache diesmal gut gemacht, indem er indirekt für die Familie einstand.

P.S.: Kleist war ein veritabel Verzweifelter, der gemeinsam mit seiner Geliebten einvernehmlich in den Freitod ging, selbstbestimmt, ohne wie ein heute gefeierter Robert Enke sein Ende auf das Gewissen eines unschuldigen Lokführers und dessen Familie feige zu übertragen.
Und er bleibt einer unserer größten Dichter. Amen.

ChristianBerlin 26.02.2010 | 06:51

Ich nicht nur das Bild - auch die abgebildete Person!

Was sie hier schreibt, könnte trotzdem falsch sein.

Die - nach dem Aussehen zu urteilen - offensichtlich irrende Kolln. Schwarzer, die ich gestern abend auf dem Weg zum Freitag-Salon auch noch im Interview mit Liane Billerbeck (im D-Radio Kultur) hören musste, könnte doch einen Puzzlestein zum Verständnis dieses Rücktritts geliefert haben: Was das Trinken betrifft, wird bei den Geschlechtern mit zweierlei Maß gemessen.

Wenn ein Mann einen Alkoholabsturz hat, ist er ein echter Kerl, je mehr Promille, desto mehr Bewunderung, was er "abkann". Wenn eine Frau sich betrinkt, fragt man sich, ob sie Probleme hat.

War das hier relevant?

Ja. Eindeutig. Das geht aus dem Video hervor, aus den zwei Sätzen, mit denen sie ihren Rücktritt herleitet, unmittelbar bevor sie ihn verkündet.

Es waren die Kässmann-Witze, mit denen weder Kai Dieckmann, noch Margot Kässmann am Abend vor der Veröffentlichung so gerechnet hatten. Diese (zweite) Welle des Boulevard-Medien-Angriffs gab ihr den Rest.

anmoderationen wie:

- "Da hat wohl der heilige Himbeergeist aus ihr gesprochen"

- "Dieser Kelch ging nicht an ihr vorüber"

...wären schon von der Hörerschaft anders gehört worden, wenn es sich um einen männlichen Geistlichen gehandelt hätte.

Da wird sitzt die geschlechtsspezifische Weiche schon, nicht erst beim Mangel an Sitzfleisch.

Letzteres - die aus diesen Anwürfen gezogene Konsequenz des Rücktritts - hat aus meiner Sicht dann allerdings nichts mehr mit dem Geschlechterunterschied zu tun. Eher mit einer Schwäche der Institution. NGOs sind verletzbar, weil sie - im Unterschied zum Staat - auf freiwillig gegebenes Geld und darum auf "Glaubwürdigkeit" angewiesen sind.

Wenn die Kirche in solchen Druck-Situation Pfarrer/innen oder Bischöf/innen reflexartig aus der Schusslinie nimmt und das nicht nur zu deren Schutz, sondern auch zu dem ihrer Finanzen glaubt tun zu müssen, verkennt sie freilich, dass in ihrem speziellen Fall "Glaubwürdigkeit" anders definiert ist.

Susanne Lang 26.02.2010 | 10:25

Lieber Christian,

das finde ich in der Tat einen interssanten Aspekt: Wird Trinken bei Frauen anders bewertet? Ich denke, da hast Du Recht, denn es wird anders bewertet. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Häme und die "Witze" nur kommen, weil sie eine Frau ist. Die gab es auch bei Wiesheu, der dann ja einfach passend zum Nicht-Selbst-Fahren-Müssen zur Bahn gegangen ist.
Meiner Meinung nach rührt die Häme daher, dass es sich um eine Person handelt, die sehr moralisch aufgetreten ist. Kann man sehr schön in der Harald Schmidt-Show von gestern nachvollziehen, da gab es nicht nur Häme gegen Käßmann, auch gegen den "Wittenberger Theologe" Schorlemmer - und der ist nach meinem Wissen zumindest nun nicht trunken am Steuer erwischt worden.
(Link zur Sendung reiche ich nach, sobald mir hier mal wieder jemand verraten kann, wie man in Kommentaren verlinkt;)

Doris Brandt 26.02.2010 | 14:30

Wer weiß, vielleicht hat ja auch die eine oder andere Klosterschule aus Bayern ein paar Ministranten abkommandiert, nach Hannover zu fahren und Frau Käßmann ein bisschen Weihwein in den Tee zu schütten. So werden die eigenen Probleme viel kleiner. :)

Im Ernst: Ich denke, dass die mediale Präsenz von Margot Käßmann eben auch von Anfang an eine viel größere Angriffsfläche bot. Dann noch eine Frau und geschieden. Wenn ihr Vorgänger Huber (eher eine "graue Eminenz") einen über den Durst getrunken hätte, wäre dies vielleicht gerade mal der Brandenburger Lokalpresse eine Nachricht wert gewesen...

ChristianBerlin 26.02.2010 | 23:13

Bei Harald Schmidt wird auch die Bischöfin zweimal als betrunken Predigende dargestellt - nur dass sie als hilflos benebelt dargestellt wird.

PS: Ob es Zufall ist, dass ich diesen Witz beim Ergoogln auf einer absolut frauenfeindlichen Seite gefunden habe? Da besteht - mit wenigen Ausnahmen - die Pointe fast aller Witze darin, dass Männer und Frauen mit zweierlei Elle gemessen werden. Rückzugsgefechte der Chauvis? Oder Beweis für eine subkulturell oder subkutan persistierende sexistische Realität? (um noch einmal das aus meiner Sicht zu formalrechtlich abgehandelte Thema des Freitag-Salons aufzugreifen!)

ChristianBerlin 26.02.2010 | 23:31

@Doris Brandt

[Zitat Doris Brandt]Wenn ihr Vorgänger Huber (eher eine "graue Eminenz") einen über den Durst getrunken hätte, wäre dies vielleicht gerade mal der Brandenburger Lokalpresse eine Nachricht wert gewesen...[/Zitatende]

glaube ich nicht. Das hätte für Boulevard-Medien und Witzemacher dieselbe Relevanz gehabt.

Nür wären die Witze geringfügig anders gewesen oder sie hätten anders gewirkt. Nach dem oben beschriebenen Motto.

Das ergibt folgenden Kontrast:

In einem bekannten Witz trinkt sich ein Kaplan vor der Predigt Mut an. Tatsächlich verliert er alle Hemmungen und hält eine "donnernde Predigt". Dass ein paar Details dabei nicht gestimmt haben, ist nebensächlich. Die Details sind in jeder Variante des Witzes andere, und außerdem werden sie vom Pfarrer, der dem Kaplan feed-back gibt, mit angelsächsischem Understatement heruntergespielt als für den imposanten Gesamteindruck letztlich irrelevant.

Im krassen Gegensatz dazu stellt Harald Schmidt die betrunken predigende Bischöfin zweimal als hilflos benebelt dar.

Das ist der Unterschied, den ich meinte: Männer, die sich betrinken, werden ganze Kerle, lassen die Sau raus, haun aufn Putz, nach ihnen die Sintflut. Das schwache Geschlecht stellt im Gegensatz dazu unter Alkohol seine nur nüchtern mühsam verdeckte absolute Schwäche unter Beweis.

Und nun der Link zu einer Seite mit gesammelten frauenfeindlichen Witzen, die diese subkulturell oder subkutan (?) in unserer Gesellschaft immer noch vorhandenen Geschlechterklischees belegen könnte.

Disclaimer: Vorsorglich distanziere ich mich mal von deren Inhalt.