John Naughton
26.03.2014 | 06:00 13

1:0 für das Internet

Türkei Erdoğan scheint den Kampf gegen die zensierten Twitter-Nutzer nicht zu gewinnen. Aber hat das Internet wirklich das Potenzial, die etablierte Ordnung zu stürzen?

1:0 für das Internet

Foto: Ozan Kose/ AFP/ Getty Images

Als am Donnerstagabend an den Häuserwänden Istanbuls die ersten Graffiti mit den neuen DNS-Einstellungen zur Umgehung des Twittter-Verbots auftauchten, schien es, als sei Erdogan in weniger als einer Woche zu einer Lachnummer geworden. Autokrat 0, Internet 1? Schon möglich, aber es kann sich bestenfalls um einen Halbzeitstand handeln. Es wäre unklug, den Erfolg zu weit zu extrapolieren.

Einige Kommentatoren waren schnell mit Vergleichen mit Hosni Mubaraks Internetsperre zur Hand. Aber noch heute ist nicht klar, warum das ägyptische Experiment in Sachen Unterdrückung sozialer Medien damals nach fünf Tagen beendet wurde. Einige behaupten, Grund für die Kehrtwende sei gewesen, dass die ägyptische Armee erkannt habe, wie stark das Verbot ihre weitreichenden kommerziellen Interessen in Mitleidenschaft zog. Andere argumentieren, die Abschaltung hätte sich als kontraproduktiv erwiesen und noch mehr Menschen auf die Straße getrieben, weil sie herausfinden wollten, was los ist.

Was aber, wenn Erdoğan wusste, was er tat? Paul Mason zum Beispiel vermutet in dem Verbot einen Schachzug, die Opposition während der Wahlen auf die Straße zu zwingen, um so die Wahlbeteiligung bei den konservativen, islamischen Massen in die Höhe zu treiben. Mason sieht in der Abschaltung einen längerfristigen Trend am Werk: "Hier geht es nicht um die Türkei", sagt er. "Es geht um das Recht auf Modernität." Die alternden Eliten aus der Zeit vor dem Internet würden langsam realisieren, was junge Leute heute von Geburt an wüssten: Man kann die sozialen Medien nicht abstellen, ohne gleichzeitig auch die Modernität und wirtschaftliche Leben eines Landes abzuwürgen. Die türkischen Twitter-Nutzer bedienen sich der grundsätzlichsten Stärke des Internets: Es ist ein aus vielen Netzwerken bestehendes Netzwerk. Da es aus nicht-hierarchischen Pfaden besteht, ist es schlichtweg nicht möglich, Teile davon abzustellen.

Der technologische Determinismus dieser Einschätzung ist mir nicht ganz geheuer. Seitdem es das Internet gibt, lautet die wirklich große Frage: Hat es wirklich das Potenzial, die etablierte Ordnung zu stürzen und deren zentralen Elemente – Staat, transnationale Unternehmen, Militär – zu untergraben, annullieren oder zu umgehen?

Es ist noch zu früh, diese Frage zu beantworten. Sicher hat es einige herzerwärmende Beispiele gegeben, wie die korrupte, alte Ordnung durch die neue Technik und deren erfinderische Anwender ausmanövriert werden konnte. Aber wir haben in den vergangenen zehn Jahren auch gesehen, wie das Internet von der herrschenden Ordnung zu Repression und Überwachung genutzt wurde – man denke nur daran, wie NSA und GCHQ es in eine Orwellsche Traummaschine verwandelt haben.

Erdoğan mag ein Clown sein oder auch nicht. In diesem speziellen Spiel spielt er jedenfalls keine ernstzunehmende Rolle. Und Hybris ist ein Luxus, den sich nur Narren leisten können.  

Kommentare (13)

Philipp Adamik 26.03.2014 | 08:58

@Redaktion: Ich finde es sehr gut, dass sie die Artikel des Guardians hier in einer deutschen Übersetzung anbieten. Allerdings fände ich es noch besser, wenn sie einen Link zum Originalartikel einfügen würden. Gerade bei Artikel wie diesem, der knapp um die Hälfte gekürzt ist, ist es tatsächlich schwierig den ursprünglichen Artikel zu finden. Der Artikel ist übrigens hier zu finden.

Philipp Adamik 26.03.2014 | 09:26

@John Naughton: "There is a whiff of technological determinism about this that makes me uneasy. Ever since the internet appeared on the scene in the 1980s the really big question that it posed was whether it would prove a powerful enough force to overthrow the established order."

Calm down, your notion is simply wrong. The internet is no force which can overtrough the established order. But, as Manuel Castells figured out in 2000, in comparission to hierachies it empowered the old form of social morphology the network. That is why, people who use internet technologies are able to testify and overcome traditional systems of power based on hierachies. To point it up: For the first time in history the internet provides the technological groundwork for a world wide revolution.

Philipp Adamik 27.03.2014 | 00:15

John Naughton ist zwar von seinem akademischen Hintergrund eigentlich Elektroingenieur, hat sich aber wohl später immer stärker den gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologien insbesondere des Internets beschäfftigt.

Er ist z. B. senior research fellow im Zentrum für die Untersuchung von Kunst, Sozial- und Geisteswissenschaften in Cambridge und Prof. (em.) für das öffentlich Verstänis von Technologie an der Open University. Er kann also durchaus als Soziologe gelten.

Der ursprüngliche Artikel (siehe meinen ersten Kommentar) ist auch deutlich länger und differenzierter als die hier abgedruckte Übersetzung.

Im Prinzip arbeite ich im Moment selbst durchaus auch an diesem Thema, allerdings bin ich im Moment noch sehr vertieft in der Theorieentwicklung, weshalb ich mich eines Kommentars zu Erdogans Aktion enthalte. Mein letzter Artikel, Eine Depesche aus dem Infokrieg geht ein wenig in die Richtung, beschäfftigt sich aber eher mit den Positionen der Medien in Bezug auf die Krise in der Ukraine.

Manuel Castells Buch "Networks of outrage and hope" thematisiert expliziet die Rolle des Internets in Bezug auf soziale Proteste. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dort frühere Versuche soziale Kontrolle durch Internetsperren auszuüben thematisiert werden.

Das Buch ist leider auch nicht auf Deutsch erhältlich und das wird sich, so lange mich niemand für die Übersetzung bezahlt, wohl auch nicht ändern. Allerdings ist es für die Verhältnisse von Castells unglaublich konkret und einfach geschrieben. Weshalb man wohl auch mit einen ein wenig eingerosteten Schulenglischkenntnissen noch einiges Mitnehmen kann.

Als Einführung in Castells Werk kann ich diesen Artikel der jungen amerikanischen Wissenschaftsjournalistin Diana Crow empfehlen, den ich auf meinem Blog veröffentlichten durften.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.03.2014 | 15:14

Ob Türkei oder Ukraine ....

es kann doch nicht - oder doch? - die einzige Frage sein, ob jemand gegen das "Falsche" ist. Man solte auch fragen, WOFÜR dann eigentlich statt dessen?

Und da beschleicht mich bei der Türkei insbesondere schon auch manchmal der Eindruck, dass es einfach darum gehen könnte, dass "Jugendliche" einfach nur teilhaben wollen an der schönen bunten Welt des Neoliberalismus, jeder glücklich zu machen mit einem Smartphone in Händen.

Erdogan mag seine Zeit hinter sich haben. Frägt sich nur: was statt dessen?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.03.2014 | 21:15

Das

"u.s.w."

ist überall das Problem. Irgendwie ist es im Grunde immer das gleiche Muster:

1. eine Bevölkerung bzw. deren selbsternannte Vertreter lehnen sich gegen eine mehr oder weniger schlimme Regierung auf

2. "sofort" sind die, die oft genug an genau diese Regierung Waffen u.a. geliefert haben da, um die Aufständischen mit schönen Reden von Demokratie und Freiheit zu versorgen (und sich zu überlegen, wie man nach dem Umsturz wirtschafltich oder militärisch profitieren könnte).

3. "das Volk" entledigt sich seines "Tyrannen" - gerne mit auch bewaffneter Hilfe der uneigennützigen Demokraten

4. danach herrscht Chaos und keine der Folgeregierungen - siehe Ägypten - schafft es, sich zu halten

5. es ist schlimmer als vorher, das Land kommt nicht zur Ruhe, obgleich der Westen seine Missionare in Uniform schickt.

Ich wüsste gerade wirklich in keinem einzigen Fall, dass in einem der Länder irgendeine "Befreiung" die Lage nicht dauerhaft sogar noch verschlimmert hätte.

Damit will ich nicht sagen, dass es der richtige Weg wäre, sich gar nicht aufzulehnen. Aber ohne zu wissen, wo man hin will, ist es wohl nicht klug, einfach nur zu "stürzen" und zu hoffen, das alles schon irgendwie gut wird. Und den falschen Freunden von außen sollte man es wohl schon erst recht nicht überlassen.

WeltPolitik 27.03.2014 | 21:35

Youtoube wurde abgeschaltet um deren falsches Spiel mit Syrien zu verbergen (zu mindest vor den Wahlen).

Wer den Mitschnitt höhrt der glaubt seinen eigenen Ohren nicht.

ich hab das Video angehört und hab es mir übersetzen lassen. Wenn das stimmt, wo von ich ausgehe, wird dies ein Nachspiel für alle beteiligten haben. Hoffentlich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
Das ist "Hitler Prinzip" wie mit Polen, für all die, die sich daran erinnern können -->seit ...Uhr wird zurück geschossen!!!

Der Türkische Aussenminister sendet 4 Türken auf die Syrische seite und lest Raketten auf die Türkei schießen, es sterben Türken und so was nennt sich Beschützer der Türkei.

Teil 1
http://www.youtube.com/watch?v=5zVuVMb0Yh4
Teil 2
http://www.youtube.com/watch?v=VWhz7RCHpRY

damit will man einen Kriegsgrund um Syrien anzugreifen.

Nil 27.03.2014 | 22:14

Ganz genau. Caos bringt nur noch mehr Caos. Mit Gewalt kann nichts Gutes erreicht werden. Und Erdogan ist nun wirklich nicht der schlechteste. Ich finde ihn streckenweise echt gut. Das er gegen Abtreibung ist, finde ich grotten schlecht und viele Kinder Gebähren, wegen des demographischen Wandels eines einzelnen Staates, ungeachtet der drohenden Überbevölkerung und dem damit verbundenem Elend und Not der armen Menschen auf dem Planeten, ist nun wirklich von gerstern.

Aber ich werde den Anschein nicht los, dass es die anderen nicht besser machen werden als die AKP von Erdogan. Eher schlechter. Naja, mal sehen was am 30. 03. herauskommt.

Philipp Adamik 30.03.2014 | 18:06

So, ich kam jetzt doch noch dazu bei Castells nachzuschauen. Im wesentlichen gibt er drei Gründe an, warum die Regierung Mubarak nach fünf Tagen die Internetsperre wieder aufgab. 1. Internationaler Druck 2. Ökonomischer Schaden 3. Die Nutzlosigkeit Wie jetzt in der Türkei wurde damals in Ägypten die Sperre einfach umgangen. Castells 2012: Networks of outrage and hope. S. 65f. Also, eine höchst Dumme Idee von Erdogan.