1:0 für das Internet

Türkei Erdoğan scheint den Kampf gegen die zensierten Twitter-Nutzer nicht zu gewinnen. Aber hat das Internet wirklich das Potenzial, die etablierte Ordnung zu stürzen?
1:0 für das Internet
Foto: Ozan Kose/ AFP/ Getty Images

Als am Donnerstagabend an den Häuserwänden Istanbuls die ersten Graffiti mit den neuen DNS-Einstellungen zur Umgehung des Twittter-Verbots auftauchten, schien es, als sei Erdogan in weniger als einer Woche zu einer Lachnummer geworden. Autokrat 0, Internet 1? Schon möglich, aber es kann sich bestenfalls um einen Halbzeitstand handeln. Es wäre unklug, den Erfolg zu weit zu extrapolieren.

Einige Kommentatoren waren schnell mit Vergleichen mit Hosni Mubaraks Internetsperre zur Hand. Aber noch heute ist nicht klar, warum das ägyptische Experiment in Sachen Unterdrückung sozialer Medien damals nach fünf Tagen beendet wurde. Einige behaupten, Grund für die Kehrtwende sei gewesen, dass die ägyptische Armee erkannt habe, wie stark das Verbot ihre weitreichenden kommerziellen Interessen in Mitleidenschaft zog. Andere argumentieren, die Abschaltung hätte sich als kontraproduktiv erwiesen und noch mehr Menschen auf die Straße getrieben, weil sie herausfinden wollten, was los ist.

Was aber, wenn Erdoğan wusste, was er tat? Paul Mason zum Beispiel vermutet in dem Verbot einen Schachzug, die Opposition während der Wahlen auf die Straße zu zwingen, um so die Wahlbeteiligung bei den konservativen, islamischen Massen in die Höhe zu treiben. Mason sieht in der Abschaltung einen längerfristigen Trend am Werk: "Hier geht es nicht um die Türkei", sagt er. "Es geht um das Recht auf Modernität." Die alternden Eliten aus der Zeit vor dem Internet würden langsam realisieren, was junge Leute heute von Geburt an wüssten: Man kann die sozialen Medien nicht abstellen, ohne gleichzeitig auch die Modernität und wirtschaftliche Leben eines Landes abzuwürgen. Die türkischen Twitter-Nutzer bedienen sich der grundsätzlichsten Stärke des Internets: Es ist ein aus vielen Netzwerken bestehendes Netzwerk. Da es aus nicht-hierarchischen Pfaden besteht, ist es schlichtweg nicht möglich, Teile davon abzustellen.

Der technologische Determinismus dieser Einschätzung ist mir nicht ganz geheuer. Seitdem es das Internet gibt, lautet die wirklich große Frage: Hat es wirklich das Potenzial, die etablierte Ordnung zu stürzen und deren zentralen Elemente – Staat, transnationale Unternehmen, Militär – zu untergraben, annullieren oder zu umgehen?

Es ist noch zu früh, diese Frage zu beantworten. Sicher hat es einige herzerwärmende Beispiele gegeben, wie die korrupte, alte Ordnung durch die neue Technik und deren erfinderische Anwender ausmanövriert werden konnte. Aber wir haben in den vergangenen zehn Jahren auch gesehen, wie das Internet von der herrschenden Ordnung zu Repression und Überwachung genutzt wurde – man denke nur daran, wie NSA und GCHQ es in eine Orwellsche Traummaschine verwandelt haben.

Erdoğan mag ein Clown sein oder auch nicht. In diesem speziellen Spiel spielt er jedenfalls keine ernstzunehmende Rolle. Und Hybris ist ein Luxus, den sich nur Narren leisten können.  

06:00 26.03.2014
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4112
The Guardian

Kommentare 13

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar