Brutales Schlachten

Walfang-Konferenz Japan greift in Marokko nach der Macht. Ein Vorstoß der USA soll die Kontrolle durch die Walfänger abwenden. Die Zukunft der Meeressäuger steht auf Messers Schneide

Das Treffen der Internationalen Walfangkommission (IWC) hat sich bereits wenige Tage nach seinem Beginn in Marokko zum kontroversesten seit dem Moratorium über die Jagd großer Wale von 1986 entwickelt. Auf dem Spiel steht die Zukunft von Blau-, Finn-, Buckel-, Pott- und Minkwal. Obwohl im 20. Jahrhundert bereits 750.000 dieser Meeressäugetiere in den Weltmeeren getötet wurden, hat der Walfang noch immer kein Ende. Norwegische, isländische und japanische Walfänger nutzen die Schlupflöcher in der Vereinbarung von 1986 schamlos aus. Überhaupt wird das Moratorium allenfalls als freiwillig und zeitlich befristet angesehen.

Walfangbefürworter argumentieren, es mache keinen Unterschied, ob man Wale oder Nutztiere töte, um sich von ihnen zu ernähren. Das wäre selbst dann Unsinn, wenn Wale nicht hoch entwickelte Lebewesen wären, die, wie jüngste Studien belegen, zu komplexer Kommunikation, abstrakten Gedanken und der Kultur der mütterlichen Erbfolge fähig sind. Es ist unmöglich, auf hoher See den schnellen Tod eines Wals zu gewährleisten. Viele verenden qualvoll, wenn sie, um ertränkt zu werden, rückwärts gezogen werden. Eine derartige Behandlung unserer landwirtschaftlichen Nutztiere würden wir nie tolerieren. Warum also sollten wir es bei hochempfindsamen Meeressäugern zulassen?

Nach drei Jahrzehnten wachsender Spannungen zwischen den Walfangnationen und ihren Gegnern ist deutlich geworden, dass der gegenwärtige Zustand nicht aufrechterhalten werden kann. Der Vorschlag, der dem IWC diese Woche zur Abstimmung vorgelegt und von den USA unterstützt wird, sieht vor, den kommerziellen Walfang zehn Jahre lang zu erlauben, wenn Japan sich im Gegenzug bereit erklärt, seine Fangquote im Südlichen Ozean zu reduzieren und den Fang möglicherweise schließlich ganz einzustellen. Japan aber bleibt unnachgiebig und weigert sich, den Kompromiss anzunehmen. Die Japaner befinden sich in einer starken Position – dies nicht zuletzt, weil sie sich die Stimmen einiger Delegierter mit wenig bis keinem Interesse für den Walfang gekauft haben: die Marschall-Inseln, Laos, Kambodscha oder die Mongolei, die nicht einmal über einen Zugang zum Meer verfügt. Japan ist kurz davor, die Kontrolle über die IWC zu erlangen und Insider berichten, die am Wochenende begonnenen wissenschaftlichen Gespräche stünden kurz vor dem endgültigen Scheitern.

Puristen stehen Pragmatikern gegenüber. Organisationen wie die Gesellschaft zur Bewahrung von Walen und Delphinen (die erst vor kurzem ein äußerst emotionales Anti-Walfang-Video veröffentlicht hat, in dem Christopher Eccleston zum Soundtrack von The Horrors den Text spricht) betreiben vehement Lobbyarbeit gegen den Vorschlag der USA. Auf der anderen Seite sind Länder wie Neuseeland, die einen Kompromiss unterstützen, gleichermaßen entschlossen. „Wenn dieser Antrag nicht angenommen wird, werden noch mehr Wale sterben“, sagte einer der Berater und entwarf das Horror-Szenario, Japan könnte den Verhandlungstisch einfach verlassen „und so viele Buckel- und Finnwale töten, wie sie wollen“.

Während auch die NGOs zu keiner gemeinsamen Position gelangen (WWF und Greenpeace unterstützen den Antrag), wird Großbritannien, Australien und vielleicht am überraschendsten Brasilien vorgeworfen, sie versuchten bewusst, den Vorschlag der USA scheitern zu lassen, indem sie unnachgiebig bleiben. Unterdessen hat Island sich eine freiwillige Beschränkung auf 200 Finnwale auferlegt. 90 Prozent davon werden in Form von Walfleisch nach Japan exportiert werden. Dies ist genau die Situation, die durch den Antrag beendet werden soll. Aber je weiter diese Woche voranschreitet, desto wahrscheinlicher wird, dass es zu keiner Einigung kommt. Wenn das Treffen am Freitag endet, wird es keine Gewinner geben und die größten Verlierer werden wieder einmal die Wale sein.

Übersetzung: Holger Hutt

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17:20 22.06.2010
Geschrieben von

Philip Hoare | The Guardian

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The Guardian

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