Das Haar in der Suppe

Food-Blog Eine Neunjährige hat Fotos von ihrem Essen aus der Schulkantine gebloggt. Nach einer Woche hatte sie 100.000 Besucher. Jetzt hat ihre Direktorin das Blog verboten
Aus der fabelhaften Welt der Schulkantinen
Aus der fabelhaften Welt der Schulkantinen

Foto: neverseconds.blogspot.co.uk

Ein neun Jahre altes Mädchen aus Schottland betrieb ein Blog, auf dem es sein aus wenig ansprechenden und ungesunden Gerichten bestehendes Schulessen dokumentierte. Sie muss ihr Projekt gezwungenermaßen einstellen, nachdem die Schulverwaltung ihr untersagt hat, die in der Schule ausgegebenen Mahlzeiten zu fotografieren. Martha Payne aus Argyll startete das Blog Ende April als gemeinsames Schreibprojekt zusammen mit ihrem Vater. Mit der Erlaubnis von Lehrern fotografierte sie die häufig sehr dürftigen und oft frittierten Schulmahlzeiten auf den weißen Plastiktabletts und gab ihnen Noten auf einem "Food-o-meter": Wie gesund war das Essen, fanden sich Haare darin?

In weniger als einer Woche wurde das Blog NeverSeconds auf den Seiten sozialer Netzwerke verlinkt und lockte über 100.000 Besucher an. Der zum Aktivisten gewordene Koch Jamie Oliver gratulierte Martha auf einem Tweed. Kurz darauf wurde den Kindern in Marthas Schule verkündet, sie könnten zusätzlich zum Mittagessen soviel Salat und Obst bekommen wie sie wollten. Martha fing an, ihre Leserinnen aufzufordern, an die Wohltätigkeitsorganisation Mary's Meals zu spenden, die sich um Schulspeisungen in Afrika bemüht. Dabei kamen 2.000 Pfund Sterling zusammen. Sie bekam Bilder von Schulen auf der ganzen Welt und postete sie neben ihren eigenen. Es wurde deutlich, dass die Schüler in Übersee weitaus gesünderes Essen bekommen.

Goodbye

Martha bloggte unter dem Pseudonym Veg. Als das Blog berühmt wurde, berichteten mehrere Zeitungen über sie und nannten ihren Klarnamen. Da hatte der Gemeinderat von Argyll und Bute, der die Grundschule betreibt, offenbar genug. Am Donnerstag kam ein Blog von Martha mit dem Titel „Auf Wiedersehen“: „Heute Morgen wurde ich von meiner Klassenlehrerin aus dem Matheunterricht geholt und musste mit in ihr Büro gehen. Sie sagte mir, dass ich aufgrund einer Zeitungsschlagzeile keine Bilder mehr von meinem Schulessen mehr machen dürfe. Ich schreibe nur mein Blog, keine Zeitungsartikel, und ich bin traurig, dass ich keine Fotos mehr machen darf. Ich werde es vermissen, das Essen an meiner Schule ins Netz zu stellen und es zu bewerten. Und ich werde es vermissen, mir die Bilder anzusehen, die ihr mir geschickt habt. Leider werde ich wohl auch nicht in der Lage sein, genügend Geld zu sammeln, dass es reicht, eine Küche für Mary's Meals zu kaufen.“

Marthas Vater, Dave, fügte erklärend hinzu: „Marthas Schule war von Anfang an großartig und hat sie unterstützt, wofür ich mich herzlich bedanken möchte. Als mir Martha erzählte, was heute in der Schule passiert ist, habe ich beim Gemeinderat angerufen und man sagte mir dort, es sei die Entscheidung des Rates gewesen, Martha das Fotografieren zu verbieten.“ Die Seite verzeichnete danach mehr Besucher denn je und auf Twitter und anderen Seiten brach ein Proteststurm gegen die Gemeindeverwaltung los. Eine Erklärung von Seiten der Gemeinde gibt es nicht. Vergangenen Monat erklärte sie lediglich, ihre Schulmahlzeiten befänden sich „in vollständiger Übereinstimmung mit den nationalen Ernährungsstandards“.

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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Peter Walker | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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