Der letzte Vorhang

Climate Research Uni Phil Jones, Direktor der Climate Research Unit, wurde wegen Manipulationsvorwürfen und Bestechlichkeit zum Rücktritt aufgefordert. Nun beweist ein Bericht das Gegenteil

„Du bist ein verdammtes Arschloch. Du erbärmlicher, verfluchter Schwindler. Ich hoffe, dass unter deinem verdammten Haus die Erde bebt und dich direkt in die Hölle einsaugt.“ Fühlen Sie sich beleidigt? Wenn ja, dann zählen sie nicht zum Kreis der Wissenschaftler, die an den Klima-Kriegen der vergangenen 20 Jahre beteiligt waren. Diese Nachricht – die nur eine von vielen ist, die in jüngster Zeit an Klimaforscher gesendet wurden – ist nahezu niedlich im Vergleich zu den charmanten E-Mails die einige von uns Woche für Woche bekommen.

Viele dieser ellenlagen Schreiben enthalten das Versprechen, militärische Gegenstände von unglaubwürdiger Größe in den Anus des Empfängers zu rammen; was vermutlich mehr über die Absender verrät als diesen lieb sein kann. Am Anfang – das ist inzwischen einige Jahre her – haben solche Briefe mich beunruhigt. Nach einer Weile – nachdem ich erkannte, dass die meisten dieser sprachgewandten Ritter auf der anderen Seite des Atlantiks leben, keine Reisepässe besitzen und kaum wissen, wo sie Großbritannien auf einer Landkarte verorten sollen – hörte ich auf, mir Sorgen zu machen. Um in diesem Spiel zu bestehen, braucht man eine Haut aus Wolframstahl.

Doch durch diese unflätigen Reaktionen machen die Leugner des vom Menschen verursachten Klimawandels dem Streitthema ein zweifelhaftes Kompliment. Die Bösartigkeit ihrer Beschimpfungen, die sich gegen die Autoren von schwer verständlichen Baumring-Untersuchungen in Sibirien oder von Analysen der Ozeanchemie richten, bezeugen doch gerade, wie wichtig die Klimaforschung ist und welche politische Bedeutung ihre Ergebnisse haben müssen.

Die jüngste, und zum Glück letzte Untersuchung der gehackten E-Mails der Climate Research Unit (CRU) an der Universität von East Anglia, wird nichts dazu beitragen, um diese Flut an Schmutz und Wut einzudämmen. Die beiden vorangegangenen Untersuchungen, die das CRU beide entlasteten, wurden unmittelbar als Teil einer ständig wachsenden Verschwörung identifiziert (der inzwischen ein ganz beachtlicher Anteil der Weltbevölkerung angehört). Und so helfen die Schmähungen, denen die Klimaforscher ausgesetzt sind, durchaus zu erklären – wenn nicht sogar zu entschuldigen – weshalb die Kommentare in ihren E-Mails so unbeherrscht waren.

Beinahe alles, was über diese E-Mails gesagt wurde, ist falsch. Ihr Inhalt wurde wild und absichtlich fehlinterpretiert, ihre Autoren verteufelt, ihre Implikationen aufgeblasen. Doch eine Handvoll Vorwürfe erschienen doch von Belang. Ich habe kurz vor Veröffentlichung des Russell-Berichts noch einmal für mich zusammengefasst, welche die vier Schlüsselpunkte der Anklage sind, die beantwortet werden müssen. Hier sind sie, nach Wichtigkeit geordnet:

1. Der Verlust der Dokumente einer chinesischen Wetterstation. In einem Paper, das 1990 von Phil Jones, dem späteren Leiter des CRU, verfasst worden war, behauptete dieser, beinahe alle chinesischen Wetterstationen, deren Ergebnisse er verwende, seien immer noch an Ort und Stelle. Diese Behauptung sollte belegen, dass die Temperaturanstiege an diesen Orten nicht durch die schleichende Urbanisierung bedingt sein konnten. Später stellte sich jedoch heraus, dass die meisten versetzt worden waren, dass in vielen Fällen die Angaben über ihren Verbleib verloren waren und dass Jones und sein Ko-Autor zögerten, dies zuzugeben.

2. Unterlassung, Daten und analytische Tools öffentlich zu machen. Die Forscher wiegelten Anfragen ihrer Kritiker ab, die Zugang zu den Daten und Computercodes wollten, die sie benutzten, um ihre Temperaturgrafen zu erstellen.

3. Verwendung unzulässiger Methoden um Paper aus wissenschaftlichen Zeitschriften und den Berichten des Weltklimarats (IPCC) herauszuhalten. Einige der E-Mails zeigen, dass Wissenschaftler des CRU Papers geprüft haben, die ihre eigenen Ergebnisse widerlegen und dass sie diese anscheinend kurzerhand abgelehnt haben. Phil Jones kündigte sogar an, er werde zwei Paper aus einem IPCC-Bericht heraushalten „irgendwie – selbst wenn das bedeutet, dass wir neu definieren müssen, was Peer-Review-Literatur ist!“

4. Verhindern von Anfragen im Sinne des Gesetzes über freien Informationszugangs (FoI). Das CRU soll wiederholt versucht haben, rechtmäßige Anfragen abzuweisen. In einem Fall bat Jones einen anderen Wissenschaftler darum, E-Mails zu löschen – offensichtlich brach er damit das Gesetz. In einer anderen E-Mail riet Jones einem Kollegen am CRU fälschlicherweise zu behaupten, er habe gewisse Dokumente nicht bekommen, die sich auf ein Review für das IPCC bezogen.

Was sagt nun der Russell-Bericht zu diesen Punkten? Wie er den ersten abhandelt, ist nicht befriedigend. Die Vorwürfe werden ausgebreitet, es wird festgehalten, dass Jones in einem Interview in diesem Jahr zugegeben hat, dass der Verlust der Wetterstationen „untragbar“ sei und damit wird die Sache in der Luft hängengelassen. Der Bericht offeriert weder Ergebnisse noch besondere Schlussfolgerungen. Kein guter Anfang.

Der zweite Punkt hingegen wird klug und überzeugend behandelt. Anstatt sich einfach auf Zeugenaussagen zu verlassen, führte das Untersuchungsteam eigene Tests durch: Waren öffentlich verfügbare Daten vorhanden, die es anderen möglich machen, die Temperaturergebnisse des CRU zu reproduzieren? Sie kamen zu dem Schluss, dass die Rohdaten auf drei US-amerikanischen akademischen Seiten frei verfügbar waren und dass kompetente Wissenschaftler den Computercode, der für ihre Analyse nötig ist, in weniger als zwei Tagen schreiben können, ohne das CRU zu fragen. Das Team führte eine eigene Analyse durch und erstellte eine Grafik, die mit der des CRU beinahe identisch war.

Daraus ergeben sich vier Schlussfolgerungen. Erstens, dass alle Informationen die nötig waren, um die Ergebnisse des CRU auf die Probe zu stellen, bereits frei verfügbar waren. Zweitens, dass die wahnsinnige Aufregung, die die Kritiker um angebliche Manipulationen der Daten machten, jeder Grundlage entbehrten. Drittens war an den Computercodes der Abteilung nichts Besonderes; dementsprechend war die Aufregung, welche die Klimaforscher um das geistige Eigentum des CRU machten, ebenfalls vorgetäuscht. Und Viertens haben die Forscher des CRU durch ihre defensive Reaktion diesen künstlichen Skandal weiter angefacht.

Auch wenn es um den Ausschluss unliebsamer Paper geht, ist der Bericht – größtenteils – überzeugend. Er demonstriert, wie entscheidend der Kontext ist. Eine einzelne E-Mail legt nahe, dass ein Herausgeber versucht, ein Paper, dessen Fazit er ablehnt, von der Veröffentlichung auszuschließen. Doch wenn man den ganzen E-Mail-Verkehr liest, dann stellt sich heraus, dass dies der allerletzte Schritt eines mühsam fairen Ablaufs war. Der Bericht belegt außerdem, dass der Auswahlprozess des IPCC sehr streng war, dass es keine Papers gab, die unrechtmäßig ausgeschlossen wurden und dass Jones sich nicht alleine für den Ausschluss entschied, ja dazu gar nicht in der Lage gewesen wäre. Doch der Fall, der den eindeutigsten Beweis für einen unfairen Ausschluss hätte liefern können – Jones’ scheinbar platte Ablehnung eines Papers, in dem der schwedische Wissenschaftler Lars Kamel seine Ergebisse in Frage stellte – wurde nicht untersucht.

Russells härteste Ergebnisse betreffen die Frage nach dem freien Informationszugang. Auch in diesem Fall waren die Forscher selbst ihr schlimmster Feind: Ihre „nicht hilfsbereite“ und „übermäßig defensive“ Reaktion löste eine ganze Welle von Anfragen im Rahmen des FoI-Gesetzes aus, die schließlich drohte, sie zu erdrücken. Doch der Bericht macht dafür „dass konsequent unterlassen wurde, das nötige Maß an Offenheit zu zeigen“ zu gleichen Teilen das CRU und die Universität verantwortlich. Ob Jones in diesem Fall gesetzeswidrig gehandelt hat, wird nicht kommentiert.

Alles in allem belegt der Bericht überzeugend, dass es keine Anzeichen für Bestechung, Manipulation oder einen Mangel an Genauigkeit oder Aufrichtigkeit seitens der Wissenschaftler des CRU gab. Die Wissenschaft ist intakt; der Weltklimarat wurde nicht beschädigt.

War ich also im Unrecht, als ich kurz nachdem der Skandal bekannt wurde, Jones’ Rücktritt forderte? Alles in allem glaube ich, dass dem so ist. Er hat einige wirklich dummen Dinge gesagt. Bisweilen hat er die wissenschaftlichen Prinzipien der Transparenz und Offenheit verletzt. Er hat vielleicht sogar gegen das Gesetz verstoßen. Aber er ist auch in einer Weise provoziert worden, dass er unmöglich die Geduld behalten konnte. Ich denke deshalb -vor dem Hintergrund dessen was ich nun gesehen und gelesen habe –, dass ich meinen Artikel heute damit beenden würde, Phil Jones solle bleiben. Wenn auch mit Hängen und Würgen. Ich hoffe, dass ihm der jüngste Bericht etwas Frieden verschafft.

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

17:27 08.07.2010
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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