Die beschissene Diktatur

Cannes In Cannes macht ein Dokumentarfilm über das Erdbeben von L'Aquila Furore: "Draquila" kritisiert Silvio Berlusconi Gebaren - und stößt auf Verärgerung beim Kulturminister

Der Dokumentarfilm Draquila – L’Italia che trema der Satirikerin Sabina Guzzanti sorgte für Kontroversen, seit er in die Auswahl des Filmfestivals in Cannes aufgenommen wurde. Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi kündigte an, er werde Cannes aus Protest fernbleiben. Guzzanti ist eine entschiedene Kritikerin der Regierung Berlusconi. 2005 hatte sie bereits das Drehbuch zu der aufrührerischen Dokumentation Viva Zapatero! geschrieben, die es wagte, Berlusconis Kontrolle über die staatlichen Medien und deren tägliche Zensur vorzuführen.

Guzzanti eröffnet Draquila im Stile Michael Moores mit einem cartoonesquen Intro: „Era pena iniziata la primavera nella bella peninsula e per Silvio Berlusconi era una giornata de merda, come tante altre“ – „Der Frühling war auf der wunderschönen Halbinsel erwacht und für Silvio Berlusconi war es wieder einmal ein beschissener Tag“ (Der Trailer findet sich hier). Ein weiterer beschissener Tag, voll von Sexskandalen und Richtern, die versuchen, ihn wegen mutmaßlichen Machtmissbrauchs in die Ecke zu drängen.

Das Erdbeben von L'Aquila

Doch am Morgen des 6. April 2009 erwacht Italien zu der Nachricht, dass es in den Abruzzen ein starkes Erdbeben gegegben hat, das über 300 Menschen tötete und die 70.000 Bewohner der Stadt L’Aquila, einem der historischen und kulturellen Zentren des Landes, betrifft. Für Berlusconi eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen konnte, meint Guzzanti. Wie Zorro stürmt er nach L’Aquila. Man sieht aus der Perspektive einer Nachrichtensendung, wie er Kinder umarmt und Großmütter küsst und ihnen ein Versprechen macht: „Ein neues Zuhause, noch vor dem Herbst, komplett möbliert, mit einem Kuchen auf dem Tisch und einer Flasche Sekt im Kühlschrank.“

Die Bewohner von L’Aquila wurden schleunig in Hotels oder in von der Armee bewachten Zeltstädten untergebracht. Dort warteten sie darauf, dass Berlusconis Maurer eine neue Stadt für sie bauen würden. Guzzanti interviewt einige der Bewohner, denen verboten wurde, in ihre Häuser zurückzukehren – obwohl diese vom Erdbeben nicht betroffen waren. Der Film begleitet den Bürgermeister von L’Aquila, wie er alleine nachts durch seine Geisterstadt streift, vorbei an einer Kirche, deren Meisterwerke aus der Renaissance, gesprungen und beschmutzt, dem Zahn der Zeit überlassen wurden.

Wo bleibt die Opposition?

Der wichtigste Teil des Films ist jedoch der, in dem Guzzianti vorführt, wie der Katastrophenschutzbehörde die volle Kontrolle über den Wiederaufbau übertragen wurde. Sie zeigt auf, wie die Behörde von Guido Bertolaso (der selbst wegen mutmaßlicher Korruption angeklagt ist) geführt wird, und sie unterstellt, dass er Bauverträge an von ihm favorisierte private Firmen vergeben hat. Berlusconi soll mittels einer Reihe von Dekreten die Behörde ermächtigt haben, in Fällen nationalen Notstands und bei jeder Form von „Großereignis“ alle Entscheidungen zu treffen. Die Behörde greift nicht nur im Fall von Erdbeben ein, sondern auch, wann immer der Papst eine Stadt besucht oder wenn nationale Sportveranstaltungen organisiert werden müssen.

Wo bleibt die Opposition, wo bleiben die Journalisten, fragen wir uns da. Laut Guzzanti ist nichts von ihnen zu sehen – oder es ist ihnen nicht möglich, sich Gehör zu verschaffen beziehungsweise über die Tatsachen zu berichten. Am Ende des Films erzählt ein alter Italiener der Kamera: „Wäre ich 25, dann hätte ich nach dem Erdbeben das Land verlassen. Doch dann habe ich gedacht, dass die Diktatur, in der wir leben, keine Diktatur mit Terror und Folter ist. Es ist einfach eine beschissene Diktatur.“ Guzzanti sieht ihren Film als „eine Betrachtung über das autoritäre Abdriften des Landes“.

Draquila ist der italienische Film, von dem Berlusconi nicht möchte, dass Sie ihn sehen. Umso wichtiger ist es eben das zu tun, sobald er in die Kinos kommt oder auf DVD verfügbar ist.



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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Agnès Poirier | The Guardian

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