„Ich verdiene jetzt mehr und zeige das auch“

Porträt Megan Rapinoe legt sich als US-Fußballheldin mit Trump an und kämpft öffentlich für gleiche Bezahlung und Schwulenrechte
„Ich verdiene jetzt mehr und zeige das auch“
Die Rolex ist echt, guck, wie sie glänzt

Foto: Dylan Coulter / Guardian / Eyevine

Wenige Wochen nachdem die US-Fußball-Nationalelf der Frauen mit ihrer WM-Siegesparade Midtown Manhattan zum Stillstand gebracht hat, versucht Megan Rapinoe noch immer, von diesem Höhenflug zurück auf den Boden zu kommen.

Wİr sind in Los Angeles, ein Freundschaftsspiel gegen Irland steht an. Rapinoe, schlank, wacher Blick, immer leicht amüsiert, denkt an die Wochen, die hinter ihr liegen. „Wie lange hält ein Rausch an?“, sagt sie und lacht. „Wenn man durch ein solches Hoch geht, ist das Ab programmiert. Noch denken wir alle: ‚Das ist einfach fantastisch.‘ Aber ich versuche auch wieder zurück in die Normalität zu finden.“ Rapinoe war eine mittelprächtig bekannte Sport-Celebrity und wurde im Laufe des Turniers zu einer Ikone – „dank einem dieser kulturellen Vorfälle, die manchmal passieren“, wie sie mit einem gewissen Understatement sagt. Sie meint damit nicht nur ihren öffentlichen Schlagabtausch mit US-Präsident Donald Trump, sondern ihr gesamtes politisches Auftreten.

In einem vor der WM aufgenommenen Video, das sich während des Turniers viral verbreitete, sagte sie auf die Frage nach einer möglichen Siegesfeier: „Ich gehe nicht in das verdammte Weiße Haus.“ Das US-Team der Frauen ist das erfolgreichste in der Geschichte des Sports: Es hat vier Weltmeisterschaften und vier olympische Goldmedaillen gewonnen – und seit dem ersten Spiel im Jahr 1985 drei Viertel aller Begegnungen. Die US-Männermannschaft kam nach einem dritten Platz im Jahr 1930 nicht mehr über das Viertelfinale hinaus.

Das Wort, das in den vergangenen Wochen am meisten benutzt wurde, um Rapinoe zu beschreiben, war „kompromisslos“, im Sinne von: „macht keine Anstalten, sich zu entschuldigen“. Nicht dafür, dass sie lesbisch ist, nicht für ihre politischen Ansichten, und sie ist ohne Abstriche stolz auf sich und ihre Teamkolleginnen. Die Angewohnheit, mit stolzgeschwellter Brust die Arme in die Luft zu werfen, um den Beifall des Publikums zu empfangen, ist im Männerfußball eine Standardgeste. Bei Rapinoe machte sie Schlagzeilen. Bei der Siegesparade küsste sie die Trophäe und rief: „Das habe ich verdient!“ Die 34-Jährige, Fans nennen sie „Pinoe“, bringt nicht einmal ein Twitter-Rüffel von Trump aus der Fassung. Nach ihrer bissigen Bemerkung twitterte der haufenweise Nachrichten, in denen er das Team lobte, Rapinoe aber Respektlosigkeit gegenüber „unserem Land, dem Weißen Haus und unserer Flagge“ vorwarf.

Hand aufs Herz? No!

„Das ist lächerlich und absurd“, erklärt sie, „ehrlich, er ist eine Witzfigur.“ Rapinoes Timeline explodierte, aber Kommentare über sich, sagt sie, lese sie ohnehin nie. Sie sei es gewohnt, dass Leute auf ihrem Twitter-Feed verrückt spielen.

2016 erlebte sie das, als sie vor einem Spiel während der Nationalhymne kniete – eine Geste des Protests, die der NFL-Star Colin Kaepernick eingeführt hatte, um Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner anzuprangern. Damals schrieb sie: „Ich habe übertriebenen Polizeieinsatz, Racial Profiling, Polizeigewalt oder den Anblick des toten Körpers eines Familienmitglieds auf der Straße selbst nicht erlebt. Aber ich kann nicht tatenlos zusehen, wenn es in diesem Land Menschen gibt, die mit solchem Schmerz zu kämpfen haben.“ Kurz darauf verpflichtete der US-Fußballverband alle Spielerinnen und Spieler, während der Hymne „respektvoll“ zu stehen. Daran hielt sich Rapinoe bei der Weltmeisterschaft, aber anders als ihre Teamkolleginnen legte sie nicht die Hand aufs Herz und sang nicht mit.

Was immer man von Trump hält, online von einem der mächtigsten Männer der Welt angeblafft zu werden, würde die meisten verunsichern. Hat sie wirklich keine Sekunde gedacht: „Was hab ich getan?“ „Nur ganz kurz, als ich mich fragte: ‚Hat das negative Auswirkungen für die Mannschaft?‘ Das wollte ich nicht. Aber meine Schwester und ich haben keine Furcht vor Autoritäten.“ Ihre zweieiige Zwillingsschwester Rachael war früher auch Fußball-Profi. „Wenn jemand seine Macht ausnutzt, um Menschen zu manipulieren, treibt mich das zur Weißglut. Ob das in meiner Jugend ein Lehrer war, oder jetzt Donald Trump.“

Trump brachten seine Widersprüche ins Schleudern. „Wir verkörpern alles, was er liebt“, erklärt Rapinoe – Sportlerinnen, Gewinnerinnen, US-Team –, „nur sind wir eben auch mächtige, starke Frauen. Er liebt uns, er hasst uns, er wollte, dass wir ins Weiße Haus kommen – gleichzeitig droht er uns.“ Wenn Trump twittert: „Megan sollte GEWINNEN, bevor sie REDET!“, empfindet sie das als Druck? Nein, nicht die Elfmeter-Veteranin Rapinoe, für die Verlieren einfach dazugehört. „Ich habe schon eine Weltmeisterschaft in den letzten Minuten verloren“ – im Elfmeterschießen gegen Japan 2011, nachdem die USA lange geführt hatten. „Soll man sich vielleicht darin suhlen? Ich nicht. Ich mache weiter. Ich analysiere auch nicht zu viel, ich schaue mir hinterher selten Videos von den Spielen an. Man weiß immer, dass der nächste Sieg bald kommt.“

Megan America Great

Die Torschützenkönigin und beste Spielerin der Fußball-WM 2019 sowie Co-Kapitänin des US-Fußballteams begann 2009 ihre Profikarriere bei den Chicago Red Stars. In den folgenden zehn Jahren spielte Megan Rapinoe für verschiedene Clubs in den USA und Australien, wechselte dann 2013 nach Lyon in Frankreich zum vielleicht stärksten Frauen-Fußballverein über-haupt und im selben Jahr zu ihrem derzeitigen Team in Reign bei Seattle.

Beim Empfang der Weltmeisterinnen in New York am 11. Juli hielt Rapinoe eine sechsminütige Rede, die auf Social Media von Millionen Userinnen und Usern geteilt wurde. In ihrer Rhetorik, ihrem Charme und der Über- zeugung erinnerte sie viele an den Bürgerrechtler Martin Luther King. „Wir müssen besser werden. Wir müssen mehr lieben, weniger hassen. Wir sollten mehr zuhören, weniger reden. Es ist unsere Aufgabe, die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, rief Megan Rapinoe. Die 34 Jahre alte Kalifornierin setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte der LGBTQ-Bewegung ein, wofür sie gefeiert, aber auch bekämpft wird. In einer New Yorker U-Bahn-Station wurden Plakate mit dem Bild von Rapinoe mit Beleidigungen beschmiert.

Für ihr politisches Engagement wird sie auch öffentlich angegriffen. Ein Kommentator des konservativen Senders Fox News sagte zum Beispiel: „Du bist da, um einen Ball zu kicken. Schieß den Ball, besiege andere Teams, zeige deinen amerikanischen Geist. Das ist alles, was wir brauchen.“ Das New Yorker Blatt Daily News wiederum titelte nach der Rede: „Megan America Great.

Mutter als Vorbild

Diese Haltung hat auch mit ihrer Erziehung zu tun. Sie und ihre Schwester wuchsen gemeinsam mit drei weiteren Geschwistern in der kleinen konservativen Arbeiterstadt Redding im Norden von Kalifornien auf, wo ihr Vater Brian eine Baufirma leitete. Mutter Denise, die als Kellnerin arbeitete, war ein Vorbild. Die Großeltern waren Alkoholiker, als zweitältestes der acht Kinder zog Megans Mutter in dem chaotischen Haushalt praktisch ihre jüngere Schwester groß. „Meine Großeltern starben, als meine Mutter jünger war als ich jetzt. Sie ist tough, mental stark und nimmt die Dinge dennoch leicht.“

Als Teenager gab es eine kurze Phase, in der Rapinoe sich unwohl in ihrer Haut fühlte. Sie war beliebt, auf der Highschool in Kalifornien war sportliche Leistung ein Garant für Popularität. Sie war sehr gut im Fußball und ein Lauf-Ass. „Als Kind war ich selbstbewusst. Ich hatte Humor und soziale Kontakte fielen mir leicht. Aber dann fühlte sich etwas merkwürdig an. Ich dachte, das geht vorbei. Als mir klar wurde, dass ich homosexuell bin, war das wie: ‚Ach, das ist es!‘ Danach konnte ich durchstarten.“

Ihr Coming-out während des Studiums in Portland empfand sie nicht als traumatisch. „Ich habe nicht mit mir gerungen. Ich war offensichtlich lesbisch. Jemand hätte es mir früher sagen sollen“, scherzt sie. „Es war seit meiner Kindheit klar.“ Sie genoss es sogar, nicht zum Mainstream zu gehören. „Wem es nicht passte, der hatte in meinem Leben nichts verloren.“ Ihre Eltern hingegen besorgte, was die Leute sagen würden. Sie fürchteten, sie könnte es schwerer haben.

Politisch war ihr Zuhause nicht. „Ich bin mit Werten wie Gleichberechtigung aufgewachsen, aber sie wurden nie ausgesprochen. Meine Eltern sollten eigentlich beide links sein, demokratisch wählen – besonders meine Mutter –, ich verstehe nicht, wieso sie es nicht tun. Ich bin ihnen sehr ähnlich, obwohl ich glaube, dass mein Vater Trump gewählt hat. Ich sage immer: „Wie kannst du so stolz auf mich sein und gleichzeitig Fox News gucken, wo sie auf deiner Tochter herumhacken?“

Es gab Krach, aber das enge Verhältnis ist geblieben: „Nur weil ich aus einer konservativen Stadt komme, sagte ich ja nicht, mit denen rede ich nicht mehr. Ich spreche jeden Tag mit meinen Eltern. Und ich habe Fortschritte erlebt.“ Sie ziehe ihre Energie aus einer sehr engen Gruppe von Menschen – „meiner Mutter, meiner Zwillingsschwester, meinen besten Freunden und Sue“. Rapinoes Lebensgefährtin Sue Bird ist ein WNBA-Basketballstar und viermalige Olympiasiegerin, sie haben sich bei den Spielen in Rio kennengelernt.

Das Theater auf dem Spielfeld und das, was Rapinoe den „reisenden Zirkus“ nennt, sind kommerziell notwendig für den Frauenfußball, der sich vor dem Hintergrund ungleicher Investitionen profilieren muss. Anfang des Jahres haben Rapinoe und ihre Teamkolleginnen den US-Fußballverband US Soccer wegen „institutionalisierter Geschlechterdiskriminierung“ verklagt. Die durchschnittliche Spielerin verdient auf Vereinsebene deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen, gleichzeitig wird in den Frauenfußball dort deutlich weniger Geld gesteckt. Am Tag unseres Treffens konterte Verbandspräsident Carlos Cordeiro mit der Erklärung „US Soccer habe der Frauen-Nationalmannschaft zwischen 2010 und 2018 mehr Geld bezahlt als unserer Männer-Nationalmannschaft“, zudem hätten nur Frauen zusätzliche Leistungen wie eine Krankenversicherung erhalten. Rapinoe verdreht die Augen. „Wir haben in den letzten zehn Jahren wahrscheinlich 85 Prozent unserer Spiele gewonnen. Und dafür haben wir nur acht Millionen Dollar mehr bekommen? Ich sage nur: drei WM-Endspiele und zweimal Gold.“

Recht auf Rolex

Rapinoe will Frauen ermutigen, offener über Geld zu sprechen. Sie trägt eine goldene Rolex, die sie sich selbst für den WM-Sieg geschenkt hat: „Ich rede in letzter Zeit absichtlich über Geld. Männer zeigen damit: ‚Ich bin der Beste‘, Frauen sprechen nicht darüber – was uns sehr schadet. Ich frage: Wie viel nimmst du für einen Auftritt? Wie viel bekommst du von Nike? Es ist ein bisschen unangenehm, aber wenn man damit anfängt, verliert es das Stigma. Ich verdiene jetzt viel mehr, also zeige ich es auch.“

Sie will nicht, dass man sie falsch versteht. „Wir sind nicht arm. Ich verdiene mindestens eine halbe Million Dollar pro Jahr. Aber das bedeutet nicht, dass das, was wir bekommen, gerecht ist.“ Ungerechtigkeit anzusprechen hält sie für eine Pflicht. Die Leute hören ihr zu. „Ich bin irgendwie charmant und berühmt. Also ...“ Rapinoes direkte Art kann selbstgefällig, selbstgerecht oder egoistisch wirken, all das hat man ihr vorgeworfen. Aber wenn man ihr direkt gegenübersitzt, hat man eher den Eindruck, dass sie sich einfach nicht um die Wahrheit drückt.

Sie will politisch etwas bewirken: „Beispiel Homosexuellen-Rechte: Wir haben einiges bewegt. Immer mehr Spielerinnen haben ihr Coming-out. Dadurch, dass man ständig darüber spricht, werden Stereotype abgebaut. Bei mir sagten die Leute: „Okay, du hast kurze Haare, verstehe. Die Jüngeren, die brauchen kein Coming-out, sie haben nie etwas versteckt.“ Die Politik, die Siegesfeier, der Kampf für gleiche Bezahlung, die Haare – sie will Raum einnehmen. Als Rapinoe ihrer Freundin am Abend vor der Abreise zur WM eröffnete, dass sie ihr Haar rosa färben würde, fragte Bird: „Kurz bevor du auf der größten Bühne deines Lebens stehst?“ Rapinoe antwortete: „Genau deshalb.“

Emma Brockes ist Guardian-Autorin

Übersetzung: Carola Torti
06:00 20.11.2019
Geschrieben von

Emma Brockes | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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