Meine Fabrik, meine Mitbestimmung

Zukunft In einer besetzten Chemie-Fabrik in Thessaloniki erproben Arbeiter und Anwohner ein Leben jenseits des Kapitalismus

Man könnte die Frauen und Männer der Viome-Fabrik Arbeiterinnen und Arbeiter nennen – das würde es aber noch nicht einmal annähernd beschreiben. Versuchen wir es stattdessen mit: einige der mutigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Oder: Organisatoren eines der erstaunlichsten sozialen Experimente, die es gegenwärtig in Europa gibt.

Auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise, eines Tages im Jahr 2011, stempelten die Mitarbeiter der Viome-Fabrik ein, um sich mit einem existenziellen Dilemma auseinanderzusetzen. Die Besitzer des Mutterkonzerns waren pleitegegangen und hatten die Anlage in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, aufgegeben. Von hier an hätte sich das Drehbuch eigentlich von selbst geschrieben: Die Fabrik, in der Chemikalien für die Bauindustrie hergestellt wurden, würde geschlossen werden. Sofortige Stellenstreichungen würden Dutzende Familien in Armut stürzen. Griechenland befand sich mitten in der größten Wirtschaftskrise, die die EU je erlebt hat. Die Aussichten der Arbeiter auf einen neuen Job waren daher gleich null.

Also entschieden sie sich, die Produktionsstätte zu besetzen. Und nicht nur das: Sie stellten sie grundlegend auf den Kopf. Vor einigen Wochen habe ich dort ein paar Tage als Reporter verbracht. Die Fabrik sieht aus, wie eine Fabrik eben aussieht. Hinter der Fassade aber eröffnet sie den Blick in eine mögliche Zukunft.

Zunächst einmal ist niemand hier der Boss. Es gibt keine Hierarchie, jeder verdient das Gleiche. Traditionell wird in Fabriken nach dem Modell der Fließbandfertigung gearbeitet, bei dem jeder jeden Tag ausschließlich die gleichen, ein- oder zweiminütigen Handgriffe verrichtet: Einer fügt das Display ein, eine bringt die Schutzhülle an, einer verpackt das Smartphone. In Thessaloniki kommen alle um sieben Uhr morgens auf einen schlammschwarzen griechischen Kaffee zusammen und besprechen, was für den Tag ansteht. Erst dann werden die Aufgaben verteilt. Und ja: Alle sind mal dran mit Toilettenputzen.

Lassen Sie das einmal auf sich wirken. Eine Gruppe Männer im mittleren Alter, die über ihr gesamtes Berufsleben hinweg Anweisungen erhalten haben, was sie wann zu tun haben, ergreifen Besitz von ihrem Arbeitsplatz, von ihrem eigenen Arbeitsleben. Sie werden ihre eigenen Chefs und verschreiben sich sofort Prinzipien größtmöglicher Gleichheit.

Die Nasen der Nachbarn

„Vorher habe ich immer nur eine Sache gemacht und hatte keine Ahnung, was die anderen so tun“, erinnert sich Dimitris Koumatsioulis, der hier 2004 angefangen hatte. „Jetzt haben wir uns alle zusammengetan. Wir haben das Konzept des ‚Ich‘ vergessen, können kollektiv als ‚Wir‘ agieren.“

Die andere massive Veränderung ist die zwischen der Fabrik und ihrem Umfeld: Die Arbeiter konnten ihre Arbeitsstätte nur „zurückgewinnen“, so sagen sie vor Ort, weil ihnen die Einwohner Thessalonikis dabei halfen. Immer, wenn Vertreter der ehemaligen Besitzer kamen, um Geräte und Maschinen zu beschlagnahmen, was ihnen von Gerichts wegen erlaubt worden war, bildeten hunderte Menschen eine Kette um die Fabrik. Ich habe Anwälte von Viome vergebens um einen Kommentar gebeten.

Als die Arbeiter sich mit den Menschen aus dem Viertel berieten, was sie künftig produzieren sollten, lautete eine Forderung, sie sollten aufhören, Chemikalien für die Bauindustrie herzustellen. Jetzt fertigen sie vorwiegend Seife und umweltfreundliche Reinigungsmittel: sauberer, umweltfreundlicher und wesentlich angenehmer für die Nasen der Nachbarn.

Die Mitarbeiter nutzen das Gebäude auch als Anlaufstelle für Geflüchtete. Einmal pro Woche wandeln sie die Büros in eine kostenfreie Zweigstelle der Sozialklinik für Menschen um. Das griechische Gesundheitssystem wurde völlig kaputtgespart, sein Umgang mit Geflüchteten ist mitunter grausam – beides versuchen die Viome-Leute zu kompensieren.

Dort, wo der Staat zusammengebrochen ist, der Markt ihre Arbeitskraft nicht mehr nachfragt und die Klasse der Bosse das Weite gesucht hat, versuchen diese 26 Arbeiterinnen und Arbeiter die Lücken zu schließen. Der Kapitalismus hat diese Menschen fallen gelassen. Jetzt betrachten sie ihn selbst als gescheitertes Modell.

Ihr Projekt sei der Beweis dafür, „dass eine andere Wirtschaftsweise machbar ist“, meint Viome-Arbeiter Makis Anagnostou. In großen Unternehmen hält Sicherheitspersonal die Öffentlichkeit auf Abstand. Man gibt seine politischen Ansichten am Fabriktor ab und tut fortan das, was einem Vorgesetzte sagen. Wir reden von Work-Life-Balance, als wären die beiden Pole einander völlig entgegengesetzt. Bei Viome sind sie eng miteinander verbunden.

Theater in der Fabrik

Am Abend meiner Ankunft kamen Gäste zu einer Benefizveranstaltung für Viome in die Fabrik. Sie saßen auf Plastikstühlen inmitten des Lagerhauses und sahen sich ein Stück von Dario Fo an, das eine griechische Theaterkompanie aufführte. Die Hauptdarstellerin änderte ein paar Zeilen ab und bezog sie auf die Fabrik vor Ort: „Sie verkaufen überall ihre Seife und jeder kauft sie!“ Das Publikum jubelte, einige wischten sich Tränen aus den Augen.

Was bei Viome geschieht, ist kostbar, aber es ist auch gefährdet. Vom Dach des Gebäudes ist das riesige Anwesen zu sehen. Hier waren einst 350 Menschen angestellt, jetzt arbeiten 26 in einer kleinen Ecke des Geländes. Sie verdienen genauso viel, wie wenn sie Arbeitslosenhilfe erhalten würden. Wenn es Nacht wird, hält immer einer Wache – für den Fall, dass jemand von den Alteigentümern zurückkommt. Tagsüber dient eine Reihe leerer Fässer als Barrikade.

Trotz all dieser Fragilität sollten Europäer nach Viome kommen und sich ansehen, wie Demokratie aussehen kann, wenn sie von den Menschen selbst ausgeübt wird.

Aditya Chakrabortty ist leitender Wirtschaftskommentator des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 25.09.2017
Geschrieben von

Aditya Chakrabortty | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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