Teures Tor zum Universum

Weltall Die Internationale Raumstation kostet astronomische Summen. Die USA wollen sie nicht länger tragen. Deshalb wird der Außenposten im All jetzt wirklich: international
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Es ist das Projekt mit den höchsten Fixkosten der Welt. Der einzige lebende, atmende Außenposten des Planeten, aus funkelnder Hardware von der Größe eines Fußballfeldes, mit einem Wert von 100 Milliarden Dollar. Ein heller Wanderstern am Nachthimmel. Eine in sich geschlossene, aber sich nicht selbst tragende Welt; ein Unfall, der darauf wartet zu passieren und eine Gelegenheit, die wahrgenommen werden will. Die Internationale Raumsstation ISS war ein Traum der Apollo-Ära, geprägt von den Vorstellungen der 1970er, den Jahren des kalten Krieges. Sie erhielt ihre Legitimität durch den Auftrag, den Sowjets technologisch die Stirn zu bieten und wurde als Geste in Richtung der neuen russischen Förderation von Präsident Clinton gerettet.

Letzte Treibstofflieferung der Nasa

Doch erst in diesem Monat wird die Internationale Raumstation der USA wirklich international. Ein unbemannter russischer Progress-Raumtransporter und ein japanisches Fahrzeug namens Kounotori, Weißer Storch, haben bereits an die Raumstation angedockt . Sie versorgen die Station mit Lebensmitteln und Benzin und werden als vorübergehende Unterkünfte ausharren, bis sie die Station als Müllentsorgungseinheiten wieder verlassen. In der kommenden Woche soll dann ein Frachttransporter der europäischen Raumfahrtsbehörde namens Johannes Kepler dazustoßen, der noch einmal mehr als sieben Tonnen Treibstoff, Vorräte und Sauerstoff geladen hat. Später im Februar werden das Space Shuttle Discovery und seine Astronauten sich auf ihrer letzten Mission der Gesellschaft anschließen. Im April dann wird das Shuttle Endeavour die letzte Hardware liefern und dann ebenfalls in Rente gehen. Das verbleibende Shuttle Atlantis steht für eine letzte Mission im Juni bereit.

Danach werden Treibstoff, Lebensmitteln, Wasser, Sauerstoff, Haushaltswaren, Experimentiergerät und Ersatzteilen nicht mehr von der Nasa geliefert, sondern von den Partnern. Müssen die Toiletten der Station entleert werden, kümmern sich Moskau, Paris oder Tokio darum. Gerät die Station in eine Gefahrenzone, übernimmt ein europäischer oder russischer Traktor die schweren Hubarbeiten. Wollen die Menschen an Bord der ISS nach Hause, müssen sie an Bord eines russischen Sojus-Rettungsbootes gehen. Jeder Start eines Shuttles hat die Nasa 500 Millionen Dollar gekostet. Sie kann sich den Betrieb der Flotte nicht länger leisten und will sich künftig auf die Privatwirtschaft verlassen. Es bestehen Verträge mit zwei Raumfahrtunternehmen, von denen bislang allerdings noch keines in der Lage ist, Güter oder Menschen zu einem sich bewegenden Ziel in mehr als 320 Kilometern Höhe zu transportieren.

Fitnessraum ohne oben und unten

Die ISS wird bis auf weiteres das kostspieligste Projekt aller Zeiten bleiben. Zu erklären, dass sie nie hätte gebaut werden sollen, ginge aber am Wesentlichen vorbei. Sie ist seit über zehn Jahren besetzt: Ein Apartment in luftiger Höhe, in welchem Menschen sich im langfristigen Überleben in der Mikrogravitation üben können. Ein Fitnessraum, in dem kein oben oder unten existiert. Eine Beobachtungsplattform, unter der die Erde sich alle neunzig Minuten dreht. Und jenseits davon das grenzenlose Universum. Jede zukünftige Reise zum Mond oder Mars wird auf Grundlage des auf der ISS Gelernten geschehen.


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Geschrieben von

Guardian Editorial | The Guardian

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