Fernando Pessoa und Portugal. Eine Analyse

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Er sei so schnell gelaufen, dass, wenn man sich umdrehte, das gefühl hatte, er hätte sich in Luft aufgelöst, so sagte es jemand, der ihn gekannt hat: Fernando Pessoa (1888-1935), Portugals bedeutendster Dichter der Moderne, der "Supercamoes" eines gottvergessenen Landes, der so ungewöhnlich war, das allein seine Ungewöhnlichkeit ganze Bibliotheksbände füllen könnte.

Geboren 1888 in großbürgerlichen Verhältnissen, war schon seine Kindheit durch den Verlust lieber Menschen geprägt: mit 5 stirbt der Vater (Literaturkritiker und Ministerialdirigent), mit 7 Jahren der geliebte Bruder Jorge. Und wenn auch die Mutter nicht starb, so verlor er sie auf eine andere Weise: an einen neuen Vater, den künftigen portugiesischen Generalkonsul von Durban, Süd-Afrika. Diese mehr als traumatischen Kindheitserlebnisse sind sicher eine Erklärung für die latente Infantilität des Autors und seiner Sehnsucht nach der Kindheit. Nicht erklärbar daraus sind seine frühen "Heteronyme" wie "Alexander Search" oder "Charles Robert Annon", mit denen der Bub in der Phantasie der Tristesse seines Internats in Durban entfloh. Nach seiner Rückkehr 1905 nach Lissabon lebte er dort in äußerst bescheidenen Verhältnissen und beschrieb zehntausende von Blattseiten, von denen nur ganz wenige zu Lebzeiten veröffentlicht wurden. Darin tauchen so seltsame Namen wie "Alberto Caeiro" ,"Alvaro de Campos", "Ricardo Reis" oder "Bernardo Soares" auf, hinter deren biographie und physiognomie sich der Dichter versteckte, um sein Werk quasi pseudonym und damit anonym zu schreiben und zu veröffentlichen. Diese Gestalten, die alle mehr über Pessoa sagen, als jede Biographie, wurden nach dem Tod des Dichters, der 1935 an einer Leberzirrhose starb, in der berühmten Truhe gefunden und zusammen mit tausenden anderen Texten über Jahrzehnte editiert. Bis heute ist eine stattliche Sammlung von Büchern von Pessoa in deutscher Sprache erschienen. Doch selbst bis heute ist die Edition nicht vollends abgeschlossen.

Und heute? Was kann Pessoa Portugal und der Welt, die ihn ja jetzt kennt, noch vermitteln, noch mitteilen?

Das Portugal Pessoas war eine faschistische Militärdiktatur, geprägt vom Marschall Carmona, der sich noch in den 50er Jahren mit Degen und Monokel malen lies! und eben des berühmten Antonio Salazar, des Langzeitherrschers von Portugal. Die Jugend des heutigen Portugal, modern und weltaufgeschlossen, Europa zugewandt, kann in den Texten des Autors dennoch viel von ihrer Identität finden. Die Gedichte etwa, die in "Mensagem" veröffentlicht wurden, stellen ein einzigartiges Zeitfenster in die alte portugiesische Geschichte der Entdeckungen dar und schaffen so etwas wie eine Art Esoterik der Entdeckungen, allenfalls mit den "Luisisaden" von Luis Vaz de Camoes (1524-1580) vergleichbar oder einigen Versen von Teixeira de Pascoaes, dem großen Mystiker der portugiesischen Literatur und Kultur. Wer sich heute auf Pessoa einläßt, wird feststellen, wieviel ein Mensch am Anfang des letzten Jahrhunderts als einfacher Mensch in einem Lande am Rande Europas gewußt hatte. Und für uns, hier in Deutschland? Vielleicht ist das "Ultimatum" eine interessante Sache, denn auch Deutschland wird darin ebenso wie viele andere Länder beschrieben und stellt literarisch bis heute ein einmaliger Akt der literarischen Subversion dar, denn es vorher oder nachher in dieser Form nicht mehr gegeben hat. Pessoa hat eine Reihe deutscher Autoren gelesen, von Nietzsche bis Goethe und war auch der deutschen Kultur sehr zugeneigt.

Bleiben wird von ihm etwas, was wahrscheinlich kaum jemand vermutet hätte: als der offizielle Chronist Portugals in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu gelten, der alles, vom einfachen Hirten im Alentejo bis zu den Seefahrern seiner Nation , besang und ihnen damit ein großartiges Denkmal setzte. In Portugal und überall auf der Welt.

Ende.

18.12.2010

Außerdem verweise ich auf mein Essay "Fernando Pessoa und die Exzentrik", dass dieses Jahr in der Anthologie "Prosa de Luxe" im Frieling Verlag erschienen ist und sich mit den Menschen Pessoa als Exzentriker beschäftigt und eine Seelenanalyse von Mensch und Leben darstellt.

Natürlich kann dieser Artikel nicht erschöpfend sein, doch soll er auf die Person Pessoa und sein Werk neugierig machen, das Werk, dass mein Schreiben am meisten geprägt hat.

19:19 18.12.2010
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