Rüdiger Sünner: Der Filmmystiker

Dokumentarfilm Eine Reise ins Ich, in die Welt und den Fragen des Sinns und Seins
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Alexander von Humboldt und Hildegard von Bingen, Dorothea Sölle und Reinhold Schneider. Sie waren alle Mystiker, in der einen wie der anderen Weise. Menschen, die aus Deutschland kamen, die Fragen stellten, unruhige Geister, die aufbrachen, zu neuen Ufern der Geographie, der Theologie, der Mystik oder der Literatur. In deren Reihe könnte man auch Rüdiger Sünner stellen. Seine Filme sind auch oder gerade für die heutige Zeit- absolut ungewöhnlich. Sie selbst sind Mystik, sie strahlen es aus, in ihrer Machart, ihrem Stil, in der Wahl der Mittel und der Musik, der Bilder und der Themen. Man hat das Gefühl, bei Sünners Filmen in einem anderen Universum, fernab unserer Zivilisation zu sein. Er ist der einzige lebende Regisseur in Deutschland, der derartige Dokumentationen produziert.

Sünner stellt Fragen, die selten gestellt und noch seltener beantwortet werden. Seine Filme sind sehr lehrreich, ohne wissenschaftlich daher zu kommen. Jeder kann es verstehen. Sünner muss selbst ein sehr kreativer Mensch sein, ein Mensch des Inneren, ein reicher Mensch an innerem Schauen und Begabungen. Anders lässt sich nicht erklären, warum seine Filme immer und immer wieder- wie ein Mantra- um das Thema Mystik, Gott und Natur kreisen, mit Abstechern zu Themen wie Judentum oder Rechtsextremismus. Die Dokumentationen werden selten im Fernsehen gezeigt und auch Sünner ist nicht allzuoft in diesem manchmal guten, manchmal schlechten Medium zu finden. Vielleicht kann das Format Fernsehen auch die Tiefe nicht abbilden, die die Dokus von Sünner darstellen? Ich jedenfalls freue mich auf jede neue DVD mit seinen Filmen und kann es nicht erwarten, bis Herr Sünner ganz Neues auf den Markt wirft.

Der Filmmystiker

Wenn es sowas wie eine Mystik des Films gibt, Sünner ist er einzige (über)lebende dieser Gattung in Deutschland, ja wohlmöglich weltweit. Aus Hollywood, Bollywood und anderen bedeutenden Filmnationen ist kein solcher Dokumentarfilmer bekannt. Die Filme strahlen etwas so einzigartiges, etwas so schönes aus, dass man am Ende gleich nochmal gucken möchte und fast verfällt dem Zauber des Sünnerschen Filmschaffens. Die Musik ist zumeist nicht bekannten Komponisten entnommen, scheint über-überirdisch, fast sphärisch über den Filmen zu schweben und ihnen einen speziellen Zauber zu geben. Ein wenig erinnert die Schaffensweise von Sünner an die des großen portugiesischen Filmmagiers Manoel de Oliveira. Sünner verzichtet auf Statisten, er nimmt Fotografien oder lange Einstellungen, die es aber durchaus in sich haben. Die Filme sind für kein Massenpublikum geschaffen, sie sollen in Ruhe Themen nahebringen, die oft schwierig sind oder von einer Sichtweise, wie sie bisher noch niemals gesehen wurde. Daher ist Sünner auch gleichzeitig eine Art Pionier. Manche Porträts muten intim an. Immer aber ist es leise, niemals aufdringlich. Der Ruf der Einsamkeit, eine leichte Melancholie schwebt über dem Oeuvre des Mannes, der uns die Welt auf eine magische und einzigartige Weise nahebringt. Dabei nutzt er auch klassische Arbeitsweisen des Dokumentarfilms, etwa die Stimme aus dem Off. Doch das ist so gut, so präzise eingesetzt, dass es kein Zufall sein kann: Sünner übermittelt mit den Medien- mit Bildern, mit Texten, mit Musik und mit der Macht der Stimme- seine Botschaften. Klassischen Medien, die niemals vergehen und die einen Teil unserer Kultur ausmachen.

Geistlosigkeit bekämpfen

Schon August Graf von Platen sprach in dem Gedicht "Dies Land der Mühe" Anfang des 19. Jahrhunderts davon, dass bestimmte Merkmale den Menschen hierzulande ausmachen, die alles sind- nur nicht Geist. Und auch die moderne Gegenwart ist mehr als Geistlos. Was zählt heute, vor allem hier, in diesen Breitengraden? Technik in allen Varianten, Vergötterung des Sports und des Konsums, von Fitness und Funktionalität, Krimis, Selbstoptimierung, Wirtschaft und Ökonomie, Naturwissenschaften und vor allem- Geld. Es ist vieles so geistlos, so kalt, so unmenschlich, vielleicht auch deshalb, weil immer mehr Geist fehlt? Könnte es sein- ich wage das hier mal als These zu fragen- das doch so manche Probleme unserer Kultur und Zivilisation auf eine gewisse Geistlosigkeit zurückzuführen sind? Damit meine ich nicht, dass jeder Abiturient Goethe und Schiller gelesen haben muss, jeder Bundesbürger eine Kopie von Gemälden Dürers oder Beckmanns in seiner Wohnung hängen haben sollte und auch nicht, dass man jede Partitur von Beethoven, Brahms oder Bach kennenn muss. Es ist das ganze Große, eine Frage, die Sünner in seinem Werk offenbar verfolgt, wohlmöglich auch in seinem Leben: Kann eine profane Gesellschaft ohne Geist überhaupt funktionieren? Und ist sie nicht leicht anfällig für alle Arten von Rattenfängern und falschen Ideologien? Ein klassischer, eher dilettantischer Lyriker- mag er noch so große, gute und schöne Lyrik schreiben- hat heutzutage in Deutschland ein echtes Problem. Entweder muss er dem klassisschen Literaturbetrieb angehören, in den nicht jeder hereinkommt, weil er vielleicht nicht Germanistik, Philologie, Journalistik oder Philosophie studiert hat und nicht Autor in einem ehrenwerten, etablierten Verlagshaus ist oder er muss das Gegenteil zelebrieren, die Moderne, immer auf der Suche, sich bei der Jugend anzubiedern, dem modernen anzubiedern und bei Poetry Slams herumdackeln und sicher nicht immer schlechte Texte von sich geben, aber eben Literatur feiernd in einer Weise, die mehr neoliberales Eventhaschen ist, als das Lauschen von Worten und Gedanken in einer Form, wie sie heute immer seltener wird. Sünner deutet solche Entwicklungen in seinen Filmen an, wenn er gerade den umgekehrten Weg geht und seine Dokus genau das zeigen, was beide o.g. Varianten nicht sind: Kein Mainstream, keine Masse, aber auch keine Elfenbeinturmige Sonderkultur, die so hochtrabend, so schwer ist, dass selbst Akademiker ihre Schwierigkeiten hätten. Sünner versucht genau das, was Kunst und Kultur, Philosophie und Geist eigentlich sein sollten: Der Versuch, das Schöne mit dem Verständlichen zu verbinden, ohne profan der Masse hinterherzulaufen und gleichzeitig doch auch das Allgemeine darstellen zu können. Eine schwere Sache, die offenbar erklärt, warum das Oeuvre von Sünner, was Filme angeht, so schmal ist. Es sind keine Null-acht-Fünfzehn Dokus, die man innerhalb von acht Stunden heruntergedreht hat, sondern geistreiche Filme, die Recherche und Wissen, Geist und Welt bedürften, um hergestellt und produziert zu werden.

Reise ins Ich, in die Welt und die Fernen des Universums

Was macht den Menschen aus? Oder noch besser gefragt: Was ist der Mensch? Wer oder was ist Gott? Wieso leben wir? Woher kommen und wohin gehen wir? Keine ganz neuen Fragen, sondern seit Jahrtausenden von unzähligen Philosophen, Theologen, Schriftstellern, Dichtern und anderen Geisteswissenschaftlern gestellte fragen. Und offenbar auch teilweise von Filmemachern aufgenommen. Immer wieder gab es diese Regisseure, die Filme drehten, die wir nicht verstanden, die so anders sind als das, was wir aus dem Fernsehen, von RTL oder Pro Sieben kannten. In Deutschland waren das Rainer Werner Fassbinder, Werner Schroeter, der kürzlich verstorbene Ulli Lommel und sogar Rosa von Praunheim. Sind sie nicht auch irgendwo "Filmmystiker" oder wäre es dreist, fast unverschämt, diese Männer mit Sünner auf eine Stufe zu stellen? Lommel, Fassbinder und Schroeter sind tot, doch sie suchten immer etwas in ihren Filmen, auch in den Spätwerken. Sie stellten Fragen, auch die, die in der Gesellschaft oft nicht gestellt wurden. Um Fragen zu stellen, braucht man aber eines vor allem: Geist. Stecken hinter den Werken von Fassbinder und Co. die geheimen Kodizes, das Geheime Deutschland, dass sich zwar nicht mit der Natur und Schöpfung im klassichen, aber mit der Welt und den Menschen, den indirekten Dingen beschäftigt und damit doch einen Bogen zu diesen Fragen schafft? Wenn Fassbinder in dem Film "Angst essen Seele auf" das Wort "Seele" aufleuchten lässt, wenn Schroeters "Palermo oder Wolfsburg" zeigt, wie selbst einfache Italiener Musik und Lyrik lieben und rezitieren können, dann kann- muss nicht, aber kann- etwas dahinter stecken, dass mehr fragt und zeigt, als wir das vielleicht auf den ersten Blick erahnen?! Vielleicht kann man erkennen, warum Schroeter oder auch Platen Italien so liebten, den Süden allgemein. Man kann dies natürlich auch auf Griechenland, Malta, Zypern, Spanien und Portugal ausweiten.

Sünner geht weit in seinem Werk. Er nimmt uns mit, in die Brust und zu den Sternen. Er verbindet beides: Porträt und Dokumentation, Mensch und Himmel. Ich habe viel gelernt, über Deutschland, über die Welt und das Universum, auch über mich selbst. Bei Sünner kann man gut lernen, er hat die Begabung eines Erzählers, der Wissen mit Schönem verbinden kann. Der Geist stirbt jeden Tag ein Stück in Deutschland, wenn wir nicht begreifen, dass er eine der Grundlagen für das Wesen von uns allen ist, für ein gutes, spannendes, sinnvolles Leben. Und dann sterben wir auch jeden Tag ein Stück, weil wir zu Zombies der Zivilisation werden. Und dann kann jeder mit uns machen, was er will- von der AFD bis zu Facebook, vom Fitnessclub bis zur Werbeindustrie. Ich glaube, Leben ist und sollte mehr sein. Danke Rüdiger Sünner!

Ende.

16.12.2017

14:35 16.12.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare