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Stream Ulrich Schamonis gelassen-lässiger Neuanfang „eins“ von 1971 steht restauriert als Video-on-Demand bereit
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Ein Plädoyer für menschliche Gelassenheit: Ulrich Schamonis „eins“

Foto: United Archives/Imago

Für einen fünften Spielfilm ist der Titel eins eine kuriose Wahl. Ulrich Schamoni (1939–1998) traf sie aus gutem Grund. Die heute im Schatten von Autorenfilmberserkern wie Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder etwas in Vergessenheit geratene, seinerzeit zentrale Figur unter den deutschen Jungfilmern, wollte einen Neuanfang. Locker machen, improvisieren, freier werden. Vielleicht auch deshalb setzt er sich zu Beginn von eins – entstanden ohne Drehbuch, nur anhand von ein paar Notizen – mit einem Kumpel ins Auto, tankt voll und fährt los. Raus aus München, ab nach Südfrankreich.

Das alte BRD-Kino ist oft und gern Richtung Süden gereist. Doch wenn Leute ohne klaren Lebensentwurf und in Kleidung aus der Gammlerecke diese Fahrt antreten, geht es um kleinbürgerliche Kintoppfantasien höchstens am Rande. Der Film bricht von Anfang an zu jauchzender klassischer Musik auf: Die auf grobkörnigem Material festgehaltenen Impressionen aus dem Auto heraus, die immer wieder eingefangene, zwischen Bäumen aufblitzende, fast tanzend wirkende Sonne, überhaupt die schönen Filmfarben verleihen eins im Nu den Charme von fast experimentell-abstrakten Urlaubsbildern. Dann und wann stoppt man für Tramper am Straßenrand, die Schamoni Streichhölzer ziehen lässt, um darüber zu entscheiden, wer mit darf und wer nicht.

Eine weitere BRD-Slackerkomödie also? Arbeitsverweigerung, schluffige Typen, lakonische Sprüche? Schon auch, aber nicht nur. Schamoni geht es weniger um ein romantisch hochgehaltenes Lebensgefühl. Vielmehr beobachtet er (der Film entstand 1971) dessen Hinfortdämmern. Denn die Sache mit den Streichhölzern hat einen Haken: Wer zieht, kann nur verlieren. Weil Schamoni keine Spielertypen mitnehmen will, sondern Leute sucht, die sich auf ein Risiko nicht erst einlassen. Damit die für ihn und mit seinem Kapital in den südfranzösischen Casinos nach präzise kalkuliertem System jenes Geld zurückerwirtschaften, das seiner Familie dort einst abhanden gekommen ist.

So schnell wird aus der Gammlerkomödie eine unaufgeregte Post-68er-Parabel auf das Verhältnis zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter. Während Schamoni es sich gut gehen lässt – der damalige Softsexfilm-Superstar Andrea Rau wird zu gemeinsamen Hotel- und Strandvergnügungen zwischenzeitig eingeflogen –, blasen die zum Frondienst im Anzug verdonnerten Tramper alsbald Trübsal. So kommt es zum Klassenkampf unter Schluffis: Die Debatten um den erzielten Ertrag haben etwas sympathisch Unbeholfenes und Aufgesagtes, in etwa so, als wenn Kinder gelangweilt Kaufladen spielen.

Waren Ulrich Schamonis erste Filme (von der hübschen Kreuzberger Nonsensekomödie Quartett im Bett abgesehen) noch von der Didaktik des frühen Neuen Deutschen Films gekennzeichnet, ist der Neuanfang eins von bezaubernder, kindlich verspielter Locker- und Offenheit, die auch noch den umwerfenden Nachfolgefilm Chapeau Claque (1974) prägt. Beide Male geht es um eine sanfte Ermattung, ein friedliches Ankommen in der resignativen, aber keineswegs depressiven, vielmehr verschmitzt zur Kenntnis genommenen Erübrigung. In eins mündet das in ein Wahnsinnsschlussbild: Da geht ganz langsam das Licht aus, während die Kamerablende zuzieht und die Sonne vorm Fenster dunkel zu glühen beginnt.

Vor dem Hintergrund der verbissenen Grabenkämpfe der 60er und 70er Jahre – ums Kino, um die Straße, die ASTAs und die Betten – liegt darin ein Plädoyer für menschliche Gelassenheit und eine sowieso grundsympathische, arbeitsverweigernde Haltung. Dass Ulrich Schamonis Filme gerade im neoliberalen Zeitalter auf neue Weise klingen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Regisseur landete später bei der FDP.

Info

eins Ulrich Schamoni Video-on-Demand auf alleskino.de, 88 Minuten, 2,99 €

06:00 01.04.2015
Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.
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Thomas Groh
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