Die Kinderlein kommen nicht

Festspiele-Resümée Ach, wenn man sich in Salzburg doch nur mit soviel Eifer um die Moderne kümmerte wie um Bizet. Am Ende retten Alvis Hermanis' "Soldaten" ein wenig den beschädigten Ruf

Es gilt als ausgemacht, dass zeitgenössische Musik Kindern nicht zuzumuten sei. Wer einmal observiert hat, wie Kinder lustvoll auf die Tastatur eines Klaviers einhämmern, mag bezweifeln, dass es eine angeborene Vorliebe für die Tonalität gebe. Aber wenn man will, dass Kinder Musikverständnis entwickeln, wenn man ihnen für ihr Leben das Privileg des Musikgenusses sichern will, dann muss man ihnen frühzeitig Begegnung mit Musik über das Gedudel in Radio und Kaufhausfahrstühlen hinaus ermöglichen. Die Bildungsschranken werden nicht erst bei der Reifeprüfung errichtet.

Man kann freilich darüber streiten, ob ausgerechnet die Salzburger Festspiele der richtige Ort für Musikpädagogik sind. Wenn sie sich darum bemühen, sollen sie nicht entmutigt werden. Aber irgendetwas muss schiefgelaufen sein, wenn bei einem Festival, das mit traumhaften Auslastungszahlen protzt, ein „Familienkonzert“ mit Kompositionen von Bernd Alois Zimmermann und Friedrich Cerha am Nachmittag eines Feiertags in der mittelgroßen Aula der Universität nicht einmal zu einem Viertel voll ist. So etwas darf nicht halbherzig angegangen werden.

Mehr Eifer für Kinder

Für den Escamillo, dem bei der Premiere der Carmen die Stimme abhanden kam, wurde innerhalb einer halben Stunde Ersatz gefunden. Diesen Eifer wünscht man sich auch, wenn es um Kinder und nicht um Geschäftsleute, wenn es um die Moderne, nicht um Bizet geht.

Mit seltener Einmütigkeit bejubelten Publikum und Kritik, und zwar die österreichische wie die deutsche, Die Soldaten in der Regie von Alvis Hermanis. Bernd Alois Zimmermanns Monumentalwerk gilt seit seiner Uraufführung im Jahr 1965 zu Recht als eine der bedeutendsten Opern der Nachkriegszeit. Sie schließt nach den Jahren des Nationalsozialismus, die derlei „entartete Kunst“ verbannt hatten, dort an, wo Alban Berg mit seinem Wozzeck in der Zwischenkriegszeit Maßstäbe gesetzt hatte – wie umgekehrt Büchner mit seinem Stück an Jakob Michael Reinhold Lenz anknüpfte, dessen vom Autor selbst als Komödie klassifiziertes bürgerliches Trauerspiel Zimmermann als Vorlage diente.

Alvis Hermanis entschied sich wie schon Lenz und Zimmermann für die offene Form und ein breites Panorama mit simultanen Einzelräumen, die der Regisseur und Bühnenbildner ohnedies liebt. Die Felsenreitschule kommt ihm dabei entgegen. Im Hintergrund, hinter riesigen Bogenfenstern, die Formen der Logen in der Felswand aufnehmen, sind stets die sexuell frustrierten Soldaten sichtbar, bereit, ein bürgerliches Mädchen gewissenlos zu missbrauchen.

Ruf der Festspiele gerettet

Einen besseren Dirigenten als Ingo Metzmacher kann es für dieses hochkomplexe Werk mit seinem überdimensionierten Orchester nicht geben. Wie er die komplexe Partitur in den Griff kriegt, wie er sie in räumliche Erfahrung umsetzt, wie er die Stimmen der fabelhaften Sänger, allen voran der Amerikanerin Laura Aikin als Marie, koordiniert – das macht ihm so leicht keiner nach. Die Koproduktion mit der Mailänder Scala hat den durch zwar sängerisch zum Teil imponierende, in der Inszenierung jedoch mittelmäßige Opernaufführungen beschädigten Ruf der Festspielen gerettet.

Insgesamt war dieses erste Jahr der Intendanz Pereira eher enttäuschend. Gisèle Vienne, die Preisträgerin des Young Directors Project, forderte von der Kritik mehr Respekt. Ein verständlicher Wunsch. Aber Respekt muss verdient werden. Durch Ergebnisse. Ansprüche allein reichen nicht aus.

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