Einfach anpacken: Erstes Mal Flüchtlingshilfe

Erfahrungsbericht Ein Tag als freiwilliger Helfer beim Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin
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Einfach anpacken: Erstes Mal Flüchtlingshilfe
Verteilung von Spenden vor dem Lageso in Berlin

Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

Update, 10. September: Korrektur in Nachtrag 2 unten.

Freitagmittag, halb eins. Ich betrete das Gelände des LaGeSo, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, und folge der Straße durch den Park. Früher befand sich in den Gebäuden offenbar ein Krankenhaus. Mein Ziel ist Haus R, dort würde ich mehr erfahren, wurde mir geschrieben. Auf dem Weg über das Gelände sehe ich viele Menschen, die südländisch, arabisch aussehen, aber auch viele, die vermutlich schon länger Berliner sind. Ich erblicke Zelte, um die Kinder mit bunt bemalten Gesichtern fröhlich herumrennen, Spielsachen liegen auf der Wiese verstreut. Weiter hinten gehe ich an einem Tisch vorbei, auf dem Wasser aus einem Wasserhahn gezapft und in Becher gefüllt wird. Es ist warm, die Menschen warten seit Stunden, Tagen. Dankbar trinken sie. Männer, Frauen und Kinder sitzen im Schatten der Bäume. Sie sind hier in Sicherheit, doch sie besitzen nur das, was sie am Körper tragen.

Ich orientiere mich, das Gelände ist groß. Überall Menschen. Manche Leute sagen, es kämen ja nur Männer hierher. Ich jedoch sehe viele Familien, auch alte, gebeugte Frauen, die auf Decken zwischen ihrem wenigen Hab und Gut kauern.
Vor Gebäude J wird es eng. Hunderte Menschen stehen dort, durch Absperrgitter vom Haus ferngehalten, und warten darauf, dass sie per Megaphon aufgerufen werden. Sie kommen von weit her, sind geflüchtet vor Krieg und Verfolgung. Nun warten sie hier in Moabit darauf, registriert zu werden und einen Schlafplatz zu erhalten. Das dauert, denn die Mitarbeiter des LaGeSo sind hoffnungslos überfordert mit den Massen.

Ich gehe weiter, biege um die Ecke und mir kommen mehrere Personen entgegen. Auf ihren T-Shirts klebt Klebeband mit ihren Namen. Am Haus R angekommen entdecke ich dutzende weitere Leute mit Namensklebern. In dem teils hektischen Durcheinander spreche ich einen Mann an, der mir von einem Bild im Internet bekannt vorkommt. Er heißt Franz. "Materiell oder körperlich?", werde ich zurückgefragt, als ich ihn frage, ob und wie ich mithelfen könne. Kurz darauf habe ich ebenfalls meinen Namen auf der Brust, desinfiziere meine Hände, ziehe Gummihandschuhe an und gehe zum Eingang. Da bin ich nun.

"Hallo Basti", begrüßt mich eine zierliche junge Frau Mitte Zwanzig. Auf ihrer Brust lese ich "Rey" und "Security". Sie erklärt mir, dass Security lediglich heißt, dass sie aufpasst, dass niemand ohne Namensschild ins Gebäude geht. Ich unterhalte mich kurz mit ihr, sie erklärt mir, wie das hier so alles abläuft. Essensspenden in den großen Raum, die "Küche", Kleiderspenden da hinten hin, Non-Food rechts um die Ecke abgeben. Ich unterstütze sie zunächst erst einmal beim Aufpassen, bis ich so langsam die Abläufe hier verstehe. Überall kleben handgeschriebene Zettel, im Haus stapeln sich Kartons, Tüten und Taschen, Menschen schnippeln Obst, sortieren Kleidung, packen Spenden aus und verstauen sie in Regalen. In einem langen Food-Truck, eigentlich ein Catering-Truck für Filmdrehs, wird ebenfalls Essen zubereitet. Und alle rennen und rufen durcheinander.

All die Helfer sind freiwillig hier. Viele von ihnen haben selbst Migrationshintergrund, ich höre viel Arabisch, aber auch viel Englisch. Mohammed, ein junger Araber, macht gerade die Spendenannahme. Zwischendrin fungiert er als Dolmetscher zwischen einem syrischen Flüchtlingspärchen und anderen Helfern. Immer wieder wird laut über das Gelände gerufen. "Russisch! Wir brauchen einen Übersetzer für Russisch!". Hektisch wird der Ruf weitergegeben, auch ich rufe ins Gebäude hinein und bin über meine laute Stimme selbst überrascht. Aus einer Ecke schlüpft ein junges dunkelhaariges Mädchen zwischen Kisten und Säcken hervor, ruft laut "Hier!" und sucht den Urheber des Rufs.

Immer wieder kommen Leute mit Spenden. Zu Fuß, mit Fahrrädern, mit Autos. Sie packen Taschen, Rucksäcke, Kofferräume aus und geben teilweise Unmengen an Dingen ab, vor allem aber Essen. Mehrmals wird eine Kette gebildet, so auch, als eine junge Familie mit einem Van vor der Spendenannahme hält. "Helfer! Wir brauchen Leute zum Tragen!" schallt es über den Parkplatz. Innerhalb von Sekunden stehen dutzende Menschen in einer Reihe und reichen Kisten voller Bananen, Äpfel, Nektarinen, Trinkpäckchen, Toastbrot und Käse weiter. Ich stehe am Ende der Kette, helfe mit, die Dinge im Raum zu verstauen. In der "Küche" herrscht Chaos, die Spenden türmen sich zu Bergen auf: Ich bin überwältigt von den Massen, die die Berliner hier spenden, und gerührt von der Selbstlosigkeit all der Menschen hier.

Nur eine Stunde nach meiner Ankunft bin ich kein Neuling mehr. Auf meinem Bauch steht ebenfalls "Security" und andere Helfer fragen mich Dinge, die ich ihnen trotzdem nicht beantworten kann. Immer wieder wird versucht, dem Durcheinander Herr zu werden, immer wieder werden unnötige Helfer aus der "Küche" hinausgebeten. Die Stimmung ist angespannt, aber dennoch positiv. In Stellenangeboten wird oft "Hands-On-Mentalität" gefordert – hier wird sie gelebt.

Und es sind Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Der zottelige Dennis, der beim ersten Eindruck stark an einen alten, verrückten Waldschrat erinnernt, die kleine, aber kräftig gebaute und taffe Leia, Linus, ein Araber, der kein Deutsch spricht und deshalb alle Ansagen immer auch noch auf Englisch gesagt kriegen möchte, ein glatzköpfiger junger Mann, der mir erzählt, er sei am Vortag bis Mitternacht hier gewesen, eine gutgelaunte, fülligere Frau mittleren Alters mit fehlgebildeten Armen, die die neuen Helfer mit Desinfektionsmittel und Handschuhen versorgt und viele, viele weitere, die aus der Masse weniger hervorstechen. Viele sind jung, die jüngsten vielleicht 15, doch auch ein paar Ältere sind dabei. Jeder duzt jeden, alle packen an, haben dasselbe Ziel. Insgesamt sind es mit Sicherheit an die 50 Helfer. Und ich mittendrin. "Rumänisch!? Spricht jemand Rumänisch?", ertönt es laut vom Mann im blauen Shirt. Niemand meldet sich. Es sind eben alles nur Freiwillige.

So auch Nadine, eine sommersprossige junge Frau mit Kopftuch, die neben mir einen kleinen Jungen auf dem Arm hält und ihm liebevoll einen Kuss gibt, während jemand etwas für ihn aus dem Gebäude holt. Ich lerne Finn kennen, einen Physikstudenten, der gerade für seine Masterarbeit forscht. Auch er ist heute das erste Mal hier und möchte helfen. Seine Mitbewohnerin hat ihn mitgenommen.

Ich bin bereits einige Stunden da, trage immer wieder Spenden ins Haus. Da bekomme ich mit, dass die nächste Essensausgabe bevorsteht. Wir Helfer sammeln uns am Eingang, bekommen zu zweit von den "Küchen"-Leuten Kisten voll Obst ausgehändigt. Laut werden von einer jungen Frau mit Kurzhaarfrisur Anweisungen zum Verteilen verkündet, auf Deutsch und Englisch: Jeder nur eine Frucht. Niemand darf in die Kiste langen, die Früchte einzeln verteilen. Gemeinsam losgehen. Zeichensprache verwenden. Hinterher neue Handschuhe anziehen. Es sind auch Menschen mit ansteckenden Krankheiten unter den Geflüchteten.

Ich habe mich mit Finn und einem weiteren jungen Mann in meinem Alter zusammengetan. Mit einer Kiste Nektarinen gehen wir zu dritt los zum zentralen Platz, wo die meisten Geflüchteten warten. Schon nach wenigen Metern kommen uns die ersten Menschen entgegen und freuen sich über das Obst. Wir verteilen die Nektarinen an Männer, Frauen und vor allem die vielen Kinder. Etliche müssen wir wieder abweisen, als wir sehen, dass sie bereits von einem anderen Team einen Apfel ergattert hatten: Es sind noch so viele weitere hier, die noch nichts bekommen hatten. Also gehen wir auch zu den Menschen, die weiter hinten im Park campieren, reichen einer Frau mit drei kleinen, schüchternen Kindern das Obst. Sie sagen kein Wort, doch ihre Gesichter zeigen Dankbarkeit. Wenig später ist unsere Kiste leer.

Weitere Spenden kommen. Und auch gute Nachrichten: Es konnte von den Organisatoren von "Moabit hilft" erreicht werden, dass nach dem Wochenende die Koordination aller Bereiche endlich auf die verantwortlichen Hauptamtlichen abgegeben werden kann. Als dies verkündet wird, ertönt lauter Applaus unter den versammelten Helfern.

Um halb fünf Uhr nachmittags setze ich mich mit Finn auf eine der Bierbänke und verschnaufe etwas. Wir essen jeder eine Banane, Waffeln und Gurken-Chips: Auch die Helfer dürfen sich von den Lebensmittelspenden etwas zur Stärkung nehmen, doch ich sehe niemanden, der sich vollfrisst. Alle halten sich so gut es geht zurück mit ihren eigenen Bedürfnissen, doch Pause braucht jeder mal. Dennis liegt auf einer Bank und hat sich ein feuchtes Tuch aufs Gesicht gelegt.
Als nächstes helfen wir mit, die Kleiderspenden in große blaue Säcke zu verfrachten und diese zu beschriften. Dabei kommt mir unter anderem eine Tüte voller Kinderschuhe in die Hand und ich lege sie zu den anderen Säcken. Etwas später jedoch suche ich sie wieder, denn eine junge, arabische Helferin hat ein kleines syrisches Mädchen zum Haus R gebracht, das die ganze Zeit schon barfuß herumläuft. Das Gesicht des Mädchens ist von den Helfern bei der Kinderbetreuung bunt bemalt worden, doch ihre kleinen Füße sind schmutzig. Wer weiß, wann sie sich das letzte Mal waschen konnte. Zusammen mit der Helferin suche ich ihr passende Schuhe aus dem Sack. Die Auswahl ist klein und die Schuhe in mäßigem Zustand, mehr schäbig als hübsch. Doch das Mädchen ist einfach froh, überhaupt welche zu bekommen. Ohne zu zögern greift sie nach einem Paar Sandaletten mit Glitzer. Sie passen und ich muss lächeln. Am Ende geht sie mit drei Paar Schuhen und einer Kinder-Sonnenbrille, die ihr eine andere Helferin geschenkt hat, zurück zu ihrer Familie.

Wenig später muss ich los, meine Freundin kommt am Hauptbahnhof an, ich hole sie ab. Auf dem Weg rekapituliere ich in meinem Kopf die Eindrücke, die ich die Stunden zuvor gesammelt hatte. Noch kann ich es nicht alles begreifen, doch auf jeden Fall ist mir eines bewusst: Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor so viele offenherzige Menschen auf einmal angetroffen zu haben wie heute. Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sprache, Aussehen, Behinderung, Alter, Einkommen - nichts davon war hier wichtig. Einzig und allein der Mensch zählte.

Heute habe ich erlebt, wie Menschen anderen Menschen helfen, einfach weil wir alle Menschen sind. Allein das zu erleben war ergreifend.

Nachtrag:

1) Dies ist der Beitrag eines Freundes, der seinen Bericht auf Facebook geschrieben und der Veröffentlichung hier zugestimmt hat. Die Namen wurden geändert.

2) Inzwischen werden beim LaGeSo Moabit nach Informationen meines Freundes kaum noch freiwillige Helfer gebraucht - woanders aber schon. Schaut hier, dort könnt ihr auch Geld und Dinge spenden.
Die Situation beim LaSeGo Moabit hat sich verändert, seit mein Freund helfen war. Hier findet ihr aktuelle Infos, wie ihr euch engagieren könnt:

FAQ Moabit hilft

Moabit hilft.com

Bedarfsliste Spenden

Bedarfsliste Spenden II

Facebookgruppen hier und hier.

Die tagesschau-Redaktion hat außerdem eine Liste mit bundesweiten Hilfsmöglichkeiten zusammengestellt.

17:35 09.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tobi-Wan

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