Nicht länger geheim: Taz leakt Berliner Wasserverträge

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Die Tageszeitung hat die geheimen Berliner Wasserverträge veröffentlicht und damit einen nicht nur journalistischen, sondern auch politischen Coup gelandet. Zwar hatten sich Politiker wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit zuletzt auch für eine Offenlegung ausgesprochen. Aber das war eher geschmeidiges Zurückweichen vor wachsendem öffentlichen Druck. Über 280.000 Berliner haben ein Volksbegehren unterzeichnet und damit gezeigt, dass sie endlich die Verträge sehen wollen, mit denen der Berliner CDU-SPD-Senat 1999 die kommunalen Wasserbetriebe privatisiert hat. Denn Wasser ist in der Hauptstadt immer teurer geworden, der Deal sicherte den Konzernen RWE und Veolia jährlich dreistellige Millionenbeträge als Gewinngarantien zu.

Taz: Räuberische Wasser-Privatisierung - hier
Taz: Erklärung zu den Verträgen - hier
Taz: Die Wasserverträge - hier
Initiative Berliner Wassertisch - hier
Urteil zur Herausgabe der Verwaltungsakten

Die Taz spielt Wikileaks, hieß es dann auch gleich am Freitagabend kurz nach der Ankündigung, die Verträge in der Nacht ins Netz zu stellen. Die Zeitung hat dies verbunden mit der Vorstellung des Projekts „open taz“: Seit Anfang September gebe es bei dem Blatt mit Sebastian Heiser einen zentralen Ansprechpartner für Informanten, die der Redaktion „brisante Dokumente aus dem Innenleben von Behörden oder Unternehmen überlassen wollen“. Der Aachener kennt sich mit Aktenbergen aus. Aber ist das deshalb auch wirklich Wikileaks mit Tatze? Oder macht die Taz hier doch viel eher und dankenswerter Weise, nicht zuletzt besser als manch andere, viel größere „Hauptstadtzeitung“ einfach nur ihren Job?

Afghanistan-Protokolle, Irakkriegs-Akten: Seit Monaten wird viel über Wikileaks geredet, auch im Freitag (hier ein Überblick). Es geht um den hehren Anspruch, mit aus staatlicher oder privatwirtschaftlicher Geheimhaltung „befreiten“ Informationen aufzuklären, politisch einzugreifen, vielleicht sogar die Welt zu verändern. Es geht im Fall Wikileaks aber auch um die Selbstbegrenzungen eines Projekts, dass auf den großen medialen Effekt setzt und das interne Probleme hat. „Die zunehmende Flut von Dokumenten war nicht mehr abzuarbeiten, strukturelle Schwächen wurden immer deutlicher“, hat Ex-Sprecher Daniel Domscheit-Berg vor einigen Tagen im Freitag geschrieben. Es waren zuletzt nur noch die „großen Sachen“, die letzten Veröffentlichungen von Akten oder Verträgen aus den Untiefen der deutschen Polit- und Lobbysümpfe liegen schon eine Weile zurück (Toll Collect, Kundus-Report). Und für Datenbefreiungen mit eher regionalem Bezug dürfte sich das „Weltprojekt“ Wikileaks weder eignen noch zuständig fühlen. Kann ja sein, dass CNN gar nicht interessiert ist.

Netzwerk Recherche - hier
Initiative Nachrichtenaufklärung - hier
Whistleblowerinfo Plattform - hier
Wikileaks.org - hier
Investigative Reporters and Editors - hier

Ohnehin war in die öffentliche Debatte über Wikileaks immer schon die Frage eingeschrieben, ob das nicht eigentlich die originäre Aufgabe des Journalismus ist, was da als neue Whistleblowing-Kiste umherging. Ohne Medien kam auch Julian Assange nicht aus, sowohl was die Prüfung der jeweiligen Dokumente angeht und noch mehr was die Berichterstattung bzw. Aufbereitung angeht. Hintergründige Erklärstücke, informative Grafiken und Animationen, politische Einordnungen - all das kam ja weniger von Assange als von den Zeitungen. Warum also einen „Dienstleister“ wie Wikileaks dazwischenschalten? Wegen der besonderen Vertrauenswürdigkeit?

Initiativen wie das Netzwerk Recherche fordern schon seit längerem, „die journalistische Recherche in der Medien-Praxis zu stärken, auf ihre Bedeutung aufmerksam zu machen und die intensive Recherche vor allem in der journalistischen Ausbildung zu fördern“. Das ist das eine. Das andere sind die Lerneffekte nach ein paar Jahren Wikileaks: Umgang mit Informanten, technische und journalistische Aufbereitung, kollaborative Experimente, Einbeziehung der Leser in die Auswertung und so weiter.

Mag sein, dass auch hierzulande potentielle Whistleblower besorgt sind, was im Zeitalter der mitsurfenden Staatsbehörden den Informantenschutz angeht. Und ebenso richtig dürfte sein, dass vom Kostendruck kleingeschrumpfte Medienbetriebe, die immer weniger festangestellte Mitarbeiter beschäftigten, den Aufwand, den auch nur ein geleaktes Dokument mit sich bringen kann, immer schwerer bewältigen können. Aber das ist, siehe oben, bei Wikileaks ja nicht anders. Ein Nachteil von Assanges Projekt, die globale Zentralisierung, könnte sich für die nationalen und regionalen Zeitungen in einen Vorteil verwandeln, wenn sie sich die sie betreibenden Medienunternehmen den Enthüllungshunger leisten wollen. Und wenn es „nur“ mit einem zentralen Ansprechpartner ist. Die Taz macht‘s.

(Foto: DJane88 / Jane)

09:09 30.10.2010
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Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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