Ulrich Lange
15.11.2013 | 12:35

Salem: Eine der besten Schulen Deutschlands?

Elite-Internate | "Das Durchschnittliche gibt der Welt Bestand, das Außergewöhnliche verleiht den Dingen einen Wert." Unter diesem Wahlspruch verkauft Salem Durchschnitt als Exzellenz.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ulrich Lange

„Würde man in Deutschland eine Umfrage machen, welche Schule die beste Deutschlands sei" behauptet die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung in einem Positionspapier aus dem Jahr 2005 (vgl. „Reformpädagogische Schulkonzepte - Motoren einer liberalen Erneuerung unserer Schulen“), "würde Schloss Salem mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf einem der vorderen Plätze zu finden sein.

Tatsächlich? Salem-Insider hatten da zuweilen aber eine gänzlich andere Wahrnehmung.

"Ich fand Salem schrecklich", erinnert sich zum Beispiel eine Charlotte in der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT. "Es war eine irgendwie hohle Disziplin. Der ganze Tag war strukturiert, aber der eigentliche Unterricht war chaotisch. Es gab wenig Hausaufgaben. Die Oberstufe gefiel mir besser, weil man näher an einer Stadt gewohnt hat und alles viel wohnlicher war. Aber dort haben viele Schule geschwänzt. Ich bin am Ende nur noch in jede zweite Stunde gegangen. Daran waren die Lehrer aber auch selbst Schuld. Oft wurde in den Stunden Kaffee getrunken oder man wurde in die Bibliothek geschickt. Die Lehrer waren eigentlich schon alle sehr engagiert, aber sie haben in Salem wohl so viel zu tun, dass sie den Unterricht nicht mehr richtig vorbereiten können. Es ging eigentlich die ganze Zeit nur um Party und saufen. Es gab nicht mal Klassenbücher, wie es sie an allen anderen Schulen gibt. [...] Es war eigentlich nicht so, dass die Lehrer so streng waren. Weil in der Mittelstufe ein so strikter Tagesplan ist, wird man immer gehetzt und die Schüler treiben sich gegenseitig. Es ist dann auch oft wenig Verständnis da. Das liegt wohl daran, dass sie sich selbst auch an diese Regeln halten müssen."

Otto Seydel, der erste Leiter des im Jahr 2000 mit großem Pomp eröffneten (allerdings zu Schuljahresbeginn 2013/14 bereits einer "Anschlussverwendung" als Übergangsheim für orientierungslose Abiturienten zugeführten) "Salem International College", klagte im Vorfeld der Eröffnungsfeier- lichkeiten des "teuersten privaten Schulneubaus in Deutschland":

"Der reale Stellenwert des Unterrichts in der Oberstufe ist bei großen Gruppen unserer Schüler von Jahr zu Jahr immer stärker gesunken. Symptome dieser Marginalisierung sind:

  • Eine ganze Reihe von Schülern, die eine ausgeprägte Begabung für bestimmte Fächer mitgebracht hatten, [...] versanken in einer minimalistischen Mittelmäßigkeit, weil sie sich weder auf Unterricht noch auf Internatsaktivitäten wirklich einlassen wollten.
  • Trotz schulischer Gefährdung, trotz bevorstehender Examina wurde die Nacht zum Tag gemacht {...] als wären ewig Ferien: das Landerziehungsheim als exklusiver Club Mediterrané.

[...] Es gibt in jedem Internat [...] auch strukturelle Gründe, die die Abwertung des Unterrichts erheblich verstärken: das primäre Lebensthema der Jugendlichen sind die Beziehungen zu den Gleichaltrigen. Und für dessen Entfaltung bietet das Internat (mit seinen offiziellen wie inoffiziellen Aktionsfeldern) einen geradezu idealen Ort. Nicht aber der Unterricht."

In der Salemer Mittelstufe sieht es nicht besser aus. Hier redet man sich auf die Pubertät heraus. Deshalb gelten für den in der ehemaligen Zisterzienserabtei versammelten "Club der smarten Jugend" (FOCUS) quasi sonderpädagogische Bedingungen:

"Freimütig räumt Leiter Bernhard Bueb ein, 'kein sehr schweres Gymnasium' zu führen. In der Mittelstufe genieße Charakterbildung Vorrang: 'Jugendliche sollen ihr Potential entdecken'."

Statt angemessener schulischer Anforderungen also Charakter- bildung und Selbstfindung. "Plus est en vous!" Dieses Motto des Schulgründers Kurt Hahn schreibt die Schule auch heute noch auf ihre Fahnen.

Dessen ausgesprochen mehrdeutige Botschaft (dieses "Mehr", das angeblich in jedem Salemer steckt, entpuppt sich oft genug in Form negativer Eigenschaften, die entweder im Aufnahmegespräch verschwiegen wurden oder sich erst durch das Salemer Milieuerlebnis entfalten), suggeriert der bei über 30.000 Euro jährlichem Schulgeld zwangsläufig gut betuchten Zahlkundschaft die Illusion außerordentlicher Entwicklungs- chancen ihres Nachwuchses.

"Eliten haben ein Interesse an der Weitergabe ihrer Position an die Nachkommen, beschreibt die Neue Zürcher Zeitung das Geschäftsmodell teurer Edel-Internate. "Viele Mitglieder der Elite träumen davon, eine Dynastie zu gründen. Die eigenen Söhne und Töchter sollen auch der Elite angehören. Wichtig sind darum Institutionen, die den eigenen Kindern den Einstieg in elitäre Kreise ermöglichen. Dank einer guten Bildung und Erziehung soll der eigene Nachwuchs auch Entschei-dungsträger werden und Machtpositionen übernehmen. Eliteschulen kommen diesem Bedürfnis entgegen. Es wird suggeriert, dass dank einem hochprofessionellen Unterricht und Top-Lehrern aus dem Nachwuchs künftige Führungspersönlichkeiten geschmiedet werden können. In den Beschreibungen von Eliteschulen erkennt man die Rhetorik der Selbstlegitimation elitärer Kreise. Es wird eine hochkarätige Ausbildung versprochen, meist in einem internationalen Setting und einem geschützten Raum. Eliteschulen passen sich dem Selbstbild elitärer Kreise an. Oft wird behauptet, dass sie ausserordentliche Begabungen erkennen und adäquat fördern können."

Für den Fall, dass der "hochprofessionelle Unterricht" im "internationalen Setting" nicht zu dem erwarteten "hochkarätigen" Ausbildungsstand führt, was oft genug einzutreten scheint, hat man in Salem eine Hilfskonstruktion ersonnen, durch die sich der elitäre Führungsanspruch auch dann aufrecht erhalten lässt, wenn die Sprösslinge der Reichen und Mächtigen sich nicht in dem Maße als ausbildungsfähig oder -willig erweisen, wie dies der "hochprofessionelle Unterricht" mit "Top-Lehrern" eigentlich erwarten lässt. Der Schlüsselbegriff lautet "Verantwortungselite" - wortreich abgegrenzt gegen die Schlagworte "akademische Elite", "Kaderschmiede" oder "Ausbildung für Hochbegabte". Selbst vernachlässigte Kümmerer und schwarze Schafe aus Geldadel, Prominenz oder blaublütiger Inzucht finden allein durch Mitgliedschaft im Salemer "Club der smarten Jugend" noch eine Bestätigung ihres selbstverständlichen Anspruchs, für spätere Führungsaufgaben qualifiziert zu sein und sich ihren Platz "ganz oben" redlich verdient zu haben.

"Die Gefahr solcher deklarierten Eliteschulen ist", heißt es in dem zitierten Beitrag der NZZ weiter, "dass es nicht primär um Begabungen und Fähigkeiten geht, sondern um das Heranbilden eines elitären Selbstverständnisses. Sie sind darauf spezialisiert, durchschnittlich begabten Jugendlichen ein überhöhtes Selbstwertgefühl zu vermitteln. Wenn der Schulbesuch mit hohen Schulgeldern und speziellen Aufnahmebedingungen verbunden ist, dann wird der Elternschaft ausserdem Exklusivität kommuniziert. Für die Lehrpersonen wird es schwierig, wenn sie diesen Auftrag nicht annehmen und das Verhalten und das Leistungsprofil der Schüler zu sehr hinterfragen. Ihre Existenz wird bedroht, und sie verlieren vielleicht wegen eines kritischen Vaters und Sponsors ihre Stelle."

Über die Nachhaltigkeit der von Eliteinternaten wie Salem praktizierten "Förderung" gehen die Meinungen weit auseinander. Die bereits zitierte ZEIT-Kommentatorin Charlotte stellt fest:

"Allerdings staune ich, wie viele von den anstrengendsten Schülern heute sehr karrierebewusst und fleißig studieren."

Eine Chatterin bei "Elitepartner.de" hält dagegen:

"Ich kenne einige Abolventen aus Salem u.a. meinen EX- Schwager. Sie haben alle studiert und keiner von ihnen hat das Examen bestanden."

Und ein "Underground Man" weiß im Chat der Seite "forum.mods.de" über die Spätfolgen einer Salemer Internatskarriere zu berichten:

"Kleine Anekdote. Der Bruder einer Freundin von mir wurde als Kind vernachlässigt, mit Geld zugeschissen und dann nach Salem abgeschoben. Als der zurückkam, war der schon ziemlich schräg drauf. Das letzte woran ich mich von ihm erinnern kann ist, dass er besoffen auf einer Wiese mit seinem A 8 Runden dreht und dabei seinen besten Kumpel anfährt."

Dass "noch aus jedem Salemer was geworden" sei, wird gern mit einer langen Liste prominenterAbsolventen belegt. Der jetzige Schulvorstand Robert Leicht gießt in einem älteren Beitrag der Hamburger ZEIT (Nr. 09 - 21. Februar 1986 - Seite 14) diesbezüglich allerdings reichlich Wasser in den Wein: Der gern gebrauchte Begriff "Prominenteninternat" führe in die Irre, denn "von den heute einigermaßen prominenten Absolventen der Kriegs- und Vorkriegszeit" hätten die meisten "nur ein, zwei Trimester auf der Schülerliste" gestanden. Und auch aktuell scheint die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Salem-Schülers kaum Zeit für eine nachhaltige Prägung durch die Salemer Pädagogik zu lassen. "So sind viele der 266 Schüler der Mittelstufe, welche die Lehrer im zentralen Standort Schloss Salem unterrichten, erst am Schuljahresanfang dazu gekommen", berichten zwei bayrischer Schülerzeitungs-Redakteure. "In einigen Klassen muss sich dann jeder zweite ins Internat einleben."

Tatsächlich scheint eine extreme Schülerfluktuation zum zentralen Problem der Internate geworden zu sein. Wenn die Noten nicht - wie unrealistischerweise erwartet - binnen kurzem aus dem Keller kommen, lastet man dies nicht früheren erzieherischen und schulischen Versäumnissen an, sondern unzureichender "Förderung" durch das Internat. Dies setzt die Institute erheblich unter Druck und lässt sie zu Mitteln greifen, die hart am Randes dessen sind, was man einem staatlich anerkannten Privatinstitut, das die staatlichen Zuschüsse gem. Ersatzschulfinanzierungsgesetz nur erhält, wenn es sich an die Aufnahme- und Versetzungsbestimmungen hält, die für öffentliche Schulen gelten, noch durchgehen lassen sollte. Zwei Salemer Ehemalige plaudern aus dem Nähkästchen:

"Die meisten Gerüchte die über Salem im Umlauf sind, stimmen nicht! Wissen Sie, mir liegt sehr viel daran Salem gut zu präsentieren und wieder ins rechte Licht zu rücken. Erst einmal, ich bin von einer Realschule mit notendurchschnitt 3,4 nach Salem gewechselt. Ich habe kein Stipendium bekommen, da ich nicht den Erforderun-gen nachkommen konnte. Nun, im nächsten Zeugnis auf Salem, einem staatlich anerkannten Gymnasium, habe ich einen Durchshnitt von ca 2,3 gehabt! So geht es vielen Schühlern und Schülerinnen hier, da wir pedagogisch sehr gut betreut sind! Die Klassen sind viel kleiner (manchmal sogar nur 13 Schüler in einer Klasse!!) und dadurch können die Lehrer viel besser auf jeden Einzelnen eingehen und dessen Schwächen fördern! So kommt es auch, dass viele ein Stipendium bekommen da sie wirklich den Notendurchschnitt im Zeugniss vorweisen können! In meinem Jahrgang bei den Mädchen, haben allein 8 von 14 ein Stipendium und von diesen 8 sind 3 Lehrerkinder und nur 1 adeliger Herkunft. Sie können sagen was Sie wollen, aber dieses Beispiel sollte Ihnen zeigen, dass sie etwas falsch mit der Annahme liegen, dass fast nur Adelige oder Leute aus der oberen Schicht auf Salem sind."

Douglasdakota 14:06, 27. Mai 2006

"Die Tatsache, dass dein Notendurchschnitt von 3,4 auf 2,3 gestiegen ist, beweist nicht dass der Unterricht in Salem qualitativ so viel höher liegt, sondern lediglich, dass Deine Bewertung an der einen Schule anders vergeben wird als an einer anderen. Wie man, mit verlaub gesagt, an Deiner Schreibweise erkennt.

Ich bin ebenfalls ein "Ehemaliger", und kann ganz andere Erfahrungen beisteuern. Als ich nach der 10. Gymnasial-klasse einer Deutschen Auslandsschule in das Salemer Internat kam, verbesserte sich mein Notendurchschnitt ebenfalls leicht. Einen besonders guten Unterricht habe ich jedoch nicht erlebt. Der Unterrichtsstoff war relativ einfach, und genau auf die Prüfungen abgestimmt; so bekamen Schüler teilweise Hausaufgaben, die später mit den Prüfungsaufgaben bis auf wenige Details überein stimmten. Als ich später für das Abitur in der 12. Klasse wieder wechselte, sackte mein Notendurchschnitt in der neuen Schule sofort wieder ab, sodass ich die 12. Klasse freiwillig wiederholte, um nicht meine Hochschulreife zu gefährden. Wer nun in Salem alles ein Stipendium bekam, und wer nicht, hat mich damals nicht interessiert (ich bekam keines), und kann ich daher heute auch nicht bestätigen. Allerdings fiel mir damals schon auf, dass Schüler aus besonders wohlhabenden Familien "freiwillig" Geld spendeten, um der schule die Vergabe von stipendien zu ermöglichen. Diese Schüler wurden im Ausgleich dazu indirekt von der Schulleitung bevorzugt. Ein ansonsten durchweg streng geregeltes Internatsleben wurde in der Praxis auf solche Schüler nicht angewandt, sie genossen somit Privilegien. Mobbing, Diebstahl, Vandalismus, das Prahlen mit dem väterlichen Einkommen oder dessen adeliger Stellung sowie Bevorzugung und Diskriminierung bringe ich mit Salem in erster Linie in Verbindung. So gesehen findet in Salem zwar keine Schulausbildung auf besonders hohem Niveau statt, aber eine Vorbereitung auf das spätere Leben bekommt man auf alle Fälle, wenn auch auf eine andere Art und Weise, als es die von Arroganz und Überheblichkeit geprägte Schulleitung proklamiert."

Der neue (seit August 2012) Salemer Schulleiter Bernd Westermeyer, der anfangs noch die "geistige Elite nach Salem holen" wollte und für den "Qualität vor Quantität" rangierte, rudert inzwischen angesichts rückläufiger Belegungszahlen heftig zurück. Nun "ermuntert" er seine Schüler presseöffentlich, "auch bei Misserfolgen wieder aufzustehen" und führt Experten-Interviews "über das Scheitern". Auf die Frage, was ein Internat nicht geben könne, gibt der ehemalige Leiter eines staatlichen Internatsgymnasiums für Hochbegabte in Sachsen-Anhalt eine für private Luxusinternate hoch brisante Antwort:

DIE WELT: Was kann ein Internat nicht geben?

WESTERMEYER: Erfolg. Den muss sich jeder selbst erarbeiten. Bildung ist nicht käuflich. Nicht umsonst heißt es "sich bilden". Wir ziehen niemanden durch. Aber wir machen Kinder stark, damit sie aus eigener Kraft ihren Weg gehen. Jeder darf hinfallen, jeder darf scheitern. Wir müssen sie ermutigen, wieder aufzustehen.

Wenn das die Zahlkundschaft mal traditionell nicht ganz anders sieht und die Realität nicht auch eine ganz andere ist! Kein Wunder, dass Zweifel an der Qualität des Salemer Unterrichts durch solche Verlautbarungen nicht beseitigt und durch Insider immer wieder auch genährt werden.

"Man muss wissen, dass der größte Teil der Abinote vor den schriftlichen Zentralabitursprüfungen in allen geprüften Fächern durch die Noten der Lehrer entsteht", schreiben Salem-erfahrene Eltern auf der Seite "schulradar". "Es ist gerade in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern nicht selten, dass die Note in der Prüfung dann deutlich nach unten abweicht oder diese Fächer, sofern möglich gar nicht erst gewählt werden. Außerdem muss sich Salem natürlich nicht mit den Problemen herumschlagen, die sich in unserer Gesellschaft gerade für Kinder durch immer größer werdende soziale Deklassierung ergeben. Deshalb soll auch der Ex-Leiter Bueb zum Thema "Schule" die Klappe halten, er hat nämlich von all diesem überhaupt keine Ahnung. Daran ändern auch die paar Alibi-Stipendiaten nichts, die vielleicht wenig Geld haben, aber nach ihren bisherigen Noten ausgewählt werden und sich dann allerdings oft über das erbärmliche intellektuelle Niveau speziell in der Mittelstufe wundern. Diese nicht 'auf Salemer Mist Gewachsenen', in der 10. oder 11. Klasse meist von einer öffentlichen Schule nach Salem gekommenen Schüler heben dann die Abischnitte noch zusätzlich."

Ein "Max Meier" postet in der "Stuttgarter Zeitung":

"Das Eliteinternat schlechthin ist Salem schon lange nicht mehr. Die Schülerzahl Salems sinkt kontinuierlich, der Abischnitt beträgt 2,2 und die Klassengröße liegt teilweise bei 20 je Klasse. Nehmen wir einmal als Vergleich z.B. Schloss Torgelow: Abischnitt: 1,8, konstant steigende Schülerzahlen und maximal 12 Schüler in einer Klasse. Salem ist ein behäbiger Dampfer, der schon längst im Kielwasser von anderen Eliteschulen und deren innovativen Ideen dümpelt."

Und "DIE WELT"" (Beitrag: Was ist anders in der Schule der deutschen Elite?) konstatiert am 07. Oktober 2011, dass Salem in den letzten Jahren bestenfalls noch B-Promis wie das in Mousse au chocolat badende Party- und erste deutsche It-Girl Ariane Sommer oder den Rapper Patrice hervorgebracht habe, der dem Vernehmen nach zeitweilig aus dem Internat beurlaubt war, weil er ständig rebelliert und irgendwann sein Bett angezündet hatte. Für manche in der Schülerliste geführte Zelebrität endete die Salemer Schülerkarriere auch abrupt mit dem Rausschmiss. Bekannte Beispiele: "Prügel- und Pinkel-Prinz " Georg-August von Hannover und Oliver Mommsen, Urenkel des Historikers und ersten deutschen Literatur-Nobelpreisträgers Theodor Mommsen (1817-1903).

Das "Flaggschiff der deutschen Privatschulen" (der neue Schulleiter Westermeyer in der Heimatzeitung "Der Patriot" über seine künftige Wirkungsstätte) strebt eigene Exzellenz offensichtlich gar nicht mehr an. Man orientiert sich mittlerweile an der "Staatsschule", auf die "Reformpädagogen" wie Salem-Gründer Kurt Hahn, Paul Geheeb (Odenwaldschule) oder Hermann Lietz (Hermann-Lietz-Schulen) stets nur mit größter Verachtung herabgesehen hatten.

So erklärte der Salemer Schulvorstand Robert Leicht gegenüber dem in Düsseldorf erscheinenden "Wirtschaftsblatt", Internate in Deutschland müssten sich "mit der Leistungsstärke der öffentliche Schulen messen, wenn sie eine Zukunft haben wollten."

Und dass staatliche Vorzeigeanstalten nicht nur im Hinblick auf das "akademische" Anforderungsniveau zum Vorbild privater Luxusinstitute geworden sind, sondern zur Beschämung der einstigen reformpädagogischen Rettungsinseln auch im Hinblick auf die Umsetzung reformpädagogischer Kernforderungen, bestätigt die Salemer Leiterlegende (1974-2005), Bernhard Bueb, am 14.04.2010 in einem Interview des Deutschlandfunks:

„Die besten reformpädagogischen Schulmodelle heute sind Staatsschulen..."

Da drängt sich denn doch die Frage auf, wie die Schule Schloss Salem in Zukunft den Nimbus vom "Leuchtturm in der Schul- und Bildungslandschaft" aufrecht erhalten und ihren "Führungsanspruch"als "anerkanntes Synonym für exzellente Bildung" überzeugend vertreten will.

Vorläufig bedient man sich hierzu aller nur denkbaren PR-Tricks (Die Liste ist lang, aber sicherlich nicht vollständig):

  1. Umarmung des Gegners Regel: Immer mit ins Bild drängen, wenn über gute öffentliche Schulen anderswo berichtet wird (Beispiel: Deutscher Schulpreis)!
  2. Erzeugung einer Flut guter Nachrichten Regel: Aufmerksamkeit um jeden Preis erregen! Jede erfolgreiche Eröffnung einer Thunfisch-Dose in der Internatsküche ist eine Pressemeldung wert! Vorraum der Personaltoilette frisch gestrichen, neuer Türgriff am Hinterausgang, Uhren im Internat Salem auf Winterzeit umgestellt - ganz egal! Nur no news ist bad news!
  3. Einladung von Spitzenpolitikern Regel: Lasse politische Prominenz mit ausgewählten Schülern diskutieren oder ihnen von diesen "die Schule zeigen" (Es gibt zwar 4189 allgemeinbildende Schulen in Baden-Württemberg, aber warum sollte der Landesvater nicht ausgerechnet zuerst die "berühmte" Schule Schloss Salem besuchen?)
  4. Schaufensterpädagogik die Erste Regel: Veranstalte exotische Kurse in Kiswahili, Legong Barong Tanz oder transkaukasischer Ikonenmalerei und lanciere das mit einer vorbereiteten Bildstrecke in der Weltpresse!
  5. Schaufensterpädagogik die Zweite Regel: Lasse frei nach Mao Tse Tung "tausend Blumen blühen" und veröffentliche ohn Unterlass Berichte über erstaunliche Höchstleistungen von Salemer Schülern, die du zuvor natürlich selbst inszenieren musst. Von nichts kommt nichts.
  6. Schaufensterpädagogik die Dritte Regel: Veranstalte fortwährend Konzerte, Theaterstücke, Musicals, Dichterlesungen und, und, und... Notfalls sogar Weihnachtsmärkte im Hochsommer!
  7. Schaufensterpädagogik die Vierte Regel: Beteilige dich an allen nur denkbaren Wettbewerben, Initiativen, Volksläufen, Spendensammlungen und Events.
  8. Schaufensterpädagogik die Fünfte Regel: Schaffe Kooperationen mit Hochschulen, veranstalte internationale Tagungen, lade Nobelpreisträger, Wirtschaftsführer, Kulturschaffende, Spitzensportler, notfalls auch Spitzenklöppler und alles, was sonst noch spitz ist zu Vorträgen und Diskussionen ein!
  9. Präsentation von Vorzeige-Stipendiaten Regel: Die Präsentation von "glücklichen Stipendiaten" als Vorzeigeschüler erzeugt in der Öffentlichkeit den Eindruck, alle Salemer Schüler seien hoch begabt, hoch motiviert und hochzufrieden!
  10. Schleichwerbung durch eigentlich anlasslose Berichterstattung Regel: Räume pausenlos mit irgendwelchen Klischees auf (die einschlägige Jubelpresse, das regionale TV, ARD und ZDF helfen gern dabei). Lasse die Schüler Vorurteile (auch die, die gar keine sind) entkräften oder einfach irgendeine Betriebsamkeit entfalten. "Unter'm Rad" (Hermann Hesse) war gestern. Der moderne Internatsschüler bevorzugt das Kompetenzhamster-Rad (Nur wer pausenlos rödelt, macht keinen Blödsinn, siehe Dienste statt Dummheiten).
  11. Product Placement durch Talkshow-Auftritte ehemaliger Schulleiter, die überflüssige Streit-, Kampf - und Heils-Schriften publizieren und damit auf allen Hundehochzeiten herumtingeln. Regel: Jedes Mal, wenn so ein Pensionär als "ehemaliger", "langjähriger", "Bücher schreibender", "Unsinn redender" usw. "Leiter der Schule Schloss Salem" vorgestellt wird, tritt ein Werbeeffekt ein, für den man nicht mal jemanden schmieren muss.

Aber wie hatte der oben bereits zitierte Otto Seydel noch 1999 gemahnt:

"Eine Schule wird nicht dadurch eine gute Schule, dass sie 'besondere Lernleistungen' oder furchterregende Tests, modernste Computer oder gackernde Hühner, Sechsergruppentische oder Frontalunterricht abschafft - oder einführt. Die eingangs angedeutete Krise, die zunehmende Marginalisierung des Oberstufenunterrichts, lässt sich weder durch einen weiteren Methodenwechsel noch durch neue Schlüsselthemen, noch - ich sage dieses ohne jede Ironie – durch den Neubau eines Salem-College aufhalten."

Das mit dem Salem-College hat sich nun inzwischen ohnehin erledigt. Und der neue Schulleiter Westermeyer, laut Bild-Zeitung "der beste Lehrer aus Sachsen-Anhalt", hat auch schon das passendeLeitmotiv für seine Arbeit gefunden:

"Das Durchschnittliche gibt der Welt Bestand, das Außergewöhnliche verleiht den Dingen einen Wert."

Will heißen: Von "Exzellenz" kann die Schule Schloss Salem natürlich nicht leben. Das Geld bringen die "armen (=dummen) Kinder reicher Leute", die sich dann im Glanz der Hochleister und Spitzentalente sonnen können. Kunst geht nach Brot. Was wären die Salemer Tugenden und der "Salemer Geist" schon wert ohne den "Bimbes", den die Schule Schloss Salem braucht, um ihren Bestand zu sichern?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.