Von den Siegenern lernen

Bildung In Südwestfalen startet ein Studiengang, mit dem junge Ökonomen zu kritischen Vordenkern fürs Gemeinwohl werden sollen
Jonas Weyrosta | Ausgabe 30/2016 4

Mitten im Gespräch springt Helge Peukert auf, öffnet das Fenster und lächelt. „Der Kollege nebenan soll ruhig hören, was wir hier besprechen.“ Peukert ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Erfurt. Gerade erzählt er von dem neuen Studiengang „Plurale Ökonomik“ an der Universität Siegen, im Herbst wechselt er dorthin, nach Südwestfalen. Es ist einer der ersten pluralen Wirtschaftsstudiengänge an einer deutschen Hochschule. In Erfurt sei er mit seinem alternativen Blick auf sein Fach nicht sehr beliebt gewesen, sagt Peukert.

Er ist ein untypischer Ökonom, der sich zu normativer Positionierung bekennt. Viele Kollegen versteckten sich hinter vorgegaukelter Neutralität in wissenschaftlichem Gewand, sagt er. Dabei habe jedes ökonomische Modell bestimmte politisch erwünschte Implikationen. Peukert sieht die Ökonomik in der Pflicht, dem Gemeinwohl zu dienen und ihre Schüler zu verantwortungsbewussten Gesellschaftsmitgliedern zu machen.

Wer den neuen Master mit Schwerpunkt „Management und Mitweltgestaltung“ studiert, soll sich dabei mit dem „Spannungsfeld von wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher, ethischer wie ökologischer Verantwortung“ beschäftigen. Alternativ bietet die Uni den Schwerpunkt „Politische Ökonomie“. Vier Semester umfasst der Master, los geht es mit einer Einführung in alternative Wirtschaftsansätze, Theorien der Nachhaltigkeit sowie Wissenschaftstheorie. Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester 2016/17 endet am 31. August. Es soll nicht darum gehen, den heutigen Mainstream zu überwinden, sagt Peukert, sondern um die Ergänzung und Diskussion verschiedener Theorien. Plurale Ökonomik will Wirtschaft heterodox denken, keine Denkschule also kategorisch ausschließen.

Kritik an den Wirtschaftswissenschaften ist nicht neu, schon 2003 gründete sich die deutsche Sektion der „Postautistischen Ökonomik“, einer Studenteninitiative aus Frankreich, die ihren Unmut gegenüber heutigen Wirtschaftsstudiengängen kundtat. Heute bilden die Kritiker das „Netzwerk Plurale Ökonomik“. Es umfasst rund 25 Hochschulgruppen in Deutschland, sie organisieren Ringvorlesungen, Kongresse und alternative Reader.

Wo bleibt die Ethik?

Damals wie heute steht das Dogma der Neoklassik im Zentrum der Kritik, mit seinen standardisierten, rationalistischen Annahmen bezüglich eines rein auf Nutzenmaximierung ausgerichteten Homo oeconomicus. Irrationale menschliche Handlungen, wechselseitige Einflüsse von Politik und Wirtschaft, Ethik – in deutschen Hörsälen sucht man all das oft vergeblich. Dass Betriebsräte und Mitbestimmung in den Studiengängen der Betriebswirtschaftslehre (BWL) kaum vorkommen, zeigte eben erst eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie Frankfurter Forscherinnen. Stattdessen lernen Studierende gerade auch in der Volkswirtschaftslehre das Wirtschaftsgeschen in mathematischen Modellen zu berechnen, alternative und vielschichtige Antworten fallen dabei meist unter den Tisch.

Von purer Zahlenlehre hatte auch Jonas Keppeler nach seinem Studium genug. Er hat Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftswissenschaften studiert, lernte dabei aus Management-Handbüchern, wie Firmen Profite steigern und Effizienzstrategien entwickeln. Heute ist der 25-Jährige einer der Koordinatoren des neuen Studiengangs in Siegen. In seinem vorherigen Studium stieß Keppeler immer wieder auf das Paradigma der „unsichtbaren Hand“, nach Adam Smith steht sie für die Selbststeuerung ökonomischer Märkte. Angebot und Nachfrage bringen sich demnach selbstständig ins Gleichgewicht. Das gehört heute zum Grundwissen aller Wirtschaftsstudenten. Als Keppeler aus Interesse Soziologie-Veranstaltungen belegte, hörte er von weiteren Werken Adam Smiths, etwa über die Bedeutung von Emotionen. In der Standardökonomik spielt das keine Rolle.

In Siegen soll es kleine Seminargruppen geben. Denn was der Wirtschaftslehre fehle, seien Diskussionen, sagt Keppeler. In großen Hörsälen mit hunderten Studentinnen bestehe keine Möglichkeit zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit den Dozierenden. „Die stehen oft vorne und lesen ihre Skripte vor. Wer Fragen hat, wird an ein Handbuch verwiesen.“

Johannes Fischer kennt überfüllte Hörsäle und unkritische Vorlesungen nur aus Erzählungen. Er hat sein BWL-Studium an der Dualen Hochschule in Stuttgart als sehr offen empfunden, durch seine Anstellung bei einer Genossenschaftsbank konnte er die Studieninhalte direkt anwenden. Nach dem Bachelor hätte der 22-Jährige beruflich durchstarten können, er hatte bereits sein eigenes Büro, betreute selbstständig Kunden in der Versicherungsabteilung der Bank. Sein Chef wollte ihn halten, doch Fischer entschied sich für den Master in Siegen.

Lehramt und Therapie

Mit seinem Interesse an politischen Themen und nachhaltigem Wirtschaften kam für ihn kein anderer Studiengang in Frage. Viele davon hält er schlicht für nicht zeitgemäß. „Die ökonomische Lehre kann nicht stehen bleiben, wenn sich die ökonomische Welt ständig verändert“, sagt er.

Sinnbildlich für den Siegener Weg soll Yvette Keipke mit ihrer Biografie stehen. Die 29-Jährige war maßgeblich am Entstehungsprozess beteiligt und koordiniert mit Jonas Keppeler den Studiengang. Sie promoviert gerade zum Thema Moralentwicklung in der Wirtschaft, zuvor hatte sie Berufschullehramt studiert und eine Ausbildung zur Physiotherapeutin absolviert.

Anderen Kollegen in Siegen bringen ebenso Mehrfachabschlüsse und Sinn für Pluralität mit. Ökonomen, die zudem Theologen, Soziologen, Politologen oder Juristen sind, finden sich unter den Lehrenden. Sie stehen sowohl für unterschiedliche Ansätze des Wirtschaftens wie für verschiedene politische Lager, vom radikalen Postwachstumsdenker Niko Paech bis zum ordoliberalen Nils Goldschmidt. Letzterer sitzt der liberalen Denkfabrik „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“ vor, die Elmar Altvater, marxistischem Vordenker der Politischen Ökonomie, einst als Propagandainstrument des Neoliberalismus deutscher Prägung galt. „Studierende sollen sich bei uns aussuchen, was sie gut finden, wir servieren keine fertigen Lösungen“, sagt Yvette Keipke.

06:00 03.08.2016
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