Wer wir sind

Gegenwart In seinem Buch „Heimaterde“ begibt sich der Journalist Lucas Vogelsang auf die Suche nach deutscher Identität in postmodernen Zeiten

Der Wedding – ursprünglich bekannt als klassischer Arbeiterbezirk mit Mietskasernen und einem hohen Anteil an sozial Schwachen und Migranten – wurde der Berliner Stadtbezirk in den letzten Jahre dank günstiger Mietpreise und Wohnungsleerstand mehr und mehr von Künstlern und Studenten entdeckt.

Und auch wenn diese Tendenz aufgrund der aktuellen Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt bereits wieder abflaut, gilt weiterhin, dass hier in intensivem Maße ein ursprüngliches Berlin inklusive zugehöriger Schnauze auf zugezogene Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft trifft:

„Das Haus hat acht Stockwerke, 41 Wohnungen, 41 Familien. Unten in die Eingangstür ist ein Klingelschild eingelassen, auf dem nur jeder zehnte Name ein auf den ersten Blick deutscher ist. Hier wohnt Karaman. Hier wohnt Al Sayad. Hier wohnte einmal tatsächlich auch Mohammad unter Bethmann. Die Namen, sie lesen sich wie ein Tableau einer Vollversammlung der Vereinten Nationen. Sie lesen sich aber auch wie ein Debattenbeitrag zur Integration oder wie der Kader einer zukünftigen Nationalmannschaft. Die Namen, sie sind hier Normalität. Das Haus steht in Berlin-Wedding.“

Auch der Journalist Lucas Vogelsang lebt seit zwei Jahren dort, als gebürtiger Berliner ein Zugezogener in der eigenen Stadt, der dort anfänglich als Fremder mit der entsprechenden Neugierde betrachtet wurde: „Als meine Möbel noch vor dem Haus auf der Straße standen, schauten die Nachbarn und wunderten sich. Saßen am Fenster und konnten es nicht fassen, schüttelten Köpfe, zogen die Gardinen zu. Und einer, älterer Herr, Türke, kam und fragte, so zur Begrüßung: Was möchtest du hier? Es war keine Drohung, er konnte es nur einfach nicht verstehen. Die Deutschen, sagte er und zeigte auf das Haus, die kommen hier nicht her. Die Deutschen, die ziehen nur von hier weg.“

Allerdings ist es so einfach eben nicht. Gerade auch der Wedding ist Deutschland, das Deutschland aus den Nachrichten, hier leben die Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, aus ihr flüchten, um schließlich im Wedding zu landen, in besagtem Haus. Und zugleich kann der Name an der Klingel auch ein Trugschluss sein, der im scharfen Gegensatz zum deutschen Pass in der Schublade steht. Aus diesen Diskrepanzen heraus stellt sich der Autor die Frage, was es denn eigentlich auf sich hat mit Begriffen wie Heimat, Herkunft und Identität. Denn eindeutige Zuordnungen und Zuschreibungen sind in unserer postmodernen globalen Gegenwart schon längst nicht mehr problemlos vorzunehmen, auch wenn viele das gerne anders sehen würden. Denn was soll es denn eigentlich sein, das typisch Deutsche, und wie viel hat es zu tun mit dem Land, in dem man geboren wurde?

So klingelte beispielsweise kurz nach Vogelsangs Einzug ein wütender Mann mit einem langen schwarzen Bart an der Wohnungstür und beschwerte sich darüber, dass er die Mittagsruhe nicht eingehalten habe. Typisch deutsch. Und doch eben wieder nicht.

Bald jedenfalls sitzt der Autor an einem Tisch mit seinen neuen Nachbarn, seien es die alteingesessenen oder die mit Wurzeln in anderen Ländern, und versucht herauszufinden, was es denn nun auf sich hat, mit dem Deutschland der Gegenwart. Da sich dieses natürlich nicht nur im Biotop Wedding finden lässt, wird es zum Ausgangspunkt einer Reise durch die BRD, auf die sich Vogelsang begibt, vom Ammersee über Stationen wie Stuttgart, Pforzheim und Castrop-Rauxel bis hin zu einer Exkursion nach Windhoek in Namibia, dem ehemaligen Verwaltungssitz des kolonialen Deutsch-Südwestafrika.

In den dabei entstandenen Reportagen verleiht der Autor auch jenen eine Stimme, die oft überhört werden – obwohl sie doch zumeist überraschend genau wissen, wie Identität entsteht und was es braucht, um sagen zu können, was Heimat und Zuhause ist. „Lucas Vogelsang ist ein sensibler Beobachter und ein wuchtiger Erzähler. Seine Geschichten sind mal rau, mal anrührend, aber immer zutiefst menschlich,“ sagt sein Kollege Benedict Wells. Stimmt.

Hier entlang zur Leseprobe

Reportagen

Heimaterde Lucas Vogelsang Aufbau 2017, 330 S., 20,00 €, als E-Book 14,99 €

06:00 25.03.2017
Geschrieben von

Daniel Windheuser

I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
Schreiber 0 Leser 1
Daniel Windheuser

Kommentare