Bitcoin und Co

too big to fail? Kürzlich hatte der südkoreanische Justizminister Park Sang-Ki öffentlich erklärt, er werde den Handel mit Kryptowährungen in Südkorea verbieten.
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Nachdem in kurzer Zeit 60.000 Südkoreaner, die einen Totalverlust ihrer Geldanlage in Bitcoin und Co befürchteten, in Online Petitionen gegen das drohende Verbot protestierten und damit den Computer des Präsidialamts in die Knie zwangen, pfiff der südkoreanische Finanzminister den eigenmächtigen Ministerkollegen zurück.

Kryptowährungen sind ein Schneeballsystem, welches auf einer durch Computer-Algorythmen künstlich knapp gehaltenen Kunst-„Währung“ basiert. Dieses Schneeballsystem kann nur am Laufen gehalten werden, wenn ständig neue Marktteilnehmer solche „Währungen“ kaufen, somit die Preise hochtreiben und diejenigen Menschen, die bereits Besitzer der Kunstwährung sind, auf diese Weise reich machen. Denn „reich“ sind die Besitzer von Bitcoins ja nur, solange es neue Käufer gibt, die bereit sind, ihre harten Won, Dollar oder Euros gegen Kryptowährungen derjenigen Marktteilnehmer einzutauschen, die bereits heiße Luft namens Bitcoin, Eutherium, Litecoin, Ripple etc „besitzen“.

Die Motive des südkoreanischen Justizministers sind durchaus ehrenwert. In Südkorea häufen sich die Berichte über Heranwachsende, die ihre Berufsausbildung hinschmeißen „um Bitcoin Millionär“ zu werden. Ca. 5 bis 15% des weltweiten Handels mit Kryptowährungen spielt sich in dem kleinen Südkorea ab. Wie sich eine 30-jährige Krankenschwester in den südkoreanischen sozialen Netzwerken beeilte, mitzuteilen, würde ein Verbot des Handels mit Kryptowährungen nur dazu führen, dass die südkoreanischen Zocker dann eben im Internet auf ausländische Handelsplätze ausweichen.

Da in Südkorea die Polizei das Internet überwacht und Besucher von unliebsamen Webseiten eine Warnung der südkoreanischen Polizei auf ihrem Bildschirm aufpoppen sehen, könnte die südkoreanische Regierung den Internetzugriff auf weltweite Handelsplätze für Kryptowährungen sperren. Auch dagegen kennt die Krankenschwester ein probates Mittel:
Die Verschleierung der IP Adresse mittels VPN, so dass es für die südkoreanische Polizei so aussieht, dass der Zocker gar nicht aus Südkorea zugreift, sondern beispielsweise aus Norwegen oder Mexiko.

Von der deutschen Bundesregierung wird kolportiert, es sei sowieso aussichtslos, gegen Kryptowährungen vorzugehen. Frau Merkel und der geschäftsführende Finanzminister Altmeier haben gerade andere politische Baustellen, als sich um heiße Luft zu kümmern. Die spannende Frage ist aber: Wenn alles so weiterläuft, kommt dann ein Zeitpunkt, wo Kryptowährungen „too obig to fail“ werden und das ganze „reale“ Geldsystem mitsamt dem davon abhängigen realen Wirtschaftssystem in den Abgrund reißen?

Erste Anzeichen zeigen sich bereits:

Es ist ja bekannt, dass über das Darknet immer mehr Schwarzgeld in Kryptowährungen gewaschen wird. Hacker sperren durch Schadsoftware fremde Computer und heben die Sperre nur auf, wenn vom Opfer ein Lösegeld in Bitcoins bezahlt wird. Von allen Transaktionen, die über Kryptowährungen laufen, sieht der Finanzminister natürlich keinen Cent Steuergeld.

Die faktische Konkurrenz von Kryptowährungen zu den offiziellen Währungen im normalen Geschäftsverkehr kündigt sich bereits an: Das Berliner Startup Staramba SE will demnächst lebensecht wirkende Avatare im Internet an Fans von berühmten Sportlern, Schauspielern und Sängern auf Facebook verkaufen. Dazu wurden laut Aussage von Staramba CEO Christian Daudert bereits die Bildrechte an Personen wie Ronaldo oder Manuel Neuer erworben. Da die Fangemeinde sicher nur bereit ist, kleine Beträge für so einen Avatar zu bezahlen, ist Staramba dabei, eine Kryptowährung namens „Royalty“ zu kreieren. So entstehen den Fans nur geringe Transaktionskosten, da Kryptowährungen auf der Blockchain-Technologie beruhen. Der Clou dabei ist, dass die Fans die Avatare nur kaufen können, wenn sie die „Währung“ Royalty besitzen. Damit hat Staramba dann ein Monopol auf den Handel mit den Avataren. Man stelle sich vor, das Beispiel macht Schule und man kann in Zukunft einen Mercedes nur mit der Kryptowährung „Stern“ oder einen VW nur mit der Kryptowährung „Golfball“ kaufen. Was bedeutet das dann für den Welthandel und für die Monopolkontrolle?

Mittlerweile existieren bereits Hunderte von Kryptowährungen, die an speziellen unregulierten Kryptowährungs-Börsen gehandelt werden, wobei perfiderweise die meisten Kryptowährungen überhaupt nur gehandelt werden können, wenn man sich vorher Bitcoins besorgt.

Wer es sich leisten kann, kann seine eigene Kryptowährung erfinden und virtuelle „Geldstücke“ erzeugen. Das nennt man Initial Coin Offering (ICO) und wurde in Südkorea und China kürzlich verboten. Aber in Europa gibt es dafür bereits eine Dienstleistungsindustrie, die in Polen an jedermann Rechenzentrumsleistung vermietet, der seine eigene Währung „minen“, möchte, womit die Erzeugung von eigenem virtuellem „Geld“ durch Computer-Algorythmen gemeint ist. Polen wurde deswegen als Standort gewählt, weil dort der überwiegend mit Kohle erzeugte Strom am billigsten ist. Die Erzeugung von Kryptogeld ist nämlich sehr rechenintensiv und verbraucht damit sehr viel Strom. Dass damit der Klimawandel beschleunigt wird, scheint in der europäischen Politik bisher niemanden aufzuregen.

Der Hype um alles, was mit Kryptowährungen oder Block-chain Technologie zu tun hat, ist weiterhin ungebrochen. In Kanada hat sich kürzlich eine kleine Aktiengesellschaft namens "Long Island Iced Tea Corporation" (WKN: A14T7M), die mit Getränkehandel ihr Geld verdient, angekündigt, sich in "Long Block Chain Corporation" umzubenennen. Sofort stieg der Aktienkurs um mehr als 100%, obwohl die Firma auch weiterhin Getränke verkaufen wird. Irre!

14:33 19.01.2018
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Geschrieben von

Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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