Die Wegwerf-Winterspiele

In Pyeongchang. Da mein Beitrag durch den gestrigen Datenbankausfall verschwunden ist, hier noch mal: Heute wurden in Südkorea die 23. Olympischen Winterspiele eröffnet.
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Südkorea als Ausrichter ist genauso absurd wie Fußballweltmeisterschaften in Katar.

Oder kennen Sie auch nur einen südkoreanischen Skifahrer, Eishockeyspieler, Skispringer, Rodler, Bobfahrer, Langläufer, Snowboarder oder Biathleten? Nur in zwei Disziplinen erreichen einige südkoreanische Sportler Weltniveau: Im Shorttrack (einer Art Massenstart im Eisschnelllauf) und im Eiskunstlauf der Frauen. Südkorea ist also alles andere als eine „Wintersportnation“. Skifahren ist eine Sportart der Eliten in Seoul, die sich dazu im Winter in die verschneiten Berge in der Landesmitte begeben. Deren Skiressorts liegen allerdings südlich von Pyeongchang im Taebaek Gebirge. In den verschneiten Dörfern selbst gibt es kaum Skifahrer. Außerdem haben Südkoreaner kaum Freizeit um solche Sportarten ausüben zu können.

Pyeongchang hatte sich 2011 im südafrikanischen Durban mit seiner Bewerbung gegen München und Annecy durchgesetzt.

Die Olympischen Winterspiele in Südkorea wurden beworben als „Winterspiele von Pyeongchang“. Richtig ist, dass sie im Landkreis Pyeongchang stattfinden, der wiederum in der zurückgebliebenen nordwestlichen Provinz Kangwondo liegt. Allerdings wird wohl kein Zuschauer, Sportler oder Funktionär die Kreishauptstadt Pyeongchang je zu Gesicht kriegen. Denn die alpinen Wettbewerbe finden statt in den kleinen Dörfern Hoenggye, Phönix-Park, Bukpyeong und Yongpyeong. Die befinden sich ziemlich weit weg von der Stadt Pyeongchang. Alle Eislaufwettbewerbe finden in der 70 km entfernten Hafenstadt Gangneung statt, der Hauptstadt der Provinz Kangwondo.

Hoenggye war bisher eine Bushaltestelle für Leute, die in Yongpyeong Golf spielen oder in dem Hoenggye gegenüberliegenden Odaesan-Gebirge wandern wollten. Als Skiresort trat der Ort bisher nicht in Erscheinung. Alle für die Winterspiele benötigten alpinen Anlagen mussten extra für die Olympischen Winterspiele neu erbaut werden. Da das IOC forderte, dass die Herrenabfahrt mindestens 800 Höhenmeter aufweisen muss, wurden im Naturschutzgebiet des Berges Gariwang 50.000 Bäume abgeholzt und in breite Skipisten verwandelt. Bernhard Russi, der ehemalige Schweizer Rennfahrer und Beauftragte des IOC für die Streckenführung soll die Abholzaktion befürwortet haben mit der Bemerkung, es ginge schließlich nicht um den Amazonas Regenwald.

Bisher existierte keine Zugverbindung nach Hoenggye. Wegen der Olympischen Winterspiele wurde extra eine KTX Hochgeschwindigkeitsstrecke von Wonju über Hoenggye nach Gangneung gebaut, so dass Besucher jetzt mit dem KTX vom Internationalen Flughafen Incheon (ICN) über Wonju zu den Wettkampfstätten in Hoenggye und Gangneung fahren können. Die KTX Züge sind meist so überfüllt, dass sie Wochen im Voraus gebucht werden müssen. Man darf gespannt sein, ob genügend Züge fahren um den erwarteten Besucheransturm zu bewältigen. In Hoenggye wurde extra ein unterirdischer Bahnhof gebaut, damit die Besucher und Sportler in dem kleinen Dorf aussteigen können.

Nun könnte man argumentieren, die Olympischen Winterspiele seien nach Südkorea vergeben worden um dort eine Begeisterung für Wintersportarten zu entfachen, auf dass Südkorea eine Wintersportnation werde wie Japan. Das aber ist offenbar nicht beabsichtigt. In Hoenggye wurde ein Olympiastadion errichtet, in dem die Eröffnungs- und Schlussfeier sowie die Siegerehrungen stattfinden. Nach Beendigung der Spiele wird das Stadion wieder abgebaut. Der unterirdische KTX Bahnhof von Hoenggye wird zugeschüttet. Die Schneisen für die alpinen Skiwettbewerbe werden der Natur überlassen. Die brandneue Bob- und Rodelbahn sowie die beiden brandneuen Skischanzen werden wohl als Olympiaruinen vor sich hin rotten.

Mysteriös erscheint, dass Nordkorea im letzten Moment begehrte und erreichte, mit einer nordkoreanischen Damen-Eishockeymannschaft als Teil einer gesamt-koreanischen Olympiamannschaft an den Winterspielen in Gangneung teilzunehmen. Die 22 nordkoreanischen Athletinnen werden von 229 Funktionären, Aufpassern und Cheerleaderinnen begleitet, darunter der nordkoreanische Staatspräsident Kim Yong-Nam und Kim Yo Jong, die Schwester des nordkreanischen Parteichefs Kim Jong-Un. Dabei hatten sich Nord- und Südkorea noch vor sechs Wochen auf das übelste beschimpft und gegenseitig mit Krieg und Vernichtung bedroht.

Kim Jong-Un gewinnt wegen des olympischen Friedens nun sechs Wochen Zeit um in Ruhe und unbemerkt sein Raketenprogramm zu vervollständigen, ohne einen US Militärschlag befürchten zu müssen. Dass die Olympiateilnahme ein Vorspiel zur Wiedervereinigung der beiden Koreas ist, darf bezweifelt werden. In Nordkorea ist die Wiedervereinigung ein Staatsziel. Die Südkoreaner dagegen haben sehr genau hingesehen, wie teuer die deutsche Wiedervereinigung geworden ist. Außerdem kann sich kein Südkoreaner vorstellen, dass einmal ein Nordkoreaner Staatspräsident von ganz Korea wird (wie der ehem. DDR-Bürger Joachim Gauck) oder Ministerpräsident (wie die ehem. DDR Bürgerin Angela Merkel). Oder dass ein Nordkoreaner die Nachfolgepartei von Kim Jong-Uns Einheitspartei so eloquent und unterhaltsam in Talkshows vertritt wie Gregor Gysi. Auch hängt ja immer noch der Konflikt zwischen Donald Trumps USA und Nordkoreas Kim Jong-Un um die nordkoreanischen Atomwaffen wie ein Damoklesschwert über der koreanischen Halbinsel.

Für Südkorea ist diesmal sportlich wenig zu gewinnen. Die 23. Olympischen Winterspiele sind jedoch eine prima Werbe-Massnahme um sich der Welt als fortschrittlichen Hightech Standort zu präsentieren.

16:12 09.02.2018
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Geschrieben von

Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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