Was droht bei Militärschlag auf Nordkorea?

Donald Trump ist notfalls zu einem einseitigen Militärschlag gegen Nordkorea bereit, falls China wegen des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms nicht den Druck auf Nordkorea erhöhe.
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Gleichzeitig hat Trump einen Flottenverband um den Flugzeugträger USS Carl Vinson von Singapur aus in Richtung Korea entsandt.

Die nordkoreanische Führung wiederum erklärte, sie sei im Fall eines Angriffs auf ihr Territorium zu „jeder Art von Krieg“ bereit, was nur bedeuten kann, dass auch die atomare Option auf dem Tisch liegt.

Unklar ist nicht nur, ob China willens ist, Nordkorea zu einer Änderung seiner Atom- und Raketenpolitik zu zwingen, sondern ob es dazu überhaupt noch in der Lage ist. Seit über einem Jahr sind die Beziehungen zwischen China und Nordkorea auf einem Tiefpunkt. Entgegen früherer Übungen seiner Vorgänger hat der aktuelle nordkoreanische Machthaber Kim Jong-Un noch nicht die Volksrepublik China besucht, und auch noch kein wirklich hochrangiger chinesischer Politiker hat sich in den letzten Jahren in Nordkoreas Hauptstadt Pyeongyang blicken lassen.

Vorausschicken möchte ich, dass ich die nachstehend dargestellten militärischen Optionen keineswegs teile oder befürworte, sondern nur die am Schluss dargestellte friedensstiftende Variante.

In den USA werden sowohl Luftschläge auf nordkoreanische Militäreinrichtungen diskutiert als auch ein Kommandounternehmen, um Kim Jong-Un persönlich auszuschalten wie weiland Osama Bin Laden in Pakistan. Selbst falls letzteres gelänge, würde das keineswegs dazu führen, dass alle Soldaten der 1,4 Millionen Mann Armee Nordkoreas, die persönlich auf den Gott-ähnlichen Führer Kim Jong-Un eingeschworen sind, die Waffen fallen lassen und sich den USA ergeben. Man erinnere sich: Nach Hitlers Selbstmord hat die Deutsche Wehrmacht unter Admiral Dönitz noch zehn Tage weiter gekämpft, obwohl Deutschland bereits besetzt und weitgehend zerstört war. In Nordkorea wäre bei einem amerikanischen Erstschlag nichts besetzt und wenig zerstört. Vielleicht kommt es zu einer Spaltung des Militärs; ein erheblicher Teil wird aber jedenfalls versuchen, einen selbstmörderischen Krieg um das Erbe Kim Jong-Uns anzuzetteln.

In Nordkorea ist die Familiendiktatur der Kims bereits in der dritten Generation an der Macht. Kein Mitglied der derzeit aktiven nordkoreanischen Generationen hat in seinem Leben je eine andere Regierung erlebt als die „Dreifaltigkeit“ der Kims, die wie Götter verehrt werden: Großvater Kim Il-Sung, Vater Kim Jong-Il und Sohn Kim Jong-Un. Ihren Untertanen wurde seit 72 Jahren eingetrichtert, dass Koreaner eine göttliche Rasse seien, dass die Wiedervereinigung mit dem Süden die oberste Priorität habe und dass Amerika der große Satan sei, der die Vereinigung verhindert und das Land wirtschaftlich drangsaliert.

Anders als seinerzeit in der DDR kann sich das nordkoreanische Volk auch nicht aus westlichen Medien informieren. Wie die Kims ihr Volk behandeln, ist furchtbar und perfide. Bisher hatte aber niemand eine Idee, wie das abgestellt werden könnte.

Selbst wenn man unterstellt, dass ein Teil der nordkoreanischen Gesellschaft den Sturz von Kim Jong-Il nicht betrauern wird, bleiben bestimmt genügend Unbelehrbare übrig, die ihr Leben für Kim in einem Krieg gegen Südkorea und gegen die USA opfern werden. Man sagt, die konventionellen Waffen der Nordkoreaner seien veraltet. Das mag stimmen. Aber selbst mit einem Geschütz aus dem 2.Weltkrieg kann man die gläsernen Wolkenkratzer in Seoul in Schutt und Asche legen. Und die Kurzstreckenraketen der Nordkoreaner dürften sogar auf ziemlich aktuellem technischem Niveau sein. 60% der 51 Millionen Südkoreaner leben in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie und Kurzstreckenraketen. Hinzu kommt, dass die 28 südkoreanischen Atomkraftwerke gegen Artilleriebeschuss oder Raketen kaum geschützt sind. Um in Südkorea ein atomares Inferno anzurichten, muss der Norden also nicht mal eine seiner Atomraketen abfeuern. Zusätzlich möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob nicht eine einzelne, von Nordkorea über dem US Flottenverband zur Explosion gebrachte Atombombe dessen gesamte Elektronik lahm legen könnte, so dass der Verband „blind“ würde?

Im Vergleich zu den Folgen eines Krieges auf die Zivilbevölkerung auf der koreanischen Halbinsel würde das Elend in Syrien wie ein Kindergeburtstag wirken. Während die Syrer noch immer in ihre Nachbarländer fliehen können, würden vielleicht 1 Million Südkoreaner per Schiff nach Japan entkommen. 50 Millionen Südkoreanern bliebe jedoch nur die Flucht mitten durch die Front nach Nordkorea. Und China wiederum fürchtet sich vor einer Fluchtwelle aus Nordkorea.

Südkorea bleibt in dem Drama nur die Rolle des leidenden Zuschauers und einflusslosen Mitmachers. Derzeit ohne legitimes Staatsoberhaupt hat das Land noch weniger Mitsprachemöglichkeiten als sonst. Die US amerikanischen Anti-Raketen Raketen wurden gegen den Willen eines Großteils der Bevölkerung installiert. Sie richten sich offiziell gegen das nordkoreanische Atomprogramm, faktisch aber fühlt sich China bedroht, was bereits zu einem 90-prozentigen Rückgang des vorher boomenden chinesischen Tourismus in Südkorea geführt hat. Im Fall einer konventionellen nordkoreanischen Invasion können die Südkoreaner die Nordkoreaner vermutlich so lange aufhalten, bis amerikanische und ggfls. japanische Verstärkung naht. Allerdings würde dabei die dicht besiedelte Region um die Millionenstadt Seoul zum Schlachtfeld.

Die eklatante waffentechnische Unterlegenheit der Nordkoreaner hat übrigens auch im Koreakrieg 1950 bis 1954 nicht verhindert, dass die von den USA angeführte internationale UNO Truppe gegen Nordkorea nur ein militärisches Unentschieden erreichen konnte. Seither ist das Land durch eine heiße Waffenstillstandslinie am 38. Breitengrad geteilt. Schon damals hatten sich die USA gründlich verrechnet, als sie annahmen, die Chinesen würden nicht zugunsten Nordkoreas in den Krieg eingreifen. 1 Million chinesische „Kriegsfreiwillige“ fügten den Amerikanern große Verluste zu und eroberten für ein halbes Jahr Seoul ein zweites Mal zurück, bis das Schlachten im Stellungskrieg am 38.Breitengrad erstarrte.

Trump könnte den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung ziehen, damit Nordkorea sofort kapituliert. Schon im Koreakrieg 1951 hatte der amerikanische Oberbefehlshaber General Mc.Arthur von Präsident Truman verlangt, Nordkorea mit Atomwaffen angreifen zu dürfen. Daraufhin wurde McArthur seines Kommandos enthoben, da Truman mögliche Verwicklungen mit der Sowjetunion zu riskant erschienen. Heute ist erst recht unkalkulierbar, wie China und Russland auf einen atomaren Erstschlag der Amerikaner in Nordkorea reagieren würden.

Um den Spirit und den Kampfgeist der nordkoreanischen Soldaten richtig einschätzen zu können, ist ein Blick in die koreanische Geschichte hilfreich. Das kleine Korea hat sich in zahlreichen Schlachten gegen Invasionen seiner großen Nachbarn China und Japan behauptet. Nur den Mongolen gelang im 13. Jahrhundert eine vorübergehende Besetzung. Anders als das übrige Asien wurde Korea von den westlichen Kolonialmächten weder „entdeckt“ noch kolonialisiert. Die erste Kunde über Korea gelangte im 17.Jahrhundert nach Europa, nachdem das holländische Schiff „De Sperwer“ in einem Sturm auf der koreanischen Insel Jeju gestrandet und seine Besatzung nach Seoul verbracht worden war. Von dort gelang einigen Seeleuten die Flucht über Japan nach Europa. Den westlichen Kolonialmächten ist es nie gelungen, in Korea Fuß zu fassen oder die Öffnung der Häfen gewaltsam zu erzwingen. Zwei bewaffnete Versuche der Franzosen und der Amerikaner im 19. Jahrhundert scheiterten kläglich.

Überraschend hat dann Japan im Jahr 1910 das Königreich Korea annektiert und zu einer japanischen Provinz gemacht. Im 2.Weltkrieg diente Korea als Aufmarschgebiet gegen China und als Menschenreservoir für die Kriegsproduktion. Auf der Konferenz von Teheran versprach Präsident Roosevelt 1943, dass Korea nach dem Sieg der Alliierten über Japan seine volle Souveränität zurück erlangen sollte. Daran konnte oder mochte sich sein Nachfolger Truman auf der Konferenz von Jalta nicht mehr erinnern, als er mit Stalin vereinbarte, dass die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan eintreten und die Kapitulation der Japaner auf dem „asiatischen Festland“ entgegennehmen sollte, die USA hingegen die Kapitulation der Japaner „in Japan“. Für Truman war Korea ein Bestandteil Japans, denn es war ja schon 1910 annektiert worden und nicht erst im 2.Weltkrieg. So kam, was kommen musste: Russen und Amerikaner trafen mitten in Korea aufeinander. Die einen wähnten sich auf dem „Festland“, die anderen in „Japan“.

Die wachsenden Spannungen zwischen dem westlichen und dem kommunistischen Block verhinderten dann gemeinsame Wahlen in Korea, die Teilung wurde zementiert. Nordkorea fühlte sich daher legitimiert, die Wiedervereinigung gewaltsam herbeizuführen, was beinahe gelungen wäre, wenn die USA nicht einen Beschluss des UN Weltsicherheitsrates erreicht hätten, Südkorea gegen den Norden militärisch beizustehen. Dies gelang, weil der sowjetische Vertreter der Sitzung des Sicherheitsrats fern blieb und weil Maos China damals im UNO Sicherheitsrat noch keinen Sitz mit Vetorecht besaß.

Nordkorea fühlt sich aus zwei Gründen stark: Es hat als erste Militärmacht den überlegenen Amerikanern ein militärisches Unentschieden abgetrotzt und es fühlt sich mit seiner Forderung nach Wiedervereinigung historisch im Recht.

Nachdem die Südkoreaner in Deutschland gesehen haben, wie teuer eine Wiedervereinigung ist, und dass man nordkoreanische Politiker in die südkoreanische Demokratie integrieren müsste, ist dort die Begeisterung für eine Widervereinigung merklich abgekühlt. Das Thema wird einfach verdrängt. Keiner will sich dort vorstellen, dass ein Nordkoreaner mal Staatspräsident oder Ministerpräsident eines vereinten Korea wird.

Dass Nordkorea in wenigen Jahren über atomar bestückte Interkontinentalraketen verfügen und damit den Weltfrieden bedrohen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber die Welt hat seit 65 Jahren einfach weggeschaut, statt sich frühzeitig zu überlegen, wie diese Entwicklung unterbunden werden kann. Obama hat zwar die außenpolitischen Altlasten Kuba und Iran aus dem Weg geräumt, sich aber um Korea nicht gekümmert.

Nordkorea möchte Gespräche mit den USA auf Augenhöhe. Diese werden dem Land bisher mit der idiotischen Begründung verweigert, Nordkorea müsse erst alle Resolutionen der UNO erfüllen. Man möge sich bitte erinnern: Nordkorea befindet sich seit 66 Jahren formal im Kriegszustand mit der UN. Es herrscht nur ein Waffenstillstand. Seit wann kann erwartet werden, dass ein im Krieg unbesiegtes Land die Resolutionen seines Kriegsgegners befolgt?

Was könnte jetzt noch getan werden um die Situation in Nordkorea zu de-eskalieren?

Der UN Sicherheitsrat könnte den ehemaligen UN Generalsekretär Ban Ki-Moon beauftragen, mit Nordkoreas Kim Jong-Un Verhandlungen aufzunehmen. Das Ziel muss sein, dass Nordkorea sein Atomprogramm einfriert. Im Gegenzug muss die außenpolitische Isolation Nordkoreas durch einen Friedensvertrag beendet werden, der den seit 63 Jahren herrschenden Waffenstillstand ablöst. Zusätzlich sollte Nordkorea der UNO 200.000 Soldaten zur Verfügung stellen, die im Auftrag des UN Weltsicherheitsrats in Syrien am Boden einen Waffenstillstand gegenüber ALLEN dortigen Kriegspartien sicherstellen. Gegen nordkoreanische UNO Truppen werden Russland und China kein Veto einlegen. Für seine Soldaten erhält Nordkorea 2 Mrd US Dollar, die es in den Umbau seiner Wirtschaft nach vietnamesischem Vorbild investieren muss. Diesen Umbau hatte Kim Jong-Un übrigens schon in seiner Neujahrsansprache 2013 gefordert.

So ein Deal hat schon mal funktioniert. Im Vietnamkrieg vermietete der damalige südkoreanische Militärdiktator Park Chung-Hee den USA südkoreanische Soldaten. Dafür bekam er 1 Mrd. US Dollar, die er in den Wirtschaftsaufschwung Südkoreas investierte. Aus dem bettelarmen Südkorea wurde so ein Industriestaat und Mitglied der G20. Das kann Nordkorea auch schaffen.

Hoffen wir mal auf ein friedliches Osterfest!

12:35 12.04.2017
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Geschrieben von

Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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