Zahl mit dir selbst

JR 10 Benutzt jeder, der etwas auf sich hält, bald seine eigene Kryptowährung?
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Ich bin seit 60 Jahren Bayern Fan. Als ich im Fernsehen erstmals hörte, dass ein neuer Spieler in der Startelf stand, dessen Name sich so ähnlich wie „Hammes“ anhörte, dachte ich zuerst, das sei jemand aus dem Ruhrpott. Es dauerte eine Weile, bis ich mit bekam, dass es sich um den kolumbianischen Fußballer James Rodriguez handelt, der von Real Madrid an die Bayern ausgeliehen ist. Auf Spanisch spricht sich der Name wie Chammes aus, mit ch wie in Ach.

Nun macht James schon wieder von sich reden und gibt Rätsel auf. Er ist nämlich dabei, seine eigene Kryptowährung JR 10 Token auf den Markt zu bringen. Die bekannteste Kryptowährung ist der BitCoin, der berüchtigt ist für seine hohen Kursausschläge nach oben und unten. Ob es sich um eine „Währung“ handelt, ist umstritten. Faktisch handelt es sich nur um heiße Luft, die in einem teuren Computersystem zirkuliert, das sehr viel Rechenzeit und Strom verbraucht. Seit etwa einem Jahr kann jeder in Polen seine eigene Kryptowährung herstellen lassen auf Servern, die man dazu mieten kann. Polen deshalb, weil der dort erzeugte Kohle-Strom in Europa am billigsten ist.

Kryptowährungen sind beliebt bei Menschen, die
- gerne zocken
- etwas bei ihren wirtschaftlichen Transaktionen zu verbergen haben
- den baldigen Kollaps der realen Währungen wie Euro und Dollar vorhersehen.

Ab 12. Juni kann man also den JR10 kaufen und damit handeln. Eine Vorab-Serie war Ende Mai innerhalb von Sekunden überkauft. Die drei oben genannten Motive für den Besitz von Kryptowährungen können nicht der Anlass für die Kreation des JR10 gewesen sein. Tatsächlich geht es hier um etwas anderes: Der JR10 ist so etwas Ähnliches wie ein Fan-Artikel und sein steigender oder fallender Kurs soll ein öffentlich sichtbarer Gradmesser sein für den „Wert“ der Marke James.

Beraten wurde James bei der Einführung seiner eigenen Währung von der Firma SelfSell, die überwiegend von Chinesen beherrscht wird. Wie der Firmenname schon sagt, sollen bekannte oder bedeutende oder sich als bedeutend empfindende Menschen ermutigt werden, sich selbst zu vermarkten. Was läge da im Kapitalismus näher als Geld? Natürlich EIGENES Geld!

SelfSell wurde aus der Idee eines Investments in Humankapital geboren. Investoren werden mit dem Versprechen eines geringen Risikos geworben. Wie sagte schon der Ökonom Alfred Marshall- auf den sich SelfSell beruft - in seinen Principals of Economics: The most valuable of all capital is that invested in human beings. Auf der Webseite von SelfSell findet man kein Impressum, wohl aber einen QR-Code des chinesischen Messengerdienstes WeChat von Tencent. Falls Sie also mal wissen wollen, wo Ihre eigene persönliche Kryptowährung geblieben ist, können Sie sich nur an das Internet wenden, aber nicht an eine reale Postadresse.

Zahlen wir bald fünf JR10 für einen CR7 (Christiano Ronaldo)? Wie viele DTC (Donald Trump Coins) müssen wir für einen HLP (Heiliger Papst) hinblättern, Verzeihung „transferieren“?

Können wir uns in Zukunft das Politbarometer schenken, indem wir den Börsenkurs der persönlichen Token von Merkel (nein, die wohl nicht mehr!), Jens Spahn, Kevin Kühnert, Christian Lindner und Robert Habeck im Börsenbarometer betrachten?

Die Fußball-Nationalmannschaft stellt sich künftig von alleine auf: Es stehen halt die elf Spieler mit dem aktuell höchsten persönlichen Token-Wert auf dem Platz. So könnte man ja auch die nächste Regierungsbildung angehen. Das geht schnell und ist objektiver als Demokratie. Die Börse lügt nicht!

Und was passiert mit denen, die sich nicht vermarkten können oder wollen? Die müssen mit H4 Tokens (Hartz IV) bezahlen. Weil die keiner eintauschen mag, wird ihr Wert ins Bodenlose fallen.

Umverteilung geglückt!

16:50 04.06.2018
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Geschrieben von

Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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