Der STASICODE als historiographisches Paradigma

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Es ist in der Tat eine Sensation. Zwei Historiker der Birthlerbehörde haben Dokumente ausgegraben, aus denen einwandfrei (was denn sonst?) hervorgeht: Die Studentenbewegung (pardon: die "Studierendenbewegung") verdankt ihre wühlerische Existenz der Stasi: "A shot that changed the world", die deutsche zumindest. Diese neue Erkenntnis zeigt, dass sich ein Paradigmenwechsel ankündigt. Welcher Historiker hat sich noch nicht die Frage gestellt, ob der Politmörder des armen Franz-Ferdinand und seiner Gattin am 28. Juni 1914 nicht doch ein Agent des österreichischen Sicherheitsdienstes war, des ÖSI? Wann werden die Belege auftauchen? Ich stelle hiermit die These in den Raum (des Internet), dass Marx and Company endgültig falsifiziert sind: Die bisherige Geschichte ist nicht die Geschichte von Klassenkämpfen, das ist grottenfalsch: die bisherige (und künftige) Geschichte ist die Geschichte von Geheimdienstkämpfen. Nennen wir es das bondistische Paradigma. Mit dem STASICODE die Geschichte neu lesen.

Vergessen wir Wehler und Ritter! Teleprofessor h.c. Guido Knopp sowieso! Die Wirklichkeit war völlig anders!

Nehmen wir ein scheinbar weniger aufgeladenes Thema wie die Währungsreform vom Juni 1948, die bekanntlich von Erhard, Ludwig gepusht wurde und einen Schritt in die vorläufig endgültige Teilung Deutschlands bedeutete. Bisher völlig falsch dargestellt! Nur der STASICODE liefert uns die richtige Lesart: Es ist nämlich völlig evident: die UdSSR und ihr Satellit in der Ostzone brauchten einen verelendenden kapitalistischen Feindstaat. Und einen Ökonomen wie Erhard, der zu dessen Einführung bereit war. Und der übrigens die Chuzpe besaß, in dem Buch, das er schreiben ließ, einen SPD-Ökonomen namens Kreyßig zitieren zu lassen: "Es wird eine Morgenthaupolitik von deutschen Unternehmern betrieben, die verheerender wirken wird, als das, was Morgenthau einstmals beabsichtigte." (Wohlstand für alle, S. 124). Kreyßig hatte noch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD vor Augen, als er diese Sätze sprach. Und so wäre es gekommen, wenn, ja wenn - so sagt uns der STASICODE - die CIA nicht wieder bestens informiert gewesen wäre und kurzfristig durch Beschleunigung des Marshallplans und mittelfristig durch den Koreaboom mittels Koreakrieg den westdeutschen Kpitalismus sozialer gestaltete. Was angesichts der Leiden der amerikanischen Bevölkerung (lesen Sie Philip Roth, Empörung!) äußerst delikat war. Bondismus ist eine Kunst.

Nehmen wir den ersten Bundespräsidenten. Warum hat der sich wohl so obstinat der Wiedereinführung des "Deutschland, Deutschland über alles!" widersetzt? Was meinen Sie, wieviele BND-Operationen nötig waren, um den SED-Staat dazu zu bringen, "Papa Heuss" zurückzupfeifen. Schließlich war die Weltmeisterschaft 1954 in Gefahr - mit dem finalen Absingen aller drei Strophen. Übrigens war der dritte Torschuss durch Rahn schwach geschossen (warum nur?), aber glücklicherweise der ungarische Torwart auch schwach (warum nur?).

Stalinnote 1952, Arbeiteraufstand 1953, Mauerbau, Mord an Kennedy, Vietnam, Prag 1968, 1989, Bundespräsidentenwahl 2009. Historiker aller Länder: Der STASICODE sei euer neues Paradigma! Stürmt die Geheimdienstarchive. Da liegt die Wahrheit - säckeweise!

14:38 23.05.2009
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