„Die dritte rote Linie“

Contre la Révolution Wie die Abwehr des „Jakobinismus“ integrale Nationalisten, Monarchisten, antiliberale Linke und Anarchisten in die falsche Volksfront des Michel Onfray führt
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„Die dritte rote Linie“
Drei Jahre nach der blutigen Unterdrückung der Commune 1871 interpretiert Victor Hugo das Jahr 1793 und den Krieg gegen die „Vendée“

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Soldaten durchkämmen den bretonischen Wald. Früher hat man zu dieser Jahreszeit hier Vögel gejagt, jetzt jagt man Menschen, die „Weißen“. Einem verdächtigen Geräusch folgend, erreichen die Männer eine Lichtung... und entdecken eine Frau, barfuß, in Lumpen, mit drei kleinen Kindern. Ein Sergeant verhört sie:

  • Welche politischen Überzeugungen hast du?

  • Weiß ich nicht.

  • Was ist dein Vaterland?

  • Weiß ich nicht.

  • Du weißt nicht, was dein Land ist?

  • Ah, mein Land? Doch.

  • Nun, was ist dein Vaterland?

  • Der Hof von Siscoignard, die Pfarrei von Axé.

  • Das ist doch nicht dein Vaterland.

  • Doch, das ist mein Land.

Welten im Gegensatz. Das Verhör ergibt, dass der Ehemann der Aufgefundenen im Kampf gegen die "Blauen" getötet wurde. Ihre Eltern und Großeltern wurden von den Feudalherren für Bagatellen hingerichtet oder auf Veranlassung der Pfarrer auf die Galeeren geschickt. Trotzdem kämpfte ihr Mann "für den König, den Herrn und den Herrn Pfarrer". Die Soldaten stellen die Aufgefundenen unter den Schutz der Republik, besiegeln dies mit "Vive la République"-Rufen. Zwei Tage später werden sie alle von den „Weißen“ massakriert. Die Kinder macht man zu Geiseln. Ihre Mutter bleibt schwer verletzt zurück.

So beginnt der Revolutionsroman „Dreiundneunzig“. Drei Jahre nach der blutigen Unterdrückung der Commune 1871 interpretiert Victor Hugo das Jahr 1793 und den Krieg gegen die "Vendée". Es ist keine historiographische Deutung, sondern seine spezifische Auseinandersetzung mit dem Problem progressiver Gewalt:

Land (Pays), Vaterland (Patrie), diese beiden Worte fassen den ganzen Krieg der Vendée zusammen: der Kampf der lokalen gegen die universelle Idee. Bauern gegen Patrioten.

Hugo formuliert die republikanische Sicht der Dinge, auf seine Weise. Es gibt auf beiden Seiten Heldentum, Menschlichkeit, aber auch unfassbare Grausamkeit und Borniertheit. Noch heute erschüttern die Fakten des Krieges. Was im März als übliche Repression von "Refraktären" gegen die Massenaushebung geplant ist, entwickelt sich in der "Vendée" zum Bürgerkrieg, der bis zu 200.000 Menschen das Leben kostet, darunter 30.000 Soldaten der Republik. In "dieser immensen Improvisition, die man Revolution nennt" (Hugo) ist die Montagne, im Konflikt erst mit den Girondisten, dann mit den Sans-Culotten, mit der Kontrolle der eigenen Soldaten überfordert. Erst Ende Dezember 1793 sind die "Vendéens" militärisch besiegt. Die Unterdrückung erreicht ihren Höhepunkt in den Monaten danach. Große Teile der Vendée werden "verbrannte Erde". In Nantes werden bei den berüchtigten "Noyades" weit über 1000 Menschen ersäuft.

Die Interpretation der "Vendée" durch die Historiographie gestaltet sich lange nach politischen Prinzipien. Das Referenzwerk der „jakobinischen“ Schule, Albert Sobouls „Précis d'histoire de la Révolution française“ (1962), referiert die Ereignisse sehr knapp aus der Sicht der Pariser Ausschüsse und in der Diktion von Revolutionsgenerälen. Da werden die Reste der royalistischen Armee „zerstreut“ oder „vernichtet“ und die „rebellischen Banden“ „zurückgeschlagen“. Wie man das mit Konter-Revolutionären so macht. Das Leiden der Menschen, die Massaker, Folterungen, Verrohungen (auf beiden Seiten) werden bei Soboul beschwiegen.

Ein Genozid?

Mit dem Verlust der Hegemonie der „jakobinischen“ Mathiez-Lefèbvre-Soboul-Linie und dem Aufstieg der liberalen Furetisten im politischen Kontext der siebziger und achtziger Jahre wird das alte thermidorianische Bild der Terreur re-aktualisiert. 1985 präsentiert Reynald Secher seine These über den „Génocide vendéen“. Die Idee ist nicht neu. Seit 1945 wird im streng katholischen Milieu von "kollektivem Holocaust", "Bethlehem in der Vendée" oder "Oradour révolutionnaire" gesprochen. Im Vorfeld des Bicentenaire 1789 sorgt der Terminus "Genozid" jedoch für mediale Wirksamkeit.

Die Mehrheit der Scientific Community (oft aus Soboul-Schülern bestehend) reagiert mit (verständlicher) Ablehnung. Die Begrifflichkeit (Genozid) sei falsch und anachronistisch. Ein Volk oder eine Ethnie der Vendée habe es nie gegeben, genausowenig wie die Intention der Regierenden, eine ganze Bevölkerung zu vernichten. Die brutale Repression sei vergleichbar dem Napoleonfeldzug in Norditalien, den Massakern während der "Irish Rebellion" 1798 und -vor allem - der Unterdrückung der Sklavenaufstände in St-Domingue, Massaker, die aus bestimmten Gründen aus dem Fokus genommen sind, aber die Genozidthese relativieren. Secher, so die Fachhistoriker, verallgemeinere ständig, seine Quellenanalyse sei ungenau und unvollständig, die Kontexte würden systematisch vernachlässigt.

Kritik an der linken Orthodoxie werde mit Stigmatisierung bestraft, kontert der erzkatholische Secher. Aber die "Zeit der "historischen Disksurspolizei" sei von nun an passé. Die Mitglieder der Gemeinde stimmen ihm zu.

1991, in „Juifs et Vendéens“ behauptet Secher, die historische Analogie der Repression der Vendée und des Holocaust sei angemessen. In Anlehnung an ein Pamphlet Babeufs (das aus taktischen Gründen von Fouché finanziert wurde) aus dem Jahre 1794 spricht er nun von „Populicide“. 2011 fügt er den Begriff „Mémoricide“ hinzu, der für ein noch größeres Verbrechen stehe als der eigentliche „Genozid“ der Vendéens. Hat er vergessen, dass 1936 "Vendéens" Franco im Kampf gegen die Republik unterstützten? Dass Charles Maurras, der Meisterdenker der Action francaise, 1939 in La Roche-sur Yon (Vendée) eine Eloge auf den Aufstand 1793 hielt? Dass nach 1942 in der Vendée in großem Stil der Massaker von 1794 gedacht wurde - gegen die alliierten "Terroristen"?

Ab den 90er Jahren machen prominente Antitotalitäre und Katholiken den „Genozid“ und die Vendée über Frankreich hinaus bekannt. 1993 spricht Solschenizyn zur Einweihung des nach ihm benannten „Mémorial":

Die Revolution bringt die Instinkte primordialer Barbaren hervor, die unheilvolle Form von Neid und Hass.

1996 besucht Johannes-Paul II die heiligen Stätten der Provinz. Heute darf sich die (Privat)Kapelle eines ehemaligen Steuersünders mit einer Reliquie des heiliggesprochenen Kämpfers gegen den jakobinischen Kommunismus, einem Stück Messgewand, schmücken.

Zum 220jährigen Jahrestag hat Lech Walesa die Ehre (die er einen Monat zuvor mit Ausfällen gegen Homosexuelle fast verloren hat):

Danke für eure Hilfe. Der Sieg über die kommunistische Macht wäre ohne ein solidarisches Frankreich nicht möglich gewesen... Wieviele Revolutionen, wieviele Kriege. wieviel Blut brauchte es, um Europa zu einigen!

Mit dem sarkozystischen Regionalpräsidenten weiht er den „Garten der Verzeihung“ ein, in Gedenken eines Militärführers der Vendée, der kurz vor seinem Tode 4000 gefangene Republikaner vor der Erschießung bewahrte. Das Wort "Verzeihung" wiederum missfällt bestimmten monarchistischen und ultrarechten Kreisen. Soll wirklich Pardon gegeben werden? Der traditionalistische Starpolitiker der Provinz Philippe de Villiers, reagiert ungehalten:

Verzeihung kann man nur gewähren, wenn dies auch gewünscht wird.

Maliziös fügt er hinzu, dass der Allgemeine Rat der Vendée der polnischen Legende 20.000 Euro für dessen Stiftung geschenkt habe.

Konterrevolution und Tourismus

Philippe de Villiers ist aus der Vendée nicht wegzudenken (viele glauben, das dies auch gut ist). Der perfekt vernetzte Businessman und Politiker aus uraltem Adel stellt jeden bayrischen CSU-Minister in den Schatten (auch bezüglich Bildung): High Tech für und Agrarindustrie für die Ökonomie, nostalgische Ritter- und Hergottspiele fürs Volk. Unter den "Ismen" ist der Tourismus einer der wirksamsten. Seit 1978 managt de Villiers vor der Kulisse des Puy de Fou, einer von den „Blauen“ zerstörten Burgruine, ein historisches Disneyland. 1984 kann er sich dem Fernsehvolk in Yves Montands "Vive la crise!" als Muster eines modernen Unternehmers präsentieren.

Mittlerweile sehen jedes Jahr über 2 Millionen Besucher, darunter 2017 auch ein Macron, römische Wagenrennen, Wikinger-Überfälle. Sie lernen anschaulich, dass Chlodwig der Gründer Frankreichs ist, und tauchen in das "Imaginaire von La Fontaine ein". Kein Geringerer als Dépardieu, ein Freund de Villiers, hat den Fabeln seine markante Stimme geliehen. Die Parkleitung vertreibt übrigens auch dessen Weine.

Im Spektaktel „Der Letzte Panasch“ (seit 2016 auf dem Programm, 2 Millionen Euro Produktionskosten) werden die Erwartungen der Zuschauer zur Genüge bedient: Sie erleben das süßliche Idyll des Ancien Régime, in dem die drei Stände zum Wohle aller zusammenwirken, bewundern eine Kavalkade von Rittern (König Artus?) auf weißen(!) Pferden, schrecken zusammen, wenn aus dem Off die schaurigen Befehle der Jakobiner Barrère und Robespierre gebellt werden: „Zerstört die Vendée! Entvölkert die Vendée! Verbrennt alles!“, fiebern mit bei der Erhebung des "guten und treuen" Volkes gegen die "blauen" Barbaren und folgen unter Beschallung mit Folklore und christlichen Erbauungklängen dem Marsch der „Armée des Piques“ für die Religion, die Herren, den König. Allein, es ist umsonst. Die Jakobiner haben die Terreur auf die Tagesordnung gesetzt. Die Repression ist gnadenlos. Und doch lebt die "Vendée" weiter. Am Ende Großfeuerwerk. Und am Tage nach der Show darf man – nach einem angenehmen Aufenthalt in einem Hotel mit regionaler Küche - auf den Spuren des tapferen Ritters de la Charrette wandeln, den 1797 die Kugeln eines Exekutionskommandos ereilten. Man muss eingestehen: de Villiers hat die Lektion des "Bicentenaire" genutzt. Die "Jakobiner" verfielen nach den Attacken der Furetisten der kalten Ernüchterung, und die Adepten des Alten Régime machten ihre Sache zu einem "heißen Objekt" (Lévy-Strauss). Man stelle sich einen Text Victor Hugos vor: "Une journée au Puy du Fou".

In einem Interview vom 26. Juni 2020 schwärmt de Villiers über sein Lebenswerk. Der Puy de Fou sei "das erste Refugium der refraktären Gallier". Er habe 1978 die Vendée neu erfunden, so wie 10 Jahre später Frankreich. Scharf kritisiert er die Historiker. Mit wenigen Ausnahmen lehren diese das Prinzip De-Konstruktion des Gewachsenen, die Scham über sich selbst. Es gelte aber mittels eines "kollektiven Imiginaire" sein Land ("Pays") lieben zu lernen. Als "echter" Franzose sieht er Frankreich sei seine Mutter, nicht alsseine Patin. Es sei durch eine "patrimoniale Sedimentation" gebildet, erwachsen aus christlichen Wurzeln.

Gehört die Revolution dazu? Ist Frankreich auch Marianne? Im Januar 2013, in Nantes, leitet de Villiers einen Vortrag Reynald Sechers mit diesen launischen Worten ein:

Vor Reynald gab es zwei „rote Linien“. Die erste war das Verbot, von Genozid zu sprechen. Die zweite verbot die Erinnerung. Wir haben die Linien zerbrochen. Zwei Sendungen eines nationalen Senders, von ungebildeten Kommunisten bevölkert (Lachen im Publikum) haben das gleich zweimal gezeigt. Ich füge hinzu. Es gibt eine dritte rote Linie, eine Verteidigungslinie. Wir müssen das Prinzip der französischen Revolution selbst in Frage stellen. Der Terror ist in die Revolution eingeschrieben (starker Applaus). Reynald muss noch ein großes Werk schreiben.

Secherarbeitet weiter an der "dritten roten Linie". Er hat die Assoziation „Futur de l'Europe“ gegründet mit dem Ziel der Bewahrung des Patrimoniums, also vor allem der Kapellen der Vendée. Zielgruppen: fromme Geldgeber und junge engagierte Leute, die gemeinschaftliches Bauen erleben wollen. Slogan: „Sie bauen die Vergangenheit wieder auf, um die Zukunft zu schaffen.“ In Sechers Verlag werden neben Comics über Ritter und Könige vor allem die Werke des Meisters Secher und des Herrn von Villiers vertrieben („Jeanne d'Arc“, „Werden die Glocken auch morgen noch läuten?“ u.ä.m.). Der Träger des Prix Combourg von 2012 - ihm folgen 2014 Finkielkraut, 2015 Zemmour und 2018 M. de Villiers – ist zudem bis 2017 Mitarbeiter bei der „Nouvelle Revue d'Histoire“, einer Zeitschrift, die “traditionellen Katholizismus, Esoterismus, ethnsichen Regionalismus, Neufaschismus, Maurrassismue und Vichysmus“ zu vereinen sucht.

Historisch sind die Puy-de-Foldiens" gut vernetzt. Patrick Buisson gehört dazu, in den 80er Jahren Redaktionsleiter des rechtsradikalen Sensationsblatts „Minute“, 1995 Wahlkampfleiter de Villiers und – 2005 - Sarkozys . Der einflussreiche Direktor der Kanals „Histoire“ (im Besitz von TF1, also des Bauunternehmers Bouygues) veröffentlicht 2017 die „Grande Histoire des guerres de Vendée“. Dem Buch folgt der Doku-Film „Die Leute des Königs“, der die royalistische Action française und die Identitären entzückt, die Historiker eher entsetzt. Die Monologe fiktiver Personen, mutiger Amazonen, braver Vendéens und rücksichtsloser Jakobiner, sind von Michel Chamard verfasst, ehemaliger Journalist bei der sehr rechten Zeitschrift „Valeurs actuelles“ und dem „Figaro“, zeitweiliger Leiter des „Centre vendéen“ und Lehrbeauftragter am erzkonservativen „Institut catholique d'Etudes supérieures“, das wiederum Nicolas de Villiers, den Sohn Philippes und jetzigen Chef von Le Puy du Fou hervorgebracht hat. Man sieht sich. Man dreht sich. Das oben erwähnte Interview gewährte de Villiers übrigens den "Eveilleurs d'espérence" (Erweckern der Hoffnung), eine Gruppe junger Männer aus gutem Hause, die Marion Maréchal (und der Tante?) politisch promoten, Typ "halb Rechtsanarcho, halb Réac" (L'Express").

Die sozialen Verwüstungen der Sarkozy-Hollande-Macron-Ära haben die antitotalitäre Furetschule ihrer Aura beraubt. Zahlreiche historische Studien haben mittlerweile unser Wissen über die Jahre 1793/94 und ihrer Protagonisten vertieft. Die Historiker zeigen weiterhin tapfer die wissenschaftlichen Grenzen und die ideologischen Präsuppositionen der Secher-Buisson-de Villiers-Schule auf. Dass diese trotzdem bis in die Sozialistische Partei eine gewisse kulturelle Hegemonie erreicht hat, liegt – neben der „Dummheit der Bourgeoisie“ (François Bégaudeau) – an ihrer Frontstellung gegen die vorgeblich marxistische „offizielle Historiographie“, die "Außenseiter" wie Reynald Secher gnadenlos wegmobbe und ihre Doxa über die Lehrpläne implantiere. Und an ihrer Fähigkeit Mythen zu bilden. Schon Roland Barthes wusste:

Statistisch steht der Mythos rechts. Dort ist er essentiell: gut genährt, expansiv, schwatzhaft, erfindet er sich ohne Unterlass. Er ergreift alles: Justiz, Moral, Ästhetik, Diplomatie, Kochkunst, Spektakel... Der Mythos beraubt das Objekt, über das er spricht, jeder Geschichtlichkeit. Das Objekt kann nur aus der Ewigkeit der Zeiten kommen.

"Die lange Arbeit der Könige"

Es ist kein Zufall, dass der Präsident Macron ausgerechnet den beliebten Fernsehmoderator Stéphane Bern mit der „Mission für gefährdete Monumente“ beauftragt hat. Auch Bern hat in seiner Jugend rechtsextreme und royalistische Milieus frequentiert. Vor dem Herzog von Orléans formulierte er sein Geschichtsbild in unvergleichlicher Schön- und Bescheidenheit (inklusive falscher Wurzelmetapher):

Ihre Präsenz ehrt uns. Von Ihrem illustren Vater, dem Grafen von Paris, eine Persönlichkeit, die Sie markiert hat und die für mich bestimmend war, habe ich gelernt, dass ein Volk, das nicht weiß, woher es kommt, nicht weiß, wohin es geht. Zur Zeit durchquert unser Land eine schwere Krise, sicherlich wirtschaftlich, sozial, aber auch eine Vertrauenskrise, eine Identitätskrise. Es ist gut, in unsere historischen Wurzeln einzutauchen (sic!), um unseren Glauben in die Zukunft wiederzufinden, weil die Geschichte auch ein Halt, ein Anker und ein Kompass ist, wenn man Stürmen unterworfen ist und Gefahr läuft, die Richtung zu verlieren.

Man kann es noch toppen. “Paris Match“ berichtet der Moderator von einer Begegnung besonderer Art:

Emmanuel und Brigitte Macron haben diese unglaubliche Empathie, die man sonst nur noch bei den „Royals“ findet... Für Macron ist das Präsidieren mehr als ein Regieren, es ist ein Inkarnieren. Am Fuß der Abteikirche hatte er den Mut, an das christliche und königliche Erbe eines Frankreich zu erinnern, das sich im Laufe der Jahrhunderte konstruiert hat.

Das immense kulturelle Portfolio des sanften Moderators muss den Präsidenten überzeugt haben. In zahlreichen Fernsehserien à la „Secret d'Histoire“ hat er der Plebs gezeigt, was Geschichte bedeutet. Er nennt es, wie de Villiers „unsere Geschichte lieben lernen“, z.B. indem er königliche Schlösser (und noch lieber Pavillons d'amour) aus der Sicht des überschlauen Kammerdieners zeigt. Vor allem Marie Antoinette hat es ihm angetan, die für ganz Frankreich tragische Impotenz ihres verzweifelten Gatten (ein Urologe erklärt die Ursache), ihre Lebenslust, ihre Abneigung gegen Kräuter-und Blumenbäder, das dramatische Ende, das sie so tapfer besteht, dass ihr eine zweite, eine dritte Dokumentation gewiss ist. Bern steht - vielleicht ohne es zu wissen - in der Tradition des einflussreichen Monarchisten Charles Maurras, der befand:

Die Revolution ist eine Katastrophe, weil sie die lange Arbeit der Könige unterbricht, die Frankreich und seine Institutionen gemacht haben.

Im Mai 2019 laden die Royalisten Bern und Laurent Deutsch, der auch mit Buisson zusammen gearbeitet hat, die TV-Zuschauer zu einer technisch imponierenden Führung durch das revolutionäre Paris ein. Von Anekdoten und Witzen der stets übermotivierten Kenner begleitet, geht es kurz zur virtuell rekonstruierten Bastille, zum Gefängnis des königlichen Paares, zum Revolutionstribunal, das wieder einmal Marie Antoinette verurteilt und dann zum Place de la Condorde, „der die Hinrichtung von Louis XVI. sah“. Die Zuschauer sehen eine beeindruckende virtuelle Konstruktion der … Guillotine. Ein sehr bekannter Arzt, der früher für Charlie-Hebdo zeichnete, erläutert die körperlichen Vorgänge bei der Dekapitation. Beeindruckt beenden die Moderatoren ihre Doku mit diesen wohl überlegten und gesetzten Worten:

Bern: Ein Volk als Königsmörder, das macht immer...

Deutsch: ...einen Schauer im Rücken.

Exkurs. Bei so viel royalem Glamour und gegen den Schauer im Rücken hilft ein ganz kurzer Sprung in die jüngste Gegenwart: Im Zuge der „Black matters“-Demos in den USA wurde Ende Juli 2020 der Statue Louis XVI. in Louisville (Kentucky) der rechte Arm abgeschlagen. Zahlreiche Franzosen haben dies auf Twitter kommentiert, oft amüsiert etwa so:

1793 haben wir das aber besser gemacht.

Mon(an)archismus

Das Geschichtsbild, das Deutsch und Bern vermitteln, erreicht wahrlich nicht alle Franzosen. Es ist an die älteren, eher konservativen oder unpolitischen Medienkonsumenten adressiert. In einer gewissen Weise unternehmen sie ein profitables „preaching to the saved“, einen sich selbst (und die Herrschenden) zyklisch bestätigenden Geschichtskonsum. Man verabscheut den Terror, aber die Revolution gehört auch zu "unserer" Geschichte. Ein ganz anderer "Influencer" ist Michel Onfray, ein geradezu idealer "Überschreiter roter Linien". Dessen Adressaten sind systemkritisch, eher links und "giletjaunistes". Der omnisziente Philosoph, Nietzscheaner, bekennende Gastrosoph, normannische Rebell, antitotalitäre Anarchist, linke Antimarxist, föderative Girondist, Unterstützer der Gelbwesten und – neuerdings – nationale Souveränist setzt eine klare Kante: Onfray bezeichnet sich als entschiedenen Anti-Robespierristen und scharfen Gegner des Jakobinismus.

Allerdings braucht sein Publikum eine große Kognitive-Dissonanz-Toleranz-Kompetenz. Die offizielle Historiographie, so der "Anti-Historiker" und "Gegen-Philosoph", ist mechanistisch, ideologisch, doktrinär. In Wirklichkeit unterliegt die Geschichte nämlich nur einem Gesetz, dem „Gesetz der Psychologie“, platter: Onfray bedient sich der alten reaktionären „Weisheit“, dass die Persönlichkeiten die Geschichte machen. Bezogen auf die Französische Revolution ergibt sich ein Befund, der nicht nur entfernt an die Konzeption der Maurras, de Villiers, Bern, Deutsch erinnert, diese aber modernisisert:

Der intelligente, aber etwas träge Louis XVI, ein Anhänger der Aufklärung, hasst es, gegen sein Volk Gewalt anzuwenden. Das macht ihn schwach, und das Volk verliert jeden Respekt. Karikaturen verunglimpfen ihn als Schwein, und Onfray, hier ganz „neuer Philosoph“, weiß etwas:

Einen Menschen zu animalisieren, man weiß dies seit der Errichtung der Nazilager..., ist eine effiziente Technik, sein Abschlachten zu erleichtern, so wie es der Metzger mit dem Vieh macht.

Auf das "Kopfabschneiden" kommt Onfray immer wieder zurück. Es ist die Essenz der Revolution. Dazu braucht es jedoch Überzeugungestäter und Psychopathen, in diesem Fall die Jakobiner und Sans-Culotten. Erinnern wir uns (schwach), dass noch 2007 der Romancier Mosebach ein Redezitat St-Justs mit Himmlers Posener Rede gleichgesetzt hat. Onfray hat es vor allem mit Robespierre, das Jammerbild eines Gescheiterten, eines „Reptiliengehirns“:

Weil die Kinder der Reichen ihn nicht wollen, will er die Reichen nicht mehr. Paris will ihn nicht, also schafft er sich aus dem revolutionären Paris ein antikes Rom. Sein Gehirn badet in Galle. Den „Contrat social“ und „Das Glaubensbekenntnis des savoyardischen Vikars“ liest er mit einem Vorgeschmack von Blut im Mund...

Der Körper Robespierres: Albträume, kein sexuelles Leben, Hautkrankheiten, Geschwüre an den Beinen, ein schlechter Redner, Nasenbluten... Robespierre ist nur Gehirn... Der Advokat aus Arras hat den Tod geheiratet.

Dieser Blutarme braucht das frische Blut der hingerichteten Revolutionäre, um sein Gehirn zu bewässern... Die Revolution badet im Blut (2016).

Wer diesen uralten reaktionären Klischees, denen auch Onfrays Vorbild Proudhon folgte, nicht zu erliegen vermag, hat ein Problem:

Es gibt immer noch Bewunderer dieser Schlange, die behauptete für das Volk zu sprechen, um es um so besser aufs Schafott zu schicken, für sein Wohl natürlich, im Namen der Tugend (2017).

Diese „Bewunderer“ seien zum Beispiel die Philosophen Badiou und Zizek, die Historiker Mazauric und Martin, der Kommunist Ralite und der Insoumis Mélenchon (der ab und an auf Titelseiten als Robespierre dargestellt wird). Und da sie den „Genozid“ der Vendée negieren, sind sie „Negationisten“:

Auf den Nazismus bezogen wird der Negationismus zum Glück kriminalisiert, auf die französische Revolution bezogen, wird er von den Institutionen gelehrt.

Er nimmt die Thesen des de Villiers-Historikers Reynald Sécher auf – und zeigt dabei eine verblüffend naive „Anti-Histoire“:

Der „Représentant en mission“ Carrier habe hunderte Gefangene in der Loire ersäuft, was stimmt. Es waren vielleicht sogar Tausende. Carrier sei ein Freund Robespierres. Was völlig falsch ist. Er wurde er im Januar 1794 auf Betreiben des „Reptiliengehirns“ zurückberufen und musste wegen seiner Untaten mit einem Prozess vor dem Revolutionstribunal rechnen (weshalb er mit anderen „Terroristen“ den Sturz des Unbestechlichen betrieb).

Die „Jakobiner“ (meint er den Klub oder die Montagnards in der Konvention?) hätten die Aufständischen als „Brigands“ bezeichnet, was stimmt. Allerdings ist dies der zeitübliche Sprachgebrauch gegenüber aufständischen Bauern, aber auch gegenüber Aristokraten, Engländern, und nach Thermidor 1794 gegenüber den „Jakobinern“.

Von „Vernichten“ (exterminer) ist oft die Rede, was stimmt, aber auch dies ist das (leider) gängige Verb der Zeit für gnadenlose Unterdrückung. Onfray behauptet, ein Gesetz vom 1. August 1793 habe die „Vernichtung der Vendée“ und die „Deportation der Frauen, Kinder und Alten“ beschlossen. Die auffällige Konnotation ist gewünscht, aber sehr fragwürdig. Und zudem ungenau. Hier muss man leider pingelig werden. Es gibt keine Gesetze zum Vendéekrieg, sondern „nur“ Dekrete. Am 1. August 1793 wurde unter anderem verkündet:

Art. VIII. Die Frauen, die Kinder die Alten werden ins Innere geführt. Es wird für ihre Verpflegung und ihre Sicherheit unter völliger Beachtung der Menschlichkeit gesorgt.

Von „Vernichten“ wird im Dekret vom 1. Oktober 93 als Ziel gesprochen:

Art. III. Die Nationalkonvention verlässt sich auf den Mut der Armee des Westens und der Generäle, um bis zum 20. Oktober den scheußlichen Vendéekrieg zu beenden. Die nationale Anerkennung findet am 1. November statt, um die Armee und die Generäle zu ehren und belohnen, die in dieser Kampagne die Briganten im Inneren vernichtet und die fremden Horden der Tyrannen Europas ein für allemal verjagt haben.

Das ist alles vage formuliert und zeigt auch eine erschreckende Unkenntnis der militärischen Lage in der „Vendée“. Aber es klingt etwas anders als bei Onfray und seinen Referenzautoren. Der Philosoph behauptet, das Dekret vom 1. Oktober habe verkündet, die Frauen, Kinder und Alte seien zu vernichten, was der Satz „Es ist nötig, dass die Briganten der Vendée vernichtet werden“ belege. Ein intentioneller Irrtum? Oder ein Irrtum der Intention?

Onfray geht es offensichtlich um die Bestätigung einer seiner Großthesen: Die Aufklärung führt über die Revolution in den Totalitarismus. Jean-Jacques Rousseau z.B., auch er ein pathologischer Fall für Onfray, wolle mit dem Gesellschaftsvertrag, „die Menschen zwingen, frei zu sein“. Alle brauchen, Rousseau zufolge,

einen Führer (guide): man muss die Menschen dazu bringen, ihren Willen mit der Vernunft abzugleichen oder sie lehren, zu erkennen, was sie wollen.

Onfray kommentiert dies in echter oder gespielter Ernsthaftigkeit so:

Guide“. Im 20. Jahrhundert wird man auf Deutsch „Führer“ sagen, auf Italienisch „Duce“, auf Spanisch, „Caudillo“, auf Rumänisch „Conducator“ (2016).

Das Prinzip des „Totalitarismus“ und der „Extermination“ wird also von Rousseau erfunden und von seinen kranken revolutionären Anhängern in die Praxis umgesetzt. Beispiele seien die Massaker und Barbarismen des Vendéekriegs: „verbrannte Erde“, Experimente mit Gas, Extraktion des Fettes von 150 getöteten Frauen u.v.a.m. Dies kann nur Abscheu erregen und (kalkulierte) Assoziationen erzeugen.

Der Historiker Jean-Clément Martin, Experte des Vendée-Kriegs, hat sich des schockierenden Gegenstandes angenommen. Die Extraktion des Fettes interpretiert er als schreckliche Tat einer geldgierigen verwilderten Soldatengruppe im Bürgerkrieg. Es war im 18. Jahrhundert kein Einzelfall (z.B. in Krankenhäusern als Basis für Salben). So wie das Gerben der Haut Getöteter in Angers durch einen Militärchirurgen. Absolut falsch aber ist die Behauptung Onfrays, Saint-Just habe in einem Rapport vom 14 August 1793 folgendes „enthüllt“:

In Meudon (einem Schloss nahe Paris) gerbt man Menschenhaut. Die Haut menschlicher Herkunft hat eine bessere Konsistenz und Güte als die Gemsenhaut. Die der weiblichen Subjekte ist geschmeidiger, aber weniger solide.

Es gibt keinen Rapport an diesem Tag, und in Meudon wurde – allen Gerüchten zum Trotz – nicht gegerbt. Onfray gibt den Entsetzten und schreibt am Ende des Abschnitts: „Hören wir hier auf! Hören wir auf!“ Etwas zu spät. Entweder er glaubt den Schauergeschichten der konterrevolutionären Tradition, oder er spielt mit ihr, um seine These zu belegen, die aber auch wieder konter-revolutionär ist.

Schon 1798 gab der Abbé Barruel den Ton für die Melodie an, die auch Onfray mitsummt:

Männer, die sich Philosophen nannten verschworen sich gegen den Gott der Evangelien...In der Schule dieser Sophisten bildeten sich die Sophisten der Rebellion gegen alle Königsthrone... Daraus entstanden die Sophisten der Gottlosigkeit und der Anarchie, gegen die bürgerliche Gesellschaft („Société civile“) und gegen jede Form von Eigentum... Diese Koalition der Unfrömmigkeit, der Rebellion und der Anarchie bildete den Klub der Jakobiner.

Für Onfray liegt der Lauf der Dinge offen zutage. Aus dem Jakobinerterror ergibt sich zwangsläufig der marxistische Terror. Auch dies belegt der Anti-Historiker mit einem Zitat, diesmal aus dem Jahr 1848:

Die resultatlosen Metzeleien seit den Juni- und Oktobertagen, das langweilige Opferfest seit Februar und März, der Kannibalismus der Konterrevolution wird die Völker überzeugen, dass es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren (sic!) - den revolutionären Terrorismus.

Die Signalwörter sind gefallen, und Onfray checkt die Fakten:

Wer immer noch glaubt, dass Lenin und Stalin nicht schon in Marx angelegt sind, wird es schwer haben, diese Evidenz zu zu leugnen.

Nun, Onfray leugnet zunächst den Kontext. Marx schrieb diesen Text im Mai 1849 (nicht 1848) als seinen letzten Beitrag in der Neuen Rheinischen Zeitung. Er steht unter dem Eindruck eines „Regierungswisches“ der „Königlichen Regierung“, die ihm gnädigst mitzuteilen geruht, dass ihm aufgrund „seiner neuesten Stücke“ das „Gastrecht“ entzogen werde. Nach der Erfahrung der Theorie und Praxis der „royalistischen Terroristen, die Terroristen von Gottes- und Rechts-Gnaden“ sieht er in einer bestimmten historischen Situation als einzige Möglichkeit, die Leiden abzukürzen, den „revolutionären Terrorismus“ und fragt anschließend auf Französisch: „Est-ce cela, messieurs?“ Ist es das, was Sie wollen, meine Herren?

Immer wenn Onfray über die französische Revolution schreibt und spricht, stützt er sich vornehmlich auf die konterrevolutionäre Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, sei sie thermidorianisch, monarchistisch oder rechtsextrem. Der Historiker Guillaume Mazeau fragt fast verzweifelt:

Man weiß nicht, wen man kritisieren soll: Onfray, Michelet oder Balzac?

Auch Onfray negligiert großzügig die basalen Regeln der Quellenkritik und zieht schräge Anachronismen, provokante Psychologisierungen, Schnellschlüsse und – leider - fragwürdige Schreckensbilder und Verunglimpfungen vor.

Dass er hier relativ ausführlich vorgestellt wird, liegt nicht an der Wissenschaftlichkeit seiner Thesen, sondern an seinem Einfluss. Seine zahlreichen Bücher erreichen – wie die der anderen „schrecklichen Vereinfacher“ à la Zemmour – fast immer hohe Auflagen, zudem ist er eine Art Medienphilosoph, versehen mit der Aura des genialen provinziellen Nietzscheaners, der den Pariser Eliten die Wahrheit um die Ohren haut. Ein Mann aus dem Volk für das Volk, der den „Eliten“ wie einst Babeuf den Robespierristen „Populizid“ vorwirft. Und der ohne Wimperzucken den Widerspruch aushält, mit uralten Argumenten der Rechten die organisierte Linke (PC, PS, France insoumise, Parti anticapitaliste) aggressiv anzugehen, um dann mit Argumenten eben dieser Linken die Gilets jaunes zu verteidigen und Macron (oft unter der Gürtellinie) zu kritisieren, und dies alles aus der angeblichen Position eines girondistischen „linken Libertären“, der den Kapitalismus als Produktionsweise zwar für ewig erklärt, aber den Liberalismus angreift.

Um das Terrain der französischen Revolution nicht zu verlassen: Onfray, der bisher seinen Kampf mit den Argumenten der Thermidorianer führte, wird wie diese zu einem glühenden Vertreter des … Eigentums. Auch sein Meisterdenker Proudhon wollte am Ende nichts mehr von seinem Spruch „Eigentum ist Diebstahl“ wissen.

Seit Juni 2020 gibt Onfray ein vierteljähriges Magazin heraus, ausgerechnet mit dem "jakobinischen" Titel „FrontPopulaire“ (mehr als 40.000 Abonenten). Unter dem Signum der „Souveränität“ richtet es sich an "linke, rechte oder andere Maastrichtgegner“. Mediales Aufsehen erregten die Autoren der Zeitschrift. Das Übergewicht der Rechten und Rechtsextremen ist deutlich, Philippe de Villiers darf nicht fehlen, der Bildungstraditionalist Jean-Paul Brighelli, der Philosoph Thibaut Isabel, von der monarchistischen "Action francaise" und Autor eines „Pierre-Joseph Proudhon, Anarchie ohne Un-Ordnung“. Das Vorwort schrieb übrigens Onfray, darunter diese alles erklärenden Sätze:

Marx stammt aus einer Linie von aschkenasischen Rabbinern, Proudhon aus einer Linie fränkischer Bauern.

Auf der linken Seite der neuen Allianz finden sich – praktischerweise - der Theoretiker des Laizismus Henri Pena-Ruiz, der Advokat und Gelbwestenträger François Boulo, der „rote Baron“ Regis de Castelnau und der sozialistische Souveränist Jean-Pierre Chevenement.

Aufsehen erregt vor allem ein Beitrag des anarchistischen Meisters mit dem Titel „Eloge auf die Polizei“. Ziemlich deutlich zeigt dieser Text, dass Onfray endgültig im rechten Lager angekommen ist. Wäre er nicht so gut formuliert, könnte es sich auch um die Rechtfertigung einer erneuten „Violence policière“ durch ein stramm rechtextremes Polizeisyndikat handeln. Es geht um angeblich falsches Verständnis des damaligen Innenminissters für die Demonstrationen gegen polizeilichen Rassismus, um den ungeahndeten Bruch („viol“, bedeutet auch Vergewaltigung) des Ausgehverbotes in den „heißen“ Vierteln, um öffentliche Gebete von Muslimen.

Dieser unerbittliche Verfolger von Robespierristen und anderer „Terroristen“ findet die Tötung George Floyds „unentschuldbar“, aber „erklärbar“, wie er mit „der Arbeit des Philosophen, der zu den Ursprüngen geht,“ beweisen will. Dabei stellt er fest, dass die amerikanischen Polizisten bei einer Verhaftung ihr Leben riskieren. Das Ganze ist eine Aneinanderreihung antikommunitaristischer Vorurteile, der zynischen Behauptung einer „inversen Apartheid“ gegen den rassialisierten „weißen heterosexuellen Mann“, der detaillierten Aufzählung von Grausamkeiten, die Polizisten erleben müssen (das gleiche Verfahren verwendet er bezüglich der Revolution) und – immer wieder – antimuslimischer Ressentiments. Vincent Despredes, auch ein Philosoph, nennt diese "Arbeit des Philosophen" entsetzt „rechtsextreme Prosa“.

Onfray zeigt überdeutlich, dass er sich von irgendwie linken Positionen weit entfernt hat. Seine Medienauftritte mit Zemmour und de Benoist zeigen weitgehende Übereinstimmung der Diskutanten (Zemmour hält immerhin Robespierre für einen "authentischen Revolutionär", den einzigen übrigens). Ob der Plan eines Bündnisses der souveränistischen Rechten und ... eh ... Linken aufgehen wird, ob letztere nicht doch noch abspringen (wie Chevenement und Boulo es andeuten), hängt von vielen Unwägbarkeiten ab. Der Kitt dieses falschen "Front populaire", die konterrevolutionäre Grundhaltung gegen die Prinzipien der großen Revolution, die 1790 erstmals von Robesierre (!) formuliert wurden, lässt Schlimmes befürchten. Wird die rechte Rechnung mit nur noch zum Teil pseudolinkem Reden aufgehen? Erreicht ihr Identitätsdiskurs die "Classes populaires", die "Gilets jaunes"? Bisher ist deren politische Antwort: Wahlabstention. Marine Le Pen jedenfalls zeigt sich erfreut über diesen "Front populaire", der der Linken nur schaden kann ... und die Chancen des RN für 2022 erhöht. Und damit indirekt für Macron, den Onfray verabscheut.

Bei Victor Hugo verhilft der Revolutionsoffizier Gauvain, seinen zum Tode verurteilten Erzfeind, einen verknöcherten gnadenlosen Konterrevolutionär, der sich einmal und unerwartet menschlich gezeigt hat, zur Flucht. Gauvain wird zur Guillotine verurteilt, findet selbst die Strafe gerecht und notwendig. Cimourdain, politischer Kommissar, einst Priester und Lehrer des Offiziers, fragt ihn:

- Woran denkst du?

- An die Zukunft, sagt Gauvin.

Wenn die "dritte rote Linie" weiter überschritten wird, kann es verdammt schwer fallen, die Sache der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu einer "heißen Sache" zu machen. Keine schöne Perspektive am Ende einer kleinen Serie zur "scharzen Legende".

Abbé Barruel, Mémoires pour servir à l'historie du jacobinisme. Paris 1798
Roland Barthes, Mythologies. Paris 1957 (Editions du Seuil)
William Blanc u.a., Les historiens de garde. Paris 2018 (Libertalia) (Flammarion)
Victor Hugo, Quatrevingt-Treize. Paris 1874 (zahlreiche Ausgaben)
Jean-Clément Martin, Blancs et Bleus dans la Vendée déchirée. Paris 2006 (Gallimard)
Jean--Clément Onfray, Un détail inutile? Le dossier des peaux tannés. Paris 2013 (Vendemiare)
Michel Onfray, La Force du sexe faible: Contre-histoire de la Revolution francaise. Paris 2016 (Autrement)

Michel Onfray, Décadence. Paris 2017

Sophie Wahnich, La Révolution francaise n'est pas un mythe. Paris 2019 (Klinksieck)

15:34 19.08.2020
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