Die Struktur und die Straße

Protest Das Ereignis Mai 1968 versetzte durch seine Brutalität Frankreich in einen Schock. Allerdings ist dieser Zustand der Ausnahme nur durch die Vorgeschichte(n) verstehbar
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Die Struktur und die Straße

Foto: Getty Images/AFP/Jacques Marie

Wir können nichts dafür. Aber sie haben uns keine Wahl gelassen. So kommentiert Daniel Cohn- Bendit den 10. Mai 1968, „die Nacht der Barrikaden“. Eine denkwürdige Nacht. Schon morgens haben sich Tausende von Schülern versammelt. Am späten Nachmittag bewegen sich 20.000 Demonstranten den Boulevard Saint-Michel hinauf, Schüler, Studenten, aber auch Lehrer, junge Arbeiter, sogar Bauern. Sie fordern die sofortige Freilassung verhafteter Genossen. Mehrere Tausend Polizisten stellen sich auf, bilden eine Mauer. Suspense.

Am späten Abend empfängt der Rektor der Sorbonne drei Studenten, darunter Cohn-Bendit, um das Schlimme zu verhindern. Gleichzeitig werden im Quartier Latin die Barrikaden errichtet. In der Nacht, kurz vor 2 Uhr verkündet Cohn-Bendit das Scheitern der Verhandlungen. Um 2Uhr35 gibt der Polizeipräfekt den Befehl, die Barrikaden zu zerstören. Radiosender berichten live von dem Gewaltausbruch. Es sind Szenen eines Bürgerkriegs, dessen Bilder später durch ständige Wiederholung zu “hypnotischen Klischees“ gerinnen werden: die hell erleuchtete Nacht, der Lärm, das taktische Vorgehen der schwarz uniformierten behelmten Ordnungskräfte, ihr gezieltes Abschießen der Gasgranaten, steinewerfende Demonstranten, alle völlig ungeschützt gekleidet, einige in Anzügen. Die Friedhofsruhe am Morgen. Nicht bebildert ist die Gewalt, die in den Kommissariaten und Gefängnissen weiter geht, auf die robuste, die „männliche Art“: das Zerfetzen der Kleider, die systematischen Stöße in den Bauch, körperliche Durchsuchungen, obszöne Gesten. Langhaarige Männer werden unter Gelächter geschoren. Berüchtigt ist das „Centre Beaujeu“, wo hunderte Festgenommene auf ihre „robusten Verhöre“ warten.

Die Republik ist geschockt. Noch während der Nacht der Barrikaden gibt es weitere Vermittlungsversuche. Der Physiker und Nobelpreisträger Alfred Kastler bittet den Innenminister: In Gottes Namen! Befehlen Sie der Polizei, mit dem Massaker aufzuhören! Des Ministers Antwort ist vielsagend: Lieber Professor, beruhigen Sie sich. Es ist fast vorbei. Unsere Polizisten sind doch human. Die Straßen werden gereinigt. Das ist alles. Am Morgen wird das Ausmaß der „Reinigung“ klar: 367 Verletzte, 460 Festnahmen, 188 zerstörte Autos. Insgesamt werden die Mai-Ereignisse mindestens 2000 Verletzte, 200 schwer Verwundete und 5 Tote fordern.

Am 11. Mai notiert Alfred Kastner: Die Regimefrage ist gestellt. Dieses Regime entstand vor genau 10 Jahren durch einen Gewaltstreich, dessen Male es trägt. Es verleugnet seine eigene Jugend. Mit dem Ereignis des 10. Mai ist eine völlig neue politische Situation geschaffen. Die Gewerkschaften rufen zu einem ganztägigen Generalstreik auf. Am 13. Mai demonstrieren Hunderttausende in Paris gegen die brutale Repression, in der ersten Reihe Cohn-Bendit, aber auch die Gewerkschaftsführer, die für diesen Tag den Generalstreik ausgerufen haben, der sich in den nächsten Tagen ausweiten wird.

Die harten Auseinandersetzungen zeigen, dass sich für die Protagonisten des 10. Mai die Situation auf den unlösbaren Widerspruch zwischen Polizei und Demonstranten reduziert. Jeder Dialog zwischen Matraqueurs und Matraqués ist unmöglich (Guy Hocquenghem noch 1974). Die „Matraque“, wird zum phallischen Symbol staatlicher Gewalt. Die Begegnung mit diesem Holzstock, dessen oberes Ende aus hartem Kautschuk besteht, wirkt katalysatorisch. Erinnerungssätze wie Für mich begann der Mai 69 mit einem Polizeiknüppelschlag, als ich meine Wohnung verließ, sind repräsentativ für den beschleunigten politischen Reifeprozess. Dem emanzipatorischen „Wir“ steht sichtbar und spürbar ein repressives „Die“ der Macht gegenüber. So wie die „Kolonisierten“ mit den „Kolonisierern“ konfrontiert sind, wie Fanon es in den „Verdammten dieser Erde“ beschreibt: In den Kolonien sind es der Gendarm und der Soldat, die den „direkten Kontakt“ mit dem Kolonisierten in der „Sprache der reinen Gewalt“ pflegen. Und zu dieser Sprache gehört die Matraque.

Die CRS hält Paris

In der Auseinandersetzung zwischen Polizei und Studenten wird das Gegenüber zu einer Art „hybriden Objekt“. Die berühmte Gleichung „CRS=SS!“ verzerrt die Wirklichkeit, enthält aber trotzdem einen Teil historischer Wahrheit. Die „Compagnies républicaines de sécurité“, direkt nach der Befreiung 1945 geschaffen, bestanden zunächst mehrheitlich aus Widerstandskämpfern der FFI, die für die entlassenen Kollaborateure nachrückten. Noch 1947 weigerten sich einige dieser Compagnies, Arbeiterrevolten zu unterdrücken. Doch dann setzte die entgegengesetzte Entwicklung ein, exekutiert durch einen emblematischen Mann mit Erfahrung. Ab 1951 war ein gewisser Maurice Papon Generalsekretär des Pariser Polizeipräfekten Baylot. Papon, ehemaliger hoher Beamter der Vichy-Regierung, war ein genialer Organisator polizeilicher Repression. Tatkräftig half er bei der Integration ehemaliger Polizeioffiziere des Vichyregimes in die CRS, die nach ihrer Entlassung 1945 so genannte Schattendienste bei der Überwachung von Gewerkschaften und Kommunisten geleistet hatten.

1954 entließ der Ministerpräsident Mendès France den Präfekten. Dessen „zweite Hand“ Papon arbeitete für 4 Jahre in Mnordafrika. Hier zeichnete er sich bei der „Befriedung“ Ost-Algeriens aus, was konkret die Verschleppung der Bevölkerung, Tötung der Rebellen und, als strategische Praxis des antisubversiven Kampfes, massive Folterungen bedeutete. 1958, angesichts verstärkter Aktivitäten der FLN in der Metropole, wurde der erfahrene Papon zum Polizeipräfekt von Paris ernannt. Im selben Jahr erhielt der Unabkömmliche seine „Karte als Résistance-Kämpfer“. Papons Mission: „Paris halten“.

Gezielt wurden nun ehemalige in den Kolonialkriegen brutalisierte Soldaten und Gendarmen rekrutiert. Die Polizisten der CRS einte ein rigider Antikommunismus, verbunden mit Rassismus und Frauenverachtung. Für sie war der Polizeidienst oft die Fortsetzung des Kriegsdienstes … mit denselben Mitteln. In Frankreich lebende „Viets“ oder „Bicots“ (Araber) betrachteten sie als Feinde. Papon führte seine algerische Praxis weiter: Razzien, Identitätskontrollen und Verhaftungen. Selbst das historisch düstere Vélodrome d'Hiver wurde als Internierungslager benutzt, mit der „entsprechenden“ Behandlung der Gefangenen. Unter Leitung Papons war die Folter nach Frankreich zurückgekehrt.

Im Herbst 1961 verschärfte sich die Situation. Bewaffnete Gruppen der FLN töteten 12 Polizisten. Papon reagierte mit Ausgehverbot. In der (nicht nur sprachlichen) Tradition des Vichyregimes dekretierte der Präfekt am 5. Oktober 1961: Um den kriminellen Aktionen der terroristischen Algerier ein Ende zu bereiten, hat sich die Polizeipräfektur zu neuen Maßnahmen entschlossen. Um deren Ausführung zu erleichtern, wird den muslimischen algerischen Arbeitern dringend geraten, sich während der Nacht der Bewegung auf Straßen von Paris und der Banlieues zu enthalten. In den Kanälen und Flüssen der Region fand man zahlreiche Leichen, Algerier, nicht selten mit Folterspuren.

Am 17. Oktober 1961 forderten 30.000 unbewaffnete Algerier die Aufhebung der Ausgangssperre, die Freilassung der Verhafteten und die Anerkennung der provisorischen algerischen Regierung. Vor der Demonstration hatte der Präfekt Papon seinen Männern mit Sätzen wie Rechnet mit den Algeriern ab. Ihr seid gedeckt zu verstehen gegeben, was er von ihnen erwartete. Und die mit langen Matraques bewaffneten CRS und „Gendarmes mobile“ verrichteten ganze Arbeit: mindestens 120 Demonstranten wurden erschossen, erschlagen, ertränkt, durch Folter ermordet. Das Staatsmassaker wurde in den Medien vornehm beschwiegen. Nur die Humanité berichtete. Aber die war ja kommunistisch.

Am 8. Februar 1962 demonstrierten 20.000 Kommunisten, Gewerkschaftler und antifaschistsiche Studenten gegen die kolonialistische Terrorgruppe OAS. Der Polizeipräfekt hatte die Versammlung "an sich" erlaubt, Demonstrationszüge aber verboten. Die CRS und „Gendarmes mobiles“ waren angewiesen, die Demonstration aufzulösen. Zu diesem Zweck wurden sie mit Tränengas und „Bidules“ („bewährte“ Matraques, 85 cm lang, 4 cm Durchmesser) ausgestattet. Nach Versammlungsende wurde ein rückkehrender Demonstrantenzug von zwei Seiten blockiert. In panischer Angst vor den Schlagstöcken flohen die Menschen in die Métrostation Charonne. Ordnungskräfte warfen bis zu 40 kg schwere Gitter und Bistrotische auf sie. Sechs Demonstranten erstickten, drei weitere wurden zu Tode matraquiert. In einer Ansprache im staatlichen Fernssehen gab der Innenminster der kommunistischen Partei die Schuld. Die Opfer seien „in der Menge zu Tode getrampelt“ oder bei „Zusammenstößen mit der Polizei“ gestorben.

Ihre Begräbnisfeier nahe der „Mur des fédérés“ (1871 Ort des Massakers an den Kommunarden) gestalteten mehr als 500.000 Teilnehmer zu einem „republikanisch-revolutionären Pantheon“, so die Historikerin Zancarini-Funel. Charonne gehört bis heute zu den Erinnerungsorten der Linken, während das Massaker an den Algeriern lange im Schatten verblieb. Im Mai 68 taucht der Name Charonne in Grafiti immer wieder auf. Der Cinéast François Truffaut berichtet über die „Nacht der Barrikaden“: Die gewöhnliche Polizei ist durch die CRS ersetzt worden. Und die langen Kampf-Matraques sind wieder da, die Matraques von Charonnes.

Zurück zum Mai 68. Das "Ereignis", so der Philosoph Alain Badiou, ist etwas, was dem Sein passiert, was gewissermaßen unerklärlich scheint. Eplizit bezieht er sich auf den Mai 68: Es ist müßig, die Situation in Frankreich zu untersuchen. Niemals werden Sie daraus den Mai 68 „ziehen“. Er ist wirklich ein Blitz aus heiterem Himmel. Aber, so kann man fortfahren, ein Blitz, der – zunächst – Verhaltensweisen auslöst, die unter Wiederholungszwang zu stehen scheinen. Zwar ist Papon seit einem Jahr kein Polizeipräfekt mehr, auch die von de Gaulle vorgesehene Botschafterstelle konnte er nicht antreten. Aber er ist - irgendwie - immer noch präsent: diesmal als Generaldirektor des Flugzeugherrstellers „Sud-Aviation“, wo am 14. Mai 68 der erste große „wilde“ Streik beginnt. Und die CRS, die der liberale Nachfolger Papons, gegen die Studenten (und dann auch gegen die Streikenden) schickt, sind im Kombattantengeist der Algérie française ausgebildet. Die „subversiven“ Kommunisten und Antikolonialisten sind mit brutalen Mitteln zu bekämpfen. Dazu gehören auch rassistische, antisemitische und sexistische Erniedrigungen. Die CRS spielen mit der Todesangst ihrer Opfer: Ihr kommt in den Folterraum! oder: Wir werden euch in die Seine schmeißen. Ihr wäret nicht die ersten!

Der Innenminister versucht zu beschwichtigen: Beaujon war immerhin nicht Auschwitz“, und feuert mit diesem Satz den Vorwurf des Faschismus geradezu heraus. . Nach der Ausweisung Cohn- Bendits skandieren Zehntausende Wir sind alle deutsche Juden. Auch der „ideale Andere“ wird zum hybriden Objekt, repräsentiert durch den Unabhängigkeitskämpfer, vor allem den Vietkong, aber auch durch den in den „Bidonvilles“ lebenden „Travailleur immigré“. Gerade die Maoisten glauben, die Aufhebung der Arbeitsteilung vorwegnehmen zu können – in der Figur des „barfüßigen Doktors“ der chinesischen Kulturrevolution. Die bisher getrennten Welten der Arbeit und der „Elite“ scheinen im „Wir“ des (echten) Volkes aufgehoben. Eurer Kampf ist unser Kampf. In einem studentischen Bericht über eine riesige Demonstration vom 24. Mai ist zu lesen: Es sind alle da. Wir, wir alle. Die CGT, ohne Banderolen, ohne Führer, ohne Delegierte, die wirkliche CGT, mindestens 50 Prozent Arbeiter... Zur Identifikation gehört aber auch die „Pflicht zur Gewalt“ gegen die Unterdrücker: die Faschisten, Imperialisten, Kapitalisten und ihre Knechte.

Die Struktur auf der Straße

Aber Dialektik kann übel sein. Ab Mitte Mai entwickelt sich ein drittes „Wir“. Am 29. Mai fliegt ein, vor allem durch den Generalstreik, angeschlagener Präsident de Gaulle nach Baden-Baden, von wo aus der Dreisternegeneral Massu, der „Schlächter von Algier“, die 70.000 in Deutschland stationierten französischen Soldaten kommandiert. Massu war 1961 ein Sympathisant der gegen de Gaulles Algerienpolitik putschierenden kolonialistischen Generäle. Der Präsident kann sich auf die durch Papon „professionalisierten“ Polizeikräfte verlassen. Nun prüft er die Treue der nationalistischen Miltärfraktion. Der Gouverneur von Paris soll die Schlacht gegen die zu eliminierenden Anarchisten vorbereiten… Die Kräfte in Deutschland scheinen mir sicher. Keine Sensibilität bei den jungen Soldaten. Zwei Regimenter sind momentan in Alarmbereitschaft, so die - beruhigende - Antwort Massus (wenn man seinen Memoiren glaubt).

Am 30. Mai, dem Tag der lothringischen Nationalheldin Jeanne d'Arc, gelingt de Gaulle und seinen Beratern ein genialer Coup. Zurück aus Deutschland, wendet sich der Präsident an sein französisches Volk, per Radio (das Fernsehen wird bestreikt). In bewusster Anspielung auf die Botschaft vom 18. Juni 1940 zeigt der Präsident „als Träger der nationalen und republikanischen Identität“ militärische Entschlossenheit und verkündet die Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahlen. Wenn aber die Gewaltsituation fortdauert, werde ich andere Wege als die sofortige Wahl beschreiten... Eine staatsbürgerliche Aktion muss sich organisieren. Und diese ist schon organisiert.

Mindestens 300.000 Menschen bewegen sich am selben Abend von der Place Concorde zum Triumphbogen. Es ist der Weg, den auch die große Freiheitsdemonstration 1944 genommen hat. Viele haben an ihren Transitoren die Rede de Gaulles gehört, ihre militärische Kürze, die bekannte Stimme. Die symbolische Kraft des blau-weiß-rotes Fahnenmeeres soll die Straßen der Nation vom roten und schwarzen Unrat „reinigen“. Cohn-Bendit hat am 7. Mai den Triumphbogen als „dummes Denkmal“ bezeichnet. Ein Student soll sogar auf das Grabmal des unbekannten Soldaten gepinkelt haben. Jetzt ehren dort Repräsentanten der Résistance und der Nationalversammlung sowie der Ehemaligen-Verbände die Toten des Vaterlands. Die Erinnerung an die Befreiung 44/45 ist omnipräsent: Victoryzeichen, die Embleme der FFI, das Lothringer Kreuz. Anwesend sind aber auch die Anhänger des französischen Algerien, die harte Rechte, die primären Antikommunisten. Sie alle vereinen sich im Singen der Marseillaise gegen die Internationale. Man hört Parolen wie Reinigt die Sorbonne! Mitterand Scharlatan, an den Galgen! Arbeiter, an die Arbeit! Die beiden historischen Fraktionen der Rechten vereinen sich im Bündnis gegen Anarchie und Chaos.

Ein besonders kluger 68er-Spruch, gerne vom marxistischen Strukturalisten Lucien Goldmann zitiert, lautet: Die Strukturen gehen nicht auf die Straße. Die Demonstration vom 30. Mai scheint den Spruch auszulachen.

Einen Monat später gewinnen die Gaullisten die absolute Mehrheit der Assemblée Nationale. Die Putschgenerale von 1962 werden begnadigt. Die Studenten studieren (meistens) wieder. Die Arbeiter arbeiten. Die Straße dient wieder dem normalen Verkehr. Papon macht weiter Karriere, diesmal als Abgeordneter und Minister. Bis 1981 bekannt wird, dass er von 1942 bis 1944 den Transport von 1600 Juden in Richtung Todeslager organisiert hat. Die Strukturen bleiben... vorerst. „Circulez!“ Es ist nichts passiert.

Jean-Pierre Le Goff, Mai 68, l'héritage impossible, Paris 1998 (La Découverte)

Kristin Ross, Mai 68 et ses vies ultérieures, Bruxelles 2005 (Complexe)

Michèle Zancarini-Fournel, Les Luttes et les Rêves, Paris 2016 (La Découverte)

17:29 18.02.2018
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