Wer nicht arbeitet, soll auch gut essen! Das "Recht auf Faulheit".

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Es ist hart. "Im Schweiße unseres Angesichts" müssen wir Sündige unser Brot verdienen. Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß, damit das Werk den Meister loben kann. Und Goethe findet gar, dass dieser Schweiß "sauer" zu sein habe. Wenn wieder einmal ein Unternehmen "saniert" werden muss, spricht der neue Vorstand automatisch vor nickenden Journalisten von "Blut, Schweiß und Tränen" - bei Bedarf auch auf Englisch. Das Wort "Arbeit" ist etymologisch mit "Mühsal" und "Armut" verwandt. Das französische "travail" hat gar eine Wurzel im "tripalium", einer beliebten römisch-dekadenten Folterart.

Es wird also ganz schön transpiriert in der Welt der Arbeit, die den Menschen vom Tier unterscheidet, so sehr, dass das Verlangen nach Nichtstun aufkommt. Deshalb gilt es mit Thomas von Aquin den Müßiggang zu verhindern und die Begierden zu zügeln. Es ist die Ordnung, die heilige, die vernünftige, die göttliche, die die einen beten, die nächsten kämpfen und die meisten hart arbeiten lässt. Wer dagegen verstößt und der "Trägheit des Herzens ", der Acedia, frönt, begeht eine Todsünde. Es ist bestenfalls das Purgatorium, das den Sünder erwartet. Dort ist er zur rastlosen Hyperaktivität verurteilt: Wir sind so voll des Willens, uns zu regen,/Dass wir nicht weilen können (Dante).

Heutzutage sind die Schuldgefühle, die die "Trägheit" mit sich bringt, längst sakularisiert. Der Absolutismus brauchte fleißige "Hände". Die Deutschen ritten wieder voran. War denn Trägemann ein guter Mann? fragte der Volksschullehrer Ende des 18. Jahrhunderts seine Schüler. Nein! schallte es hundertfach zurück. Die Industrialisierung erfasst die Arbeiter mit Haut und Haaren. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Thompson zeigt am englischen Beispiel, wie die Maschinenwelt das Streben nach Nichtstun austreibt. Im Fordismus undTaylorismus wird der arbeitende Mensch endgültig zum Homme-Machine gemacht. Und er will es so. Selbst in Frankreich, wo man wohl nicht mehr wie Gott leben will. Sarkozy gewann die letzte Wahl mit dem Spruch Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen.

Und immer noch ist das Nichtstun eine Art Todsünde. Der Ex-Bundeskanzler Schröder fraternisiert mit Schülervertretern, man wisse doch: Lehrer sind faule Säcke. Die wiederum nennen ihre arbeitsunlustigen Zöglinge "faul" oder "oberfaul". Die BILD titelt periodisch: Deutschlands faulster Arbeitsloser (wahlweise und bezeichnend: Deutschlands frechster Arbeitsloser). Ein Arbeitsloser namens Dübel tourt durch die Talkshows, um sich dort als "faul", "schmarotzend", "verrückt", "die Gemeinschaft ausbeutend" beschimpfen zu lassen. Und politische Hotelkofferträger wie Westerwelle kämpfen mit medialem Erfolg gegen das "anstrengungsfreie" Einkommen, womit wir wieder beim Transpirieren angekommen sind.

Es ist hohe Zeit, wieder einmal einen historischen Hammertext zu würdigen, der vor 130 Jahren erschienen ist und dessen Teil ein geflügeltes Wort wurde. Im Jahre 1880 erscheint in der Zeitschrift Egalité eine Artikelserie, die der Autor drei Jahre später als annotierte Broschüre veröffentlicht: "Le droit à la paresse" (Das Recht auf Faulheit). Interessanter Untertitel: Widerlegung des Rechts auf Arbeit. Autor ist der "unterschätzte Schwiegersohn" (Schandl) eines gewissen Marx, Paul Lafargue. Dieser hat bei Erscheinen des Textes einen sechsmonatigen Arrest wegen politischer Agitation hinter sich - charakteristisch für sein bisher 35-jähriges Leben.

Auf Cuba ist er geboren - in einer ziemlich betuchten multikulturalen Kaffeeplantagenbesitzerfamilie, in der sich die turbulente Geschichte der Karibik widerspiegelt. 1851 zieht die Familie nach Bordeaux. Der quirlige Paul nimmt in Paris ein Medizinstudium auf und schließt sich sehr schnell der proudhonistischen und blanquistischen studentischen Linken im Quartier Latin an. Als französischer Repräsentant der "Internationalen" reist er 1865 nach London und wird ständiger Gast im Hause, besser in der engen Wohnung der Familie Marx, vor allem wegen der schönen Laura, der Lieblingstochter Marxens: Laura war blond und rosenfarben, ihr volles Haar schimmerte golden, als ob die untergehende Sonne sich hineingeflüchtet hatte, dichtet Lafargue spätromantisch. Der Alte reagiert als eifersüchtiger Patriarch, schimpft auf "unseren Neger" und besteht bourgeoisement auf einem "anständigen Beruf". Manche vermuten zusätzlich politisches Misstrauen gegenüber der französischen Sprunghaftigkeit und dem Proudhonismus Lafargues.

Lafargue macht unter Mühen seinen Doktor, bekommt seine Laura, beide bekommen drei Kinder, die alle früh sterben. Er gibt daraufhin seinen Beruf auf und wird ein früher Berufsrevolutionär. Entsprechend oft wird der Wohnort gewechselt: Bordeaux, Paris wegen der Commune, nach deren blutiger Unterdrückung Flucht nach Spanien, wo er sich im Konflikt zwischen den Anarchisten und den Autoritarios auf der Seite der Letzteren positioniert, Flucht nach Lissabon, dann nach Den Haag, London und wieder - nach der Generalamnistie - nach Paris. Mit Jules Guesde wird er einer der politischen Führer des Parti Ouvrier. Lafargue agitiert in der 1.-Mai-Bewegung und wird schließlich Abgeordneter im französischen Parlament. Er übersetzt mit Laura Werke von Marx, schreibt Satiren und betätigt sich als scharfsinniger Literaturkritiker. 1911 scheiden Paul und Laura Lafargue freiwillig aus dem Leben. Vorher haben sie sich noch einen Film angeschaut und fürstlich getafelt.

"Das Recht auf Arbeit" war eine der Grundforderungen der europäischen Arbeiterbewegung. "Brot ist Arbeit, Arbeit Brot" gilt als Voraussetzung jeder Emanzipation bis heute. Grundfalsch! behauptet Lafargue in seinem "Recht auf Faulheit": Das Recht auf Arbeit ist nichts als das Recht auf Elend. Arbeitet, arbeitet, Proletarier, um den gesellschaftlichen Reichtum und euer individuelles Elend zu vergrößern, um noch mehr Gründe zum Arbeiten zu haben und um noch mehr zu verelenden. Man sieht, dass Lafargue bei seinem Schwiegervater Dialektik gelernt hat. "Das Recht auf Faulheit" - die nicht nur für die "Arbeitgeber" unerhörte Forderung, alles zu vergessen, was uns die okzidentale Geschichte implementiert hat. Hat nicht die deutsche Sozialdemokratie erst 1875 festgelegt (und damit marx geärgert), dass die "Arbeit die Quelle allen Reichtums" sei?

Absurd, meint Lafargue: Eine seltsame Verrücktheit hat die Arbeiterklassen besetzt: die Liebe zur Arbeit, die krankhafte Arbeitsleidenschaft. Das Recht auf Arbeit als revolutionäre Errungenschaft zu feiern, welche Schande für das französische Proletariat. Während Marx im Kapital den objektiven Prozess der Verdinglichung beschreibt, zeigt sein Schwiegersohn dessen subjektive Seite: die Arbeiter "vertieren", die historisch gesehen, robuste, witzige, soziable "femme du peuple" wird zur verdorrenden blassen Blume. Niemals hat sie die robuste Freude gekannt, niemals wird sie fröhlich erzählen, wie man ihre Schale zerbrach. Das klingt für uns Heutige sehr machistisch und zeigt überdies ein eher verklärendes Bild der vorkapitalistischenVergangenheit. An anderer Stelle analysiert er die nicht proletarischen Frauen als verheirateten oder freien Prostituierte, ein Bild, das den damaligen Genderverhältnissen sicher recht nahe kommt.

Das Pamphlet Lafargues ist nicht so systematisch wie Marxens Kapital, dafür ist es im besten Sinne witzig. Und natürlich zeitbedingt:Dem edlen Wilden, den die Missionare des Handels und die Händler der Religion noch nicht mit dem Christentum, der Syphilis und dem Arbeitsdogma infiziert haben, stellt er unsere miserablen Maschinensklaven gegenüber. Er ist Exotist, wie Baudelaire, der drei Jahrzehnte vorher über die exotischen Lebensverhältnisse dichtete: Là tout est luxe, calme et volupté, so zu sagen ein Versprechen der Faulheit. Die zweite Referenz für Lafargue ist der klassische Grieche und Römer. Er ist halt ein Bildungsbürger - was nicht unbedingt das Schlechteste ist.

Als "Marxist" verweist Lafargue auf die objektiven Bedingungen. Die Befreiung von der Arbeitsdogmatik ist. möglich. Die Produktivkräfte entwickeln sich ständig weiter: Die Maschine wirkt für den Wiederaufstieg der Menschheit. Ein ungeheurer Reichtum wird produziert und - hier zeigt sich ein etwas naives Imperialismusverständnis - in die Kolonien exportiert, anstatt sur place konsumiert zu werden. Es gibt hienieden Brot genug für alle Menschenkinder, dichtete Heine (inklusive "Zuckererbsen für jederman"). Das bedeutet - zu Ende gedacht -, dass 3 (!) Stunden Arbeit reichen könnten, wobei Lafargue sogar noch Zeitreduktionen für die Kranken und Ältgeren fordert (Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder arbeite nach seinen Fähigkeiten). Dass Lafargue darüber hinaus zahlreiche arbeitsfreie Tage für notwendig ansieht, versteht sich. Interessant ist seine luzide Abrechnung mit den von der Linken damals als "fortschrittlich" angesehenen Jakobinern und deren nervender Arbeitsreligion.

Aber sorgt die lange arbeitsfreie Zeit nicht für lange Weile? Lafargue verschwendet keinen Gedanken daran. Je größer die wirklich freie Zeit, desto mächtiger wird die menschliche Produktivität. Allerdings muss man die Arbeiter zwingen, ihre Produkte selbst zu konsumieren: Die Arbeiterklasse muss mit Gewalt ihre Abstinenz überwinden, um ihre Konsumfähigkeiten unendlich zu entwickeln. Bis das Reich der Freiheit - von der Arbeit - anbricht.

Was kann man Lafargue nicht alles vorhalten! Da ist sein plagiativer Umgang mit der Literatur. Da geht die Analyse manchmal zu Lasten eines Wortwitzes. Man findet sogar Ansätze von Rassismus. Auch sieht er nicht voraus (wie auch?), dass in den letzten hundert Jahren - nach langem Kampf - die Arbeitszeit in der Tat immer kürzer werden sollte, dass Urlaub und arbeitsfreie Zeit sich verlängerten. Und dass ausgerechnet in den sich sozialistisch nennenden Ländern dem Arbeitsgott exzessiv geopfert wurde (Arbeitsbücher, "freiwillige" Überstunden), hätte er wohl für unmöglich gehalten. Der Lauf der Geschichte! Die Produktivkräfte! Die Notwendigkeit!

Und doch! Ist die gewonnene fordistische "Freizeit" wirklich selbstbestimmte "Faulheit", die für Lafargue die Essenz des Humanen ist? Die "Siesta" ist zum "Power Nap" verkommen, das momentane Nichtstun zum meine Employability steigernden personalen Kraftwerk. Die Arbeitswelt hat die Welt der "Faulheit" erobert und kolonisiert. Unsere kollegialen Bankette bestehen aus short-time-fast-food, eingenommen beim einsamen Arbeiten. Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Wer nicht arbeitet ist "faul" und soll auch nicht essen - höchstens soviel, dass er und die "Seinen" nicht verhungern (man könnte ihn ja noch ge-brauchen). Wer arbeitsfrei ist, muss weiter schwitzen und Gott, einem "Arbeitgeber" oder einem Arbeitsagenturmitarbeiter, gerne auch einer Mitarbeiterin, zeigen, dass er abreitsfromm ist. Bei Tabuverstoß wird er zu verstärktem Hunger verurteilt. Ohne Gerichtsurteil, versteht sich.

Dafür steht sie, die stolze deutsche Sozialdemokratie, zu deren internationalen Mitstreitern Paul Lafargue einst gehörte. Brot ist Arbeit, Arbeit Brot, singen sie auch heute noch am 1. Mai. Arbeit bis 67 und länger, denn: Wir werden immer älter! Dafür steht auch - in Teilen zumindest - die stolze deutsche Linke. Arbeit für alle! Dafür steht auch die arbeitende Bevölkerung. Nicht nur die BILD lesende. Wir alle arbeiten immer länger, immer verdichteter und tendenziell für immer geringeres Einkommen. Stolz machen wir die Geste des Schweißabwischens. War das wieder anstrengend heute! Im Hamsterrad. Hamster sind wohl glückliche Tiere.

Paul Lafargue hilft, den Geist zu befreien. Faulsein ist Menschsein ohne Schuldgefühl. Seien wir faul! Genießen wir die Zeit! Das "Recht auf Rausch" der NRW-Linken ist doch schon viel versprechend. Ein "Recht auf Faulheit" verspräche noch viel mehr.









09:52 28.02.2010
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carl-gibson | Community
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