Sind die Deutschen überfordert?

Demokratie Die politische Kaste in Deutschland versucht, ihre Unfähigkeit bei der Lösung des "Flüchtlingsproblems" auf die Gesellschaft abzuwälzen; die sei angeblich überfordert
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"Was macht Deutschland?

Ein immerwährender Kalender für alle Tage des Jahres

Sonntag. Deutschland pflegt sich -
Wohl zu besinnen.
Montag. Deutschland regt sich -
Was wird's beginnen?
Dienstag. Deutschland trägt sich -
Mit großen Gedanken.
Mittwoch. Deutschland bewegt sich -
In gesetzlichen Schranken.
Donnerstag. Deutschlang frägt sich -
Ob's endlich soll?
Freitag. Deutschland schlägt sich -
Schlägt sich wie toll!
Sonnabend. Deutschland legt sich -
Zu Protokoll!"

Georg Herwegh, 1859

Versucht man die Stimmung bei uns im Lande zu bewerten, dann wird man "gefühlt" (Zahlen dazu gibt es nicht) zu dem Ergebnis kommen, dass die große Mehrheit der Deutschen erkannt hat, wie sehr wir in der Pflicht stehen, den Flüchtlingen aus den Kriegs- und anderen Notstandsgebieten Afrikas und des Nahen Ostens zu helfen. Das äußert sich eindrucksvoll in der Bereitschaft sehr vieler Menschen, mit Tatkraft und Spenden eine Art Erste Hilfe zu leisten, und es zeigt sich auch an der sich mehr und mehr durchsetzenden Erkenntnis, dass wir nicht nur Raum für Flüchtlinge haben, sondern dass wir sie auch brauchen. Große Industriebetriebe werben in Flüchtlingslagern bereits Fachkräfte und Auszubildende an und offerieren Sprachkurse und andere Übergangshilfen für eine möglichst schnelle Eingliederung in unsere Gesellschaft. In einzelnen Kommunen weisen hilfsbereite Bürger durch ihren Einsatz auf einen der sichersten Wege hin, auf dem man die Schwierigkeiten überwinden kann, die plötzlich hereinströmende – aber zu erwartende – hohe Zahl der Flüchtlinge in eine menschenwürdige Umgebung zu führen: Sie stellen leerstehenden Wohnraum zur Verfügung. Pensionierte Lehrer organisieren Sprachkurse, und Bürgergruppen errichten behelfsmäßige Spielstätten für Flüchtlingskinder; oder: Auf den Strecken, wo derzeit Flüchtlinge zu Fuß unterwegs sind, weil ihnen die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel versagt wird, "sammeln" Autofahrer Flüchtende auf und fahren sie zu den nächsten Aufnahmestellen. Überall beobachten wir ein Gegenbild zum hasserfüllten Auftritt faschistischer Nationalisten, wenn Menschen auf Bahnhöfen und vor Aufnahmelagern den Ankommenden zurufen, "ihr seid willkommen". Da schwappt eine Welle starken Mitgefühls übers Land, die auch die meisten medialen Beobachter nicht für möglich hielten und was sie nun eher zähneknirschend zur Kenntnis nehmen, weil sie hinter dem Tellerrand ihrer krampfhaft wirkenden Art der "ausgewogenen" Berichterstattung nicht sahen, wie weit weg von der Realität sie sich bewegt hatten. (Es muss in diesem Augenblick daran erinnert werden, dass die Menschen in den westdeutschen Besatzungsgebieten nach 1945 ca. zwölf Millionen Flüchtlinge aufnahmen und integrierten, zu einer Zeit, als hier alles darniederlag und der Spielraum für Verteilung von Hilfen verdammt eng war. Dennoch haben die Westdeutschen das geschafft! Sie waren augenscheinlich nicht überfordert.) – Im Übrigen: Auch bei den Hilfen für die Menschen aus den aktuellen Kriegs- und Notstandsgebieten um uns herum erweist sich, dass die Möglichkeiten zur direkten Kommunikation, an den Mächtigen in Politik und Medien vorbei, genutzt werden; und wir dürfen sicherlich davon ausgehen, ohne diesen Austausch von Meinungen unterhalb der Decke des polit-medialen Komplexes wäre die Debatte um die Behandlung von Flüchtlingen anders verlaufen.

Hierfür spricht das erbärmliche bürokratische Gezerre und Gerangele, worin sich die "Spitzen" unserer Parteien ergehen und wovon viele unter ihnen immer noch glauben, es handele sich um Politik. Inzwischen beginnen sie zwar ihren blutleeren Parolen eine scheinheilige Bekundung ihres Mitgefühls voranzustellen, setzen jedoch unmittelbar daran ein "Aber", das sie wieder auf die bürokratische Schiene bringt. Die ausgesprochen dämliche Feststellung, wir könnten schließlich nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen (wer fordert das eigentlich?), ist noch der harmloseste Versuch, die Kehrtwende zur bisher gepflegten Maxime einzuläuten, dass nämlich das "Flüchtlingsproblem" durch Abwehr von Fliehenden bereits an den EU-Außengrenzen zu lösen sei. Diese Haltung vertrat bis vor Kurzem auch Frau Merkel, die sich jetzt auf dem Strom des allgemeinen Mitgefühls durchs Land schippern lässt – wie mit Gummistiefeln im Schlauchboot, eine bewährte Kanzler-Methode. Den Vogel abgeschossen haben aber mal wieder die CSU-Vertreter (Christen!), die wohl am liebsten ungarische Maßnahmen ergreifen möchten und die ihren parlamentarischen Geschäftsführer im Bundestag, Herrn Max Straubinger, ungerügt erklären lassen, man könne durchaus auch syrische Flüchtlinge wieder abschieben, da "nicht überall in Syrien" gekämpft werde! (Dazu auch: Taschengelddebatte) Solche Leute aufzufordern, sie sollten sich schämen, ist zwecklos, da sie die Fähigkeit zur Scham wie unnötigen Ballast bei ihrer Klettertour die Karriereleiter hinauf längst abgeworfen haben. – Während unter den Parteifürsten eine Debatte darüber geführt wird (jetzt!), ob das im Grundgesetz verankerte Asylrecht zu ändern sei, selbstverständlich mit dem Ziel, es einzuschränken, streiten die Behördenvertreter um Quoten zur Aufnahmezahl und um Geld zur bürokratischen Bewältigung der Asylanträge, deren Bearbeitung zum Teil mehrere Jahre dauert. Parallel dazu, was erschreckend symptomatisch erscheint, hören wir einige Länder-Finanzminister klagen, sie könnten die "Belastungen" aus den Pensionsverpflichtungen gegenüber Beamten im Ruhestand bald nicht mehr stemmen. Denn derzeit, kommt dabei zutage, beziehen in Deutschland mehr als anderthalb Millionen ehemalige Beamte "Ruhegeld", und die Statistiker erklären uns, dass diese Zahl sich in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich verdoppeln wird. Die "Belastung" wird aber sozusagen noch potenziert durch den Umstand, dass Beamtenpensionen automatisch in gleicher Höhe wie die Gehälter der aktiven Beamten angehoben werden. Man sollte den Regierenden in Deutschland das "Sparprogramm" für Griechenland unter die Nase halten und sie auffordern, mit ähnlichen Maßnahmen für eine Ausdünnung der Verwaltung zu sorgen. Aktuell jedoch könnte es schon hilfreich sein, die "Reservearmee" der Pensionäre in den Dienst der Flüchtlingsbetreuung zu stellen. Dafür, statt zur Beschränkung des Asylrechtes, sollte man, wenn erforderlich, das Grundgesetz ändern.

Während bei uns eine höchst verkrampft anmutende Debatte geführt wird, die sich meist im Palaver über verwaltungsrechtliche "Probleme" erschöpft, parteipolitisches Taktieren in den Vordergrund stellt und im Angesicht der Kriegswirren im Nahen Osten peinlich kleinkariert wirkt, nimmt dort die Zahl derjenigen zu, die alle Bedenken über Bord werfen und sich aufmachen nach Europa. Wir "fürchten" dass in diesem Jahr vielleicht sogar eine Million Flüchtlinge bei uns eintreffen könnten, während sich sowohl im Norden des Irak, in der Türkei, im Libanon als auch in Jordanien bereits jetzt viele Millionen Menschen in erbärmlich schlecht ausgerüsteten Lagern drängen und die UNO-Organisationen vor Ort darüber klagen, dass nicht einmal diejenigen Beträge für Hilfsmaßnahmen bereitgestellt werden, zu denen sich die Mitglieder der Vereinten Nationen feierlich verpflichtet haben! Außerdem irren nach Schätzungen von Hilfsorganisationen innerhalb Syriens vier bis sechs Millionen Menschen umher, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder fliehen mussten, weil ihre Behausungen zerbombt wurden, und zwar nicht nur von den Schergen des sogenannten IS, sondern auch von der syrischen Armee, den "gemäßigten" Rebellen und durch "Luftschläge" des Westens. Das türkische Militär trägt seinen "Kampf gegen kurdische Terroristen" mittlerweile in den Irak hinein, führt also einen veritablen Krieg gegen einen souveränen Staat; und das ausgerechnet in der Region, wo der wirksamste Widerstand gegen die Islamisten geleistet wird. Die wiederum füllen ihre Kassen mit dem Verkauf von Erdöl, das sie über Schwarzmarktkanäle in den offiziellen Handelsfluss schleusen, was schließlich bedeutet, dass wir mit jedem Liter Benzin, den wir tanken, auch den Krieg anheizen. Und woher erhalten die Islamisten Waffen und Munition? – Zu behaupten, das alles sei nicht zu kontrollieren, dient lediglich als bequeme Ausrede für Nichthinsehen; denn selbstverständlich können Warenströme wie beim Handel mit Öl und Waffen lückenlos bis zu ihrem Ursprung verfolgt werden. Man muss das nur wollen!

Einen ganz besonders üblen Eindruck hinterlässt die US-Regierung, die einfach ausblendet, dass sie mit dem Überfall auf den Irak im Jahre 2003 alleiniger Verursacher des Chaos war, das sich nun im Land, wo einst "Milch und Honig flossen", zu einem Krieg aller gegen alle ausgeweitet hat. Die USA begrenzen die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien auf wenige Tausend, da sie befürchten, sich auf diesem Wege Terroristen ins Land zu holen. Das kann man nur als kranke Wahnvorstellung bezeichnen, zumal selbst Geheimdienstvertreter, die üblicherweise hinter jeder Mauerecke einen Feind orten, erklären, dafür gebe es keinerlei Hinweise. Und jetzt wollen sich auch noch Frankreich und Großbritannien an den militärischen Aktionen in Syrien beteiligen, während Russland droht, seine logistische Hilfe für das Assad-Regime durch den Einsatz von Truppen abzusichern. Diese "externen Konfliktparteien" treffen auf die Ambitionen der "Regionalmächte" Saudi-Arabien, Iran und Türkei, die sich ihren Teil vom Kuchen in Mesopotamien sichern wollen, wenn dort alles in Schutt und Asche liegt und zumindest Syrien aber wahrscheinlich auch der Irak "aufgeteilt" werden. Das Schlimmste an der Lage ist, dass alle "Interessierten" jeweils ganz unterschiedliche Absichten verfolgen und sich keinen Deut darum scheren, wie es der betroffenen Bevölkerung ergeht. Und da wundern sich unsere Politfunktionäre über den "unerwartet" großen Flüchtlingsstrom, den sie möglichst weit ab von den eigenen Grenzen aufzuhalten versuchen, indem sie den "Schlepperbanden" den Kampf ansagen! Man darf dieses Ansinnen nicht etwa nur als naiv hinstellen; es ist entweder Ausdruck einer nicht zu überbietenden Dummheit oder gar vorsätzliche Täuschung, also kriminell! Erinnern wir uns: Noch kurz vor ihrem nun plötzlich aufgebrochenen Mitgefühl hatte Frau Merkel im Verbund mit ihrem Innenminister vorgeschlagen, an der nordafrikanischen Küste "Erstaufnahmelager" einzurichten, um die meisten Asylsuchenden gleich von dort wieder in ihre "Herkunftsländer" zu schicken – zurück und zu Fuß durch die Sahara. Von den weiterhin im Mittelmeer ersaufenden Flüchtlingen aus Afrika wird derzeit jedoch kaum berichtet; diese "Tragödie" oder dieses "Drama", wie es die Moderatoren in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gern nennen, wird von den Bildern der durch Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn strömenden Flüchtlinge nur überlagert, bleibt aber existent und verweist auf das Ausmaß einer Katastrophe mit Ansage, die nicht etwa plötzlich aus dem Nichts erschien, sondern unter tätiger Mithilfe des "Westens" (mit den USA als dessen Anstifter) von langer Hand vorbereitet ist.

Selbst so wenig reflektierenden Leuten wie unseren Politikern sollte es doch möglich sein, den Ernst der Lage zu erkennen, und endlich darüber nachzudenken, mit welchen Mitteln die Ursachen der "Fluchtwelle" wirksam zu bekämpfen sind. Denn über eins müssen wir uns im Klaren sein: die Zahl der Fliehenden, die nach Europa kommen, wird weiter steigen, wenn der nun allseits zu hörenden Verkündigung, es sei notwendig, das Übel an der Wurzel zu behandeln, nicht sehr bald Taten folgen! Da wird zwar immer mal wieder in die hingehaltenen Mikrofone posaunt, dass es darauf ankomme, den Ursachen zu begegnen; doch wenn die Frage nach konkreten Schritten gestellt wird, ducken sich die meisten weg, oder sie meinen bedauernd, es bedürfe doch zunächst einer gemeinsamen Anstrengung der internationalen Gemeinschaften wie UNO, NATO oder EU. Und die komme leider, leider nicht zustande. Der scheinbare Biedermann Seehofer, der schon selbst zum Brandstifter wird und seine Wut über die positive Einstellung vieler Deutscher zum Umgang mit den Flüchtlingen offenbar kaum verbergen kann, erklärte öffentlich und im Widerspruch zu Frau Merkel: Es "war ein Fehler", die Leute aus Ungarn ins Land zu lassen, und es drohe eine "nicht mehr zu beherrschende Notlage". Was geschieht eigentlich in Deutschland, wenn wirklich eine Notlage eintritt, etwa wenn ein Flugzeug auf ein Atomkraftwerk stürzt und eine ganze Region evakuiert werden muss? Sind unsere Behörden auf Notlagen überhaupt nicht vorbereitet? Die Äußerung Seehofers lässt das jedenfalls vermuten. Zu befürchten ist aber auch, dass die Auftritte unserer "Spitzenpolitiker" aus dem Regierungslager einer einstudierten Regieanweisung folgen, dass nämlich Herr Seehofer und seine CSU-Schranzen den Part der Meuterer übernommen haben, damit Frau Merkel anschließend zurückrudern kann, um keine Regierungskrise zu riskieren (etwa wie beim Atomausstieg: nein, ja, ein wenig). Ganz abwegig ist dieser Gedanke jedenfalls nicht. – Wie, müssen wir "Normalbürger" uns fragen, wie ist diese haarsträubende Verantwortungslosigkeit der meisten Mitglieder unseres parlamentarischen Apparates zu erklären? Denn für deren offensichtliche Fehleinschätzung der Lage muss es doch einen erkennbaren Grund geben, wenn wider verfügbaren besseren Wissens, das sich bei der Mehrheit der Bevölkerung längst durchgesetzt hat, im Kreise der Politfunktionäre davon kein Gebrauch gemacht wird. Jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, nicht "die Deutschen" sind überfordert, sondern die Akteure in Parteien, Parlamenten und Regierung.

Vielleicht hilft uns beim Versuch, diese Merkwürdigkeit aufzuklären, ein Blick ins Regelwerk der Natur. Soweit wir es beobachten können, organisiert sich das gesamte Universum in Systemen, in Daseinsformen, die jeweils zu den ihnen "übergeordneten" und zu den ihnen "untergeordneten" Systemen bereichsweise offen sind und dorthin "Verbindung" halten – wie zum Beispiel der Organismus eines Säugetiers. Dabei wirken Regeln, die für alle Systeme, vom Atom bis zur Galaxis, gleichermaßen wirksam sind: Jedes "zusammengesetzte Ganze" besteht aus einzelnen Elementen, die nach einem für das Ganze spezifischen Programm organisiert sind und über eine gemeinsame "Sprache", einen Code, miteinander kommunizieren. Und damit der Laden nicht beim ersten stärkeren Luftzug auseinanderfliegt, verfügen alle Systeme über eine Art Beharrungskraft, die dafür sorgt, dass "Angriffe" auf einzelne Elemente erfolgreich abgewehrt werden, so, als wirke ein Immunsystem. Aber es gilt eine weitere wichtige Bedingung: Veränderungen an einzelnen Elementen lassen sich nur im Rahmen einer für jedes Element bestimmten Begrenzung vornehmen. Wird diese Begrenzung durchbrochen, kollabiert das System, woraus zu schließen ist, dass dann das ganze System "abgeschafft" und durch ein "besser angepasstes" ersetzt werden muss. Im Feld der Naturwissenschaften lassen sich viele Erscheinungen ohne Kenntnis dieser Zusammenhänge gar nicht erklären, weshalb dort die Systemregeln allgemein anerkannt sind. Doch es fällt offensichtlich den meisten Leuten schwer, zu akzeptieren, dass alle von Menschen konstruierten "künstlichen" Gebilde den gleichen Regeln folgen müssen wie die Gebilde der Natur, dass beispielsweise Systeme gesellschaftlicher Organisation genauso "systematisch reguliert" werden wie alle natürlichen. Ein politisches Artefakt, ein durch menschliche Kraft geschaffenes "Künstliches" wie die repräsentative parlamentarische Parteien-Demokratie, stellt ein System dar, das nicht "verbessert" werden kann, wenn einzelne seiner Bedingungen, seiner Elemente, sich so stark verändern, dass sie nicht länger ins Regelwerk des Gesamtsystems passen. So etwa, wenn die Forderung nach Gleichberechtigung und menschenwürdigen Verhältnissen unerfüllt bleibt; das gescheiterte ist dann durch ein geeignetes System zu ersetzen. – Diese Darstellung wirkt, weil sie so selten präsentiert wird, wie ein kompliziertes Gedankengebäude. Es handelt sich aber lediglich um eine Beobachtung der ganz konkreten Erscheinungen in unserem Universum, die sich dadurch auszeichnen, dass sie überall und von jedermann angestellt werden können und dass bisher kein Fall bekannt wurde, der dieser Beobachtung widerspricht. Wir dürfen daher "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" annehmen, hinter dieser Beobachtung steckt ein allgemeines Naturgesetz.

Wie steht es um unser politisches System? Warum sorgt es eben nicht, wie in einer Demokratie vorgesehen, dafür, dass Bürger Sachentscheidungen treffen können? Warum werden Maßnahmen beschlossen, die den Bezug zu den Vorstellungen der Bevölkerung nicht selten ganz verloren haben? Das war möglich, weil eine reine Behauptung durch ständige Wiederholung den Status einer Selbstverständlichkeit erringen konnte, der schließlich dafür sorgte, dass die ursprüngliche Behauptung gar nicht mehr hinterfragt wird. Gemeint ist die "Bedingung", nur Parteien könnten für einen angemessenen Ablauf des politischen Geschehens sorgen, sodass heutzutage praktisch alle politischen Entscheidungen in den Hinterzimmern der Parteibüros und während der Zusammenkünfte von Parteiführern auch verschiedener Parteien gefällt werden – in "Spitzengesprächsrunden". In unserem politischen System sind die Abgeordneten des Bundestags nicht dem Imperativ des Wählers verpflichtet, sondern nur ihrem Gewissen unterworfen. Einmal gewählt ist der Abgeordnete eigentlich keine Rechenschaft mehr schuldig. Doch so frei ist das Mandat dann doch nicht. Ein Imperativ kommt aus den Parteien (durchgesetzt bspw. über Fraktionsdisziplin oder Nichtaufstellung bei Wahlen). Entscheidend für die "Entfremdung" zwischen der politischen Klasse und ihren Auftraggebern, den Bürgern, ist die fehlende Kontrolle der Aktivitäten des "Apparates", der deshalb vorrangig nach den persönlichen Interessen seiner Mitglieder handelt und nicht etwa nach den Bedürfnissen der Allgemeinheit ausgerichtet ist (siehe dazu: "Die Pyramide auf den Kopf stelllen"). Franz Kafka hat dieses "Apparate-System" in seinem Roman "Das Schloss" erstaunlich hellsehend beschrieben, und zwar so treffend, dass seine Darstellung wie ein Kommentar zu den heutigen Verhältnissen wirkt (immer wieder lesenswert!). Mit den Parteiapparaten in ihren Schlössern wurde dem System der demokratischen Verwaltung unseres Staates ein Element "eingepflanzt", das seinen Regeln diametral widerspricht und das die ihm vom System auferlegten Grenzen seines Einflusses sprengt. Die "naturgesetzlich" zwingende Folge ist, dass das Gesamtsystem der "realexistierenden" repräsentativen Demokratie kollabieren muss; folglich benötigen wir ein anderes System, weil das herrschende den gestellten Aufgaben nicht gerecht wird.

Einem grellen Scheinwerfer gleich wirft das sogenannte Flüchtlingsproblem ein Schlaglicht auf das Missverhältnis zwischen Parteimacht und Volkswillen. Denn wir erkennen nun besonders deutlich, wie wenig die "Schlossherren" sich mit den wirklichen Problemen ihrer Bürger befassen und wie sehr sie auf den eigenen Dunstkreis, in dem sie sich bewegen, fixiert sind. Erst die Welle der Hilfsbereitschaft hat die deutschen Apparatschiks ein wenig in Bewegung gesetzt und sie zur Öffnung der Tore für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten gedrängt. Doch ohne die engagierte Hilfe von Bürgern wäre das Manöver in ein Desaster gemündet; denn noch eine Woche danach konnten sich Bundes-, Landes und Kommunalbehörden nicht auf eine angemessene Verteilung von "Asylbewerbern" und Kosten verständigen, und dem Bundesinnenminister fällt nichts anderes ein, als eine "befristete" Kontrolle der Grenzübergänge von Österreich anzuordnen (Das ist übrigens der Mann, der eigentlich zuständig sein soll, wenn wirklich ein Katastrophenfall eintreten sollte!). Wir können aus dieser Situation nur eine Lehre ziehen: Mit diesen sogenannten Politikern dürfen wir nicht in schwierige Gewässer geraten, da sie auf derartige Verhältnisse nicht nur nicht vorbereitet sind, sondern da sie gar nicht über die Fähigkeiten verfügen, die sie wenigstens für einen Lernprozess geeignet machten. Sie sind schlicht überfordert.

Eine positive Erkenntnis bleibt uns jedoch aus dem "Flüchtlingsdrama" zu ziehen: Die Initiative der Bürger im Lande hat offenbart, dass es sehr wohl möglich ist, auch dann grenzüberschreitend Entwicklungen in Gang zu setzen, wenn keine großräumig operierende Institution mitwirkt. Denn inzwischen regt sich selbst in den Ländern der östlichen EU und in Großbritannien so viel Mitgefühl, dass die Regierenden beginnen, moderatere Töne anzuschlagen, und dass so die Aussicht wächst, doch eine angemessene Verteilung der Flüchtlinge zu erreichen. Wenn die Bundesregierung, wonach es derzeit jedoch leider nicht aussieht, ihren Kurs, die Hilfsbereitschaft vor bürokratische Vorgaben zu stellen, fortsetzt, kann ihr Vorbild auf dem Umweg über das sich ausbreitende Verantwortungsgefühl großer Teile der Bevölkerungen innerhalb der EU die nötige Wirkung erzielen, um einen angemessenen Umgang der Regierungen mit dem "Problem" förmlich herauszufordern. Vielleicht schafft der "Druck von der Straße" es sogar, die Einsicht unter den europäischen Politfunktionären zu erzwingen, "der Not gehorchend – nicht dem eigenen Triebe". Es zeigt sich nämlich, dass die Rolle des Vorbildes bei der Verbreitung von Überzeugungen eine stärkere Rolle spielt, als dies gemeinhin unterstellt wird; wobei jedoch bedauerlicherweise anzumerken ist, dass negative Vorbilder schneller und direkter wirken als positive. So wurde die Absicht der deutschen Regierung, Grenzkontrollen wieder einzuführen, unverzüglich von mehreren anderen Staaten übernommen und damit ein wichtiger Baustein des europäischen Einigungsprozesses infrage gestellt und – was viel wichtiger ist – die schwierige Lage der vor Krieg und Elend fliehenden Menschen weiter verschärft. Dennoch: Es lässt sich ein wenig Mut schöpfen aus den Reaktionen auf den Andrang von Fliehenden, und es bleibt zu hoffen, dass Deutschland sich am Ende doch nicht nur "zu Protokoll legt", wie Georg Herwegh mit beißendem Spott meinte, als er die Verhältnisse in den deutschen Landen unter den Fürsten und deren Handlangern zur Mitte des 19. Jahrhunderts karikierte. Denn die waren auch deutlich überfordert, wofür sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen traurigen Beweis antraten.

Veröffentlicht im Blog zeitbremse.wordpress.com

18:26 18.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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zeitbremse

Mein zentrales Thema: die direkte Demokratie, dazu: "Die Pyramide auf den Kopf stellen", Norderstedt 2008.
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zeitbremse

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