David Wagner
15.12.2012 | 09:00 36

Es müssen doch glückliche Bewohner sein

Architektur Berlin muss dem vergangene Woche verstorbenen Oscar Niemeyer kein Denkmal mehr errichten. Der Architekt hat sich im Hansaviertel selbst eines gebaut

Es müssen doch glückliche Bewohner sein

Das Niemeyer-Haus in Berlin-Tiergarten

Foto: Annette Kiesling

Im Hansaviertel schwebt das Oscar-Niemeyer-Haus, aufgeständert über V-förmigen Betonstützen, die ihm den Berolinismus „Spitzbein“ eingebracht haben – eine Bezeichnung, die, wenn überhaupt je verwendet, aus einer Zeit stammen muss, in der gekochte Schweinsfüße häufiger auf dem Speiseplan standen als heute. Auf den ersten Blick ist es vielleicht nur ein Block mit sieben Etagen, der abgerückt und schräg zur Altonaer Straße steht. 78 Wohnungen stecken in ihm, er ist 72 Meter lang, 15 Meter breit und 27 Meter hoch. Und sieht auf den zweiten Blick aus, als könnte er jeden Augenblick abheben und nach Brasília fliegen, in die Stadt, für die Oscar Niemeyer einst alle öffentlichen Gebäude entwarf.

Sein Klein-Brasília verdankt Berlin der Interbau von 1957, der Bauausstellung, die aus dem Hansaviertel das Schulbuchbeispiel für aufgelockerten innerstädtischen Wiederaufbau machte. Anstelle der früheren, größtenteils kriegszerstörten geschlossenen Bauweise entstand ein Wohngebiet ohne traditionelle Randbebauung. Weshalb die Stadt sich hier auch nicht eigentlich wie Stadt anfühlt, sondern eher wie ein Park mit eingestreuten Häusern. Was ein Argument für oder gegen diese Art von Städtebau sein kann – und es in den vergangenen Jahrzehnten, in denen um die Ausrichtung der Stadtplanung gestritten wurde, immer auch war. Seit Niemeyer seinen Solitär in Tiergarten hat landen lassen, hatte mal die eine, mal die andere Fraktion die Oberhand. Dass es an dieser Stelle einst ein hochverdichtetes, steinernes Berlin gab, ein Gründerzeitviertel wie viele andere in der Stadt, verrät heute nur noch die alte Straßenführung.

In einer der Wohnungen im siebten Stock des Niemeyer-Denkmals jedoch muss jeder Besucher zu einem Anhänger des aufgelockerten Städtebaus werden. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Denn wer dort wohnt, wohnt über den Wipfeln und hat freien Blick. Um das Haus herum herrscht ein Freiflächenluxus, von dem Hinterhofbewohner nur träumen können. Darüber hinaus überzeugen die gut geschnittenen Wohnungen durch Einbauschränke und eine angenehm gekrümmt geführte Wand im Wohnzimmer; eine Wölbung, die ein Gefühl, sich in einem Schuhkarton zu befinden, gar nicht erst aufkommen lässt.

Das Haus hat seine Besonderheiten: Fahrrad- und Abstellräume liegen, eher ungewöhnlich in Berlin, im 8. Stock. Und im 5. Stock gibt es eine Gemeinschaftsetage, in der, so war das gedacht vom Architekten, der 104 Jahre alt wurde, sich die Hausbewohner treffen und zusammen feiern sollten. Zwar scheint das dort weniger oft zu passieren, als wenn dieses Haus tatsächlich in Brasilien stünde – trotzdem, wie der Zufall es will, erinnert der Verfasser dieser Zeilen sich an eine Party vor ein paar Jahren in eben dieser Gemeinschaftsetage, ein Empfang nach einer Hochzeit, das Paar wohnt im Haus.

Am Fuße des separaten Aufzugsturms stand diese Woche neben der Tür ein Messingbecher im Schnee. In ihm drei rote Rosen, arrangiert vor einer Fotografie von Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho, wie der volle Name des Architekten lautet. Welche Bewohner stellen dem Erbauer ihres Hauses schon Blumen auf? Es müssen doch glückliche Bewohner sein. Glücklich, weil der Baumeister ihnen Wohnraum geschaffen hat, in dem es leichter fällt, glücklich zu sein.

Kommentare (36)

Rupert Rauch 16.12.2012 | 01:07

Also was ich bisher von Niemeyer im Fernsehen gesehen habe, hat mich eher abgestoßen.

Da üben sich Leute, die Häuser für Menschen bauen sollen, lieber als Skulpturkünstler, denn als Soziologen. Aber genau das würde für mich einen guten Architekten ausmachen, dass er Häuser baut, in denen man gerne verkehrt und wohnt und nicht Häuser um anwesende Presse und Architekturkollegen zu beeindrucken. Beides muss kein Gegensatz sein, ist es aber leider oft.

Wie es bei dem beschriebenen Haus steht, kann ich nicht einschätzen. Ich vermute es wurde bewusst auf Bilder verzichtet und das oben Verlinkte weckt bei mir unwillkürlich unangenehme Erinnerungen an eine Vielzahl neumodischer Bauten: der Geruch nach Urin, kalter ungebremster Wind, wenig Grün, viel Beton, Fließen und Glas die schnell kaputt gehen und oft schmutzig sind, weil jeder überfordert ist die riesigen Flächen sauber zu halten bzw. niemand sich zuständig fühlt, abblätternde Farbe, eingeschlagene Lampen und hässliche Taubenabwehreinrichtungen (die wohnen gerne in solchen Bauten) vs. Taubendreck.

Vielleicht tue ich Niemeyer damit Unrecht, sobald ich eines seiner Häuser sehe, werde ich es mal genauer in Augenschein nehmen. Die eigentliche Frage, die mich bei Architektur ständig umtreibt, ist aber die: warum werden witzige, beliebte und menschennah gestaltete Häuser wie die von Hundertwasser so selten gebaut?

Gehts da um die Baukosten (imho der Hauptgrund warum sich "moderne Architektur" überhaupt behaupten konnte, großflächiger Stahlbeton ist relativ billig) oder mauern die Behörden?

 

Columbus 16.12.2012 | 02:35

Dass Berlin überhaupt Farben in der Architektur hat, dass das Bauhaus Farben kannte und keine Zäune mochte, dass Niemeyer und seine Förderer, allesamt Anhänger des neuen Bauens, menschlich bauten, auch wenn manches Mal "Wohnmaschine" dazu geschrieben wurde, das sind Wiederentdeckungen jüngerer  Zeit.

Schön, dass sie, Herr Wagner, sich eines Berliner Niemeyer- Baues annehmen. Der hat in Europa zwar wenig gebaut, dafür aber fast immer vorbildlich.

Das Hansa- Viertel beschreibt knapp, aber eingängig, Jörg Bauses, "Moderne pur", auf Telepolis, http://www.google.de/imgres?imgurl=http://www.heise.de/tp/artikel/26/26018/26018_2.jpg&imgrefurl=http://www.heise.de/tp/artikel/26/26018/1.html&h=296&w=388&sz=78&tbnid=36deaw5-oH0uzM:&tbnh=95&tbnw=125&zoom=1&usg=__uDFCS3E1-5cZVwabvL61_MuVeXY=&docid=j_ozRHHJUFmcLM&hl=de&sa=X&ei=Bh_NULy8IIjCtAbAz4GgCQ&ved=0CD8Q9QEwAQ&dur=6295

Vielleicht hilft das ja, wie ihr Artikel, so manche voreilige Kritik an der Moderne abzuwehren. Der Brutalismus und die Postmoderne, wie auch die reine Wirtschaftsarchitektur späterer Jahre, haben viel mehr Schaden angerichtet und vor allem viele Menschen dazu getrieben, nun wieder im Nachbau alter Fachwerkstädte ein Ideal zu sehen. Gegen diesen Populismus ist schwer anzukommen.

Die andere Spielart ist die des Anything goes. Damit gestaltet sich die "Zwischenstadt" der Hauseigentümer. 

Neben seinen Regierungsbauten und architektonischen Funktionsbauten (z.B. Museen), hat Niemeyer auch einen der  größten Wohnblocks der Welt geplant: "Copan" in Sao Paulo.

Was mit dem Beton als Grundstoff möglich ist, ohne eben hässliche und lebensfeindliche Gebäude zu schaffen, das zeigt der verstorbene Architekt mit diesem Gebäude. Es entspricht den Lebensbedingungen in der größten Stadt Brasiliens ideal ( http://www.prosieben.de/videokatalog/Pers%C3%B6nliches/Privates/video-Das-gr%C3%B6%C3%9Fte-Wohnhaus-der-Welt-Copa-Sao-Paulo-Stefan-G%C3%B6dde-88111.html ).

Beste Grüße und weiter

Christoph Leusch

 

 

 

Konfuzikuntz 16.12.2012 | 22:01

Herrlich!!! Wann wird da was frei?!? Wie kann man da einziehen!?!? Erst bei Anblick dieses Bildes - ein Gottesgeschenk! - wurde mir klar, was Architektur ist!  Wozu braucht es Mosaike im Hausflur,  Jugendstilelemente auf das Fassade oder ein Dachterrasse!?!?!

Ich arme Sau sitze hier baulich im Kaiserreich fest. :(

Hätte le Corbusier doch Paris abgerissen!

 

Und wehe, man hört etwas anderes als die Musik von Alban Berg!

 

Columbus 17.12.2012 | 01:05

Lieber Herr Kuntz,

Das ist zwar eine gängige Meinung und tatsächlich gab es solche monströsen Abriss- und Neubaupläne, z.B. für das kriegszerstörte Mainz und von manchen CIAM-Modernisten schon vor dem 2.Weltkrieg. Ein ganz eigenes Kapitel wären die umfassenden und bewusst zerstörerischen Stadtbaupläne der Nationalsozialisten. Ein weiteres die Kontinuität deren Planer nach dem Kriege.

Aber in der gebauten Wirklichkeit stellen die meist zierlichen Bauten der Nachkriegsmoderne, die übrigens zum größten Teil auch eine sichtbare und außenwirksame Kunst am Bau und Schmuckelemente, z.B. an Balkonen, in Treppenhäusern oder auf den Etagen kannten und gerade nicht ohne Farbe, z.B. durch Mosaike, farbige Geländerbleche auskamen, eine verschwindend kleine Minderheit.

Typischer war, den Wohnbedarf mit Einheits- und Normblocks zu befriedigen, wobei, je nach Ansicht der Behördenplaner, Satteldächer oder Flachdächer die einzige Überlegung von Tragweite bei den 2,4,6,8 Stöckern blieben.

Die Gründerzeitquartiere, heute ein Schmuck jeder mittleren Großstadt, mussten erst einmal entkernt werden, um überhaupt gut nutzbar zu sein.

In Berlin z.B., galt es, die Wohnungen mit den vielen En-suite Zimmern umzubauen, Gänge einzuplanen, usw.

 Wenn sie das Thema brennend interessiert, dann schauen sie mal, ob sie Ingeborg Flagges Band zum Wohnen im Nachkriegsdeutschland auftreiben (Wüsternrot-Stiftung, Geschichte des Wohnens in Deutschland, bd.5)) oder suchen sie sich die akribischen Arch+ Beiträge und Monografien von Werner Durth, die er z.B. für  die Stiftung Denkmalschutz schrieb.

Seien sie doch glücklich über ihre Wohnsituation, die vom Gebäude her hoffentlich ein historisches Moment und gelebte Geschichte mit einfängt. Hier geht es doch darum, den Blick für die Zweckmäßigkeit und nun auch wiederentdeckte Ästhetik der modernen Baukunst zu öffnen.

Auch gegen die großzügigen Wohnbauten der Henselmann-Ära z.B. in Friedrichshain, ist doch nichts zu sagen. Wer dort wohnen kann, der wohnt auch heute nicht schlecht.

Die Masse der Nachkriegsbebauung spielt sich aber gar nicht in den wirklich urbanen Vierteln ab, sondern entwickelte sich als reiner Gewerbebau und im Wohnbau als Ein-Zweifamilienhaus  und Reihenhaus, suburban.

Ich fand es gut, dass Herr Wagner auf die lichtdurchfluteten und farbigen, dazu von ihren Bewohnern geschätzten Bauten hinwies. Auch in den klassisschen Unités d´Habitation von Le Corbusier wollen heute wieder Menschen wohnen und sie lernen die Vorzüge der Raumschnitte und der gedachten Vollversorgung im Block zu schätzen Bei der Sanierung wird heute auch die Farbgebung wieder hergestellt.

Es bleibt aber beim Vorbild- und Ausnahmecharakter der Baumoderne, die in der Realität nur einen sehr geringen Einfluss auf die erstellten Baumassen nach dem Weltkrieg hatte. 

Beste Grüße und gute Woche

Christoph Leusch

 

Lukasz Szopa 17.12.2012 | 11:34

In der SZ vom Wochenende ist ein etwas kritischerer Artikel zu dem Niemeyer-Haus erschienen, und zwar von einer Bewohnerin:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/einziges-niemeyer-haus-in-deutschland-monolith-am-tiergarten-1.1551333

Mein Fazit: Es gibt größenwahninnige wie Le Corbusier under Niemeyer, die, wenn es um "Großes" geht, auf die Stufe von Speer und seinen sowjetischen Kollegen zu stellen wären (Abreissen, ganze Städte bauen wie Brasilia etc.). Gleichzeitig gelingen diesen Menschen manchmal ganz tolle, praktische, schöne, in Natur eingebundenen und dennoch moderne Bauten - sofern es kleinere Projekte sind. Habe selber mal paar wochen in einem nach Le Corusier geplanten Sommerhaus verbracht - wunderbar!

Was ich auf jeden Fall begrüße, ist - wie beim Niemeyer-Haus im Tiergarten - die Einbettung von Wohnungseinheiten in grüne Umgebung. Die Wohnung dient nicht nur als "Schlafzimmer-Koje", man verbringt mehr Zeit in der unmittelbaren Umgebung, dadurch wirkt diese eingeschränkte Mobilität (Entferung von Haus zu Haus, weniger dicht besiedelt) als eine Art Entstadtlichung, die großen "Zentren" werden weniger bedeutend, man hat weniger Möglichkeiten und Lust und auch Grund "rauszufahren" oder durch die Stadt zu fahren (zum Park, Wald etc.).

Rupert Rauch 17.12.2012 | 11:50

"Neben seinen Regierungsbauten und architektonischen Funktionsbauten (z.B. Museen), hat Niemeyer auch einen der  größten Wohnblocks der Welt geplant: "Copan" in Sao Paulo."

Ja, für ein Hochhaus ganz witzig, habe ich schon schlimmeres gesehen und bewohnt :-)

Ist ja nicht seine Schuld, dass Menschen gezwungen sind in solchen Wohnsilos zu hausen. Aus meiner Perspektive ist das trotzdem wie Käfighaltung, nur eben "lichtdurchflutet" usw. und damit einen Ticken menschenfreundlicher (solange man weit genug oben und unbeschattet wohnt).

Klar, es gibt viele die gerne dort wohnen und sicher arrangiert man sich irgendwie, aber freiwillig hinziehen würde ich nicht.

 

"wie auch die reine Wirtschaftsarchitektur späterer Jahre, haben viel mehr Schaden angerichtet und vor allem viele Menschen dazu getrieben, nun wieder im Nachbau alter Fachwerkstädte ein Ideal zu sehen. Gegen diesen Populismus ist schwer anzukommen."

Wo man Platz hat, sollte man keine Hochhäuser bauen. Es wird ja wohl zwischen den Extremen (einfallsloses Fertigbau-Schachtel-Eigenheim und riesiger Betonkasten) noch Alternativen geben.

Die sogenannten Gartenstädte finde ich z.B. recht reizvoll, haben wir in Karlsruhe auch eine. Wenn ich in der Stadt wohnen wöllte, dann dort.

 

"Die andere Spielart ist die des Anything goes"

Das kann ganz witzig sein. Immerhin sind so auch viele historische Altstädte gewachsen, die heute Touristenmagnete sind, da sie eine besondere Athmosphäre haben. Mit den heutigen Baurichtlinien ist das defakto unmöglich, diese Art organisches Stadtwachstum, mit Wucherungen und Engpässen, Gassen und Erkern.

Es bricht mir das  Herz, wenn aufstrebende Staaten die selben Fehler machen, wie wir seinerzeit und Peking etwa ganze historische Stadtviertel platt macht um anonyme durchdesignte Betonklötze hochzuziehen. In spätestens 20 Jahren bereuen die das.

 

Rupert Rauch 17.12.2012 | 12:12

Es handelt sich bei dem Haus offenbar um:

http://revistamdc.files.wordpress.com/2009/05/alemanha-128.jpg

Aus dieser Perspektive sieht es aus wie ein typischer Wohnblock den man auf v-Stützen gestellt hat. Von nahem ganz witzig, aus der Ferne sieht er so potthässlich aus, wie alle derartigen Häuser:

http://www.pedrokok.com.br/wp/wp-content/uploads/2010/11/PedroKok-OscarNiemeyer-Hansaviertel-2.jpg

Na ja, zum Glück mittlerweile zugewachsen.

Man wohnt vielleicht ganz angenehm drin, aber in der Nachbarschaft sollte man nicht wohnen müssen. Und wenn mehrere auf einem Haufen stehen, wirds unzumutbar, so wie bei den DDR-Plattenbauten, die damals auch total hipp und gefeiert waren:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/47/Bundesarchiv_Bild_183-T0426-0001%2C_Chemnitz%2C_Neubaugebiet_%22Fritz_Heckert%22%2C_Wohnblocks.jpg

oder Pruitt-Igoe

Da ist dann auch nichts mehr mit "sonnendurchflutet".

Dass die Architketengeneration seltsame Vorstellungen vom Sozialverhalten der Menschen hatten (Fahrstuhl hält nicht überall damit man sich auf dem Gang begegnet, Stockwerke als soziale Treffpunkte usw.) kann man verzeihen, war halt eine andere Zeit...

 

doitwithanarchitect 17.12.2012 | 12:28

bei jedem artikel über gute architektur erfreut sich mein herz! wenn ich durch die republik fahre und die ganzen siedlungen mit häusern aus plastikfassaden (sondermüll), plastikfenstern, glänzenden dachziegeln und baumarkttüren sehe könnte ich vor verzweiflung den kopf in den sand stecken. wird so in 30 jahren der ganze ländliche bereich aussehen und das auch noch mit zuschüssen gefördert?

Grüner Salon 17.12.2012 | 14:13

Ich habe einige Zeit an der Ruhr-Universität Bochum studiert und kenne daher das Grauen vor dem Betonklotz-Baustil nur zu gut, dem auch dieses Haus zuzurechnen ist. Klar, es steht auf Betonstelzen. Klar, es ist keiner dieser Serienplattenbauten. Klar, es steht in einer Parkumgebung (man könnte natürlich auch schöne Häuser in einer Parkumgebung bauen). Aber es bleibt ein schäbiger Fremdkörper, wie die von Rupert Rauch verlinkten Bilder verdeutlichen.

Bei der Ruhr-Universität nicht anders: Der Campus ist dank Lage am Stadtrand und großzügigem Blick aufs Ruhrtal wunderbar gelegen, ist gut angebunden, die Campusforen, vor allem das Hauptforum, sind schön gestaltet, ebenso die Grünflächen zwischen den Gebäuden. Das Audimax ist ein wunderbares Gebäude, allein die anderen, die Hauptgebäude - oh je. Dass die RUB mal die höchsten Suizidraten aller deutschen Unis verzeichnet haben soll, ist zwar so nicht richtig (es haben einfach viele Leute die hohen und allgemein zugänglichen Hauptgebäude entsprechend genutzt), ist aber intuitiv plausibel, wenn man das erste Mal auf dem Campus steht.

Mittlerweile hat man ja mit lustigen Farben abgeholfen, die von den Architekten natürlich nicht vorgesehen waren. Und im Rahmen der Exzellenzhatz und der Campussanierung wird nun eine Wanderung von Sodom nach Gomorrha (man könnte auch sagen: vom Regen in die Traufe) vorgenommen, indem die alten Gebäude entkernt und mit lustigen modernen Plastik- und Glasfassaden eingekleidet werden. Ein großer Neubau steht schon, das ID - flacher, breiter und irgendwie quadratischer als seine Nachbarn. Einladender? Ehrlich gesagt: Ja, ein bisschen. Schöner? Geht so.

http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/mam/images/id_von_oben.jpeg

http://www.abload.de/img/p1040723uuum.jpg

Konfuzikuntz 17.12.2012 | 21:17

Stimmt schon. Wobei auch bei den Altbauten aus dem Kaiserreich ( das Haus in dem ich wohne ist 1910 gebaut, also eigentlich keine Gründerzeit mehr, auch wenn es aussieht wie ein solches) auch nicht alles perfekt ist: Schwer zu heizen, hellhörig, Innenstadtparken. Heute - ernsthaft - 7 aufgelaufene Knöllchen en überwiesen... :)  Und man schaut ja nicht den ganzen Tag drauf auf die Häuser... Und, das betrifft mich jetzt nicht - aberdie meisten Nachbarn müssen gleich einen Spaziergang machen, um mal rauszukönnen. Von 9 Parteien in meinem Haus sind es 2 (!), die im eigenen Wohnbereich einen Schritt an die Luft machen können. Vorne auf der Zier-Erkerchen ist im 3. OG ein kleiner Balkon - und das Hinterhaus hat hinten eine "Stufe", so ich zwar einen Raum weniger habe als der Nachbar untendrunter - aber eine große Terrasse mit wildem Wein. :D

Wobei man alles irgendwann Leid ist. Inzwischen träume ich ja gesagt eher vom mittelalterlichen Ritterburg- oder Klosterwohnen. Retro-Seelen können letztlich nicht anders... Wenn die gute Fee anruft, zieh ich also nicht zu le Corbusier, sondern eher auf den Mont St. Odile...

 

 

Rupert Rauch 17.12.2012 | 22:02

"Und was haben die Plattenbauten mit Niemeyer zu schaffen?"

Das Aussehen? Die Mode nach der sie errichtet wurden? Schrieb ich doch.

Warum Häuser von "Star"-Architekten so bejubelt werden, selbst wenn sie furchtbar aussehen, ist rational nicht erklärbar. Promi-Faktor oder sowas.

Und nein, ich wollte nicht in erster Linie was Negatives ablassen, ich habe meine Meinung zu solchen Bauten kundgetan. Mir ziemlich wurscht, wie sich das in die Architekturgeschichte fügt.

 

Rupert Rauch 17.12.2012 | 22:13

Genial finde ich sowas:

http://cdn.freshome.com/wp-content/uploads/2008/06/underground-house.jpg

oder sowas:

http://mocoloco.com/fresh2/upload/2009/12/villa_vals_by_search/villa_vals_house_search.jpg

Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich Erd-Fertighäuser entwickeln, die auch für normale Menschen bezahlbar sind und relativ frei kombinierbar. Dann wäre diesen hässlichen Einfamilienhaus-Schachtelsiedlungen endlich was entgegengesetzt.

 

Columbus 17.12.2012 | 22:36

Sie dürfen nicht so sehr ihre eigene Wohnidealität verallgemeinern.

Copan bietet vom Luxuswohnen über mehrere Etagen, bis zum Ein- Zimmer- Appartement alle Spielarten unter den Bedingungen Sao Paulos. Dazu eben eine phänomenale Nahversorgung und Lage. Aus den Umlandquartieren müssen sich die Leute zum Shoppen und Arbeiten jeden Tag mindestens 1 1/2 Stunden auf den Weg machen. Niemeyer musste für seinen IBA Bau einige Kompromisse eingehen. U.a. bekam er die gewünschten Verschattungselemente nicht und auch bei den Fensterfassungen und bei der Auslegung der Hinterwohungen musste er sich an Vorgaben der Senatsverwaltung halten. Als brasilianisches Schlitzohr hat er trotzdem eine Menge Ideen verwirklicht. - Ich las die meisten Berichte, gerade die zu dem IBA-Haus im Hansaviertel, als Liebeserklärung der Bewohner, die natürlich die Schwächen erleben, aber, wie es immer heißt, wer einmal eingezogen sei, der gehe dort nicht mehr weg. Ähnliches gilt auch für die gar nicht im Stile des Brutalismus gebauten Wohneinheiten Corbusiers.

Überhaupt wird viel zu leichtfertig das Dogma der Funktionaliät gegen das der Ästhetik ausgespielt. Niemeyer ist einer der Klassiker der Moderne, der doch sehr "verspielt" sein konnte, ohne sich in alberne Palastarchitektur-Zitate oder reine futuristische Skulpturarchitektur zu verirren. - Ich finde es schade, dass bei uns z.B. die Gewerbe-und Technologie Optik des Planungsbüros GMP oder die Blockbauweise von Speerplan so dominant die Stadtplanungen beherrschen und sich an diesen Großmustern Heerscharen kleinerer und mittlerer Architekturbüros orientieren.

Fatal ist z.B. die massenhafte Abwicklung des sog. "Stadthauses" aus einem Kubussolitär. Da mögen sich die Herren Architekten noch so mühen, das wird belanglos und langweilig, pflastern solche "Stadtvillen" und "Stadthäuser" die Marinas und umgewandelten Brachen unserer neuen, teuren Wohnwelten. Die wichtigsten Einbauten sind da meist die TGs für die Fahrzeuge der Einwohner, auf deren Blechkleid häufig mehr Designanstrengung verwandt wurde.

Diese Bauten sind oftmals in ihrer Nutzbarkeit, trotz der Größe und des Anspruchs massiv eingeschränkt und z.B. in den Bodenanschlüssen schlampig und in den Details völlig langweilig.

Trotzdem gibt es nicht wenige betuchte Häuslebauer, die sich diese Blockhaftigkeit auch am Stadtrand verwirklichen lassen oder sie bedenkenlos als Anlageobjekt von den Entwicklern kaufen.

Wer Augen hat, der sieht doch diese Bauten, die in den letzten zwei Jahrzehnten z.B. im Speckgürtel um Berlin, z.B. in den vielen "Hafencities" unserer Großstädte und auch in Berlin, genau so gebaut wurden. Übrigens haben fast alle diese Bauten mit massiven Problemen bei der notwendigen Verschattung und Klimatisierung zu kämpfen. Da muss ein steuerungs- und klimatechnischer Aufwand getrieben werden, der den Modernisten fremd bleiben konnte.

Mir geht es nur darum, die Sünden des Massenwohnungsbaus und der urbanen Planung nicht den recht spärlichen und unbedingt erhaltenswerten Originalen der Moderne anzulasten. - Eine ähnliche Diskussion, wie die um Niemeyer, rankt sich seit Jahrzehnten um die Bauhausarchitektur. Auch hier wird gerne allein schon gegen das  Flachdach oder gegen die angebliche Betonlastig- und Sichtigkeit gewettert, oder behauptet, die Wohnungen seien unpraktisch geschnitten. Dabei lebt das Bauhaus von Licht, Farben, geschickten Einbauwänden, Nutzung sonst leerer Nischen, schönen Treppen, Gängen die Licht erhalten, großzügiger Umgebungsgestaltung, Sichtbarkeit von Einbauten, z.B. Heizungen. Trotzdem lassen sich viele Einzelelemente "industriell" und günstig fertigen.

Herr Kuntz schreibt in einem weiteren Kommentar über Schwächen  epigonaler Gründerzeitblocks. Schallschutz ist z.B. ein ganz wichtiges Thema. Viele Menschen die sich über Archietektur Gedanken machen, vergessen, dass es dabei vor allem auf die Geschossdecken ankommt. In so manchem Gründerzeitbau wurden die recht dünnen Decken einfach mit Bauschutt locker verfüllt und darauf kam ein Schwingboden mit Diele oder Parkett, manches Mal sogar Terrazo. Das schlug dann besonders gut zu den Nachbarn durch. 

Die Ruhr- Uni hat mit den ästhetischen Ansprüchen der Moderne wenig zu tun. Das bemerkten ja auch schon andere Kommentatoren.

Der Film zum Copan ist sehr aufschlussreich. Trotz der Enge, die vielleicht nicht dem Individualisierungs- und Isolationsbedürfnis deutscher Mitteleuropäer entspricht, schuf Niemeyer lichte Wohnungen, weil der die Gebäudetiefe gering hielt und im "Hinterhof" eine Art Laubengangsystem schuf, in dem sogar die Heimwerkstatt Platz finden kann. - Das ist äußerst trickreich.

Klar ist auch, dass die WBS 70er Plattenbauten, nichts mit Niemeyer und auch nicht mit Henselmann zu tun haben. Ideologisch aufgeladen ist das eine die Planerfüllung für den Wohbedarf und das andere Stalinismus. Aber wer sich da genau umschaut, der erkennt die Qualitäten der Bauten. Einigen findigen Architekten gelang es gar, mit der Platte individuell und fantasievoll zu bauen. Beispiele stehen in Rostock oder auch in Berlin (P2er, z.B. von Stallknecht, Wohnschlange am ehemaligen Leninplatz. Der Trick ist die modulare Bauweise und relativ frei veränderliche Wandelemente im Inneren der Normwohnungen).

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

Grüner Salon 18.12.2012 | 13:54

"Die Ruhr- Uni hat mit den ästhetischen Ansprüchen der Moderne wenig zu tun."

Man verzeihe mir meine Unbildung. Mir war nur so, als könnte ich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen https://www.hkw.de/media/bilder/2007_1/erinnernsiesich/schimetzek/schimetzek006_niemeyer.jpg und http://img.fotocommunity.com/Motive/Architektur-Bauwesen/Ruhr-Universitaet-Bochum-a20942700.jpg ausmachen. Da muss mein Banausentum mit mir durchgegangen sein. Mag mich noch mal jemand erleuchten, warum das eine der Inbegriff der Moderne ist, während das andere nichts mit ihr zu tun hat?

Btw, die Ruhr-Uni hat mit den 80er Jahren nicht viel am Hut. Gebaut wurden die Hauptgebäude in den 60ern.

Costa Esmeralda 18.12.2012 | 18:37

Kenne den Berliner Niemeyer-Bau nicht, dafür aber Brasilia, wo ich zwei Jahre zuhause war. Die Stadt, in grosszügiger Weise wie ein riesiges Flugzeug oder Vogel geplant und gebaut, hat in den Flügeln quadratische Viertel mit Wohngebäuden in parkähnlicher Umgebung für jeweils etwa 3.000 Einwohner (Dorfgrösse). Jedes dieser Viertel hat einen kommerziellen Mittelpunkt und ausreichend Grünflächen zum Austoben, Sportmachen und auch Treffpunkten für lange Abende und Wochenende, wo sich Familien und Freunde zum geselligen Leben treffen. Das ist für eine Grossstadt eine Urbanität und doch fast Dorfatmosphäre, die einmalig ist. Was Niemeyer und der für den sozialen Teil Verantwortliche Planer nicht geschafft haben, ist ein städtisches Zentrum, das zum Bummeln, Spazieren, Einkaufen, Kultur geniessen der Gesamtbevölkerung einlädt. Dazu ist die Stadt zu sehr auseinandergerissen, von den Vorstädten, wo die "sozial Ausgegrenzten" wohnen, ganz zu schweigen. Und die Wohlhabenden, die um den künstlichen See herum wohnen, treffen sich ebenfalls nur in ihren Villen unter Gleichen, jedoch nicht im Konzert mit den übrigen Stadtbewohnern in einem geschlossenen Kern. Deshalb wurden die grossen Warenhauskomplexe zu neuen städtischen Treffpunkten hauptsächlich der Jugendlichen.

Trotz fehlendem Stadtzentrum ist Brasilia inzwischen dem Schlafstadtcharakter entwachsen (die Bürokraten fliegen nicht länger an den Wochenenden in die jeweiligen Hauptstädte der Bundesstaaten), und das liegt ganz besonders an der Nutzung des weiten grünen und blauen (See) Raumes und seiner auf Lebenslust angelegten Bewohner.

Niemeyer war für die Schaffung von sozialer Urbanität nicht verantwortlich. Dennoch ist Brasilia ein einmaliges Zeugnis seines langen Schaffens.

Columbus 18.12.2012 | 23:44

Grüner Salon,

Könnte es sein, dass sie über ihr Bild und weiterer auf der angegebenen Webseite, sowie über das erhältliche Bildmaterial vom Hansa-Niemeyer einfach zu schnell hinweg gesehen haben?

Also wenn sie, ich gebe zu es ist nicht leicht, weil ihre Bildvorlagen so unterschiedlich sind, die Gliederungen der Gebäude vergleichen und die Dimensionierungen beachten. - Im Niemeyer-Bau herrschen sowohl vertikale als auch horizontale Gliederungen, die Uni (mit der ursprünglichen Fassade!) besteht aus einem völlig durchgehaltenen Raster. Sie müssen bei den Uni Bochum Bildern (die haben da neben vielen Libellenfotos, auch gute Nahaufnahmen des Beton-Rasters) ein wenig suchen, dann sehen auch sie sofort den Unterschied.

Gerade aber an dem braunen Hauptgebäude im Uni Bild ist die Fassade garantiert nicht mehr aus den 60ern, genauer aus den späten 60er Jahren.

Ich erkenne da sofort Unterschiede in der Reichhaltigkeit der Gliederung, in der horizontalen und vertikalen Teilung und in der Ausgestaltung der Fensterflächen und Geschossstützen, sowie in der Farbgebung. - Zumal, grüner Salon, ein Uni-Bau in Breite und Tiefe ganz andere Dimensionen hat und die eigentliche Funktion dort abzulesen ist.

Weil die Bauten so unterschiedlich wie Tag und Nacht sind und sich schon das Grunddesign unterscheidet, stammen die 1957er IBA Bauten in Berlin  auch von den Modernistenarchitekten und die Uni Bochum, konzipiert als Lernmaschine von Düsseldorfer Architekten, die einen strengen Raster und möglichst weitgehende Vorfertigung für ihre Riesendampfer bevorzugten und sich auf die Leichtigkeit und spielerische Elemente in den Details gerade nicht einließen. Wie gesagt, es ist auch ein Riesenunterschied, weil die Bauaufgaben so verschieden sind. Im Hansa-Viertel, da bin ich mir sicher, würden sie gerne wohnen und ob die Ruhr Uni ein wohnlicher Ort ist, wiewohl sie sicher eine tolle Lernfabrik ist, wage ich zu bezweifeln. - Aber der Bau-Stil der Ruhr Uni hat nur wenig mit der Corbusier und Niemeyer Moderne gemein. Die Details die da her stammen, die zeigen sie nämlich mit ihrem Foto gar nicht. Das sind nämlich die schornsteinartigen Aufbauten, die Dachlandschaft und so manches Detail an den großen Hörsaalpavillions und an der Mensa (schauen sie auf die Überblicksaufnahmen auf der Seite der Unifotografen).

Die Uni-Bochum beschäftigte sich übrigens mit ihrem Bau und mit dem Wettbewerb. Lesen sie dazu hier:

http://www.kgi.ruhr-uni-bochum.de/projekte/rub_expo/rub_expo.htm

 "Die eingereichten Projekte berücksichtigten diese Vorgaben auf unterschiedliche Weise: Am stärksten unterschieden sie sich im Hinblick auf das Strukturprinzip, dem die Anordnung der Gebäude unterworfen war. So schlugen Bakema/van den Broek und Jacobsen eine offene Lösung vor. Mit einer lockeren, sehr großzügig das gesamte Gelände ausnutzenden Verteilung der Gebäude. Hingegen bevorzugten Candilis und Gropius eine geschlossene Form mit enger beieinanderliegenden Gebäudekomplexen. Bei den Gewinnern der 2. bis 4. Preise konnte diese klare Zuordnung nicht vorgenommen werden. Außerdem unterschieden sich die Projekte in Habitus und Hierarchisierung der Bauten. So stand z.B. die bewußt sachliche und egalisierende Architektur von HPP in scharfem Kontrast zu den pathetischen, brückenartig angelegten Gebäuden der vier wichtigsten Fächergruppen bei Bakema/van den Broek. Umgekehrt schlug Gropius viel kleinteiligere und differenziertere Gebäudegruppen vor als HPP."

Liebe Grüße und schönen Abend noch

Christoph Leusch

thinktankgirl 19.12.2012 | 14:12

In deinem Post, auf das mich bezog, hattest du folgendes Bild eingestellt, das ich als 80er Jahre Architektur bezeichnete.

 

100

 

Ich bin immer noch der Meinung, daß es nicht aus den 60ern stammt, sondern wie gesagt, 80er oder späte 70er Jahre.

 

Mag mich noch mal jemand erleuchten, warum das eine der Inbegriff der Moderne ist, während das andere nichts mit ihr zu tun hat?

 

Den Satz auf den du dich beziehst, allerdings fälschlicherweise mir zu geschrieben lautet:

 

"Die Ruhr- Uni hat mit den ästhetischen Ansprüchen der Moderne wenig zu tun."

 

Es geht um die ästhetischen Ansprüche, will heißen, daß die Ideen und Konzepte der Moderne, bei der RUB grottenhäßlich ausgeführt wurden. D.h. aber noch lange nicht, daß „die Moderne“ an für sich falsch und schlecht ist, wie aus einem schlechten Beispiel extrapolieren willst.

Wie bereits von Goedzak gesagt, es muß einem nicht gefallen, man muß sich auch nicht für Architektur interessieren, aber man muß auch nicht Kommentare schreiben, wenn man vom Thema keine Ahnung hat, nur damit etwas gesagt wurde und vor allem etwas Negatives.

 

2.) Optisch tun sich der Niemeyer-Bunker und die RUB-Klötze kaum etwas. Man weihe mich also in die feinen Unterschiede zwischen Moderne und Nichtmoderne ein.

 

Damit du die RUB stilgeschichtlich in die Moderne besser einorden kannst:

 

http://www.kgi.ruhr-uni-bochum.de/projekte/rub_expo/rub_expo.htm

 

 

Ansonsten hilft Interesse, Lesen und Schauen, um die Unterschiede in der Architektur zu erkennen.

thinktankgirl 19.12.2012 | 14:19

In deinem Post, auf das mich bezog, hattest du folgendes Bild eingestellt, das ich als 80er Jahre Architektur bezeichnete.

 

““

 

Ich bin immer noch der Meinung, daß es nicht aus den 60ern stammt, sondern wie gesagt, 80er oder späte 70er Jahre.

 

Mag mich noch mal jemand erleuchten, warum das eine der Inbegriff der Moderne ist, während das andere nichts mit ihr zu tun hat?

 

Den Satz auf den du dich beziehst, allerdings fälschlicherweise mir zu geschrieben lautet:

 

"Die Ruhr- Uni hat mit den ästhetischen Ansprüchen der Moderne wenig zu tun."

 

Es geht um die ästhetischen Ansprüche, will heißen, daß die Ideen und Konzepte der Moderne bei der RUB grottenhäßlich ausgeführt wurden. D.h. aber noch lange nicht, daß „die Moderne“ an für sich falsch und schlecht ist, wie die aus einem schlechten Beispiel extrapolieren willst.

Wie bereits von Goedzak gesagt, es muß einem nicht gefallen, man muß sich auch nicht für Architektur interessieren, aber man muß auch nicht Kommentare schreiben, wenn man vom Thema keine Ahnung hat, nur damit etwas gesagt wurde und vor allem etwas Negatives.

 

2.) Optisch tun sich der Niemeyer-Bunker und die RUB-Klötze kaum etwas. Man weihe mich also in die feinen Unterschiede zwischen Moderne und Nichtmoderne ein.

 

Damit du die RUB stilgeschichtlich in die Moderne besser einorden kannst:

 

http://www.kgi.ruhr-uni-bochum.de/projekte/rub_expo/rub_expo.htm

 

 

Ansonsten hilft Interesse, Lesen und Schauen, um die Unterschiede in der Architektur zu erkennen.

Grüner Salon 19.12.2012 | 17:41

Als erste kurze Rückmeldung. Ich werde vielleicht heute abend oder morgen noch mehr dazu schreiben, für den Moment nur ein großes (ernst gemeintes) Dankeschön und der Hinweis, dass die Farben irgendwann um 1990 dazugekommen sind. Vorher - vor meiner Zeit - wars das hübsche einheitliche RUB-Grau.

Die Seite ist mir durchaus bekannt, ich habe ja auch eins meiner Bilder daher. War auch immer einer der wenigen, der vom Hafenkonzept wusste. Aber genug jetzt, später mehr davon, auch etwas grundsätzlicher.

Grüner Salon 19.12.2012 | 17:53

Auch hier eine erste kurze Rückmeldung - das von mir gebrachte Bild zeigt das ID, in meinem Beitrag als aktueller (2011 bezogener) Neubau erwähnt. Also - "zeitgenössische" Architektur, die übrigen 60er-Jahre-Bauten werden nach und nach diesem Stil angepasst (2020 ist im Moment anvisiert). (Da hilft, man mag mir die Spitze gestatten, ebenfalls Lesen und Schauen - in diesem Fall das Lesen meines Beitrags ;). )

Die angegebene Seite ist mir, das habe ich Herrn Leusch ja schon geschrieben, wohlbekannt. Tatsächlich aber bin ich auf architektonischem Gebiet eher ungebildet, von daher bin ich für - respektvolle - Aufklärung immer dankbar. Mein Interesse an Architektur erwacht leider meist erst dann, wenn ich etwas als ausgesprochen hässlich empfinde und mir dann denke: Wie konnte sowas jemals den Zuschlag bekommen? Diese Frage stelle ich mir seit vielen Jahren bei der RUB (wohl das einzige architektonische Werk, von dem ich einigermaßen Ahnung habe), und diese Frage stelle ich mir nun auch beim mir vorher nicht bekannten und oberflächlich und laienhaft betrachtet recht ähnlichen Niemeyerhaus in Berlin.

Später am Abend hoffentlich noch etwas mehr von mir. Jedenfalls habe ich insofern Verständnis für einige etwas rüde Zurechtweisungen von hier vorgebrachten kritischen Kommentaren, als mir ja aus anderen Bereichen, in denen ich mehr zu Hause bin, das Moderne-Bashing zur Genüge bekannt ist und ich mir teilweise oft nur denke: Reg dich ab, lies ein Buch drüber (oder einen wikipedia-Artikel), dann schaus dir irgendwann noch mal an.

thinktankgirl 20.12.2012 | 11:12

Auch hier eine erste kurze Rückmeldung - das von mir gebrachte Bild zeigt das ID, in meinem Beitrag als aktueller (2011 bezogener) Neubau erwähnt. Also - "zeitgenössische" Architektur, die übrigen 60er-Jahre-Bauten werden nach und nach diesem Stil angepasst (2020 ist im Moment anvisiert). (Da hilft, man mag mir die Spitze gestatten, ebenfalls Lesen und Schauen - in diesem Fall das Lesen meines Beitrags ;). )

 

Stimmt, haste völlig recht, Lesen und Schauen hätt mir da geholfen ;-)

Hab gleich auf das Bild geklickt, statt alles durchzulesen.

 

Columbus 21.12.2012 | 15:52

Ja, Grüner Salon, auch meine Anmerkungen waren ja nicht als Kritik daran zu verstehen, dass ihnen und auch vielen anderen Betrachtern auffällt, wie aus den technischen und architektonischen Erfindungen der Modernisten, sowie einer alles beherrschenden, ökomomischen Scheinlogik, schreckliche Vereinfachungen und stupide Abwicklungen wurden, die die Masse des Wohn- und Gewerbebaus, aber z.B. auch die Baugestaltung in der Platte, im real existierenden Sozialismus, prägten.  - Das Raster und das Vorfertigungs-Ökonomieprinzip als Dogma, wird dann einfach durchgezogen, vom Boden bis zum Dach.

Mir ging es nur darum, die wirklich exemplarischen Sachen, die als Vorbilder und Anregung dienen könnten oder, ich wünschte mir das, mehr als heute, dienen sollten, nicht in einen Topf mit diesen Produkten zu werfen. 

Niemeyers Bau in Berlin ist eben kein Bunker und hat keine brutalistischen Anklänge.

Wenn sie sich ein wenig im Ruhrgebiet und Rheinland auskennen, dann sind ihnen vielleicht schon einmal die Bauten Gottfried Böhms aufgefallen.

Der war, begründet durch persönliche Biographie und persönliches Erlebnis des Kriegsendes mit allen Zerstörungen, zu einem skulpturalen, massiven  Betonstil gekommen, der schon zur Entstehungszeit heftigste Reaktionen hervor rief.

Beispiele sind das Bensberger Rathhaus (besser Verwaltungshaus) und die Wallfahrtskirche Neviges bei Velbert. Er baute in Köln Einfamilien-Reihenhäser in sehr reduziertem Stil.

Mit der Zeit und unter dem Einfluß von Partnern, lockerte sich sein Ansatz, auch wenn das skulpturale Moment erhalten blieb. So näherte sich sein letzter, maßgeblich von ihm und nicht vom Sohn bestimmter Bau, das Hans-Otto Theater in Potsdam (fertig 2005/2006) wieder der klassischen Moderne, der auch Niemeyer zuzuordnen ist. Mit dem Beton wird freier, schwungvoller gearbeitet, die Materialeigenschaften, nämlich große, freitragende Gebäudeteile zu ermöglichen, sinnvoll für eine Dachlandschaft genutzt.

Die Wiederentdeckung der oftmals filigranen und detaillierten Architekturmoderne und deren Farbigkeit, das sind schon Ergebnisse eines neuen, nachforschenden Blicks. Es gilt da zu retten, was noch zu retten ist, denn die moderne Abschreibungsarchitektur hat gar keinen solchen Wirkanspruch über die Zeit (mehr als 20-25 Jahre) hinaus, macht aber weit mehr als 90% der realisierten Baumasse aus.

Gutes Wochenende und schöne Weihnachtszeit

Christoph Leusch