Matthias Dell
01.08.2012 | 13:53 2

Zwischen den Zeiten

Nachruf Dokumentarfilme, die Geschichte von unten erzählen und der Versuch, die rasende Zeit um 1990 festzuhalten: Zum Tod der Filmemacherin Petra Tschörtner

Petra Tschörtners bekanntester Film heißt Berlin – Prenzlauer Berg. Begegnungen zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990. Kein Titel, nur Ort und Zeit, und darunter eine ganze Welt. Berlin – Prenzlauer Berg ist der Versuch, etwas festzuhalten in der Unsicherheit, nicht zu wissen, wie lange es Bestand haben wird. Das Panoptikum einer Gesellschaft im Übergang.

Heute wirkt der Schwarz-Weiß-Film wie ein Requiem. Drei alte Frauen prosten sich fidel in einer Eckkneipe zu, sie sitzen wie Kinder an dem ein wenig zu hohen Tisch und amüsieren sich aus Erfahrung: „Wir werden immer die Dummen sein.“ Was man in Berlin – Prenzlauer Berg sieht, ist das Ende der Nachkriegszeit für Leute, die vom neuen Frieden nichts mehr erwarten.

Wahrscheinlich besteht Geschichte aus lauter Zwischenzeiten, die sich überlagern, weshalb man, wenn man dabei ist, nicht immer weiß, wann etwas anfängt und wann es vorbei ist. Dafür gibt es später die Geschichtsschreibung, die Ordnung bringt in das tektonische Durcheinander. Zumindest für eine Weile.

Spuren suchen

Im Sinne dieser Geschichtsschreibung ist Petra Tschörtner verschwunden zwischen den Zeiten. Geboren 1958 als Tochter einer Lehrerin und des Gerhart-Hauptmann-Forschers Heinz Dieter Tschörtner in Potsdam, studierte sie an der Hochschule in Babelsberg – gemeinsam mit Helke Misselwitz und Thomas Heise.

1994 dreht sie mit Marmor, Stein und Eisen einen Film über die Kommilitonen von einst. Was als Spurensuche angelegt ist, als Zwischenbilanz, wird zum Testament. Die kurze Zeit der Attraktion, die eine junge Filmemacherin der späten DEFA-Generation für das bundesdeutsche Fernsehfilmsystem bedeutete, ist vorüber, kaum dass sie begonnen hat. Misselwitz wird Professorin an der Hochschule in Potsdam, Heise arbeitet an den Rändern des absurden Fördersystems konsequent an seinem Werk, und Petra Tschörtner, die anfangs von Sendern viel beschäftigt wurde, geht als Filmemacherin verloren.

Geschichte von unten

Wenn man heute ihre sensiblen Beobachtungen von Heimkindern (Heim, 1978) oder „Feierabendheim“-Bewohnern (Unsere alten Tage, 1990) schaut, ist die Differenz zum formatierten Fernsehen der Gegenwart unübersehbar. Es geht in den Filmen nicht um die Behauptung von Skandal in einer ausdifferenzierten Mediengesellschaft, sondern um ein Verständnis, das die Widersprüchlichkeiten als Teil der Wirklichkeit begreift. Petra Tschörtners Filme erzählen Geschichte von unten. Sie handeln von Leuten, die das Reden nicht gelernt haben, weshalb sie sich, wie die Protagonisten in Berlin – Prenzlauer Berg, abstützen müssen auf Floskeln: „Ich persönlich muss sagen.“

Das musikalische Motiv in Marmor, Stein und Eisen bildet der Rolling-Stones-Song Waiting on a Friend von 1981, der klingt wie das Cover eines Lieds, das Van Morrison vergessen hat zu schreiben, und der vom Ankommen handelt in einer Zeit, die Aufbruch sein sollte. Gegen Ende des Films ist Petra Tschörtner mit Heise auf dessen Klo, das tapeziert ist mit Dokumenten und Zeitungsartikeln, und Heise sagt: „Das ist die Frühgeschichte der DDR, und bei dir im Rücken ist die Endgeschichte.“ Zwischenzeiten hören auf.

Am 25. Juli ist Petra Tschörtner im Alter von 54 Jahren nach langer Krankheit in Berlin gestorben.

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