Kohle ist alle

Am Schlossgrund: Die Vorräte gehen zur Neige - die Reisenden prüfen ihre Ressourcen
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Dieser Blog kommt aus der Zukunft. 08.07.20?? Der Tank ist leer, die Chrono-Navigation noch immer disfunktional. Seit gestern liegt der archinaut: am Berliner Schlossplatz. Die Baustelle ist gut bewacht. In der Nacht sind kräftige Burschen vom Sicherheitsdienst unter Flutlicht ihre Runden gelaufen.

Langsam heizt die Sonne den Tourbus auf, die Klimageräte brummen.

„Wir müssen Geld besorgen“ eröffnet Marlene das Frühstück. Sie hat die letzten Eier gebraten. Das Brot schmeckt schon leicht nach Schimmel. Die Brüder Humboldt schauen rüber zu Peggy.

Sie läuft rot an. „Wenn Onkel Solomon hört, dass ich bei den Nazis rumhänge, werde ich sofort enterbt........habt Ihr denn nichts mehr zu verkaufen?“

Alex denkt etwas wehmütig an die Sommer auf „Schloss Langeweil“, wie er den Herrensitz in Tegel manchmal verspottet hat. „Wer kauft schon ein altes Schloss....“ beginnt er skeptisch, Humboldt-Will pariert prompt „Ein Schloss darf man nicht kaufen, ein Schloss muss man sich verdienen!“ Jetzt wird Alex etwas fröhlicher: „ Heiraten oder Erben ist aber einfacher!“ Er lächelt leise, Will gibt gereizt zurück: „ Es war Deine eigene Entscheidung, dass Du Tegel nicht genommen hast!“ Alex hält dagegen: „Wenn Ihr Idealisten nicht die Leibeigenschaft abgeschafft .....“

„Preußen werdet Ihr nicht mehr sanieren, wir müssen unseren Arsch retten!“ wirft Mies jetzt dazwischen. El Lissitzky flucht leise, es klingt sehr russisch und scharf revolutionär, wahrscheinlich will er Peggy imponieren. Sie hat ein weiches Herz für große Künstler. Aber ihre American Express Card wurde geschluckt von einem gierigen Bankomat am Weg, vielleicht in Dessau. Vorsichtig schaut sie zu Jünger: „Lebt Ihr Sohn nicht irgendwo hier bei Berlin?“ Jünger zeigt keine Reaktion, daher setzt Peggy noch mal neu an: „Vielleicht haben Sie noch ein paar Jahrgänge Ihrer Tagebücher im Angebot, Herr Jünger?“

„Ein Waldgänger sucht keinen Mäzen“, erklärt Jünger mit unbewegter Miene, „außerdem müssen wir noch sehr behutsam sein, tastend bewegen wir uns auf einer chronisch ungesicherten Zeitscholle diskontinuierlich durch den mächtigen Raum, der uns an diesen versunkenen Ort wehte: bei unvorsichtigen Begegnungen mag der Mantel aus fein gesponnener Chamäleonseide wohl zerreißen....“, er schaut zu John „The Brain“, der kein Wort versteht und sein viel gerühmtes Intelligenzorgan wegen der Sprachbarrieren in diesem Kreis noch nicht angemessen einsetzen kann.

Jünger wendet sich daher an die Brüder Humboldt: „Wenn ich mich nicht täusche, haben Sie vor, Ihren Namen von den Verantwortlichen der Schloss-Baustelle zurückzufordern, meine Herren Humboldt. Das ist nur allzu gut verständlich, betrachtet man Ihre politische, aber auch wissenschaftliche Reputation und Ihre hohen ideellen Ziele. Man sollte aber die Möglichkeit betrachten, dass andere, weit weniger würdige Namenspatrone gefunden werden könnten, solange Sie Ihre doppelt begründete, wenn auch unfreiwillige Patenschaft in Frage stellen.“

Hier macht Jünger eine kleine Pause, zwei Atemzüge lang hängt sein Gedanke ungefragt in der überwärmten Luft: „Wenn Sie Ihre Position angesichts unserer Lage überdenken könnten, ließe sich vielleicht ein Weg finden, für die Nutzung Ihres Familiennamens eine angemessene Vergütung zu fordern, um damit unsere Expeditionskasse nachhaltig aufzubessern....“

Die Brüder werden jetzt sehr nachdenklich und bitten um Vertagung.

„The Brain“ kennt sich gut aus mit Schutzgeld-Verhandlungen, aber er weiß auch, wie man am einfachsten Geld macht: sellin’ booze’n porn, denkt er, aber er sagt’s natürlich nicht laut. An den alten Geschichten aus seinem Chicago-Network wärmt er sich nur unter vier Augen mit Mies. Jünger kultiviert diesen bestimmten Blick, den die Deutschen selbst „arrogant und elitär“ nennen. John „The Brain“ Torrio hält Ernst Jünger für den härtesten Skunk in der Crew des archinaut:

Marlene taxiert nachdenklich reihum ihre Reisegesellschaft. Vielleicht geht sie für die nächsten Tage in ein Hotel. Sie braucht etwas Abstand und verspürt plötzlich Sehnsucht nach einer gut besetzten Bar, nach einem einfühlsamen Pianisten und gedämpftem Applaus.

Mies schaut in die Ferne, eigentlich rüber zur Baustelle: „Ich liebe Steine,“ sagt er, „ich werde versuchen, drüben am Schloss zu arbeiten.“ Er macht ein paar Dehnübungen und lässt die Finger knacken. „Heute werde ich sehen, ob ich etwas zu Essen besorgen kann, morgen gehe ich rüber.“

Die Zwergkaninchen nehmen in ihrem Strohballen nur die allgemeine Stimmung wahr. Happy und Nele entstammen einem Säugervolk, das sein Überleben seit Generationen allein durch Fruchtbarkeit, Empathie und sensible Intuition sichern konnte. Spontan beschließen sie eine Rationierung ihrer letzten drei Möhren.

Hier endet der 4. Eintrag: Dieser Blog ist fiktiv und getrieben von automatischer Niederschrift. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO: Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleiben Sie dran.

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13:55 24.08.2009
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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