Vertrag ohne Exit

Ostharz: Gesellschaftsverhältnisse - ein Roman in Fragmenten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

§4(1) Der Geschäftsführer hat seine gesamte Arbeitskraft und seine gesamten Kenntnisse der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.

Im Büro von Dr. Frantz gehen sie den Vertrag noch einmal durch. Die totalitäre Formel hatte ihn irritiert, als er den Vertragsentwurf das erste Mal durchlas (wieder ein dicker weißer Umschlag in der Post), scheint aber eine gängige Klausel zu sein, ebenso der folgende Absatz:

§4(2) An bestimmte Arbeitszeiten ist der Geschäftsführer nicht gebunden. Er ist verpflichtet, jederzeit, wenn das Wohl der Gesellschaft es verlangt, zur Dienstleistung zur Verfügung zu stehen.

Dr. Frantz lässt Stallmeister Absatz für Absatz vorlesen. Der spricht schnell und ohne besondere Betonung, der Fluss seiner Stimme verebbt nur kurz zwischen den Absätzen, wenn er aufschaut um ein zustimmendes Nicken zu registrieren...... Sie haben den Vertrag vor zwei Wochen erhalten, es steht ja nichts Außergewöhnliches drin, die Konditionen sind die Üblichen... hat Dr. Frantz die Vertragsverhandlung eingeleitet.

Nadelstich um Nadelstich wird der Geschäftsführer mit der Gesellschaft vernäht durch ein feines Flechtwerk von Formulierungen, gereift über Jahrzehnte bürgerlicher Gerichtsbarkeit in Kapitalgesellschaften.

§5(4) Bei Tod des Geschäftsführers wird seinen Angehörigen die Vergütung nach Absatz (1) für 3 Monate weiterbezahlt. Beginnend mit Ablauf des Sterbemonats.

Die falsche Interpunktion unterstreicht die Aussage deutlichst, denkt der Neue still, und: ...ob meine Mädchen in drei Monaten einen anderen Ernährer finden? Und was passiert, wenn die Gesellschaft vor dem Geschäftsführer stirbt?

Erst bei den Nebenleistungen bricht Stallmeister aus dem vorgeschrieben Text:

§6(1) Für die Dauer des Dienstvertrages stellt die Gesellschaft dem Geschäftsführer einen angemessenen Dienstwagen gemäß den Richtlinien der Gesellschaft zur Verfügung, der auch privat genutzt werden kann.

Herr Kobold will seinen Wagen mitnehmen, wenn er in den Ruhestand geht, sagt Stallmeister, haben Sie sich schon was überlegt?

Er ist nicht sicher, was angemessen bedeuten mag..... Welche Richtlinien gibt es für die Gesellschaft? fragt er zurück, eine bestimmte Marke, Hubraum oder Preisklasse?

Stallmeister erwartet eine Antwort und verzieht gereizt die Mundwinkel. Dr. Frantz schickt jetzt sein zahnreiches Lächeln in die Situation: Haben Sie eine Lieblingsmarke? Seine Stimme tönt voll und sonor. Stallmeister hebt leicht die Brauen und fängt eine Aufzählung an, die Marke mit dem Stern, die Bayern, die mit den vier Ringen....... der Neue spürt, dass er jetzt dagegensetzen muss, aber nicht zu bescheiden, er denkt an den rostigen Ford-Kombi zuhause und unterbricht Stallmeisters Aufzählung: ...einen Volvo vielleicht?

Oh ja, das passt gut, tönt Dr. Frantz, Herr Stallmeister fährt auch den großen Volvo, er handelt Ihnen bestimmt gute Konditionen bei unserem örtlichen Händler hier in Salzgitter aus!

Stallmeister lächelt ein wenig spitz, aber das mag auch täuschen.

Wenn der Wagen in Quedlinburg laufen soll, warum kaufen sie ihn nicht in Sachsen-Anhalt, denkt der Neue noch, aber zügig geht es jetzt durch die weiteren Punkte.

Dr. Frantz hat die beiden Ausfertigungen schon unterschrieben, die in der Post waren, es fehlt nur die Unterschrift des neuen Geschäftsführers. So ergänzt er das Datum und unterschreibt auf der punktierten Linie.

Als Geschenk zum Einstieg in die neuen Aufgaben überreicht Dr. Frantz mit raumgreifender Geste einen kleinen, glänzenden Kugelschreiber... mit dem Sie hoffentlich immer schwarze Zahlen in Quedlinburg schreiben!

Stallmeister sortiert noch die verschiedenen Papiere und Anlagen.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Gelände! beendet Dr. Frantz mit fröhlicher Stimme die Sitzung, dazu nehmen sie den Wagen von Dr. Frantz.

Herr Stallmeister fragt immer sehr genau nach, sagt Dr. Frantz auf dem Weg, gelegentlich wie ein Oberlehrer, nehmen Sie`s nicht übel, das ist seine Art.

Im flachen, grün durchwirkten Gewebe der Stadtregion Salzgitter residiert der Firmensitz des Frantz-Konzerns, Entsorgung und Recycling, Baustoffhandel und andere Unternehmungen, eingeschossig liegen die Büros in einfachster Bauform, leicht rostig welken die Fenster, dahinter erhebt sich dunkel eine mächtige Halde in den Himmel, Dr. Frantz steuert den Wagen hinauf. Der verborgene Grund des zersplitterten Stadtatolls ruht unter den Acker- und Weideflächen, verstreut liegen verschiedene Betriebe zur Verhüttung und Verarbeitung der Eisenerzvorkommen.

Diesen Berg habe ich von meinem Vater geerbt, erläutert er, mein Vater hat seit dem Krieg Bauschutt und andere Materialien deponiert und weiterverwertet..... so ist der Konzern entstanden.

Je höher der Wagen klettert, desto weiter erstrecken sich vor ihren Augen weiträumig die Anlagen der ehemaligen Hermann-Göring-Werke Salzgitter. Oben breitet sich eine flache Fläche aus wie auf dem Tafelberg über Kapstadt. Dr. Frantz steuert den Wagen an den Rand.

Wir blicken jetzt in Richtung Osten, sagt er, bei klarem Wetter kann man den ehemaligen Grenzstreifen erkennen, dahinter liegt Sachsen-Anhalt, der Ostharz und Quedlinburg, wo Sie ab heute die Geschäfte meines Planungsbüros weiterführen werden.

Dr. Frantz wendet sich zum neuen Geschäftsführer herüber: Und überlegen Sie auch, wie und wann Sie das Büro übernehmen. Ich bin kein Architekt, die Planungsabteilung haben wir damals mit der Kiesgrube gekauft.... glücklicherweise hat die Firma uns gutes Geld eingebracht, Sie haben die Zahlen der vergangenen Jahre gesehen. Ich warte auf Ihr Angebot!

Hier endet der 170. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

Next

Back

Klick zum Gästebuch

Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

01:28 13.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

Kommentare 10