Huch, auch der Westen dopte

Doping Bislang galt nur der DDR-Sport als böser Dopingbube. Die Weste des BRD-Sports war anscheinend - von "Einzelfällen" abgesehen - rein. Doch auch sie hat unschöne Flecke.
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Huch, auch der Westen dopte

Foto: Ian Waldie / AFP / Getty Images

Heute Morgen beim Frühstück ließ mich eine auf Funkhaus Europa verkündete Nachricht aufhorchen. Besser: aufmerken! Einem Bericht der Humboldt-Universität Berlin zufolge, vermeldete der Nachrichtersprecher, soll es nicht nur in der früheren DDR, sondern auch in der Bundesrepublik, respektive Westdeutschland, über Jahrzehnte ein systematisches, staatlich gefördertes Dopingsystem gegeben haben. Ich musste die Kaffeetasse rasch vom Munde weg führen und hatte Not, sie so auf den Tisch aufzusetzen,dass nichts herausschwappte. Dann schluckte ich so schnell es ging und prustete los: "Huch, das ist aber ein Ding!"

Systematisches Doping in der DDR - Doping in der BRD: "Einzelfälle"

Ja, das ist aber auch. Für Leute vielleicht, die umgangssprachlich aus dem Mustopf kommen! Galt früher doch nur das DDR-Regime - dürften diese naiven Menschen sich bass erstaunt nun wundern - und die in dessen Auftrag handelnden Genossen Sportfunktionäre als des systematischen Dopings als böse Buben überführt. Wie verwerflich! Immer neue Fälle wurden nach der Wende hervorgekramt (was nicht sonderlich schwer war: u.a. die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit belegten da manches bürokratisch, deutsch-genau). Und dann aber heidewitzka! druff uff die DDR mit dem westdeutschen Nachschlaghammer!

Das passte ja wunderbar zum damaligen Ansinnen des Justizministers Klaus Kinkels (FDP). Auf dem Deutschen Richtertag am 23. September 1991 in Köln hatte er erklärt: "Ich baue auf die deutsche Justiz. Es muß gelingen, das SED-System zu delegitimieren, das bis zum bitteren Ende seine Rechtfertigung aus antifaschistischer Gesinnung, angeblich höheren Werten und behaupteter absoluter Humanität hergeleitet hat, während es unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus einen Staat aufbaute, der in weiten Bereichen genauso unmenschlich und schrecklich war wie das faschistische Deutschland, das man bekämpfte und - zu Recht - nie mehr wieder erstehen lassen wollte."

Kamen jedoch westdeutsche Dopingfälle ans Licht der Sonnen, waren's immer bloß die berühmten "Einzelfälle". Man kennt das. Nun, ich will hier nicht etwa dem Doping ein gut Wort reden, zumal mir die negativen gesundheitlichen Folgen dieser die Körper stimulierende"Behandlung" ja zur Genüge bekannt sind. Mir geht es sozusagen nur um Gleichbehandlung der Systeme und der Länder betreffs des Themas Doping.

Werner Schneyder: Doping freigeben!

Allerdings will ich es auch nicht verabsäumen hier anzumerken, dass etwa der Schriftsteller, Kabarettist und Ex-Boxkommentator Werner Schneyder die Meinung verritt Doping einfach freizugeben. Warum? Weil es ja eh gemacht würde. Und schließlich wüssten die Sportler was sie - gedopt- ihrem Körper unter Umständen antäten. Schneider im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL 31/2008 zu Doping bei Tour der France und Olympiade: "Auch das ist doch lachhaft. Jeder vernünftige Arzt sagt, dass man ohne Chemie diese Leistung nicht bringen kann, die ein Fahrer bei der Tour bringt. Vollkommen absurd zu glauben, dass man diesen Sport pharmaziefrei kriegt, indem man die Kontrollen verschärft. Genauso gut könnte man sagen, wir schließen die Schulen, wenn geschwindelt wird. Man sollte Doping einfach freigeben!"

Studie der Humboldt-Universität Berlin "Doping in Deutschland"

Zurück zur Meldung von heute Morgen: Sie geht auf die bislang unveröffentlichte Studie "Doping in Deutschland" der Humboldt-Universität Berlin zurück. Die Süddeutsche Zeitung von heute bezieht sich darauf. Auf Sportschau.de erfahren wir darüber: "In der Bundesrepublik Deutschland ist offenbar spätestens seit Beginn der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts ein vom Staat organisiertes und finanziertes Doping-Programm betrieben worden." Sportschau.de weiter: " Die 800 Seiten umfassende Studie war 2008 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert worden und liegt der SZ nach eigenen Angaben in einer Version aus dem Jahr 2012 vor."

In einer Sportschau.de-Überschrift wird etwas ungläubig gefragt: "Staatlich gefördertes Dopingsystem auch im Westen?" Nach dem Motto: Huch! Kann denn etwas sein, was nach offizieller Lesart nicht sein darf?

Warum denn eigentlich nicht? Immerhin waren doch die großartigen sportlichen Leistungen der DDR-Sportlerinnen und Sportler bei internationalen Sportveranstaltungen und selbstredend: den Olympiaden westdeutschen Sportfunktionären und Politikern schon immer ein Dorn im Auge. Die Erfolge der DDR-Sportler, muss hier zur Teil-Ehrenrettung des DDR-Staates angemerkt werden, waren durchaus nicht ausschließlich auf Doping, sondern auch auf die weltweit einzigartige republikweite Sportförderung zurückzuführen.

Da "schäublete" es bei mir

Kaum waren die Funkhaus Europa-Nachrichten verklungen, "schäublete" es sozusagen plötzlich bei mir. War da nicht mal was? Sportschau.de zur etwaigen Wirkung der publik gewordenen Studie: Die Ergebnisse setzten die deutsche Sportpolitik massiv unter Druck. Könnte sein. Genau, ich recherchierte kurz im Netz und wurde fündig:

"Innenminister Schäuble hat vor 31 Jahren im Bundestag für Doping unter ärztlicher Aufsicht plädiert, wohl um die Erfolgsquote des westdeutschen Sports im Vergleich zur DDR zu erhöhen. Wussten Sie das?
Davon habe ich gehört, ja. Nur waren die in der DDR die besseren Deutschen, weil sie alles aufschrieben; so konnte man nach der Wende das Doping-System der DDR aufarbeiten. Im Westen lief das unter der Hand. Und jetzt, nachdem man die Sache 30 Jahre hat wuchern lassen, sagt man plötzlich, oh, wir haben ein Riesenproblem. Dabei geht alles weit über die Fälle Ullrich oder Telekom hinaus, die Strukturen des deutschen Leistungssports sind ein Problem. Schon weil wir keine Gesetzesgrundlage haben, sprich: weil Doping bei uns nicht strafbar ist."
(via hardi.net)

Und weiter:

"Wolfgang Schäuble, in den 70er Jahren sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, schlug im Bundestag vor, leistungssteigernde Medikamente unter der "absolut verantwortlichen Kontrolle der Sportmediziner" zu verabreichen. Gerhard Groß, Ministerialrat im Innenministerium, forderte Keul 1976 öffentlich in Freiburg dazu auf, "leistungsfördernde Mittel" einzusetzen. Die Forschergruppe zitiert darüber hinaus anonyme Zeitzeugen. Ihnen zufolge verlangte auch der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher vor den Olympischen Spielen von München 1972 Medaillen, "koste es, was es wolle"." (via Badische Zeitung)

Au Backe! Ist nun die vorgeblich weiße Weste des westdeutschen Sports mit schmutzigem Dopingkot bespritzt? Nein, sie wurde nur aus düstren Schränken ans Licht geholt. Das, so heißt es auf Sport,.de, "hätten staatliche Institutionen sowie der damalige Deutsche Sportbund (DSB) und das Nationale Olympische Komitee (NOK) " bislang versucht zu verhindern. Enttarnung gedopter Sportler - wen wundert es - lag nun gar nicht in deren Interesse.

Hochmut kommt vor dem Fall

Rollt da nun was auf uns zu? Zwar ist die Studie "Doping in Deutschland" noch nicht veröffentlicht. Angeblich wegen datenschutzrechtlicher Probleme. An der Studie beteiligte Wissenschaftler widersprechen offenbar dem genannten Grund. Dem Bericht der Süddeutschen zufolge, befürchtet man eine Klagewelle. Immerhin gebe es laut Sportschau.de "zahlreiche noch aktive Sportler, Funktionäre und Mediziner", die dadurch belastet werden könnten.

Schlußendlich führte ich meine Kaffeetasse nach den Radionachrichten mit erwähntem sportlichem Inhalt wieder zum Munde, welchen noch immer ein abklingendes Lächeln umspielte. Wenn ich, wie ich eingangs schrieb, zuvor lauthals losgeprustet hatte, dann - ehrlich - nicht aus Schadenfreude. Es hatte vielmehr etwas mit dem Wissen zutun, dass Hochmut stets vor dem Fall komme. Was nun einmal mehr bewiesen sein dürfte. Nun muss in Deutschland nach dem DDR-Doping auch Aufarbeitung dementsprechender Westfälle erfolgen. Dies wird schmerzlich werden. Aber es muss sein!

14:16 03.08.2013
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Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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