Der Traum vom kleinen Haus

Wohnen Der Zeitgeist spiegelt sich in der präferierten Wohnform wider. In den USA hilft man sich mit winzigen Häuschen durch die Krise: sogenannten "tiny houses"
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Der Traum vom kleinen Haus
Foto: popkontext

In der US-amerikanischen Kultur hat das bescheidene Wohnen Tradition: Die Siedler wohnten spartanisch, ebenso wie es die wenig begüterten Immigranten und die Ärmsten des Landes bis heute tun – aus der Not heraus. Immer wieder gab auch Aussteiger, die sich freiwillig in die Natur und in einfache Wohnverhältnisse zurückzogen, um zu sich zu finden. Die aktuelle Tiny House-Bewegung hat etwas von beidem: Sie wird durch die ökonomische Krise und die in die Höhe schießenden Hauspreise forciert, aber ihre Anhänger sehen auch etwas Spirituelles im Wohnen auf engstem Raum. Und das will etwas heißen, denn die durchschnittliche Quadratmeterzahl, auf der im Land der unbegrenzten Möglichkeiten residiert wird, ist durchschnittlich doppelt so groß wie in Europa.

In den letzten zehn Jahren fand die Idee der “kleinen Häuser” immer mehr Beachtung. Klein meint meistens auch für Europäische Normalverhältnisse klein – unter 40 Quadratmeter für Singles – sei es als Stadtwohnung, auf dem Land oder zu Wasser auf einem Boot. Oft sind es sogar weniger als 20 Quadratmeter, ein kleiner Raum, auf den ein paar Aufbewahrungsmöglichkeiten, ein Schreibtisch, eine Kochnische, eine Toilette und Dusche und ein Hochbett gequetscht sind, so effizient wie möglich angeordnet.

Zunächst waren es zumeist alleinstehende junge Menschen aus der Mittelklasse, die sich aus den gegebenen Umständen – fast unbezahlbare Mieten in den Großstädten, steigende Preise auch auf dem umliegenden Land, gepaart mit wenig einträglichen selbständigen Jobs -, und einer allgemeinen Sinnkrise aufgrund von Umweltverschmutzung und Konsumwahn eine Philosphie zusammenbastelten. Ein tiny house bedeutete für sie, ihr eigenes Reich zu haben, zu vergleichsweise geringen Kosten gebaut und mit geringen Betriebskosten. Aus das Selbergestalten, sich etwas nach eigenen Ideen mit eigenen Händen für sich herzurichten, ist vielen ein zentrales Anliegen. Wichtig ist auch die Mobilität, denn viele der kleinen Häuser stehen auf Rädern oder sind zumindest transportierbar. Sie sind quasi Trailer für die Mittelklasse, die nicht in den öffentlichen, von sozialen Problemen geplagten und verrufenen Parkplätzen für die Allerärmsten herumstehen, sondern gern auch mal bei den Eltern oder begüterten Freund/innen oder Verwandten auf dem Grundstück.

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Ein kleines Haus ist besser als gar keins

Nach der Housing Crisis, wo auch viele Menschen aus der Mittelklasse ihre Häuser verloren, begannen viele, die sich vorher weniger für alternative Lebensformen interessierten, zu sagen: Ein kleines Haus ist besser als gar keins. Für die Befreiung von dem Druck, sich konstant um Bankraten, Strom- und Heizkostenrechnung Sorgen machen zu müssen, verzichten sie auch gern auf ein paar Quadratmeter.

Der Wunsch nach einem kleinen Haus stößt dabei auf Tücken in Form von Bauvorschriften (die in den USA sehr streng sind), Bankkrediten und Baufirmen, die so kleine Vorhaben nicht interessieren. So gibt es genaue Vorschrifen, wie groß das Haus sein darf, wenn es auf einem Grundstück steht, wenn es Räder hat und ob es welche haben muss, um der Norm zu entsprechen. Banken geben nur Kredite für Häuser ab einer bestimmten Größe und entsprechenden Kosten. Die Kleine-Häuser-Enthusiasten haben ihre Wege gefunden, sich mit diesen Vorschriften zu arrangieren oder leben damit, dass sie jederzeit Ärger bekommen können. Auf der positiven Seite steht, dass sie mit ihren Hütten auch nicht allzu sehr für voll genommen werden.

Tiny Houses als Lebensphilosophie

Sie tauschen sich im Internet, über Bücher und Treffen aus, einige leben davon, dass sie entsprechende Pläne oder auch fertig gebaute Häuser verkaufen. Dabei sind die Ansätze unterschiedlich: Manchen ist es vor allem wichtig, dass ihr kleines Domizil billig ist, andere, vor allem in den Großstädten, denken sich ausgefallene Konstruktionen aus, um den wenigen Platz effektiv zu nutzen und setzen dies oft mit Hilfe von Architekten um, oder kaufen entsprechende Möbel aus einer neu boomenden Designbranche, die den Zweck erfüllen. Wieder andere legen Wert darauf, dass ihr Haus, und ihr gesamter Lebensstil, auch umweltfreundlich ist – in Bezug auf die Materialien, aber auch die Energieversorgung. Mit Solarzellen, Solarwärmegeräten und Windrädern machen sie sich so unabhängig von der öffentlichen Versorgung wie möglich – aus ideellen, aber auch aus Kostengründen. Und ein wenig Survivalism steckt auch darin, die Vorstellung, dass bald alles den Bach heruntergeht und man so seinen kleinen schützenden Panzer ganz nah bei sich hat, wenn die Gesellschaft zusammenbricht.

Ganz einfach fiel es den meisten nicht, sich von normaler Wohngröße auf die Hobbit-Häuser umzustellen. Wie die Protagonist/innen im untenstehenden Film der US-amerikanischen Filmemacherin Kirsten Dirksen berichten, haben einige von ihnen zuvor in Ländern wie Japan oder Kenia gelebt, wo sie andere Perspektiven auf die Vorstellungen von Platz bekommen haben, oder waren nur mit dem nötigsten Gepäck unterwegs und haben gelernt, dass das, was man wirklich zum Leben braucht sogar in einen Rucksack geht. Danach sind 10 Quadratmeter schon Luxus.

Einigen neuen Mitgliedern der Bewegung, die unfreiwillig dazu gekommen sind, soll ihr kleines Häuschen aber den Weg in die Bürgerlichkeit erst ebnen: Occupy Madison hat gerade eine Reihe Tiny Houses für Obdachlose gebaut, die dort auf Parkplätzen in der Stadt ein neues festes Dach über dem Kopf bekommen sollen. Auch in Deutschland gibt es anscheinend schon eine kleine Tiny-House-Bewegung – jedenfalls ist hier schon mal eine recht ordentlich gemachte Seite mit vielen Infos, die sich aber offenbar eher an ein etwas zahlungskräfigeres Segment der Slow-Living-Bewegung richtet.

Tiny House Blog
Small House Society
Website von Jay Shafer
Tiny Houses.de

Zuerst veröffentlicht auf Plan A(lternative)

09:50 24.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
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