Kindheit mit Soldatenvätern

Kino Petra Seeger beschäftigt sich in „Vatersland“ damit, wie es sich anfühlte, mit einem Vater aufzuwachsen, der im Krieg war

Beim Ausräumen der väterlichen und großväterlichen Nachlässe stoßen wahrscheinlich in diesen Tagen Nachkommen immer wieder auf Fotos wie diese: Ein paar junge Männer in Soldatenmänteln lachen unbefangen in die Kamera, darunter hat jemand in Handschrift vermerkt: „Rudi hat hier noch sein Bein!“ Ein anderes zeigt wieder Soldaten, diesmal von hinten, wie sie durch eine fast menschenleere Straße gehen, und darunter die – in ihrer Unverfänglichkeit erschreckende – Beschreibung: „Zu Fuß durch Paris zum Ostbahnhof“. Im vorliegenden Fall stammen die Fotos aus dem Privatarchiv der Regisseurin Petra Seeger. Sie bilden den Auftakt zu Vatersland, einem Film, der sich vielleicht am besten als Leinwandversion jener Sorte von Autofiktion fassen lässt, wie sie in der Literatur seit ein paar Jahren Furore macht.

Autofiktion ist dabei auch als Film keine willkürliche Mischung aus autobiografischen Daten und fiktionaler Erzählung. Denn von diesen ersten Fotos an ist man zwar in einer realen Biografie, zugleich aber in einer Stellvertretererzählung, die von der Erfahrung einer Generation handelt. Auf die Montage der Soldatenfotos folgt ein Potpourri fröhlicher Aufnahmen aus den 50er-Jahren. Weihnachtsbäume mit viel Lametta, Frauen mit Perlmutthalsketten und Hornbrillen, enge Wohnungen und Babys, die man im Waschbecken badet, das alles bildet eine Gesellschaft ab, die den Krieg vergessen will und sich zum Wirtschaftswunder hinarbeitet. Auf diesen Einstieg lässt Seeger dann eine Spielszene folgen: ein kleines Mädchen steht da an einem Grab, um sie herum sieht man zunächst nur die dunklen Mäntel der Mittrauernden. Das Mädchen versucht die Hand seines Vaters zu greifen, doch dieser zieht sie zurück und steckt sie in die Tasche. Und von dieser Szene geht es dann, immer noch im Modus der Fiktion, in die Gegenwartsebene, in der eine Mutter (Margarita Broich) ihre Tochter betrachtet und feststellt, dass sie jetzt in dem gleichen Alter sei. Impliziert ist: als sie ihre eigene Mutter verlor.

Zwischen diesen beiden Zeiten springt der Film dann immer wieder hin und her: In der Gegenwart gerät eine Drehbuchautorin in die Krise und ärgert sich beim Aufräumen der Fotoalben ihres Vaters darüber, dass er sie zwar oft fotografiert hat, aber ihre Gefühle nirgendwo zu sehen sind. In der Ebene der Vergangenheit muss ein junges Mädchen zuerst mit dem Tod der Mutter zurechtkommen und dann das Aufwachsen in den sechziger Jahren mit einem überforderten, unsensiblen Vater und einem wenig solidarischen älteren Bruder überleben.

Sowohl die Person, die sich hier erinnert, als auch ihre Erinnerungen sind mit Spielfilmmitteln interpretiert. Aber nicht nur die dazwischen montierten Originalaufnahmen aus dem Privatarchiv belegen, dass es hier um ganz konkrete Erinnerungen geht. Dafür stehen vor allem die präzis geschriebenen Dialoge, die Seeger ihren Protagonisten in den Mund legt. Sei es, dass der Vater – mit genialer 50er-Jahre-Steifheit von dem großartigen Bernhard Schütz verkörpert – ihr von der schweren Krankheit der Mutter erzählt und sie dann ohne jedes Mitgefühl mit „Geh in dein Zimmer und sei leise!“ anherrscht. Oder schon bald nach der Beerdigung seinen zwei Kindern während des Abendbrots im Kasernenstil mitteilt: „Euch ist klar, dass ihr jetzt ran müsst!“ Jedes Mal trifft der Film hier einen Originalton, wie ihn noch mehrere Generationen aus der Kindheit kennen. Einschließlich der ominösen Rolle, die das Militär darin spielt: „Steh auf! Frühsport!“, holt der Vater seinen Sohn beim Campingurlaub aus dem Zelt und fügt als Kommentar zu dessen Müdigkeit hinzu: „Das hätten wir uns mal beim Kommiss erlauben sollen!“

Info

Vatersland Petra Seeger Deutschland, Belgien 2020, 118 Minuten

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