Kein ewiger Stenz

Kino Michael Winterbottom erzählt in „The Look of Love“ von Leben und Geschäft des britischen Sexmoguls Paul Raymond und begnügt sich mit schicker Nostalgie
Ausgabe 35/2013
Kein ewiger Stenz

Foto: Alpenrepublik

Manche Figuren sind so aus der Mode gekommen, dass ein Biopic über ihr Leben wieder den Thrill des Neuen und Aufregenden hat. Der britische „Sex-Mogul“ Paul Raymond könnte so ein Fall sein. Außerhalb Großbritanniens war er nie sonderlich bekannt, innerhalb des Vereinigten Königreichs aber ist er eine Schlüsselfigur für Generationen, die mit seinen Softporno-Produkten groß geworden sind. 1925 in einfachen Verhältnissen geboren, starb er 2008 als einer der reichsten Männer Großbritanniens. Man nennt so etwas eine beispielhafte Nachkriegskarriere, oder? Wobei eben im Fall Paul Raymonds, der mit bürgerlichem Namen Geoffrey Quinn hieß, hinzukommt, dass seine Karriere zumindest in den Augen seiner Zeitgenossen eher das Gegenteil von „beispielhaft“ war, nämlich „lasterhaft“.

Regisseur Michael Winterbottom setzt in The Look of Love das Biopic in die genreübliche Rahmenerzählung, die einen reichen alten Mann zeigt, der offenbar einsam ist. Die Chronologie der Ereignisse seines Lebens lässt Winterbottom in den späten fünfziger Jahren beginnen, als Raymond Furore damit macht, in seinem Club nackte Mädchen auftreten zu lassen, indem er auf geschickte Weise damals gültige Gesetze umging. An Raymonds Seite macht sich eines der „Mädchen“, zugleich seine Freundin und baldige Ehefrau Jean, mit Ideen und Anregungen verdient. Und bald merkt der Zuschauer, dass Winterbottom Raymonds Lebensgeschichte als eine schildert, die sich um drei Frauen herum zentriert: Die erste Frau Jean, Fiona, die langjährige Geliebte und Geschäftspartnerin, und Tochter Debbie, das umsorgte und verwöhnte Problemkind, das Raymond schließlich wie keine andere das Herz brechen wird.

Die Methode, von einem Mann, der sein Vermögen mit Frauen als Sexobjekten gemacht hat, als einem zu erzählen, der die Frauen tatsächlich liebte, hat etwas Verführerisches. Denn auch wenn er sie betrog und auf Distanz hielt, gibt es für Winterbottoms Raymond sichtlich keine wichtigeren Gestalten im Leben als seine Frauen und seine Tochter. Für seinen aus einer früheren Liaison entsprungenen Sohn, der eines Tages bei ihm vor der Tür steht, interessiert er sich dagegen überhaupt nicht. Es hat ebenfalls etwas, dass der Männerkameraderie, die bei den Themen Sexclubs, Softpornos und erotische Magazine unvermeidlich scheint, hier so gut wie kein Platz eingeräumt wird. Allerdings hat Winterbottom kein Interesse daran, die Perspektive zu wechseln. Wo endet die erotische Stimulation und wo beginnt die Prostitution? Wo geht der selbstbestimmte Sex in die Ausbeutung der Frau als Objekt über? Das sind nicht die Themen des Films.

The Look of Love hält sich überraschend wörtlich an den „Look“, die Oberfläche. Mit sichtlicher Freude am Detail widmet sich der Film den Moden und Frisuren der sechziger und frühen siebziger Jahre, einer Zeit, in der der ölige Charme eines James Bond das Nonplusultra von Männlichkeit darstellte. Steve Coogan in der Rolle Raymonds passt sich in dieses Konzept aufs Beste ein: Er spielt einen Mann ohne Tiefe, einen, der reagiert und gerne konsumiert, den aber die eigenen Gefühle nicht interessieren. Als ihn ein privater Schicksalsschlag trifft, registriert er dessen Wucht; den Wurzeln seines übergroßen Schmerzes aber will er nicht nachgehen.

Dieses durchaus bemerkenswerte Desinteresse der Hauptfigur an sich selbst legt sich am Ende dämpfend über den Film. Da können Anna Friel (Jean), Tamsin Egerton (Fiona) und Imogen Poots (Debbie) noch so sensibel und temperamentvoll aufspielen, die bestimmende Tonlage von Winterbottoms Film bleibt eine leicht nostalgische Indifferenz. Männer wie Paul Raymond sind eben nicht zufällig aus der Mode gekommen.

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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