Der Apostel der Zerstörung

Spanien und die Anarchie Vor 150 Jahren forderte Bakunin auf dem Friedenskongress die Zerschlagung der Nationalstaaten. In Spanien fielen seine Ideen auf fruchtbaren Boden - wie auch heute
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Der Apostel der Zerstörung
Michail Bakunin

Foto: Claus Emp. / B. Bastian/Wikimedia

»...kein Staat kann dem Volk das geben, was es braucht, nämlich die freie Organisation der eigenen Interessen von unten nach oben«, schreibt Michail Bakunin in Staatlichkeit und Anarchie. Der Begründer des Anarchismus - von hünenhafter, rauer Gestalt und ohne Zähne im Mund - versucht, die Mitglieder des ersten internationalen Friedenskongresses 1867 in Genf von der Idee zu überzeugen, mit jeder staatlichen Obrigkeit zu brechen. Bakunin will die soziale Revolution. Der »Apostel des Zerstörung« wirbt für die Vernichtung jeder politischen Macht - vergebens. Die Friedensliga ist längst auf einen gemäßigten marxistischen Kurs eingeschworen. Bakunin ist der Marxismus verhasst. Er ist der Überzeugung, eine Diktatur des Proletariats würde - wie jede Diktatur - letztlich nur ihre eigene Herrschaft sichern wollen. Es steht zur Debatte, ob Bakunin in dieser Einschätzung richtig liegt - ob er also durch den Sozialismus der Sowjetunion bestätigt ist.

Anarchismus in Katalonien

Ein Jahr vor Bakunins Brandrede vor der Friedensliga trifft ihn der italienische Revolutionär Guiseppe Fanelli. Bakunin rät ihm nach Spanien zu reisen, um Mitglieder für die Internationale Arbeiterassoziation anzuwerben. Was Fanelli im Gepäck hat als er in Barcelona ankommt, sind die anarchistischen Ideen des russischen Revolutionärs. Von Katalonien aus verbreitet sich die Vision der Herrschaftsfreiheit auf der gesamten iberischen Halbinsel und führt zur ersten und einzigen Verwirklichung eines anarchistischen Gesellschaftssystems auf europäischem Boden. Wie sich in diesen Tagen beobachten lässt, ist die Idee des Anarchismus in seiner Brutstätte - in Katalonien - noch nicht ausgestorben. Aber sie hat sich verändert.

Das Streben der Katalanen nach Unabhängigkeit erklärt sich natürlich durch eine Vielzhal historischer Faktoren. Einer davon ist der spanische Sonderweg: Während im 19. Jahrhundert in jedem anderen europäischen Land Sozialisten und Kommunisten auf dem Vormarsch sind, erblüht in Spanien der Anarchismus. Jedenfalls bis General Franco die Macht an sich reißt und seine Maschinerie der mörderischen Säuberungen in Gang setzt. Die Anarchisten fliehen in den Untergrund. Doch die Jahre des Faschismus haben die Bewegung nicht aufgehalten. Auch heute noch sind die Nachfolge-Institutionen der anarchistischen Gruppen aktiv. Sie organisieren sich in Gewerkschaften und der Hausbesetzerszene - vorwiegend in der katalanischen Hauptstadt Barcelona.

Gegen den Staat - Für den Staat

Die Situation in Katalonien ist ambivalent: Sie ist, ganz im Sinne Bakunins, eine Aktion der Freiheit, eine Aktion gegen den spanischen Staat. Aber sie ist ebenso eine Aktion für den Staat - nämlich einen neuen katalanischen Staat. Wohin dieser neue Staat führt - und ob er überhaupt zustandekommt - wird wesentlich von den politischen Stellungnahmen im Umfeld Kataloniens abhängen. Es dürfte wenig verwundern, dass der spanische Monarch nicht viel von den Separatisten hält. Die Schlüsselrolle wird hier der EU zukommen. Wird sie als Vermittler auftreten? Und will sie das überhaupt?

Für die Katalanen stellt sich die Frage, ob sie Bakunins Weg der unerbittlichen Zerstörung folgen wollen. Eine Abspaltung des Landes könnte einem wirtschaftlichen Selbstmord gleichkommen, da damit auch der Austritt aus der EU verbunden wäre. Mit ihrer Stellungnahme zur Verfassungswidrigkeit des Referendums hat die EU-Kommission klar gemacht, auf welcher Seite sie steht - auf derjenigen Madrids. Die Verhältnisse sind hier völlig anders als beispielsweise die einer möglichen Abspaltung Schottlands von Großbritannien. Der EU käme dies sehr gelegen, könnte sie doch Edinburgh als Mittel im Deal mit London nutzen. In den Verhandlungen um den Brexit wäre ein eigenständiges Schottland das politische Signal schlechthin für den Irrweg der Briten. In Bezug auf Barcelona gibt es allerdings kein derartiges Interesse auf Seiten der EU. Spalten sich die Katalanen ab, dann stehen sie erst einmal alleine da. Sie folgen damit Bakunins Ruf nach freier Organisation von unten nach oben. Ob dies gut oder schlecht ist, muss die Geschichte zeigen.

17:15 06.10.2017
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