Wort ist tot

Radio Der Hessische Rundfunk beerdigt ein Kulturgut
Wort ist tot
Mikrofon, Windschutz, Halterung – hat dieses Format ausgedient? Oder lebt das gehörte Wort im Podcast weiter?

Foto: Ralph Peters/Imago Images

Eins vorneweg: Der Autor dieser Zeilen ist nicht neutral. Im Gegenteil. Die Nachricht, dass hr2-kultur – Hessens nicht nur regional bedeutender Radiosender – zu einer Klassikwelle umgewandelt werden soll, hat viele empört. Auch mich. Ende 2013 war ich im Rahmen meiner journalistischen Ausbildung zwei Monate bei hr2 in Frankfurt. Ich habe dort Menschen kennengelernt, die mit Leidenschaft bei der Arbeit waren, die Expertise bei ihren Themen hatten und jüngeren Kollegen einiges zugetraut und ihnen die Chance gegeben haben, sich auszuprobieren.

Wenn es nach den Programmstrategen vom Hessischen Rundfunk geht, sind Hörer ab 35 wie ich, mit einem Faible für „Wortinhalte“, seltene Radiofossile, die bald wegsterben.

Zugegeben: Zuletzt erreichte hr2 täglich „nur“ um die 100.000 HörerInnen. Aber ist das wirklich wenig? Und kann eine „Digital first“-Strategie des hr der Abwanderung wirklich entgegenwirken? Schon der Claim klingt oldschool, offenbar will man keinesfalls auf der falschen Welle surfen, wer aber Angst hat, kann nicht gut segeln. Intendant Manfred Krupp, Jahrgang 1956, will bis zum Frühjahr 2020 für die digitale Strategie „lieb gewonnene Formate“ opfern. Befürchtungen werden laut, es könnte Sendungen wie Doppelkopf, Kulturcafé und vor allem das sehr beliebte Format Der Tag treffen. Die hr-Spitze hat anscheinend vergessen, dass sie wie alle Öffentlich-Rechtlichen einen Grundauftrag hat: ein anspruchsvolles Spektrum zu bieten. Im Fall von hr2 sind das hochwertige Interviews, Buch- und Filmbesprechungen, Ausstellungs- und Aufführungskritiken, Features und Hörspiele.

Die regionale Kulturberichterstattung soll verstärkt über Online-Angebote erfolgen, über die Audiothek und Mediathek der ARD. So verspricht hr2, dem eigenen Qualitätsanspruch weiterhin gerecht zu werden, die Kulturszene in Frankfurt, vor allem die Literaturszene, ist indes bestürzt. Für viele in dieser Szene ist hr2 eine identitätsstiftende Plattform. Man muss nur die Kommentare in der lancierten Online-Petition lesen, um ein Bild davon zu kriegen, was hr2 für die Region bedeutet. Diesen regionalen Aspekt eines Radiosenders, der eben auch in digitalen Zeiten herrscht, haben die angstgetriebenen Macher offenkundig unterschätzt. Es melden sich viele Stammhörer. Und sie melden sich zu Recht! Da werde eine „ganze „Kulturlandschaft, für die „hr eine besondere Verantwortung hat, alternativlos“ zusammengestrichen. Dabei müsse es einen Sender in der Region geben, der ein hohes Niveau gewährleiste. Der Drang des hr, das Programm zu digitalisieren, der Quote hinterherzujagen, werde das Niveau aber (weiter) senken ...

Wieso, muss man an dieser Stelle fragen, lassen sich altes und neues Radio eigentlich nicht zusammendenken? Die fehlende Weitsicht beweist nicht nur, dass es eine Internetintendanz braucht, wie schon oft gefordert. Das Format Der Tag beispielsweise, das auch als Podcast erfolgreich läuft, beweist, dass viel mehr drin ist, dass es nicht die eine Nutzergewohnheit gibt, sondern mehrere gleichzeitig. Man kann das an der Erfolgsgeschichte des Berliner Senders Radio Eins verfolgen. Der Sender verknüpft nicht nur „live“ und „digital“ auf allen Ebenen, er arbeitet auch erfolgreich mit Printmedien wie dem Berliner Tagesspiegel, dem Spiegel und dieser Zeitung. Der selbstbewusste Claim lautet: Nur für Erwachsene.

Behrang Samsami ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag

06:00 09.08.2019
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami
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