Das Digitale ist politisch

Medientagebuch Der 35. Chaos Communications Congress zeigt: Große gesellschaftliche Themen haben häufig eine digitale Komponente. Medien können davon lernen
Das Digitale ist politisch
Aufgepasst im digitalen Kapitalismus

Foto: Jens Schlueter/AFP/Getty Images

Mit der ersten Ausgabe im neuen Jahr ist es so eine Sache. Es gilt, den Anfang, den Neustart zu betonen. Und es schadet ja nicht, die kalendarische Zäsur zu nutzen, um allgemein etwas nachzujustieren. Das gilt auch für die journalistische Arbeit. Nicht alles, was 2018 in den Medien hochgekocht ist, rechtfertigte die mediale Aufregung. Statt der vielen parteipolitischen Ränkespiele könnte man sich ja zum Beispiel mal mehr um die großen gesellschaftlichen Fragen kümmern.

Fündig konnte man kurz vor dem Jahreswechsel hier werden: Der Chaos Computer Club (CCC) lud zum 35. Chaos Communication Congress (35C3) nach Leipzig. Spiegel Online verwies im Vorfeld auf die Anfangstage nebst der Spiegel-Ankündigung zum ersten Kongress im Jahre 1984 in Hamburg, die auch heute noch nett zu lesen ist. Darin heißt es unter anderem: „Am 27. und 28. Dezember treffen sich Computerfreaks im Eidelstedter Bürgerhaus, um ihre Bildschirmtext-, Datex- und Datenfunk-Kenntnisse auszutauschen.“ … Es herrsche, so die Veranstalter, „Photographierverbot“. … Und damit keiner auf den Gedanken kommt, die Freaks seien Fachidioten, steht auf dem Programm eine „Hafenrundfahrt durch die Müllkippen Hamburgs“.

Das Fotografieren unterlag auch beim Kongress 2018 noch strengen Regeln, doch die arge Exotisierung der Hacker durch die Medien sollte eigentlich der Vergangenheit angehören. Der Blick ins Programm zeigt, dass hier jene großen gesellschaftlichen Fragen behandelt wurden – und zwar ohne die häufig vorgenommene Trennung zwischen Digitalem respektive Technologischem einerseits und Gesellschaftlichem und Politischem andererseits.

So wurde etwa die Debatte um Gewalt gegen Frauen von Anne Roth, Referentin für Netzpolitik der Linksfraktion im Bundestag, um die digitale Dimension erweitert – in Form beispielsweise von Spionage-Apps oder Stalking. Die Verbindung zwischen tüftelnden Hackern und den großen gesellschaftlichen Debatten stellten zwei Berliner Sicherheitsforscher her, denen es gelungen ist, Scanner zur Venenerkennung zu überwinden. Bislang galt das System, das Menschen anhand ihrer Venenstruktur Zutritt zu Gebäuden gewähren oder verweigern kann, als extrem sicher. In Zeiten, in denen die Sicherheit zum Dauerbrenner wird, wird das Wissen um die Fehlbarkeit solcher Systeme auch für die Debatte immer relevanter.

Dass das Primat der Sicherheit generell eine entscheidende Streitfrage ist, wird auch bei den jüngsten Verschärfungen der Polizeigesetze der Länder deutlich. Deren „rechtliche und technische Grenzüberschreitungen“ waren beim Chaos Communication Congress ebenso Thema wie die Schwierigkeiten mit der von Jens Spahn übers Knie gebrochenen digitalen Gesundheitsakte. Es ging um Sicherheitslücken im Smart Home genauso wie um die Genom-Editierung mit CRISPR/Cas, aber auch um digitales Prekariat und bedingungsloses Grundeinkommen.

Was lehrt uns also das größte Hackertreffen Europas? Einmal mehr, dass das Digitale überaus politisch ist. Und dass sich hier Themen finden lassen, die in den Medien noch mehr und noch detailreicher vorkommen sollten – auch und gerade mit der technologischen Komponente. Das mag aus medialer Sicht nicht immer ganz unkompliziert sein, wäre aber definitiv zukunftsgewandt. Das Programm ist noch online, Aufzeichnungen der Veranstaltungen kann man sich noch ansehen. Ganz dem guten Vorsatz folgend: weniger Seehofer, mehr wirklich Wichtiges im Jahr 2019.

06:00 03.01.2019

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