Ordnung braucht das Chaos

Urbanität Was Jane Jacobs der Stadtplanung schon vor 50 Jahren empfahl, gilt heute umso mehr
Benjamin Knödler | Ausgabe 18/2016 3

Aus der Sicht ihrer Gegner war es schon ein starkes Stück, das Jane Jacobs da vorlegte, als sie 1961 mit ihrem Debüt The Death and Life of Great American Cities den Angriff auf die landläufige Stadtplanung erklärte. Denn damit hatte die Stadtaktivistin, die bald den Protest gegen den massiven Umbau des New Yorker Greenwich Village anführen sollte, den modernistischen Planern den Kampf angesagt.

Ihre mittlerweile kanonisch gewordene Streitschrift forderte belebte Straßen, also interagierende Nachbarschaften statt einer dysfunktionalen Trennung von Geschäfts- und Wohnvierteln. Sich als Frau gegen die männlich dominierte Stadtplaner-Elite zu wenden, erforderte zu ihrer Zeit reichlich Mut. Und tatsächlich wurde Jacobs von manchen als „Hausfrau“ oder „verrückte Dame“ klein- geredet. Gut, dass sie sich nicht beirren ließ. Zumal Jacobs, die am 4. Mai 100 Jahre alt geworden wäre, uns heute noch viel zu sagen hat – müssen wir uns dieser Tage doch mehr denn je Gedanken über die Zukunft der Städte machen.

Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main oder München haben zu wenig bezahlbaren Wohnraum, zugleich wollen zunehmend mehr Menschen eben dort leben. Es kommen Studenten, Zuwanderer, Geflüchtete, die sich begreiflicherweise mehr Anschluss und eine bessere Infrastruktur erhoffen als in verwaisten Landstrichen Mecklenburg-Vorpommerns oder Brandenburgs. Sie alle fordern das „Recht auf Stadt“, das der französische Soziologe Henri Lefebvre 1968 in seinem gleichnamigen Grundlagenwerk reklamierte (Freitag 14/2016).

Wie man städtebaulich auf diese Herausforderungen reagiert, ist eine gleichermaßen planerische wie politische Frage. Und es fällt auf, dass viele heutige Stimmen zum Thema sich explizit auf Jacob’s Zeit beziehen: Die mittlere Moderne dient verstärkt wieder als Referenzpunkt. So forderte der Architekt Hans Kollhoff kürzlich im Tagesspiegel, mehr zu wagen als „Zeilenbau-Banalität und Großsiedlungs-Tristesse“. Im Zuge der Geflüchtetenzahlen wird aber auch verstärkt über die schnelle Schaffung zentrumsfernen Wohnraums debattiert. Die Renaissance von an den Stadtrand geklatschten Großsiedlungen scheint zumindest nicht ausgeschlossen.

Aber genau dadurch droht jene Leblosigkeit der Städte, die man etwa in München schon ansatzweise beobachten kann. Dort entstanden etwa am Hirschgarten zuletzt viele Neubauten, die sich vor allem Besserverdienende leisten können. Geht man dort durch die Straßen, hat das mit Urbanität wenig zu tun, eher mit einer Vorstadt auf drei Stockwerken. Eine Bar, irgendeine Theke, an der die Anwohner miteinander ins Gespräch kommen? Fehlanzeige! Jane Jacobs wären derartige Viertel wohl ein Graus gewesen. Sie plädierte sowohl für die soziale Durchmischung der Anwohnerschaft als auch für die funktionale Vielfalt der Gebäude. Nur so könne das großstädtische Chaos entstehen, das eigene funktionierende Ordnungsstrukturen erzeuge, schrieb sie.

Ja, man muss es heutzutage wieder klar und deutlich und vielleicht noch lauter als bisher sagen: Es braucht Bars, Cafés und Geschäfte, um belebte Bürgersteige und Parks zu kreieren. In Zeiten, in denen der Zustrom in die Städte wächst, bekommen solche Begegnungsräume eine integrative Funktion – gerade auch, was die Einbindung von Geflüchteten angeht. Jacobs ist – wie es der Stadtplaner Jan Gehl einmal bemerkte – die Mutter der humanistischen Stadtplanung. The Death and Life of Great American Cities bleibt hochaktuell.

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06:00 17.05.2016

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