Das Böse unter uns (1): Meinungsherrschaften

Kritik & Kritikaster Es gibt Weiterentwicklungen in der Kultur des Kritisierens, die keinen Fortschritt darstellen, obwohl deren Adepten das für sich in Anspruch nehmen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mais il y'a peu de chances qu'on

Détrône le roi des cons.“ (Georges Brassens)

"König Großkotz lebt aber noch, aber einmal stürzt er doch.“ ( F. J. Degenhardt)

„Die Gefährlichkeit des Bösen wächst mit der Anständigkeit seiner Gegner.“ (Sigmund Graff, 1998-1979)

Le roi de cons ist der König der Ärsche, der Dummen, Spießer, Blöden usw., – die Inkarnation dessen, was die Erde seit Jahrtausenden beherrscht und unbewohnbar macht.“ (Gisbert Haefs)

Sie werden, prall voll guten Willens, in solchen Zeiten nahender Ankunft des Bösen schlechthin, selbst unter den ihnen liebsten Menschen einen Ausbund an unvorstellbarer Bosheit, Spott- und Schmähsucht antreffen, dass es ein Graus ist.“ (Joachim Petrick) http://www.freitag.de/autoren/joachim-petrick/empoert-euch-lasst-uns-boeser-werden

Finden sie nicht auch, dass diese Art von Bloggerei hier beim dF schon reichlich überrepräsentiert ist? - Ich finde das und deshalb schreibe ich ja auch nur noch mit Widerwillen, wenn mir der Übermut dieser Art Blogs einfach zu sehr auf den Senkel geht.“ (Columbus) http://www.freitag.de/autoren/merdeister/aids-und-saccharose#1354486931688929


I will return“ hatte ich gebloggt, als ich mich im Februar wegen der Endproduktion eines Buches vom Bloggen weitgehend zurück zog (http://www.freitag.de/autoren/bertamberg/eine-philanthropische-treppe). Nun, das Buch liegt vor, einem intensiveren Wiedereinstieg stehen eigentlich nur berufliche Prioritäten entgegen. Aber ich merke mit Heraklit, dass es nicht möglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen. Das hat mit dem Relaunch zu tun, aber nicht nur, eine Formulierung dazu fiel mir schwer. Das Gesetz, das üblicherweise „Zufall“ genannnt wird, führte mich zu einer Aussage von Mike Hucknall (ehemals Simply Red-Sänger, https://de.wikipedia.org/wiki/Mick_Hucknall), der über die journalistische Rezeption seines Seins schrieb: „Auf dem europäischen Festland werde ich respektiert für das, was ich tue. Aber England ist ein seltsames Land geworden. Da zieht sich ein böser Charakterzug quer durch die Bevölkerung. Es herrscht dort diese Kultur des Schikanierens. Ich halte das für besorgniserregend“ (In: FR 1. 11. 2012).

Es wollte nicht in meinen Kopf: England, dass Land der britischen Zurückhaltung, ein Land der Schikane? Haben die Krauts es nicht geschafft, dort zu landen, aber für ihre preußisch- obrigkeits-staatlichen Unarten dort freiwillige Nachahmer gefunden? Wenn dem aber so sein sollte, wenn Hucknall eine Erkenntnis sozialer Realität formuliert: Wo ist konkret die „Unkultur des Schikanierens“ in England, hier und sonstwo aktiv? Auf welchem Boden hat sich diese entwickelt?

I

Der Hang zur Schikane zeigt sich in erster Linie in der heute medial inszenierten Wirtschaftsideologie und -realität , die bei wissenschaftlicher Überprüfung sich als Voodoo-Konvention offenbart : „It is 'voodoo' because mantras are chanted -'free trade,' 'low taxes', 'labour flexibility', 'no state intervention,' 'open market,'- and people are pulled into a zombie-like acceptance and then manipulated for the benefit of the high priests of Wall Street. […] Not a single country has been able to develop a strong, independent economy following the 'rules.' The most developed economies of the world -the U.S., the U.K., Germany, France, all the European ones, Japan, S. Korea, Taiwan, Singapore, China, India – have, without exception, promoted the expansion of their economies by using tariff barriers, subsidies and considerable state intervention and planning. Yet these possibilities have been denied to the poorest countries by the IMF and Co. (Anm.: Das ist das Schikanöse , eine Erzheuchelei, Hypokritentum in nuce, das jetzt auch europäische Staaten wie Griechenland und Spanien zu spüren bekommen.)“ (Pete Good: Bolivia – Between a Rock and a Hard Place, La Paz 2006, S. 264)

Ist die englische UN-Kultur des Schikanierens eine logische Entwicklung des Thatcherismus, der englischen Variante des “neoliberalen“, richtiger: „neototalitären“ marktradikalistischen Voodoo-Ökonomismus der Chicago-Boys ?

Wenn es auch seit über einem Jahrtausend in Europa als spontan deklarierte Zusammenrottungen des Volkszorns gibt, erst nach den gescheiterten Kreuzzügen gegen den Islam wurde die scholastische und inquisitorische Bekämpfung des als Hexenmedizin diffamierten Wissens um traditionelle Heilkunde und auch daran anknüpfender Mediziner wie Paracelsus immer mehr eine Alltagserscheinung, die sich bis in die heutige Zeit erhalten hat, verwunderlich vor allem, weil andere inquisitorische Feindbilder gegen Bevölkerungsgruppen wie Juden und Protestanten heute nicht mehr gesellschaftsfähig sind, wenngleich es sie immer noch in nennenswertem Umfang gibt

Ist die englische Un-Kultur des Schikanierens eine logische Weiterentwicklung des scholastisch-inquisitorischen Kampfes gegen echte und vermeintliche Ketzer?

Diese Kontinuität der Verfolgung und Ausgrenzung ist sicher von Bedeutung. Dennoch, wenn globale Konkurrenzmechanismen als Hebel zur Umgestaltung der ökonomischen Lebensbasis etabliert werden, ein ruinöser Wettbewerb stattfindet, bei dem eigene Bereicherung mit der Enteignung Anderer auf allen Ebenen stattfindet, sogar die privaten Beziehungen unter den Menschen Warencharakter annehmen, das Prinzip „It does not count less it sells“ alles entwertet, was lokal an sozialen Strukturen und Hemmschwellen sich über Jahrhunderte entwickelt hat, kann dies dann nicht als Terrorherrschaft eines ökonomischen Prinzips mit benennbaren Profiteuren benannt werden, das im Verhalten von Menschen untereinander sich in Anwendung und Abwehr von Schikanen ausdrückt, als Ausdruck des Konkurrenzkampfes Aller gegen Alle?

Inwiefern kann unter diesen Rahmenbedingungen die 10:23-Kampagne (http://www.1023.org.uk/) als Teil dieser „Un-Kultur des Schikanierens“ begriffen werden? Warum setzen sich Menschen dafür ein, andere Menschen zu bevormunden, hinsichtlich dessen, was sie an Gesundheitsfürsorge und Krankheitsbetreuung haben wollen? Ein vergleichbares Ansinnen wäre es, Fish'n'Chips anstelle von Bouillabaisse, Coq au vin, Eisbein mit Sauerkraut, Kohl und Pinkel, Gyros, Paella, Borschtsch etc. in den jeweiligen Ländern als Nationalgericht durchzusetzen, denn was Engländer vergnügt satt macht, sollte auch anderen Nationalitäten mit einer weniger glorreichen Vergangenheit genügen. Selbst wenn Gerichte vom Typ „Wollen sie das essen oder haben sie das gegessen?“ wie Labskaus oder Lungenhaschee durch Fisch 'n' Chips ersetzt werden sollten, halte ich fest am Rosa L.-Prinzip, das Freiheit zuvörderst immer die des anders Denkenden sein soll, nicht nur in der Politik und im Restaurant, sondern auch bei der Therapie. (Nebenbei bemerkt: Die Avogadro-Konstante hat die Einheit mol -1, [NA = 6,022 140 82(18)·10hoch23 mol -1]; wenn man darauf anspielen wollte, dass bei Homöopathie „nothing in it“ ist, müsste man sich anders nennen, dazu hat's anscheinend nicht gereicht. So illustriert dieser Name nur die niedrige Reflexionsqualität und das übersteigerte Sendungsbewusstsein der Vertreter dieser Intention.

Diese Kritikaster der Homöopathie wollen nicht akzeptieren, dass Homöopathie eine individuelle Therapie ist, sondern beharren darauf, sie müsse mit dem Prokrustes-Maßband eines objektivierten statistischen Nachweises ihre Wirksamkeit beweisen. Was, wenn aber nicht nur objektive Faktoren, sondern eine Kombination von subjektiven und nicht subjektiven Faktoren ausschlaggebend für die Wirkung wären? Wie soll oder ist dies Faktorengemenge statistisch erfasst und dargestellt (werden)?

Wenn wir davon ausgehen, dass Homöopathie vielleicht nur wirkt, weil der Therapeut der festen Überzeugung ist, dass eine Wirkung auftritt und sich vielleicht der Patient auch noch was erhofft, Homöopathie somit ein rituelles Anwendungssystem von Trägersubstanzen ist, die mit teilweise nichtmateriellen Zuschreibungen in Verbindung gebracht werden – was spricht dagegen, ein solches System anzuwenden, wenn das einzige Gegenargument ist, in Studien wäre kein überzeugender Beweis der Wirksamkeit erbracht worden? Ist in diesen Studien denn generell die Erwartungshaltung der Therapeuten und Patienten berücksichtigt worden? Üblich ist dies nicht, und wenn nicht, dann wäre das Ergebnis kein Wunder, sondern zufällig, oder ein folgerichtiges falsch negatives Bild: Wer keine Erwartungen hat, kann auch keine Wirkungen erwarten, im Unterschied dazu, wenn Wirkungen entsprechend dem Phänomen der self-fulfilling prophecy erwarten werden.

Aber wir wissen ja gar nicht wirklich genau, was bei Homöopathie wirkt, wie bei so vielen gesellschaftlich vollkommen akzeptierten Therapien. Wir wissen nur von schulmedizinischer Medikation, dass es vier Effekte geben kann, die unterschiedlicher nicht sein könnten: 1. gewünschte Reaktion; 2. Überreaktion; 3. paradoxe Reaktion; 4. keine Reaktion; wenn wir als fünftes noch den Fall nehmen, dass die Nebenwirkungen stärker ausgeprägt sind als die gewünschte Hauptwirkung, sind die Effekte theoretisch vollständig aufgelistet. Was das für den medizinischen Alltag bedeutet, davon reden Fachleute nur unter sich, und auch relativ selten.

"Auffällig ist auch, selbst für einen überzeugten Nicht-Homöopathen und völlig überzeugten Schulmediziner, dass diese unbedingte Rechthaberei und üble Nachrede, ohne wirkliche Belege, eine ziemlich deutsche Angelegenheit ist." https://www.freitag.de/autoren/columbus/hiv-in-afrika-und-die-boese-homoeopathie

Von daher bin ich der Ansicht, dass die a-priori-Gegner der Homöopathie eine „Un-Kultur des Schikanierens“ pflegen, deren Grundlage eine Verstrickung mehrerer Denkfehler ist, nämlich dem Ellsberg-Paradoxon (Ambiguitätsintoleranz), dem Default-Effekt (unreflektierte Vorliebe für Standardeinstellungen statt Bevorzugung individueller Lösungen) bzw. Status Quo Bias („Festhalten am Bestehenden, selbst wenn es zum Nachteil gereicht“), dem Salienz-Effekt („Sich durch Auffälligkeiten in die falsche Richtung lenken lassen"), der Domain Dependence (eine Fehleinschätzung , Wissen und Fähigkeiten von einem Gebiet auf ein anderes übertragen zu können) und einer Überbewertung des in wissenschaftliche Aussagen gefassten Wissens (falscher Respekt vor Worten, Worthülsen und wissenschaftlichen Hypothesen, Worte werden fälschlicherweise als repräsentativ für die Realität gehalten). Letzteres ist nämlich „frei von Ambiguität. [Es] gibt Klarheit vor, wie sie in der Welt nicht zu finden ist“ (Rolf Dobelli (2012): Die Kunst des klugen Handelns, Hanser Verlag München, S. 143, auch die anderen Denkfehler sind dort von ihm beschrieben).

Man könnte auch sagen: Der zentrale Punkt ist, dass ihnen unwohl dabei ist, wenn man von ihnen verlangt, Ambiguität auszuhalten. Deshalb kommen sie vorschnell und falsch zu einem Urteil, die Neurophysiologen machen hierfür den anatomischen Bau einer Gehirnstruktur verantwortlich, nämlich den Mandelkern (Amygdala, kann als Angstzentrum des Gehirns bezeichnet werden).

II

Dann fiel mir ein Bericht über Benjamin Biolay (https://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Biolay) in die Hände: „Auf Twitter ist die ganze Bosheit der Menschheit versammelt.“ – „ Das ist neu für mich, eine Stimmung wie in den dreißiger Jahren“ (Benjamin Biolay in Spiegel 45 / 2012, S. 136f).

Nur auf Twitter soll das Böse sein? Gilt nicht mehr: „Das Böse ist immer und überall“ (http://www.verunsicherung.de/diskografie/das_boese_ist_immer_und_ueberall_single.html) ??

Jenseits der Slapstick-Komik deuten die Zitate an, dass es früher anders gewesen sein soll, zumindest es anders erlebt wurde. Aber ist dem wirklich so?

Friedrich Schillers Vers „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ ist Hinweis auf das Gegenteil: Das Böse war und ist immer unter uns. Aber doch ist etwas anders: Die Direktheit, mit der jemand seine Bösartigkeit über Twitter, über Blogs und Mails verteilen kann, ist dem 21. Jahrhundert vorbehalten. Aber: Sehen wir es denn? Wie wird damit umgegangen? Wo ist das Böse hier in der Freitags-Community? Spiegelt es sich nur im Prinzip wieder: Wer nicht nach den Regeln bloggt, wird zum „ehemaligen Nutzer“?

Ich finde nicht, sondern sehe es auch bei Blogger-Platz- und Junghirschen und -hindinnen, die sich daran freuen, im Rahmen der erwünschten Meinungsminimalitäten und -pluralitäten sich zu produzieren und gewohnheitsmäß gewordene Feindbilder abzuklatschen. Ich habe nicht immer ausreichend „good vibrations“, um diese Verbalraufereien und Destruktivitätsprosa andauernd lesen oder kommentieren zu wollen – die Emigration bietet sich an, nur : Wohin?

Ist es nicht so, dass Journalisten und Autoren sich zu beträchtlichem Teil nur der renditeorientierten Produktion eines täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Gedanken- und Faktensammelsuriums zur Bestätigung der eigenen Voreingenommenheiten widmen, wobei üble Nachrede und Lobhudelei eine perverse Mesalliance eingehen, um das geneigte Publikum davon abzuhalten, sich anderen zuzuneigen, die den Affen der Sensationslust und des Wiederbestätigungsdranges anderen Zucker geben ? (Die Printausgabe des Freitag ist verglichen mit dem Online-Angebot deutlich weniger davon tangiert.)

Selbst wenn Sachbücher fabriziert werden, ist das Diktat des „Bad news are good news“ Geburtshelfer für die Ausgeburten eines pseudoreligiösen Enthüllungsaktivismus, zu dessen Fundierung ein offensichtlich entnervter Chefarzt Dr. Volker Schmiedel hinsichtlich des Opus von Krista Federspiel und Vera Herbst „Die Andere Medizin“ brachial formulierte: “Hier haben pseudowissenschaftliche Sesselfurzer am Schreibtisch einige Studien und etwas Literatur gelesen und erlauben sich daraus die Bildung eines Urteils.“

Dass Experten sich häufig im Grundsätzlichen und in Detailfragen widersprechen, aber dennoch als Mitglieder der Nomenklatura einer selbstreferentiellen und sich selbst bestätigenden Expertokratur oft nicht bereit sind, den Nimbus der Unfehlbarkeit aufzugeben, lässt zu Recht Unbehagen und Widerstand aufkommen, denn Denkfehler und Fehlhandlungen kommen überall vor, nicht nur bei Geldanlagen, sondern auch im Medizinbereich.

So wäre die Forderung berechtigt, beim Handeln und Denken dem Prinzip der Ambiguitätstoleranz auch in der Medizin nicht nur Geltung zu verschaffen, sondern Priorität einzuräumen (Finanzmakler raten zur Risikostreuung, um einen Totalverlust zu vermeiden).

Die wenigsten Musikkritiker haben je brauchbare Musik komponiert oder gespielt, so wenig wie die Reich-Ranitzkis dieser Welt als Literaten in Erscheinung getreten sind. Baut sich entsprechend die Medizinkritik von Enthüllungsjournalisten wie Jörg Blech und Krista Federspiel oder Organisationen wie die GWUP oder die 10:23-Kampagne auf eine reduzierte Quantität und Qualität therapeutischer Erfahrungen bei geringer Praxisnähe und überwiegender theoretischer Orientierung auf, vergleichbar dem, was platonisch Liebende über die physischen Empfindungen beim gemeinsamen Orgasmus zu berichten wissen? Ich fürchte, dass dem so ist, jedoch wird das totalitär-sozialdarwinistische Herrschaftsbedürfnis der Möchtegern-Koryphäenkritiker unaufhaltsam sein.

Dabei käme es darauf an, es nicht besser zu wissen oder zu wollen, sondern es besser zu machen. Mit Dobelli gesprochen: „Das bedeutende Wissen liegt im Praktischen. (…) Tun Sie etwas wirklich Gescheites“ (ebd.). An die Arbeit, auf die Plätze, fertig, los!

09:12 09.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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