Virtuelle Märchenstunde

Debatten-Kultur Im Internet wimmelt es plötzlich von Trollen und Wichteln. Brauchen wir neue Schimpfwörter? Und warum solche, die möglichst niedlich und ungenau sind?
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Dass es in den virtuellen Freizeit-Netzwerken zuweilen etwas infantil hergeht, ist nicht zu ignorieren. Dass sich erwachsene Menschen zu „Gemeinschaften“ wie Zwischen Keksschmeckenden Regenbogen und kunterbunten Einhörnern zusammentun, kann man amüsant oder bedenklich finden, aber auch einfach nur zur Kenntnis nehmen. Jedes hat seine Macke, man muss ja nicht mittun. Allerdings ist es ein frommer Wunsch, der kunterbunten Märchenstunde wäre zu entkommen, etwa in Zirkeln, wo vorgeblich andere, ernstere Themen verhandelt werden. Denn wo sich im Internet über aktuelle Ereignisse, politische Debatten oder irgendwie die Gesellschaft betreffende Themen ausgetauscht wird, tauchen jetzt überall Trolle und Wichtel auf.

Wie lange es das Phänomen schon gibt, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich bin sicher, dass es in den letzten Monaten massiv zugenommen hat: Trolle und Wichtel beherrschen inzwischen derart den Bildschirm, dass sie schon mit großer Selbstverständlichkeit in Publikationen auftauchen, die ansonsten jede Märchen-Affinität weit von sich weisen, etwa im Politik-Teil von Tageszeitungen; in jedem Kommentarstreifen sowieso.

Wenn Begriffe derart inflationär Einzug halten, muss es einen Bedarfdafür geben. Warum auch immer es Trolle und Wichtel sein mussten: Hinsichtlich ihrer Funktion als Schimpfwörter lässt sich nachvollziehen, warum diese Begriffe so beliebt sind: Sie sind eindeutig diffamierend gemeint, aber nicht justiziabel. Sie sind sehr flexibel (gerade der Troll kann ja praktisch in jeder Maske gehen: Es gibt System-Trolle, Antifa-Trolle, NATO-Trolle, Putin-Trolle, die Reihe lässt sich beliebig fortsetzten). Eine Mehrheit benutzt und versteht sie- obwohl: „Verstehen“ ist hier vielleicht nicht das richtige Wort … Es ist ungefähr wie mit den Emoticons (die ja auch ins infantile Register greifen): Sie funktionieren als gemeinsam verwendete Ausdrücke, aber ihre Definition und die damit verbundene Deutung bleiben vage. Es ist ungefähr klar, was ungefähr gemeint sein soll, und je länger eins damit umgeht, desto klarer scheint es zu werden, aber ob das jeweilige Gegenüber diese vermeintliche Klarsicht teilt, und ob diese mit den eigenen sachbezogenen Informationen übereinstimmt, ist nie sicher…

Vielleicht liegt der besondere Gebrauchswert der Märchenfiguren ja genau darin: Dass sie von allen derzeit gängigen Beschimpfungen des politischen oder weltanschaulichen Gegners den größten Interpretationsspielraum haben, die Interpretation aber gar nicht betrieben werden muss, weil es eh leere und haltlose Anwürfe sind. Man kann sie einfach raushauen, ohne wirklich etwas damit zu sagen, das man evtl. näher erläutern müsste: Die, die mich verstehen, wissen dann schon, was ich meine … Das korrespondiert auch ausgezeichnet mit der infantilen Niedlichkeit, die Troll und Wichtel eignet. Es macht dieses Medium ohne Konsequenzen noch eine Idee bedienerfreundlicher, wenn man nichts erklären muss, weil es nichts zu erklären gibt - und wenn doch, wer wüsste denn wirklich, was gemeint ist?

Zu Zeiten, als der Bolschewik auf den Faschisten traf, konnten sich beide insofern aufeinander verlassen, dass die dem Anderen unterstellte Weltanschauung einigermaßen dem entsprach, was der Andere auch meinte. Diese Übereinstimmung von Wort, Definition und Begriff ist, was die politischen Lager und ihre Debatten mit- und untereinander betrifft, weitgehend dahin. Es hilft auch irgendwann kein Wörterbuch und keine etymologische Herleitung mehr, wenn Zweite und Dritte ohnehin etwas anders meinen und gelesen haben und schließlich eine Mehrheit auf der Falschverwendung beharrt. Vormals klare Kategorien wie Nazi, Antisemit, Zionist haben in den letzten Jahren eine beklemmende und verwirrende Folge von Um- und Abwertungen sowie Deutungsdifferenzen erlitten. Bei den vergleichsweise wenigen Gelegenheiten, wo sie im Wortsinn angebracht sind, gehen sie mittlerweile als beliebige Reizwörter unter. Ihre Verwendung führt nicht zu den gewünschten Abgrenzungen. Es ist kein Verlass mehr auf sie. Die Debatte, worin der Unterschied von rechts und links besteht, läuft auf Hochtouren, aber an der einzelnen Sache gemessen fällt offenbar die Entscheidung für eine Kategorie immer schwerer; es scheint so, als kämen wir nicht mehr umhin, den jeweiligen Gegenstand von allen Seiten zu betrachten. Was aber bleibt, gerade im politischen Kontext, ist der Bedarf, sich selber durch Abgrenzung zu definieren und den Gegner als solchen zu benennen. Und da kommen so märchenhaft vielfältig assoziierbare Begriffe wie Troll und Wichtel zum Einsatz. Sie benennen eigentlich nichts Genaues, dienen aber zuverlässig der Diffamierung des gedachten Gegners unter den Augen der virtuellen Versammlung.

Nun stehen Troll und Wichtel sich ja nicht als etwaige Weltanschauungen gegenüber; sie haben als Begriffe durchaus unterschiedliche Qualitäten, aber auch Gemeinsames: Beide sind als Identitäten nicht greifbar, beide bestehen zunächst nur in der Projektion dessen, der sie benennt. Neben ihrer Funktion als Schmähwörter können auch beide als Phänomene gelten.

Der Troll hat längst seine eigene Wikipedia-Seite und ist sicher bereits Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit. Obwohl der Troll etymologisch von einer Angeltechnik und nicht von dem assoziierten Märchenwesen abstammt, gibt es im deutschsprachigen Diskussionsraum eine Vielzahl von Metaphern, die sich auf diese Vorstellung beziehen, wie ja auch der vorliegende Text. Im virtuellen Schimpf-Gebrauch meint Troll in etwa das, was früher als Störenfried bezeichnet wurde: Jemand, der einem anderen, warum auch immer, auf die Nerven geht. Womit, kann mit einem Zusatz angedeutet werden, der dem beispielsweise NATO-Troll auch gleichzeitig unterstellt, von der genannten Lobby beauftragt zu sein, allen auf die Nerven zu gehen.

Der Wichtel ist noch nicht so lange im Geschäft. Er begann seine Karriere vor ca. einem Jahr als Wahnwichtel (und wird teils auch heute noch so genannt). Als Wort und Stereotyp lässt er sich ableiten aus der Schmähung der vielleicht etwas voreilig so genannten „Mahnwachen-Bewegung“, die in ihrem einen Jahr der Existenz nie eine homogene Szene war, aber wegen ihrer Anschlussfähigkeit an esoterische Inhalte und ihrem zwischenzeitlichen Faible für Weltverschwörungsmodelle zunächst als „Wahnmacher“ verballhornt wurde und schließlich das Etikett „Wahnwichtel“ bekam. In der Praxis der virtuellen Beschimpfung bezeichnet Wichtel aber nicht unbedingt einen Mahnwachen-Aktivisten, sondern häufig jemanden, der sich zum Konsum bestimmter Medienformate bekennt. Wichtel hat also mit einer unterstellten Gruppenzugehörigkeit zu tun, die, anders als beim Troll, nicht ganz beliebig ist. Wer damit aber (abgesehen von ein paar schillernden Einzelfiguren) im Sinne eines politischen Bekenntnisses genau gemeint ist, verschwimmt wieder nach Art des Emoticons im Bereich der Vermutung, Ahnung, Erfahrung und Einfühlung...

Vielleicht ist es ja genau das, was wir wollen, im Freizeit-Netzwerk, am virtuellen Stammtisch: Nichts Genaues sagen und nur Ungefähres meinen. Modebegriffe einfach verwenden, die Bedeutung aber nach mehreren Seiten offen lassen. Mitplappern im Debatten-Getöse, aber ohne großen Einsatz und Reibungsverlust. Dass die verwendeten Wörter nicht tragen und nicht treffen, fällt uns nur noch auf, wenn wir gemeint sind.

Ein konstruktiver Umgang mit dieser Schwäche der neuen Begriffe, die immer einen nicht genauer bezeichneten Anderen meinen, könnte übrigens sein, geeignete Wörter für sich selbst aufzugreifen und positiv mit dieser oder jener Mischung von Sichtweisen, Haltungen und gedanklichen Zwischenergebnissen zu beschreiben. Es gäbe noch verschiedene andere Phänomene, Geistesausrichtungen und Interessengruppen, die man mittels Märchenfiguren kennzeichnen könnte. Ich warte auf die Invasion von Elfen, Feen und Kobolden.

15:46 26.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
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