Besser und gerechter

Bildung Der Osten überholt den Westen – in Mathe und Naturwissenschaften. Wie kommt’s?
Christian Füller | Ausgabe 42/2013 27

Seit Margot Honecker waren Volksbildungsminister aus dem Osten des Landes nicht mehr so gefragt wie heute. Martina Münch, Brunhilde Kurth, und wie sie alle heißen, traten in den vergangenen Tagen vor Kameras und Mikrofone, um ihre Schulerfolge zu erklären – und zu genießen. Diesmal galt es gar nicht, die berühmten Mathematik-Olympiaden zu feiern, die es seit 1962 in der DDR gab, sondern den Sieg im Bundesländervergleich, geschehen im 24. Jahr nach der Wende: In Mathematik gelang es lediglich den bayerischen Schülern, sich unter die fabelhaften fünf neuen Länder zu schmuggeln; in Biologie, Physik und Chemie standen die Ostrepubliken auf den Plätzen eins bis fünf. Was ist da passiert?

Ganz viel. Denn der Erfolg ist umfassend. Auch bei den sozialen Abhängigkeiten von Kompetenzzuwächsen, der größten Schwäche des deutschen Schulsystems, stehen die Ostländer gut da. Auf Deutsch: Die Ostschule ist besser – und sie ist auch noch gerechter als die im Westen. Das müssen viele erst mal sacken lassen. Nach der Wende hatte man die durchideologisierte Einheitsschule mit ihren Roten Wochen und den Pionierleitern, wie es ein Berliner CDU-Fraktionschef einmal sagte, mit dem Eisernen Besen ausgekehrt. Und jetzt erweist sich in den Klassenzimmern jenseits der Elbe doch irgendetwas als ok. Mehr noch: Der Osten hat den Westen beim Lernen glatt überholt.

Die guten Leistungen stammen aus der Fächergruppe Mathematik, Naturwissenschaften, Technik. Heute heißt das kurz MINT, und es gibt Kampagnen dafür, dass der Exportweltmeister und Maschinenbauchampion Deutschland nicht an Boden verlieren möge. Im Osten braucht man solcherlei PR nicht. Da wurde eine starke Tradition schon in der jungen DDR begründet, als Walter Ulbricht die Parole ausgab: „Chemie bringt Brot – Wohlstand – Schönheit“.

Mathe ist igitt?

Es war wichtig, in den verschiedenen Wellen der akribisch geplanten sozialistischen Bildungsreformen die DDR technologisch aufzumöbeln. Schon die zweite Parteikonferenz der SED beschloss daher 1952, eine „technische Intelligenz aus den Reihen der Arbeiterklasse und der mit ihr verbündeten Schichten“ hervorzubringen. Entsprechend wurde die Polytechnische Oberschule, gewissermaßen die Haupt-Schule der DDR, stark naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet. Die Erfolge aus der Produktivkraft Wissenschaft konnte man schnell brauchen und auch ernten – im Wohnungsbau, bei den Kraftwerken, in den Industriekombinaten. Dafür gab es viel Unterstützung aus der mathematisch traditionell starken Sowjetunion, und man bildete die Lehrer entsprechend aus.

Damit war eine tief greifende lernkulturelle Verschiebung verbunden: Eine Mathe-Olympiade zu einem gesellschaftlich anerkannten Format zu veredeln, heißt zugleich, weit verbreitete mathematische Indolenz zu überwinden. „Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht“, schrieb der Literaturwissenschaftler Dietrich Schwanitz im Jahr 1999. Das Buch hieß, tatsächlich: Bildung: Alles, was man wissen muss. Er druckte, was viele fühl(t)en: Es ist geradezu schick, einen Dreisatz nicht zu können, Mathe ist igitt. Aber wehe, man kennt die ersten Zeilen aus Schillers Glocke nicht oder missversteht die Rolle des Gretchens im Faust.

Aber wieso ist die Ostschule auch noch gerechter – abgesehen von Brandenburg, wo Wohlstandshochburgen wie Potsdam, Kleinmachnow und Falkensee den Abstand zwischen Arm und Reich vertiefen? Die Zweigliedrigkeit der Schule hat sich zwischen Greifswald und Gera, zwischen Görlitz und Gotha schneller durchgesetzt als im Westen. Vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, den Gravitationszentren der westdeutschen Hauptschulen, hadert man mit der Idee, dass es nur zwei Schulformen nebeneinander geben könnte; die Lobby der Realschulen ist dort noch wahnsinnig stark. Und obwohl viele Westländer sich sogar auf den Weg machen, in beiden Schulzweigen das Abitur zu vergeben, fremdeln viele Westdeutsche noch damit. Abi und Gymnasium – diese Zwangsehe wird gerade erst gelöst. In Berlin trafen sich Anfang der Woche wichtige Bildungsforscher, um die Zweigliedrigkeit als Modell zu diskutieren – für ganz Deutschland.

Das ist eine tolle Erfolgsstory. In die freilich ein bitterer Wermutstropfen fällt. Wieso schafft es der Westen seit zwölf Jahren nicht aufzuholen? Wieso nimmt diese Nation bitterste Bildungsarmut gerade in den Stadtstaaten, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen einfach so hin?


AUSGABE

06:00 21.10.2013
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 27

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community