Gefährliche Kandidatin

Dresden Pegida tritt bei der Oberbürgermeisterwahl an. Die Bewegung ist geschwächt, aber es wäre die falsche Strategie, sie ganz abzuschreiben
Christian Füller | Ausgabe 15/2015 37
Gefährliche Kandidatin
Von der AfD übergelaufen: die Pegida-Kandidatin Tatjana Festerling

Foto: Jens Schlüter/Getty Images

Nein, die Pegida-Bewegung wird im Juni die Bürgermeisterwahlen in Dresden nicht gewinnen. Die Lage ist für die Melange aus konservativen Wutbürgern und Überfremdungsängstlichen kompliziert, wie man es in der DDR zu sagen pflegte. Die Wortführer von Pegida um den obskuren Lutz Bachmann haben sich gespalten. Die Masse der montäglichen Demonstranten ist bei der Abstimmung gar nicht wahlberechtigt, weil sie aus dem Umland kommen. Und die ganz große Zeit der Pegida-Dauerläufer ist ohnehin vorbei.

Dennoch bleiben Dresden und die Kandidaten-Konstellation dort ein geradezu ideales Testfeld für die Rechten, um zu zeigen, wie weit man bei einer Wahl in einer Großstadt kommen kann. Dresden hat zwar mehr als eine halbe Million Einwohner. Aber bei der mickrigen Wahlbeteiligung, die es dort bisher gab, wird es relativ einfach, die Zehn-Prozent-Hürde zu überspringen. Im Jahr 2008 hätten dafür bereits 12.000 Stimmen gereicht. Der Rest könnte, dank medialer Aufblähung, leicht ein Selbstläufer werden: In der sächsischen Landeshauptstadt treten drei starke Kandidaten an, zwei davon sind Minister. Einen Sieger wird es in der ersten Runde also voraussichtlich nicht geben. Pegida wird schon das als Erfolg verbuchen. Und wer weiß, wenn sich starke Bewerber gegenseitig klein machen, ist auch ein vermeintlicher Zwerg schnell sehr groß. Ein Zwerg ist die Pegida-Kandidatin Tatjana Festerling ohnehin nicht: Sie hat es verstanden, sich im vergangenen Jahr mit wenigen provozierenden Sätzen bekannt zu machen. Der von der AfD übergelaufene Westimport kann beides: sich bürgerlich geben – und sehr weit rechts fischen.

Pegida ist nicht tot, noch lange nicht, leider. Nach wie vor gehen in Dresden jeden Montag bis zu 4.000 Leute auf die Straße. Nächste Woche kommt Geert Wilders nach Dresden, einer der gefährlichsten europäischen Rechtspopulisten. Der Niederländer spricht genug Deutsch, dass ihn jeder versteht. Vor allem ist Wilders in der Lage, das, was Pegida-Mitläufer als unbestimmte Ängste mit sich herumschleppen, in plausible und aufputschende Parolen zu verpacken. Ob Festerling das im Wahlkampf hinbekommt, steht auf einem anderen Blatt. Aber sie als Zählkandidatin verirrter Retter des Abendlandes abzutun wäre sicher die falsche Strategie.

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06:00 09.04.2015
Geschrieben von

Christian Füller

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